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23.11.1898 Drittes Blatt
 
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Mittwoch den 23^Nodember

1898

Nr 275 Drittes Blatt.

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Bur Jeröelserung der Hießener Gilenbahn-Ierhältnisse.

Durch die rakche Entwickelung der Stadt Gießen in Verbindung mit der Steigerung des Verkehrs auf beit ober» hessischen Bahnen haben sich in unseren Eisenbahnverhältnisien eine Reihe von schweren Mißständen ergeben, die in den nächsten 10 Jahren beseitigt werden müsien, wenn nicht unerträgliche Zustände entstehen sollen. Ohne irgend welche Vorwürfe zu erheben, wollen wir hier einen Plan zu ihrer Beseitigung kurz erörtern.

Zunächst machen wir dieselben namhaft:

1. Die Interessen deS südlich von der Liebigstraße Audi Theil auf dem SelterSberg gelegenen Abschnittes der Stadt sind durch die Lage der oberhessischen Bahnlinie, welche die Frankfurter» und Liebigstraße schief durchschneidet, stark geschädigt.

Besonders seit der an sich erfreulichen Verkehrssteigerung auf den oberheisischen Bahnen, welche anscheinend zum Theil mit der preußisch-hessischen Eisenbahngemeinschaft zusammen- l,ängt, ist der Zustand an diesem Uebergang unerträglich geworden.

Dazu kommt, daß eS bei dieser Lage der Bahnstrecke unmöglich ist, den SelterSberg in die wünschenSwerthe 83er» kehrSverbindungmit der von Nord' nach Süd' gestreckten Stadt zu bringen, waö technisch in Anbetracht der Steigung durch eine electrische Straßenbahn sehr leicht möglich wäre. Die Umwandlung unserer weithin bekannten OmntduS- linie in eine electrische Bahn, welche die Erhebung des SelterSbergeS mit größerer Leichtigkeit überwinden würde, ist ausgeschlossen, solange daS Hinderntß der oberhessischen Bahn» linie vorhanden ist.

Die EntwickelungSrichtung der Stadt ist hauptsächlich eine nord-südliche. Die natürlichen Endpunkte deS Local» oerkehrS in dieser Richtung liegen an der Marburgerstraße einerseits, an den neuen Kliniken andrerseits. Die Beendigung beider Omnibuslinien am Bahnhof ist unnatürlich und schaltet den südlichen Theil der Stadt von der Liebigstraße an völlig von diesem B.rkehr auS.

ES muß also durch Beseitigung der oberhessischen Bahnlinie Raum für den Verkehr mit dem südlichen Theil der Stadt geschaffen werden. . Sobald dteS geschieht, ist die Umwandlung unserer OmntbuSeinrichtung in eine electrische Bahn mit den nord-südlichen Endpunkten Marburgersttaße Neue Kliniken bezw. Klein-Linden nur eine Frage weniger Jahre.

Abgesehen von dieser DerkehrSerleichterung, handelt sich um die Bebauung deS SelterSbergeS und seines nach der Liebigstraße gerichteten FußeS. Der Abhang deS SelterS­bergeS, welcher der oberhessiichen Bahn zugekehrt ist, d. h. ungefähr daS Gebiet nordwestlich entlang der Hollergaffe, zwischen der Bahnhof und Liebigstraße, würde ein auS» gezeichnetes Bauterrain bieten. Hierzu gehört auch daS Terrain, welches hinter der jetzigen alten Klinik liegt und der von dieser selbst eingenommene Abschnitt. Die Störungen dieser klinischen Anstalt bezw. der Kranken durch die dicht dahinter vorbeisahrenden Züge sind so stark, daß eine Verlegung deS JnstilutS (der chirurgischen und ophthal- mologischen Klinik) unvermeidlich erscheint. Aber selbst wenn diese Kliniken durch hessische Staatsmittel auS diesen un» geeigneten Gebäuden entfernt und ihnen andere Hetmstätten geschaffen werden, ko werden sich die Störungen für die späteren Insassen dieses vielgeprüften Kasernenbaues, oder nach seiner Nied'erlegung für die Bewohner der dafür auf­geführten Häu'er in der gleichen Weise bemerklich machen. ES handelt sich eben nicht nur um ein Passier-GeleiS, desien Nähe zur Noth enr glich ist, sondern bei den Raum» ve hältniffen unseres Bahnhofs müssen auf diesem Thetl deS Geleises fast alle Verschiebungen der oberhessischen Züge und Zugthe le vor sich gehen. Bet der andauernden Steigerung des Verkehrs ist also diese Stelle nicht nur für die jetzt betroffene alte Klinik, sondern überhaupt für Wohnhäuser kaum verwendbar. Im Gegensatz hierzu wurde bei Verlegung der obc.hessischen Dahn in der spater zu beschreibenden Weise hier zwischen Li bigftraße, Bahnhofstraße, Frankfurtersnaße und H. llergaffe ein ausgezeichnetes Bauterrain gewonnen, welches bei ter Tendenz der Stadt zur Entwickelung nach Lüden sehr erwünscht wäre.

