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23.10.1898 Drittes Blatt
 
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Nr 249 Drittes Blatt.Sonntag den 23. Oktober 1898

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Gießener Anzeiger

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Anrts- und Anzeigeblutt ffir den Tkveis Gieszen.

Die Nachricht von der verspäteten Ankunft de» Deutschen Kaiser» schien übrigen» heute Morgen in Konstantinopel noch wenig verbreitet zu sein, denn al» wir in der zehnten Stunde au» dem Hotel tu Galagta Rulangteu, um au Bord der Bohemia zurückzukehrrn, bot der Hafen einen festlichen Au- blick von unvergleichlicher Schönheit dar, so daß wir uns wenigsten» eine kleine Vorstellung von der Pracht de» Schau- spiel» machen konnten, da» un» nun hier entgeht. Fast alle die uvzähligea Schiffe, die auf der Rhede im Bo»poru» und im Goldenen Horn vor Anker liegen, hatten Flaggenparade angelegt, und von Hunderten von Mafien wehte schon die zu Ehren de» erwarteten Herrscher» gehißte deutsche Flagge zwischen den vielen Tausend anderen Flaggen uod Wimpeln. Außerdem hatte der Südwind, der übrigen» da» Ausbleiben de» Kaiserpaare» verschuldet hat, dir gestern über dem Goldenen Horn liegenden Wolken verjagt, und in un­getrübter Herrlichkeit lag da» berühmte Städteblld der türki­schen Metropole vor un» da. In staunendem Entzücken suchte Jeder von diesen wundervollen Eindrücken so viel, al» irgend möglich, aufzunehmeu, und auch der Genuß der Fahrt durch den Botporu», Anthrrapia und Bujukdere vorüber, nach dem schwarzen Meere wäre bei dieser Beleuchtung ein unvergleichlicher Genuß gewesen, wenn nicht die kurz vor unserer Adsahrt aufrauchruden Gerüchte von einer Havarie, die derHohenzolleru" beim Cop Matopau zugestoßen sein sollte, unsere Stimmung herabgedrückt hätten. E» wußte Niemand etwa» Bestimmte», und man versuchte deshalb den Glauben an die bösen Gerüchte so weit wie möglich von sich zu weisen. Aber da» Gefühl der Besorguiß lastete doch auf

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liebet die Aufgabe« der Univerfitäten

Hat der neue Rector der Berliner Hochschule Geheimrath Wald eh er, beim Antritt seine» Amtr» cm Sam»tag ge­sprochen. Er leitete seine Rede (wie wir der voff. Ztg. entnehmen) mit einer Erinnerung an Bismarck, denSchmied li» neuen Deutschen Reiches", ein. Es wäre eine daokbare Aufgabe, zu zeigen, wie die Gründung de» Deutschen Reiche» vuf die deutschen Univerfiiälen eingewirkt hat. Für solche Untersuchungen sei aber die Zeit noch nicht gekommen. Seine Sache solle e» sein, gleichsam beschreibend anatomisch die Aufgaben der Univerfiiätrn in unserer Zeit darzulegen.

Die Univerfitäten stehen anderen verhältu ffen al» früher gegenüber. ES gilt, zu Bilduogeo und Strebungen außer­halb ihre» eigenen umschriebenen Gebiete» Stellung zu nehmen, was an Lehr- und Bilduvgsanstalteu um die Uaiverfiläteu herum erwachsen ist, strebt nach Gleichberechtigung. Einer engeren Wechselwirkung zwischen den Univerfitäten und den Fachschulen wird do» Wort geredet. Die laudwirthschast- Richen, rhierärztlichrn uud polhtechuischev Schulen von ehemal» sind Hochschulen geworden. Dazu haben fich oeuerdiug» Handelshochschulen gesellt. Alle diese Hochschulen haben mehr «der minder ihre verfaffung derjenigen der Uaiverfitäten wngeoähert. Am augenfälligsten ist da» Aussteigen bei den «chuischeu Hochschulen. Da» häogt mit der gewaltigen Ent- Wickelung der deutschen Industrie zusammen. In die alther- Gebrachten Gruppen der akademisch Gebildeten in Deutschland, Lrrgestellt von den Geistlichen, Lehrern, Juristen und Aerzten, schiebt fich oeuerding» der akademisch gebildete Ingenieur ein. Der Ingenieur Riedler ist in einer sehr beachtenSwerthen Schr-st über die Hochschulen im nächsten Jahrhundert sür Itc Angliederung der technischen Hochschulen an die Uuiverfi- Uten eivgetrrtrv. Es erscheine durchaus zweiselhast, ob die Kluft zwischen der Uuivrrfität und der technischen Hochschule Lderhaupt überbrückt werden kann, uod ob solche lieber- Brückung im Grunde nützlich wäre, von Gefühlen dieser Art ist auch der Mathematiker Felix Klein bei feiner jüngsten Darlegung in Düsseldorf über Univerfitäten und technische Hochschulen geleitet worden. Die Ansprüche der technischen Hochschulen auf Gleichstellung mit den Uaiverfitäten erklärten sich au» dem gewaltigen Aufschwünge der rechoischeu Industrie. B>» zu einem gewiffen Grade find die U liverfitätsanfialten wohl gleich denjenigen der technischen Hochschulen technische Anstalten, vor Allen find e» die Meoiciuer, die auf der Uaiverfität in ihrem Fache technisch au»gebtlder werden. Aber die Ausbildung ist thatsächlich nicht abgeschloffeo wie beim Ingenieur. Der Medieinrr, der die ärztliche Staat»- p.üsuog bestanden hat und die Uaiverfität verläßt, hat wohl la» Recht, die ärztliche Kunst au»zuübe<r. Glücklicher Weise geschieht die» aber zunächst nicht. Aus die Uaive,fiiät»zeit laßt der Medicioer technische Lehrjahre in Asfistenteustelluvgen solgen. Die Uaiverfität stellt fich die Aufgabe, nur die

