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24.4.1898 Drittes Blatt
 
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9h. 95

Drittes Blatt. Sonntag den 24. April 1898

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Deutsche» Reich

Berlin, 22. April. Der Kaiser arbeitete, wie au« Homburg gemeldet wird, gestern nach dem Vortrag deS Kriegs« Ministers und Chef» de» Militär-LabinetS mit dem Gesandten Grafen Wolfs Metternich. Heute Abend wird der Kaiser über Ruwpenheim, wo daS Kaiserpaar dem Prinzen und der Prinzesfin Friedrich Karl von Heffen einen kurzen Besuch ab* startet, nach Dresden abreisen.

Berlin, 22. April. Während der Tage deS dies­jährigen Kaisermanöver», welches in der Zeit vom 4. bis 9. September im Regierungsbezirk Minden stattstodet, wird der Kaiser in Hannover und Bückeburg Wohnung nehmen.

Berlin, 22. April. DerReichsanzeiger" veröffentlicht ein Handschreiben deS Kaiser» an den GeneradFeldmarschall Grafen von Blumenthal, in welchem der Kaiser daran erinnert, daß heute vor 34 Jahren Kaiser Wilhelm I. dem Grafen von Blumenthal für oeffen hervorragenden Dienste während deS Feldzuge» 1864 den Orden pour le mörite verliehen habe, nnd worin der Kaiser Gelegenheit nimmt, seiner Freude warm und herzlich Ausdruck zu geben, daß mit dem Rücktritt de» Grneral-Ftldn arlchall» von seinem Posten als Armee* Jnspecteur in den Beziihuogen zu ihm (dem Kaiser) und feiner Armee eine Aenderung nicht eingetreten sei. Zugleich wird in dem Handschreiben dem Grafen von Blumenthal die Verleihung der Brillanten zum Orden pour le m6rite mit- ßetheilt.

Berlin, 22. April. DerReichsanzeiger" schreibt: Die englische Regierung hat im Hinblick auf die bevorstehende Be- fitznahwe von Wei hal-w ei der deutschen Regierung spontan die Mittheilung gemacht, daß fie nicht Willens sei, deutsche Rechte oder Jntereffen in der Provinz Schantung zu schädigen oder in Frage zu stellen oder der deutschen Regierung in jener Provinz Schwierigkeiten zu bereiten, und daß fie ins­besondere nicht beabfichtige, von Wei>ha!«wei ober dem dazu gehörigen Gebiete au» Eisenbahn-Verbindungen nach dem Innern der Provinz anzulegen.

Berlin, 22. April. DerPoft" zufolge hat die deutsche ReichSregiernng Angeficht» de» infolge deSspanisch-amerikanischen ttonflictc» in Jutereffentenkreisen herrschenden Wunsche», zu erfahren, ob auf internationale Abmachungen in Betreff de» Begriffes Krieg»-Sontrebande, das Durchsuchungsrecht gegenüber dem neutralen Handel und Paflagier-Verkehr rc. zu rechnen ist, dieser Frage bereit» ihre Aufmerksamkeit zuge« wendet. Wegen der internationalen Behandlung dieser Sache ist zwischen den Großmächten eine grwiffe Fühlungnahme im Gange.

Berlin, 22 April. Wie diePost" bört, hat die Re- gierung von Nordamerika schon vor einiger Zeit bei Deutsch­land bedeutende Ankäufe von Kriegsmaterial, namentlich Torpedobooten, Munition, Sprengmaterial usw. angeordnet. Ein großer Theil dlS Material» befindet sich bereit» in Amerika ober ist nach dort unterwegs. Der Vertreter der Amerika-Linie Tränendantica befindet fick gegenwärtig in Berlin, um mit Agenten der Societa narigazione generale in Genua wegen Ankaufs von vier großen Dampfern für die spanische Regierung zu unterhandeln.

