Ausgabe 
23.10.1898 Zweites Blatt
 
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vou Spitzbergen unternommen, wo Treibholz an das Land geschwemmt wird. Als sicheres Resultat derselben hat sich ergeben, daß Andr6e auf Spitzbergen nicht gelandet ist. Die vou einigen deutschen und norwegischen Blättern erhobene Beschuldigung, Mitglieder der Besatzung bei Dampferi -Helgo­land" hätten dal Andr6r'iche ProvianthauS auf der Bären- insel geplündert, weisen die Expeditionlmitglieder mit höchster Entrüstung zurück. Die Plünderung ist aller Wahrscheinlich­keit nach durch norwegische Fangschiffe erfolgt. Die norwegischen Lootsen haben in Drontheim unter Eid auSgesagt, daß kein Mitglied der ^Helgolands-Mannschaft an dieser Schandthat bethetligt gewesen ist.

Sin Publikum, das feine Schauspieler selbst aussucht, will sich dal unter städtischer Leitung stehendeGrand Th6Lire" in Marseille großziehen. Diese zum Mindesten neuartige Einrichtung wird nach soeben veröffentlichtem Be- schluß del Maire in folgender Wrise gehandhabt: Am Abend del zweiten Auftretens des auf Engagement spielenden Künstlers erhält jeder Theaterbesucher zwei Karten, die den Namen des Schauspieler! und sein Rollenfach tragen, die eine mitja", die andere mitnein" gekennzeichnet. Bevor der Vorhang zum vorletzten Mal gefallen ist, sammeln Be­amte der Muuicipalgarde diese Stimmzettel ein, die in eine große Urne im Foyer del ersten Ranges gethau werden. Bor Beginn bei letzten Acte! wird bul Resultat verkündet und unter Beisitz eine! städtischen Vertreters, eine! solchen von der Theaterdirection und eines Delegirteu au! dem Publt. tum bie Entscheidung gefallt: überwiegt da!Ja" dalNein", so ist derEaubidat" gewählt, im anderen Falle stellt mau ihn kalt. Dal Publikum bei Marseiller Theaters hat also, wenn el will, eine schauspielerische Kunst I

Die Modistin der Kaiserin Engenie. Auf ihrem romantisch gelegenen Schloß St. Sern in in Touraine starb dieser Tage eine der bekanntesten Persönlichkeiten aus dem Paris des zweiten Kaiserreiches. Mademoiselle Delphine, die berühmte Modistin der Rue de Richelieu in Paris, war die geniale Erfinderin der entzückendsten Hüte, die man je auf dem blonden Haupte der Kaiserin Eugenie bewundern dürste. Ihre Feenhände schufen kleine Meisterwerke aus Spitzen, Seide und Federn, um deren Besitz sich die Damen Metternich, de Gallifet, de Pourtalös und alle die gefeierten Hof- und Stadtschönen gegenseitig beneideten. An dem Tage aber, da Eugenie die Tuilerien verließ, schloß Mademoiselle Delphine ihr Geschäft, um es nicht wieder zu öffnen. Sie schwur, für die republikanischen Damen nie eine Schleife machen zu wollen, und diesen Schwur hat sie gehalten. Aller­dings war sie in der glücklichen Lage, sich eines der schönsten Schlösser an den Ufern der Loire zu kaufen und dort lebte sie seit säst drei Jahrzehnten als große Dame unter dem Namen einer Baronin St. Sernin. Einmal während der Glanzperiode des Second-Empire war Delphine eines Hutes halber in Ungnade gefallen. DasR. Wiener Tageblatt" berichtet darüber Folgendes: Es war im August des Jahres 1866. Die Revolution wüthete in Mexico; der arme Kaiser Maxi« milian schmachtete in der Gefangenschaft, und seine unglückliche Gemahlin hatte die weite Reise über das Weltmeer gemacht, um den mächtigen Kaiser der Franzosen anzuflehen, eine Armee zu senden, damit ihr Gatte befreit werden könne. Die bedauernswerthe F'au langte eines Morgens in einem Zustande äußerster Erregung in Paris an. Zweimal versuchte sie es, in ihrem Reisecostüm nach St. Cloud zu eilen, wo Napoleon und Eugenie sie am Nachmittag erwarteten. Fast mit Gewalt wurde sie im Hotel zurückgehalten und darauf aufmerksam gemacht, daß sie in geeigneter Toilette vor dem Herrscher­paare erscheinen müsse. In der Eile der Abreise hatte man nur ein schwarzes Seidenkleid eingepackt, dessen arg zerdrückter Faltenwurf einigermaßen von einem schwarzen Spitzenmantel verdeckt werden konnte, den man zum Glück nicht vergessen hatte. Ein repräsentabler Hut war aber nicht vorhanden. Die gefällige Hotelbedienung sandte sofort zu Mlle Delphine, die denn auch, da es sich um ein gekröntes Haupt handelte, in höchst eigener Person erschien und ein reizendes Hütchen aus weißem Seidenkrcpp mit diamantbestreuten Marabout- 1