wiffenfchaftliche Grundlage für die Ausübung eine» gelehrten Berufe» zu geben- von dem Technischen lehrt fie our da» Alleraothweudtgste. Die Pflege de» Strengwiffenschaftlichrn ist für die Univerfität das Kevvzeichoeode. Die Techniker dürfen virmal» vergrffen, daß die Fortschritte der Technik auf Errungeuschaften der wiffenschaftlichen Forschung beruhen. Die Uaiverfitäten können ohne die tichuischen Hochschulen be­stehen, nicht aber die Fachschulen ohne die Univerfitäten. Nicht zu verkennen sei, was auch F. Klein bemerkte, daß noch eine ganze Rribe von Fächern an den Univerfitäten vertreten fein müßte, z. B. die stiefmütterlich behandelte Anthropologie. Gleichviel, was noch angegliedert wird, der jetzige Charakter muß den Univerfitäten erhalten bleiben.

Die folgenden Erörterungen Waldeher» gelten der Zu- loffung der Frauen zum UuiverfitätSstudium. Das Ziel der Frauenbewegung ist die sociale Gleichberechtigung der Frauen. Den Vorkämpferinnen der Frauenbewegung mußte e» zuerst vor Allem darum zu thuu sein, den Frauen den Eingang zu den Univerfitäten zu erschließen. Nur so konnten fie wiffeu- schaftlich durchgebildete Streiterinnen gewinnen, die mit Er­folg für ihre Sache zu kämpfen befähigt find. Daß die Frauen fich zurrst dem Beruf de» Arzte» zuwandten, erklärt fich au» der irrigen Anschauung, daß Kranker pflege fich mit der Aus­übung der ärztlichen Kunst drcke. Das mrdicinische Studium und die ärztliche Praxi» erheischen aber ganz andere Gaben al» die Krankenpflege. Er sei früher Gegner der Frauen- beweguog gewesen, und zwar um der Frauen selbst willen, in der Uebrrzeugung, daß der natürliche Beruf der Frau die Uebung der Pflichten der HauSsrau sei. Er habe aber er- tonnt, daß die Frauenbewegung nicht etwa» künstlich Gemachte» oder Erhaltene» ist. Die wtrthschastlichen B.rhältuiffe drängen die Frau, fich neue Srwrrbszweige zu schaffen. Er erachte i» jetzt sür billig, daß die Frauen zu den Univerfität». Vorlesungen zugelaffeu werden- die Frage sei nur, in welchem Maß und auf welchem Wege. Die jetzigen Siurichtuogen find nur vorläi fige. Richtig ist, daß kein Doceut gezwungen werden darf, Frauen zu seinen Vorlesungen anzuuehmeo.