Berlin, 22. April. JnAbgeordnetenkreisen nimmt man, derGermania" zufolge, an, daß c» fich nach der jetzigen Lage der Geschäfte ermöglichen laffen werde, die Brr- Handlungen deS Landtages vor Pfingsten zu schließen. Mau hofft, daß sich der Schluß in der Pfingstwoche, also gegen den 21. Mai, wird ermöglichen laffen.

Berlin, 22. April. DieNordd. Allg. Ztg." bringt an der Spitze ihrer heutigen Nummer einen in den wärmsten Worten gehaltenen Artikel, in welchem fie dem König Albert zu deffen morgigem Jubiläum die herzlichsten Glückwünsche auSspricht.

Frankfurt a. M, 22. April. Auf Grund guter In­formationen kann dieFrk*. Ztg." berichten, daß bezüglich de» obersten militärischen Gerichtshöfe» für Bayern die Sachlage unverändert die nämliche ist, wie fie in den letzten zwei Monaten in derFrkf. Ztg." geschildert worden ifi; insbesondere haben in der letzten Zeit keine Verhand­lungen mit Boyern stattgefunden. Wie schon früher erwähnt, hält man weder in Berlin noch in München eine rasche Lösung für dringend- die Entscheidung ist nach wie vor noch hinaus« geschoben.

Frankfurt a. M., 22. April. DieFrkf. Ztg." meldet auS London: Einer Washingtoner Nachricht zufolge ist der DampferTexaS" heute von Kehwest nach Cuba abge­fahren. Der Dampfer hat 1000 Tonnen Proviant für die RcconcentradoS an Bord, außerdem Aerzte und Pflegerinnen. DerTexas" fegelt unter der Flagge de» rothen Kreuze» und wird von einem Kriegsschiff begleitet.

Frankfurt a. M., 22. April. DieFrkf. Ztg." meldet au» Hamburg : An der hiesigen Affecuranzbörse werden bereit» Seeversicherungen gegen Kriegsgefahr durch Auf- schlagSprämteu adgeschloffen.

Dresden, 22. April. Zur Tbeilnahme an den Jubi" läumSfeierlichkeiteu für König Albert find int Laufe deS heutigen vormittags hier eingetroffen: Prinzregent Luit­pold von Boyern, Großherzog Ernst Ludwig von Hrffen, Herzogregent Johann Albrecht von Mecklenburg Schwerin

nebst Gemahlin, Herzog Albrecht zu Württemberg, Erbgroß- herzog Friedrich von Baden, Erbgroßherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar, Prinz Bernhard Heinrich von Sachsen- Weimar, Prinz Christian von Schleswig-Holstein, der Fürst von Hohenzollern, der Herzog von Genua und der Großfürst Paul Alexandrowitfch von Rußland. Auf dem Bahnhof wurden die fürstlichen Gäste von dem Prinzen Georg und Johann Georg mit ihren Gemahlinnen sowie dem Prinzen Albert begrüßt. Zum Empfang deS Prinzregenten Luitpold war König Albert persönlich am Bahnhof erschienen.

München, 22. April. Der Saaten stand in Bayern für Mitte April ergiebt für Winterweizen 2,19, Sommer­weizen 2,12, Winterspelz 2,24, Winterroggen 2,20, Sommer­roggen 2,48, Wintergerste 1,00, Sommergerste 1,77, Hafer 2,00, Klee 2,01.

Wien, 22. April. DieWiener Abendpost" gedenkt In wärmster Weise bei Jubelfeste» im königlichen Hause Wettin und der Betheiligung de» Kaiser» Franz Josef an demselben und sagt: Die Fürsten des deutschen Reiche» werden unter der Führung Sr. Maj. de» Kaiser» Wilhelm erscheinen, um den Jubilar auf dem sächsischen Königsthron zu begrüßen, der nicht nur ein ruhmbedeckter Heerführer, sondern auch ein weißer Fürst des Frieden» ist. Die herzlichsten Glückwünsche gelten auch der treuen Lebensgefährtin de» König» Albert, der edlen Frau auf dem Throne, Königin Carola. König Albert ist ein treuer Freund unsere» Lande», und alljährlich begrüßt eS ihn al» stet» willkommenen Gast de» Monarchen. Die Reiche Oesterreich», für welche diese» Jahr eine Zett der schönsten Festesfreude ist, huldigen mit den innigsten Gefühlen deS Danke» und der Verehrung dem Herrscher auf Sachsens KönigSihron.

