Nr. 95 Zweites Blatt.______Sonntag den 24. April
1898
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
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Gießener Anzeiger
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2lmtiid?er Theil.
Bekanntmachung.
Die Anstellung von zwei Afflstentinuen für den Fabrik« aufsichtSdknst gegen Remuneration dl» zu 2000 Mk steht vom 1. Juni d. I. ab in AnSficht.
Bewerbungen mit selbstgeschriebenem Lebenslauf, welchem Zeugntste über seitherige Tätigkeit in ähnlicher Stellung betzufügrn stad, find b S zum 9. Mat d. I. hierher za richten.
Darmstadt, den 12. April 1898.
GrohherzoglichtS Ministerium de» Innern.
Finge,.
Dr. Wagner.
Bekanntmachung.
Sm 10. April b. I. ist tn dem Bruaowriher deS Dorfe» Niederlemp, Kreis Wetzlar, ein Zweirad — ahne Nummer — gefunden worden. Anscheinend tst dat Rad irgendwo gestohlen uno nachttäglich vom Dieb bet Sette geschafft. Da» Rad befindet stch auf dem Btrgrrmeifteramte Ehringshausen, KreiS Wetzlar. Ich ersuche um Mittheilung über die Person de» Ltgenthümer».
Limburg, den 16. April 1898.
Der Erste Staatsanwalt.
Bekanntmachung,
betr.: Da» Radfahren auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen.
Unter Bezugnahme auf die in Nummer 73 diese» Blatte» bekannt gemachte Verordnung in obigem Betrtff bringen wir zur allgemeinen Kenntniß, daß die nach § 1 der Verordnung für den Bezirk der Stadt Gießen von uns zu ertbeilende Radfahrkarte und Nummerplatte vom 29. k. M.
ab ausgcgedcn werden. Um die Ausgabe möglichst zu beschleunigen, empfiehlt e» fich schon jetzt, auf dem Meldebureau der unterzeichneten Behörde mündlich oder schriftlich diesbezüglichen Antrag zu stellen.
Der Antrag muß enthalten den Bor- und Zunamen, Stand oder Gewerbe, Geburtstag, Geburtsort sowie die Wohnung de» Radfahrers.
Die von uns bis jetzt ausgegebeuen Nummerplatten verlieren vom 1. Mai l. Je. ab ihre Geltung.
Gießen, am 28. März 1898.
Großherzogliche» Polizeiamt Gießen.
v. Bechtold.
Die Formations - Aenderungen im Heer durch den Etat 1898.
Die wichtigsten Neubildungen, die auf Grund des Etats 1898 eintreten, sind die Errichtung einer Generalin- spectton und zwei weitere Jnspectionen der Cavallerie, die Feldzeugmeisterei, die Neuordnung des Sanitätsoffiziercorps, die verbesserte Manisichastskost. Aber auch die weniger um- faffenden Nenerungen bieten Jntereffe. Wenn z. B. dem Generalcommando des 1. Armeecorps ein dritter General- stabso fizicr zugewiesen nmd, so läßt dies auf einen erweiterten Geschäftskceis schließen und dieser ist in der That vorhanden, da das Corps vo-n 1. October ab nicht eine, sondern zwei der sog. „kleinen Brigaden" (Regimenter zu 2 Bataillonen) besitzen wird und schon j tzt eine Cavallerie Brigade über den normalen Stand hat. Die Vermehrung des Bestandes des Generalstabes um zwei pensionirte Stabsoffiziere in der kriegSgefLicbtlichtN Abtheilung (längere Specialstudien erforderlich), sowie des Personals der Bezirkscommando» ist schon früher hier begründet worden. Der Generalinspecteur d r Cavallerie (Berlin) hat Rang und Bezüge eines comman- direnden General«, die vier Cavallerie-Jnspecteure (Königs
berg, Stettin, Münster, Saarbrücken) den Rang von Division«- Commandeuren. Wer die erfolgten Ernennungen betrachtet, wird erkennen, daß in zwei Jnspecteurstellen junge Generalmajors ausrücken, also in Bezug auf Alter und Bezüge eine sehr große Anzahl von älteren Generalmajors überspringen. Die Cavallerie und Fußartillerie, beide schon hervorragend günstig in Bezug auf Beförderung gestellt, schöpfen von dem durch den neuen Etat möglichen Avancement wieder einmal das Fett ab. Dem Feldzeugmeister — event. Rang eine« Divisionskommandeurs — unterstehen: ejne Centralabtheilung (mit einem Abtheilungschef, Regimernscommandeur), die Jnspection der technischen Institute der Infanterie (Jnspec- teur-Brigade-Commandeur), eine Jnspection der technischen Institute der Artillerie (an der Spitze ein Brlgadc-Comman- beur), eine Artillerie-Depot-Jnspection (an der Spitze ein Brigade-Commandeur), ihr unterstellt vier Artillene-Depot- Directoren, Regiment« Commandeure ernannt, darunter einer der Fußartillerie, der jünger als 48 Stabsoffiziere der Feld- artillerie, die noch nicht RegimentS-Commandeure find, wa» einem Unterschied von sicher 5 Jahren zu Ungunst n der Feldartillerie entspricht), endlich eine Train Depot-Jnspection (Spitze Brigade Commandeur), welcher vier Train-Depot- Directionen (Spitze Regiments Commandeure) unterstehen. Die Train-Depot-Dinctionen umfaffen Nr. 1 (Danzig) da» 1., 5., 6., 17, Nr. 2 (Berlin) Garde 2., 2., 6. und 9. Corps, Nr. 3 (Kaffel) 7., 8., 10., 11. Corps, Nr. 4 (Straßburg) 14., 15 , 16. Corps und merkwürdigerweise die sonst zum 11. Corps zählende hessische Division. Ferner sind der Feldzeugmeisterei, für die eine neue Dienstvorschrift erschienen ist, die vier Jnspicienten der Waffen, des Feld- und Fuß- artillerie Materials unterstellt. Die Jnspection der technischen Institute, die technische und Handwaffen-Abtbeilung im Krieg«- Ministerium fallen fort, bestimmenden Einfluß auf die Feld- zeugmeifterei behält das Kriegsministerium nur noch insofern, als seine Verantwortlichkeit für die Kriegsbereitschaft de» Heeres in Frage kommt. Der Gewährung von Pferdegeldern
Feuilleton.