Wird die oberkessische Bahn völlig verlegt, so wird nicht nur die Möglichkeit gewonnen, den an BevölkerungSziffer fonwährend wachsenden Stadttheil deS SelterSbergeS in einen richttgen Localverkehr mit der Stadt zu bringen, welcher

jetzt mangelt, sondern eS ergiebt sich an einem der topo­graphisch günstigsten Theile der Stadt ein wünschenwertheS Feld baulicher Entwicklung.

2. Die Verhältnisse deS Gießener Bahnhofs werden trotz deS anerkennenswerthen Bestrebens der Verbesserung in Einzelheiten nach wenigen Jahren unerträglich werden. Be­denkt man, daß in Gießen von fünf bezw. sechs Richtungen, welche zum Theil ein ausgedehntes Hinterland haben, Züge zu» sammenlausen, so werden die Mängel deS jetzigen Bahnhofs jedem Erfahrenen als nothwendigeS Product von Verhältniffen erscheinen. Dazu kommt, daß in Bezug auf den Durchgangs­verkehr von West nach Ost, d. h. von Köln und Coblenz nach Fulda, der sich nach Vollziehung der preußisch-hessischen Gemeinschaft entsprechend den natürlichen geographischen Verhältnissen fortdauernd steigern wird, die Lage des ober» he fischen Bahnhofs eine ganz ungeschickte ist. Diese ist daS Nothproduct eines beschränkten TerritorialverkehrS, während jetzt immer mehr die größeren Gesichtspunkte der deutschen VerkehrSinlereffen in Betracht kommen.

Ferner wird die Enge deS TerrainS, daS für die Ab­fertigung von Zügen der Hauptbahn übrig bleibt, immer mehr dazu führen, durch Verwaltungsmaßregeln den Verkehr, besonders den Güterverkehr, an dieser Stelle einzuschränken, waS einerseits ein Act der Betriebssicherung ist, andrerseits eine Störung vieler Interessen von Gewerbetreibenden, Kauf­leuten, Fabrikanten und eine Mehrbelastung von deren An­gestellten Hervorrufen wird.

Alle diese Schäden hängen im Grunde zusammen und laffen sich nur durch einen einheitlichen Plan wirklich beseitigen.

Wir wollen nun diesen in kurzen Zügen klarlegen.

1. Gießen erhält einen Eentralbahnhof für sämmt» liche auch die oberhessischen Strecken. Dieser soll an der Stelle der jetzigen Anatomie liegen, welche als Gebäude vollständig zu entfernen und als Institut an eine andere eventuell den Kliniken näher gelegene Stelle zu verlegen ist.

2. Die Bahnlinien von Frankfurt, Caffel und Wetzlar bezw. Eoblenz und Köln bedürfen keiner wesentlichen Aenderung, besonders auch nicht die nach Klein-Linden zu im Bau be­findlichen Geleise.