Nom, 22. April. Wie verlautet, steht nunmehr fest, eine Intervention der Großmächte und des PapstrS nach dem ersten Scharmützel zwischen Spanien und Amerika wird eintreten, sobald die militärische Lage fich in einem Spanien ungünstigen Sinne zeige, z. B. nach einer Niederlage auf See oder angesichts eines drohenden Bombardements von Havanna.

Nom, 22. April. Als heute der nach Pisa bestimmte Schnellzug den hiesigen Bahnhof verlaffen hatte, explodtrte eine auf die Schienen gelegte Petarde, wodurch mehrere Waggon» beschädigt wurden. Unter den Reisenden entstand eine große Panik.

London, 22. April. Sämmtliche in Keywest und Tampa befindlichen Correspondenien constatiren, daß die

Feuilleton.

5>u sollst ihr Kerr sein!

(Münchener GerichtSscene.)

Gegen einen Strafbefehl hatte der Kaufmann U. Ein« fprnch erhoben. Herr ein großer starker Mann, Mitte der dreißiger Jahre, laßt seinem Aeußeren nach durchaus nicht vermuthen, daß er zu jenen Vielen gehört, die unter« sonst als süß bezeichneten Ehejoch seufzen müffen, toeil eS Ihren usurpatorischen Gattinnen ohne viel Mühe gelungen ist, die Vorherrschaft im Haushalte zu erringen. Trüben Sinnes fitzt der BedauernSwerthe auf der Bank, hinter ihm die bevor« rechtete Gattin, ein grobknochiges, starke» Weib, mit harten, mitleidslosen Zügen und einem finsteren Ausdruck, al» wenn fie bereit» den Prozeß verloren hätte.

Richter: Sie haben wegen nächtlicher Ruhestörung eine Strafe von neun Mark erhalten und fich damit be« schwer» erachtet; wollen Sie auf einer Verhandlung noch bestehen? E» wäre bester, wenn Sie den Einspruch zurück- ziehen würden.

Angeklagter: Ja, Herr Stadtrichter.', Sie rebn leicht, aber bei mir da steht» auberö. Sehn '» mei Frau b'steht auf der Verhandlung und da gibt» nix mehr. Sie will feh'n, wer wieder amal recht hat und wenn i verur- theilt werd, no komma die Hnnd»tag vor den Sommer, 'S geht nöt ander» im Eh'stand."

Richter: Sie find, wie mir scheint, nach einer eigenen, wenn auch nicht gerade ungewöhnlichen Fa-ou verhetrathet. Im gegenwärtigen Falle bandelt e» fick aber um Ihre männliche Integrität und Ihre Frau hat hier gar nicht» zu lagen. Wollen Sie anf dem Einspruch bestehen?

Der Angeklagte drehte fich schüchtern um und warf einer, fragenden Blick auf seine Frau, die energisch den Kopf

schüttelte und mit ihren geballten Fäusten einen Handschuh zerknüllte. Daraufhin erklärte er, auf einer Verhandlung bestehen zu müffen.

Richter: Sie find nun beschuldigt, am 31. December vorigen Jahre» nach Mitternacht in und vor Ihrer Wohnung ruhestöreuden Lärm verursacht zu haben. Wa» haben Sie zu Ihrer Bertheidigung vorzubringen?