federn der Kaiserin Charlotte auf das rabenschwarze Haar setzte. Dal seitwärts zu einer genialen Schleife geschlungene zartlila Sammtband bildete einen wirkungsvollen Rahmen für das blasse, feingeschnittene Gesicht, das von einem Paar berr* licher Augen belebt wurde. Als die erste ziemlich herzliche Begrüßungsscene in St. Cloud vorüber war und die Kaiserin Charlotte anfing, für ihren Gatten zu plaidiren, starrte die schöne Eugenie wie gebannt nur auf das aus den Händen von Mlle. Delphine hervorgegangene Kunstwerk. Dicsel erregte ihre Bewunderung in so hohem Maße und nahm ihre Sinne derart gefangen, daß sie für das, was um sie her vorging, nicht das geringste Interesse bezeigte. Sobald die unglückliche Charlotte das Schloß verlassen hatte, ließ die Kaiserin Eugenie ihre Modistin zu sich befehlen, und als diese erschien, wurden ihr bittere Vorwürfe darüber gemacht, daß fie nie ein ähnliches Zaubergebilde aus Seidenkrepp und Federn für ihre kaiserliche Kundin gefertigt hätte Die Putz- künstlerin versprach, ihr Möglichstes zu thun und den be­wunderten Hut genau zu copiren. So große Mühe sie sich aber auch gab, es gelang ihr nicht, Napoleons Gemahlin zufrieden zu stellen. Fast täglich kam sie nach St. Cloud mit einem Product ihrer Kunst, eins immer schöner als das andere, doch kaum hatte es Eugenie vor dem Spiegel auf» probirt, als sie es mit gerunzelter Stirn wieder abriß und es ein elendes Machwerk nannte. Sie beschuldigte die arme Modistin zuletzt, daß sie das Ding absichtlich ohne Chic und Geschmack anfertigte, und entließ sie eines Tages in größtem Zorn.Majestät werden mir schon glauben müssen, daß eine Modistin ebensowenig zwei ganz gleiche Hüte Herstellen, wie ein Maler zwei vollkommen gleiche Bilder malen kann." Mit diesen Worten zog sich die gekränkte Delphine zurück.

Waareuhauser unb Gewerbesteuer. Die vom Dres­dener Stadtverordneten-Collegium deschloflene Gewerbe- Umsatzsteuer gilt für alle Geschäfte innerhalb bei Stadt- dezlrkel, einschließlich bereu Zweiggeschäfte unb Verkaufs­stellen, in denen Lebensmittel, Genußmittel, Bekleidung!- gegenstände ober andere für den wirthschaftlichen Bedarf be­stimmte Gegenstände im Einzelnen verkauft werden, unb zwar ohne Unterschied, ob fich die Geschäfte in der Hand von ein­zelnen Persoaen, offenen Handellgestlschaften, Cornmandit- gesellschaften, Aktiengesellschaften, Commauditgesellschaflen auf Actien, Gesellschaften mit beschränkter Haftung, eingetragene ober nicht eingetragenen Erwerbs- und WirthschaftSgenoffen- schäften ober Prrsouenvereiuen befinden. Der Steuer sollen auch unterliegen: Niederlassungen, Verkaufsstellen unb Zweig­geschäfte von außerhalb de! Stadtbezirke! gelegenen Er- zeugungSstellen oder Handelsgeschäften, sofern fie fich mit dcm Einzelverkauf ber bezeichneten Waareu befassen, ferner Ver­eine zum gemeinschaftlichen Einkauf vou Leben!- unb Wirth- schaftlbedürfnissen im Großen unb Verkauf im Einzelnen (Eousumvereine). Die Steuer soll erhoben werden bei einem Jahresumsatz von Über 200,000 bis 500,000 Mk. mit V», bei einem Jahresumsatz von über 1 Million mit 2 v. H. Ein Umsatz bis zu 200,000 Mk. bleibt steuerfrei.