$>er alle Varriöresteher.
Der Ciicu« war au» Kiew gtfommtn und gab feine erste Vorstellung in Warschau. W e feit fünfzig Jahren fast jeden Abend, stand der alte Gontrand auch heute in der bordirten Stallmtistrruvisoim an der Barriste de» Mavöge- Eingavge». Er hieß rigent ich Guntram Müller und war ein biederer Deutscher Ai» Luftgymnastiker Mr. Gontrand hatte er einst Großartige» geleistet — aber nun in seinem (Breifenalter war er za nid) 8 Andeiem mehr verwrndbar, al« an der Barriöre zu stcden oder die Reisen und sonstige Sprungobjecte zu halten. Die Schminke, die Perrücke und der schwarzgefärbte, buschige Schi-urrbart bildeten eine traurige MaSke, die auch dann Niemanden getäuscht hätte, wäre bk dürre Gestalt weniger gebeugt gewesen. Gontrand war alt geworden. Alt! . . . Diese» Wort umfaßt den fürchterlichsten Begriff in der EircuSwelr. Gontrand fühlte fich vereinsamt inmi'ten bt» bunten Getriebe», denn er hatte keine befreundete Seele unter allen den Mitgliedern de» E-rcu». Wer gibt fich auch mit einem unnützen Varriöre- steher ab, dtffen devoten Gruß der Dirrctor mit verächtlichem Blicke beautwortete und ml einer Miene, die sagte: „Auch ein hinauSgeworsrne» Geld, seine Gage!"
Auch eine Gage, die der alte Gontrand bekam! Sie langte kaum für die Putzerei der Hemden und auf die weißen Handschuhe, kaum für e'u Stückchen trockene» Brod. Aber dennoch hing Gontrand mit Leib und Seele an dem E«rcu«leben, trotzdem e» ihm schon unsägliches Leid gebracht. Den Bruder sah er im Sande der Manöge sterben, die Gattin war ihm mit eirem Jockryreiter durchgegangeu und hatte ihm die Kinder — Fravtzoi» und Sifette — zurück- gelassen. Gontrand batte an» seinem Sohne und der hübschen Tochter ein kühne» Lufttuinrrpaar gemacht.
Der Lehrmeister sonnte fich in dem Beifall, der seinen Kindern für ihre bravouröse Arbeit zu Theil wurde. Aber seine Freude und die Beruhigung, ein gesicherte» Alter zu haben, sollie nur von kurzer Dauer sein. Bor zwei Saison» flüchtete Lisrtte mit einem polnischen Grafen irgendwohin. Sie hatte dos leichte Blut ihrer Mutter geerbt. Bald nach- her stürzte Frautzoi» in Odessa vom hohen Trapez und hauchte in den Armen ferne» unglücklichen Vater« fein junge» Leben au». Der alte Gontrand war allein und zum unbeachteten Barriöresteher geworden.
Die erste Vorstellung in einer kleinen Stadt, auf die ] der Direktor große Hoffnungen setzt, wird vom Personal stet» mit fieberhafter Eneguvg auSgeführt. An einem solchen Abend find selbst die Pferde nervöser al» sonst. Der alte Gontrand sollte zur Production einer Stehendreiterin auch Reisen halten und fich auf die Piste der Ma^öge stellen. Er stieg aber so unbeholfen und mit verzerrtem Gefichte auf den rothen Bammt, daß die Galerie Über die unbeabfi(tilgte komische Pose in schallende» G:lächter auSbrach. Der Director btß grimmig die Zähne auseinander, da er einige Herren im Parqiet bin „alten Gaukler" bemitleiden hörte, und der Oberfiallmetster brummte: „ES geht nicht mehr mit dem alten Gontrand!'