3. Die Bahnlinie nach Nidda-Gelnhausen wird von dem Centralbahnhof Gießen der Strecke nach Frankfurt entlang über Klein-Linden, ober zwischen Gießen und Klein- Linden mit Einmündung in die jetzige Linie ungefähr bet Schiffenberg geführt. Dies entspricht der südöstlichen Richtung der Strecke.

4. Die Bahnlinie nach Fulda wird vom Central- bahnhof Gießen der Strecke nach Caffel folgend, ungefähr bis an das Ende deS Ederweges geführt und biegt von dort am Fuße deS Rodberges nach Nordosten ab, um am rechten Ufer der Wieseck nach Großduseck zu gelangen. Dies ent­spricht der nordöstlichen Richtung der Strecke Gießen» AlSfeld.

5. Die Eisenbahnstrecke vom jetzigen oberhessischen Bahn­hof biS zu der oberhessischen Eisenbahnreparatur Werkstätte wird völlig aufgehoben.

6. DaS ganze Terrain zwischen Liebigstraße, Bahnhof­straße, Frankfurterstraße und Hollerweg wird unter Beseitigung der alten Kaserne nach Verlegung der chirurgischen und ophthal- mologischen Klinik in den Stadt-BebauungSplan einbezogen.

7. Die Schienenwege von Großduseck und Schiffenberg nach der oberhessischen Maschinen-Reparatur» werkstätte bleiben besonders auch mit Rücksicht auf die großen industriellen Unternehmungen im Osten der Stadt erhalten. Eventuell kann daselbst besonders mit Rücksicht auf den sich wetter entwickelnden östlichen Theil der Stadt eine einfache Station für den oberhessischen Local-Verkehr errichtet werden.

8. Der Eilgüterverkehr wird an die Stelle des jetzigen Haupt-Bahnhofs, deffen Terrain zum Theil noch für Geleisanlagen verwendet wird, verlegt.

Zu diesen 8 Punkten wollen wir nur wenige Be­merkungen hinzufügen.

ad 1. Die großen Vorzüge eines Centralbahnhofes für einen Knotenpunkt wie Gießen, in welchem sich wichtige deutsche VerkehrSverbindungen in nordsüdlicher und west- östlicher Richtung Schneiden, ist ohne weiteres einleuchtend.

Die Stelle der jetzigen Anatomie muß jedem, der die Terraingestaltung und die vorhandene Lage der Stadt kennt, als naturgemäß geeignet zu diesem Zweck erscheinen. Es könnte im Uebrigeu nur ein Platz im Osten der Stadt, ungefähr an der Stelle, wo die Strecke Gießen-Fulda den

Schiffenbergerweg schneidet, oder jenseits der Lahn, un> j gefähr am Hohleichenweg für eine derartige Anlage in Betracht kommen. Beide Projekte würden ungeheuere froften ver­ursachen und die historisch entwickelten Verhältniffe der Stadt völlig umstürzen. DaS erste Projekt würde zudem die Stadt von dem unschätzbaren Schiffenberger Wald abschneiden, indem an der Schiffenbergerftraße sich die gleichen Verhältniffe ent­wickeln würden, wie jetzt am Bahnübergang der Frankfurter- straße. Die Verlegung auf das jenseitige Ufer der Lahn würde die jetzige Stadt von der Eisenbahnverbindung in un­erträglicher Weise abdrängen, wenn auch die Gewinnung eineß Lahn-Quais am östlichen Ufer und der Lahnterraffen am Anfangspunkt der Bieberthalbahn für die bauliche Ent­wicklung der Stadt wünschenßwerth wäre. Eine solche Anlage wäre im Beginn unserer Etsenbahnverhältnisse möglich gewesen, zur Zeit würde sie den Ruin einer Anzahl blühender Geschäfte und Betriebe der jetzigen Stadt bedingen und besonders die östlichen Theile der Stadt in Bezug auf Erreichbarkeit deß Bahnhofes schwer schädigen. Zudem würde wegen der Höhendifferenz zwischen dem jetzigen BahnhosSniveau und der Thalsohle der Lahn eine Verlegung der vorhandenen Strecken auf weite Entfernungen nothwendig werden. Wir 1 halten deshalb die Anlage eineß Centralbahnhoseß im Osten der Stadt oder jenseitß der Lahn für auß* geschlossen und müssen an dem Terrain der jetzigen Anatomie alß dem richtigen Platz für den Centralbahnhof festhalten.