* Erste Sorge. Dienstmädchen:Herr Professor, ich soll melden, ber Storch ist soeben eingekehrt." Professor: Um Gotte! Willen, verstecken Sie schnell ba! Gla! mit dem Laubfrosch, sonst ist mir mein Wetterprophet verloren."

Schon verglichen. Unteroffizier:Maier, morgen zieh'« Sie zum ersten Male auf Wache am Pulverthurm. Wie der Koloß von Rhodos gewissermaßen steh'n Sie da mit einem Fuß im königlichen Dienst, mit einem im Arrest unb mit einem im Jenseits! Also aufgepaßt!"

Clephanten-Kaffee" 8503

von ber Holl. Kaffee-Brennerei H. Di*qu6 & Co. ist an­erkannt die beliebteste Marke unb kann bestens empfohlen werden; wegen ihrer Billigkeit, Ergiebigkeit und besonderen Brennart nach I. von LiebigS Vorschrift (leichte Zuckerumhüllung), wodurch da! Aroma gebunden und daS schädliche, fettige Ausschwitzen der Bohnen unmöglich ist. Diese Kaffee sind nur in verschlossenen Packeten zu haben, mit Schutzmarke und Firma versehen und ist damit jede Garantie geboten für einen reinen, unverfälschten, gesundere Kaffee. Verkaufsstellen sind durch Annoncen dieses Blattes bekannt.

Sie beendeten deshalb noch ihr Werk. Ein Schutzmann sah den Frevel, und Herr M. bekam einen Strafbefehl. Die Strafkammer sprach ihn frei. Darauf legten Staatsanwalt und Oberstaatsanwalt Revision ein, die indessen jetzt vom Kammergericht zurückgewiefen ist, das sogar die Kosten des Verfahrens der Staatskasse auf erlegt hatte.

Da! deutsche Kaiserpaar in Konstantinopel. Au! Konstantinopel, 19. October, schreibt man: In der Teutonia" gab el gestern großen Andrang, galt el ja, seinen Namen unter bie dem Kaiser zu Überreichende prächtige Abreffe zu setzen. Diese ist in meergrünem Sammet gehalten, reich in Silber ziselirt, eine Arbeit, die dem seit mehr als 40 Jahren hier ansässigen Hannoveraner Golbarbeiter Steffen Ehre macht. Die Vorderseite tragt bie Wappen bei Kaiser- paare!, eiugerahmt von ber Kette bei Schwarzen Ablerorben! unb überragt von der Kaiserkrone, während die Rückseite türkische Embleme schmücken, da! Mittelfeld ber Halbmond mit Stern. Dal Titelblatt mit ber Wttmnng ist von dem italienischen Maler De Nari gezeichnet, die zwei folgenden Blätter mit der Adresse von dem österreichischen Ingenieur Herrn v. Hübner, alle drei Blätter zeigen «nfichteu vou Pera, Galata und dem Bosporus in selten schöner Aquarell­malerei. Schon heute bedecken Tausende von Unterschriften diese Adresse, bie auch dem verwöhntesten Auge gefallen muß. Interessant ist es, daß diese Adresse vou einem Reichsdeutschen, einem Oesterreicher unb einem Italiener hergestellt würbe, eine Tripelallianz im Kleinen. Im PalaiS häufen fich die Geschenke, die der Sultan seinen hohen Gästen anbieten will. Vou hervorragender Schönheit und frappirender Aehnlichkeit ist ein winzige! Bild de! Palailminiaturisten Manaß, da! die Kaiserin zum Sujet hat. Die Einrahmung rührt vou dem Hofjuwelier Badayau her, ist in Diamanten, Rubinen und Smaragden gefaßt unb hat 80,000 Franc! gekostet. Zwei große Vasen in Porzellan unb Silber fallen ebeufall- durch ihre exotische Schönheit auf, fie würben in ber kaiser­lichen Porzellanmanufaktur hergestellt.