In der zweiten Abtheilung de» Programme» führte ein Dutzcno Stallmeister die zwölf Freiheushengste in den Ring, die der Director dresfirt hatte und al» Glanznummer vor- führte. Gontrand richtete fich so stramm, al» e» ihm feine von der Gicht geplagten Glieder gestatteten empor und hielt die gespannte Trense deS herrlichen Rappen fest, den er vor das Publikum leiten mußte. Da begegnete de» alten Mannes Blick einem Augenpaare und einem Gefichte in einer Loge. Gontrand wankte. Seine Tochter Lisette — die Maitreffe an der Seite ihre« Sonteneur«!
Gontrand riß an dem Zügel de« Rappen, da« Thier bäumte sich und sprang über die Piste in da« Publikum hinein.
Gontrand stürzte zwar nach, wurde aber vom Oberftall- melfter derb zurückgestoßen. Dte Zuschauer kamen mit dem Schrecken davon und der Director führte seine Dreffurnummer unter starkem Applaus zu Ende.
Erditzt kam der allgewaltige Principal hinter den roth- fammtenen Vorhang und schnarrte den alten Bar^resteher, der wie ein vernichteter auf einem RequifitenstÜck tm Umritt saß, an:
„Gontrand, lassen Sie fich eine Monatrgage al« Ab- sertlgung au-zahlen. Sie sehen wohl ein, daß Tie keine brauchbare Figur mehr find, vielleicht können Sie bei einem kleinen Circa» unterkommen. Adieu!"
---Der Dirrctor ging fporenkllrrend in seine Garderobe und ließ den armen alten Gontrand wie versteinert zurück. Da lehnte er nun an der Wand al« nn- brauchbare Figur, er, der einst so berühmte Luftgymnastiker, er — der beim ClrcuS ausgewachsen und fiebenzig Jahre alt geworden war! Man schenkte ihm eine nichtige Summe Geldes und hieß ihn einfach gehen. Mao jagte ihn über die
Schwelle, tote einen Hund, den das Alter räudig gemacht hat. Wre betäubt rieb fich Gontrand wiederholt die Stirne, al» wollte er einen bösen Traum verscheuchen. Denn an die Wirklichkeit konnte er noch nicht glauben.
Endlich raffte er fich auf und begab fich mit schwankenden Schritten zum Manöge-Eintrltt, um im Spalier heute noch seinen letzten Dienst zu thun.
Da trat ihm der Oberstallmeister entgegen und sagte barsch: »Ziehen Sie fich au», Gontrand — Sir haben bei un» nicht» mehr zu thun!"
Der Alte wankte wieder hinter den Vorhang zurück und in der dunkelsten Ecke de« Stalle», ganz hinten, wo der lahme Achille«, der früher so schöne und gelehrige Fuch«- Wallach, stand, dem der Direktor nun den Gnadenhafer gab — dort drückte sich der ebenfalls untauglich gewordene Gontrand an die Mauer und — weinte ... Er sollte da» Ctrcusgewand au«ziehen für immer, denn bei kleinen Kunstreiter - Geiellschaften konnte man doch keinen Grel» erhalten.
E« war au« mit Gontrand, er mußte Abschied nehmen von Allem, wa» er seit feiner Kindheit her gewohnt war und ohne da» er fich da« Leben gor nicht denken konnte. Der Circu» war feine Welt gewesen — wie sollte er also othmen können ohne den etgenthümllchen Reiz de» ftfinfHerleben« mit feinen schillernden Varianten? . . .
Nein, nein, e» gab kein Leben mehr für ihn. Der Sohn war tobt, die schlechte Tochter existirte nicht mehr für Gontrand, vom Director war er entlaffen worden — feiner Laufbahn letzte Station war da und eine furchtbare Fratze grinste ihn an: da» Elend!
Gontrand ging, noch immer in der Stallmeisteruniform, durch alle Räumlichkeiten, von dem Stall in den Umritt und zu den Künstlergarderoben — und wieder zurück. Er konnte fich nicht entschließen, den Frack und die bordirte Pantalon auszuziehen.
Nur eine Welle noch wollte er In der süßen Einbildung schwelgen, daß er noch zum Circus gehöre, und mit rührender Beharrlichkeit ging er wieder in den Stall und rief leise die Pferde bei den Namen, nickte den gescheidten Thieren freundschaftlich zu, sprach mit den beschästigten Kutschern und freute fich im Innern, daß die Kutscher noch nicht wußten, tote unbrauchbar der „alte Gontrand" geworden war. Dann besah er fich gleichzeitig im Umritte jede» Requisit und tupfte jeden Reifen mit dem Finger an, als wollte er dem tobten