Angeklagter: 'S war zum ersten Mal, daß i wieder lusti und fidel war, und zwar weil 'S d' NeujahrSuacht ge- wes'n ist und weil jeder sagt,» wär' a Freinacht. S' ganze Jahr durch verweigert mir mei Fraun AuSgang, wenn fie nicht dabei sein mag ober kann. Meine Freunbe unb Kameraden spotten deSweg'n über mi und i laß mir bös g'fallen, weil i weiß, daß b Nachgiebigkeit o ganz vorzüg­liche Tugenb iS, aber am Shlvesterabeub ba wirb auSgegaugen, ba hat mei HauShaltungSvorstanb nix z'sagen. Ich geh' also zu meine Freunb in» Dingsdräustüberl, unb bie empfangen ml gerabezu großartig. Der Wirt schreit: Ujegerl a seltener Gast. I thät an Ofen z'samrnaschlagen, wenn wer eahrn jetzt net so notwenbig brauchen thät. Die Gesellschaft stimmt meinetwegen a schneidige Wehr an, ber breite Verwalter hält an Vortrag über ManneSmut unb ben Wert ber Frauen, all's wär wunberschön gegangen, ba bemerkt ber spitzfinbige Sekretär:Da» biete Enbe kommt nach, wenn er heimkommt. MinbestenS auf'u Holzscheite! muß er knien." I verkitt' mir solche anzügliche Rebensarten unb werb' bamit auSg'lacht. Nun proponiert ber Melber, der mir gegenüber wohnt, eine Wett zu zehn Flaschen Schampe» gegen vier Paar Kreuzer- würstl, wenn t mir heimz'geh'n trauet und in die Hausschuh' wieder kommen wollt'. Diese Aufzwickereien wurden mir z'durnm, und obwohl die Sach' Ihre faden Seiten hat, bin i nach Hau». Mei' Frau hat mi' wirklich recht anständig empfangen und hat gemeint, I wär' krank. Wie i, ohne den Hausschlüssel abz'liesern, wieder fort hab' woll'n, ging» aber

los schweig' mer davon, es war'n Familienangelegenheiten. I komm' ins BräustlM z'rück und die Anderen ham g'schaugt wie die Schwalbeln. Der Melber behaupt', daß i entweder von meiner Frau ouSg'jagt ober daß mei Frau eine» sanften TobeS verblich'n sei, unb verweigert d' Bezahlung ber Wett'. Ich will g'rab' wild werben, da geht b Thür auf und mef Frau war leibhasti' ba. Der Melber ruft: alle guaten Geister loben Gott ben Herrn! Dtr Kammersritz will nach ber RettungSgesellschaft telephonieren, ber Sekretär fragt bissig, ob» im Kalenber verbruckt wär, baß heute b Wal- bürgt»- statt b Sylvefiemacht sei. I mach' ben G'scheibteren unb lab' mei Frau ein, Platz -'nehmen.» wär recht g'wesen, aber mei Frau iS eben a fonberbare Heilige und schreit auf meine Liebenswürdigkeit: Elender Mensch l Mise­rabler Kerl! Die Anderen strast fi' mit Verachtung und verlangt von mir, I sollt' sie augenblicklich heimbringen, sonst gäbet» a gräßlich'» Unglück ....

Richter: Und weil der Vernünftige oachgiebt, brachten Sie die Frau heim. Und nun zur Sache.

Angeklagter: Eigentlich bin i von der Frau heim- g'bracht word'n und wia eben oan Wort» andere giebt, so sau mir etwas laut g'wesen, I aber weniger, wie die Frau, obwohl'» fich bei mir um zehn Flaschen Sect g'haudelt hat. Im Zuhörerraum rief die Frau de» Angeklagten: Na wart, du elender Kerl! Heut giebt» wa», wenn d' heimkommst.

Der Beklagte, von schlimmsten Ahnungen erfüllt, brachte kein Wort weiter heran», seine Frau wurde wegen Ungebühr ans dem Saal gewiesen. Da» Gericht erkannte gegen den armen Mann auf Freisprechung in der Annahme, daß die Frau der schuldigere Theil sein müßte, gegen diese aber bie Sache verjährt wäre. Ungeachtet dieses einen Tröste» war der Weggang de» Angeklagten nicht freudig. (M. N. R.)