Die Heimkehr desHelgoland". Au! Geestemünde, 16. October, wirb berichtet: Heute Mittag ist, wie schon gemeldet, die Lerner'sche Nordpol-Expedition mit dem Fisch- dawpferHelgoland" wohlbehalten zurückgckehrt. Sie war bekanntlich zu Beginn bei Monat! Mai von hier in See ge­gangen. Die seemännische Leitung hatte Capitäu zur See a. D. Rübiger, die wissenschaftliche der al! Polarreisender bereit! besten! bewährte Privatgelehrte Lerner übernommen. Neben Lösung allgemein zoologischer und speciell biologischer Auf­gaben galt die Expedition auch Nachforschungen auf Spitz­bergen unb den augrenzenben Meereltheilen Über den öer- bleib Andrsel. In erster Beziehung hat die Reise sehr reiche Resultate erzielt, deren Berwerthung natürlich noch Monate in Anspruch nehmen wird. Dte an der Expedition beteiligten Zoologen zwei Asfistenteu de! Zoologischen Institut! der Berliner Universität haben ca. 40 Kisten Präparate mit­gebracht. Auf 60 Stationen runb nm Spitzbergen find Tief- freuniersuchungen bi! zu 1100 Mir. angestellt unb an über 100 Stellen Plankton-Untersuchungen vorgenommen worden. Dte Exp d'tion bringt sehr reiche Sammlungen an arktischen SSugethieren, Vögeln, Ftscheu, Eiern usw., die für da! Ber­liner königl. Museum bestimmt find, heim. All geographische Leistung verdient die sorgfältige neue Kartenlegung der König Karl-Insel hervorgehoben zu werden. Diese ist vom Dampfer vollständig umsegelt worden. Ferner ist von ber Expedition zum ersten Mal Spitzbergen von Süden her umsegelt worben. Auch bie die Expedition begleitenden Sportsleute haben reiche Beute erlangt: 40 Eisbären, unter ihnen 4 lebendig ein- gebrachte, von Hagenbeck In Hamburg angekauste junge Exemplare, ca. 50 Renmhiere, 80 Seehunde und 5 Walrosse. El wurden 3 Möven einer ganz seltenen Arft geschossen, von denen bisher nur da! Britische Museum ein Exemplar besitzt. Nach Angabe der Gelehrten der Expedition Ist die zoologische Ausbeute reicher, all sie von einer arktischen Expedition seit Jahrzehnten erzielt worden ist. Völlig negativ find da­gegen die Nachforschungen nach Andr6e verlaufen. ES wurden n. A- eine ganze Anzahl von Bootltouren nach den Punkten

möglich entfernt ist und infolge dessen tute Geschäfte macht. Damit der Uebtrgang aut dem torpor aestivus zu dem winterlichen Geistesleben nicht zu wehe thue, bringt dal Apollotheater Abend für Abend dieselben vier S ücke, bie vor dem Sommerschluß seit dem Januar schon ebeufall! Abend für Abend, unb Sonn- und Festtag- doppelt, fieben lange Monate gespielt worden find. Natürlich Zarzuelal, natürlich Stundenstückt! Welche! Theater in Madrio führte keine Zarzuelal auf! Wir werden el, wenn el so weiter geht, sicher noch erleben, daß die königlichen Theater fich auch demZuge ber Zeit" anschließen. Und der Zug der Zeit ist die Zarzuela, da! Bolklstück, der Einacter, der seine Helden in der Hefe der Madrider Bevölkerung, auf den patios der Mietskasernen der Vorstabtviertel, unter den chulos und chulas (sprich Tschulol unb TschulaS), den Mädchen und Burschen del Volkes, finden. Und je frecher die chula und je schamloser der chulo fich geberbet, je mehr fie in ben Anzüglichkeiten und Zweideutigkeiten bei VolkSbiaUctS wühlen, je mehr fie allem Anstanb unb aller guten Sitte Hohn sprechen, je wüster el auf der Scene zu­geht, je mehr fich bie eifersüchtigen Mäbchen ankeifen unb in bie Haare fahren und je schneller unb öfter bie Burschen Ihre einen Fuß langen Messer au! ber Unten inneren Brust- tasche bei nut bi! an die Hüften reichenden, eng an­liegenden Jaquettl drohend hervorziehen und knackend öffnen, um so lieber ist el dem Publikum, dal fich an ber naturalistisch Irenen Wiedergabe dieser Unkultur gar nicht satt sehen kann. Und wenn die Mufik nicht wäre, die oft prickelnd unb reizend den Text begleitet, so wüßte man nicht, mal die Kunst mit diesen Aufführungen zu thun hat, die geeignet find, allel, auch dal geringste ernsthafte Kunststreben im Reime zu ersticken und bei denen auch nicht ein einziger neuer Gedanke auftaucht.