Daß biefeß Institut selbst zur Zeit einen ganz un­geeigneten Platz hat, indem allen Störungen von Seiten deß Eisenbahnverkehrs außgesetzt ist, kommt hier nur nebenbei in Betracht. Von Seiten der hessischen Regierung ist in ersichtlicher Weife sehr viel gethan worden, um den Schäden der Lage vorzubeugen- sie zu beseitigen wird sich ' immer mehr alß unmöglich erweisen. Der Verkauf deß Terrains an die Eisenbahnverwaltung würde die Mittel zu einem Neubau zum Theil aufwiegen. Für daß Projekt alß Ganzes kann der Umstand, daß der wesentliche Punkt gerade in den Händen deß Staates ist, nur förderlich sein.

ad 3 u. 4. Die jetzige Lage der oberhessischen Bahnlinie ist nur geschichtlich zu verstehen. Topographisch ist sie z. Zt. ein Nonsens. Die Liebigstraße, oder bester die alte Klinik bildete früher, abgesehen von einigen einzelnen Höfen, Wirthschaften und Villen, den südlichsten Theil der Stadt. Wenn man die oberhessischen Bahnen territorial, d. h. lediglich als Verbindung von Gießen nach dem oberhessischen Hinterland betrachtet, so lag nahe, sie gemeinsam ein» münden und unter Vermeidung deS SelterSbergeS sie zwischen diesem und der Stadt laufen zu laffen. Daß dadurch eine Anzahl von Territorien an der damaligen Südgrenze der Stadt an Werth stiegen, mag bei manchen ein Grund ge­wesen sein, daS Project zu unterstützen. Allerdings ergab sich dadurch die Nothwendtgkeit, die Linie dicht an der schon für klinische Zwecke verwendeten alten Kaserne vorbeizuführen, was z. Zt. die größten Mißstände bedingt. Immerhin kann man die damalige Linie vom Standpunkt des oberhessischen LocalverkehrS rechtferttgen. Zur Zeit ist sie bei der südlich gerichteten Entwicklung bet Stadt völlig zu verwerfen und erscheint auch vom Standpunkt beß deutschen Eisenbahn­betriebes, welcher btc Einbeziehung OberheffenS in den Durchgangsverkehr in Betracht ziehen muß, als völlig verfehlt.

Die natürliche Richtung der Strecke von Gießen nach Gelnhausen ist die südöstliche, die der Strecke nach Ale» selb die nordöstliche. Wer die Topographie Gießens kennt, sieht sofort, daß eS richtiger ist, die beiden Strecken im Beginn an der nord-südlichen Hauptverbindung entlang laufen und sie dann erst abzweigen zu laffen, als ohne Zusammenhang mit dem Hauptbahnhof einen Anfangstheil quer durch die Stadt zu legen, wodurch der Verkehr und die Entwickelung dieser nach Süden sehr gehemmt wird.

ad 6. Durch daß Freiwerden deß Terrainß zwischen Liebigstraße, Hollergaffe, Frankfurterstraße und Bahnhofstraße, nach Beseitigung der oberhessischen Bahn und der alten Klinik (früheren Kaserne) würde der Emwickelung der Stadt nach Süden ein freieß Feld geöffnet. Auch daß jetzige Haupt­steueramt würde in diesem Falle am besten verlegt, um eventuell zu einer öffentlichen Anlage vor dem Haupt­bahnhof Raum zu schaffen. Das dort entstehende Stadt­viertel würde, im Zusammenhang mit einem Centralbahnhof, vielleicht eines der schönsten in Gießen werden.

ad 7. Durch diese Einrichtung (Verbindung der ober» hessischen Strecken mit dem Centralbahnhof und eventuelle Anlage einer einfachen Haltestelle im Osten der Stadt)