Die Zarzuela hat seit fett! bi! acht Jahren etwa einen wahren Triumphzug über die Bühnen Madrids und Spanien! angetrcten und alle! Andere so gut wie verdrängt. Daß e! in der Welt auch roch andere Theaterstücke gibt, oll spanische Zarzuelen, davon steht man in Madrid herzlich wenig, denn in vier Fünftel ber Mabriber Theater wird nur Zarzuela fervirt. Und wenn Shakespeare!Der Wider­spenstigen Zähmung" dem Publikum gefallen soll, so muß das SrÜck erst zu einem EinstundtustÜck zusammengehauen unb auf Madrider Boden unb unter bie Mabriber chulos versetzt werben. Man glaube nicht, baß dal übertrieben sei. Ich habe diese Kunstbarbarel selbst mit angesehen und kann nur gestehen, daß mir Sehnliche! auf den schlimmsten und niedrigsten Schmieren in Deutschland ein Ding der Unmög- lichkclt zu sein scheint.

Im Uebiigen findet ba! ja feine volle Erklärung in dem besonderen Eharacter der Spanier und der bei ihnen im öffentlichen wie privaten Leben auf die höchste Spitze ge­triebenen Inzucht im weitesten Sinne del Worte!.

Unter den Lulturftaatm Europa! steht diese Erscheinung jedeufall! völlig vereinzelt da. El ist, all ob die Pyrenäen unb dal Meer eine m-übersteigliche Mauer gegen alle! Fremde bildeten. Für nicht! außerhalb ihrer Grenzen in- teresfiren fich bie Spanier, unb nicht! kennen unb schätzen fie von ber Welt. Ihre Politiker haben sich nie darum ge­kümmert, wie außerhalb ber spanischen Grenzpfähle Politik gemacht wird. Der Spanier Ist fich selbst genug da! war bie Devise sämmtlicher Regierungen der Restauration. Für ihre ganze öff'Mliche, literarische und künstlerische Thätigkeit kennen bie Spanier überhaupt keine Objecte außerhalb del spanischen dlemeutl. 016 los Espanoles! 016 las mujeres Espanolas! Da! muß man hier im Lande selbst gehört haben, um nur einigermaßen einen Begriff zu

bekommen von der gar nicht mehr weiter zu treibenden Be­friedigung in ber nationalen Eigenart, deren Werth himmel­hoch über dem Werth anderer Nationen steht. El malt sich ungeheuchelte! Erstaunen in den Gefichtern der Spanier, wenn ein Fremder allen Ernste! die kühne Behauptung auf­stellt, daß auch außerhalb Spanten! etwa! gut sein kann. Denn el ist hier Glaubenssatz: Wal in Spanien kreucht und fleucht, lebt unb webt, ist dal Beste, btm nicht! sonst in ber Welt gleichkommt.

Allel Frewbe ist dem Spanischen gegenüber nur minder- werthig unb nicht würdig, daß man fich mit ihm beschäftige, unb wäre e! auch nur, um von seinen Fehlern zu Urnen. Selbst dazu ist el nicht gut genug. Mit dem Fremden spricht und unterhalt fich der einzelne Spanier nur an! Höflichkeit und Wohlerzogenheit. Mit ihm ernsthaft zu bis- cuttren, erlaubt ihm sein Selbstgefühl nicht. Von ber Schwelle seine! intimen Leben! weist er ben Fremden stet! zurück, unb so bleibt ber letztere von dem spanischen Gesellschaft!- leben ausgeschlossen, wofern er nicht entweder imweol reich ist, um ein glänzende! Hau! mache« und den glanzliebendeo Spanier locken zu können, ober fich entschließt, eine Spanierin zu heirathen. In diesem Falle nimmt man ihn auf. Denke ich an die Freimüthigkeit unb Herzlichkeit, mit der bie Deutschen Frewbe in den ihrem Bildungsgrad entsprechendes Kreisen aufnehmen, und vergleiche damit die hvchmüthigt Exklusivität ber entsprechenden spanischen Kreise, so muß ich gestehen, daß ich die immer noch stark verbreitete Meinuoz von dem chevalerelken unb gastfreundliche« Wefen der Spanier für eine Legende holte, die vor undenklichen Zette« wohl den Thatsachen entsprochen haben mag, heute aber längst nur eine Fabel ist.