Am meisten berührt die Frage die Lehrer der Heilkunde. E» liegt nicht einem jeden Lehrer ob, einen «edictntschen Gegenstand bestimmter Art vor einer au» weiblichen uod männlichen Studtrenden bestehenden Hörerschast darzulegen. Zweckmäßig wären anatomische Präpariereurse eigen» für weibliche Mrdizinstudireode. Auch sonst sei e» nicht unbe­denklich, junge Mädchen und Jünglinge gemeinsam zu unter- richten. ES komme daraus an, die Psyche eine» jeden der beiden Geschlechter fich selbstständig entwickeln zu loffen. Weibische junge Männer find ebenso widerlich wie Btrogioe». Bieler spricht für die Errichtung von Frauenuoivrrfiiäten. Frauen lernen ander» als die Männer. Frauen erfaffen da» Gedächtmßwäßige leichter und haben eine stärkere Phantafie. Der Mann hingegen denkt strenger und faßt da» Ganze in» Auge. Wenn Frauen und Männer zusammen nnterwiesen

werden, wird der Unterricht leicht dem Bedürfoiffe der Fronen angepaßt und er ve'flacht.

Lebhaft trat Waldeher dann für die volk»thümlichen Hochschulcurse ein. Die Cuise sollen nicht von den Univrr- fitäten al» solchen eingerichtet werden- r» genüge, wenn die UniverfitäiSlehrer gemeinsam mit Lehrern anderer Hochschulen sich der Sache anuehmen. DaS ist in Berlin geschehen. 6» handle fich da uw eine lohnende Aufgabe. Der Handarbeiter wiffe dem Gelehrten reichlichen Dank, wenn er ihm die Er» gebntffe der Wiffenschaft übermittele.

Bon besonderem Jatereffe waren die letzten Ausführungen Waldeher». Sie gipfelten darin, daß der Staat auf Grund feines Rechts als der Erhalter der Univerfität das Selbst- verwaltungsrecht der Hochschulen eivzuschränken trachtet. Mehrere neuerliche Maßnahmen zielen dahin ab. Die einzelne Maßnahme mag wohl für ihren Theil nützlich sein- fie wirkt aber schädlich, insofern fie die Selbstverwaltung, rin Kleinod der Univerfitäten, eiufchränke. Laffen fich doch Stimmen ver­nehmen, die daS sagen, die Univerfitäten hätten zu viele Rechte. Ja seinem Schlußworte mahnte Waldeher die Studirenden, fich von der Politik fern zu halten. Politik zu treiben, sei nicht Sache des nicht erwerbsfähigen Studenten, sondern des reisen Mauve», der im praktischen Leben steht.

Deutscher Ueieh.

Berlin, 21. Oktober. DemBerl. Tagebl." zusolge ist von einem Entlassungsgesuch des Oberpräfideuten der Provinz Posen, Freiherrn v. Wilamowitz-Mölleu- dorff, an hiesiger unterrichteter Stelle nichts bekannt.

Berlin, 21. October. Major v. Wißmann, der be­kanntlich Ende Januar diese» Jahre» nach dem ihm noch unbekannten Gebiete von Deutsch-Südwestafrika abgereist ist, beabsichtigt seinen Aufenthalt dortselbst noch weiter au»zu- dehnen. Er wirb im Januar hierher zurückkehren.

Berlm, 21. October. Bei dem Expedienten de»Soeialtst", Albert Weidner, wurde gestern von Beamten der Berliner politischen Polizei eine Haussuchung abgehalteu. Die Polizei soll dort den aus Budapest auSgewieseuen Anarchisten Malaschitz, der fich nach Berlin gewandt hat, gesucht haben. Malaschitz wurde nicht gefunden. Er hat sich vor einigen Tagen hier ausgehalten, ist aber bereits nach dem Auslands abgereist. Auch in der Wohnung deS früheren Expedienten desSoeialist", Spohr, wurde nach Malaschitz geforscht.

Barmen, 21. Oeioder. Der Oberbürgermeister von Mühlhausen (Thür.), Dr. Leutze, wurde heute vormittag vou der Stadtverordnetenversammlung einstimmig zum Ober­bürgermeister von Barmen gewählt.

Osnabrück, 21. October. Der Bischof Höting ist auf einer Romreise in Venedig im Alter von 80 Jahren gestorben.

Feuilleton.

Zur Kinrveiyungsfeier nach Jerusalem, v.

Konstantinopel, 17. October 1898.

Da» war heute eme herbe Enttäuschung! Wie hatten mir nuS auf den Moment gefreut, wenn wir dem an un» vorüber in den Bosporus rinfahreuden Kaiserpaare unser jodelnde» Hurrah zurufen wollten, wie hatten unsere Herzen rischer geschlagen bei dem Gedanken an da» großartige schau- bitl, da» wir mit sollten erleben dürfen. Und nun war e» n.chts. Da» war bitter. Schon <« Laufe de» gestrigen Lage» wurde hier und da etwa» von einer Verspätung der kaiserlichen Gäste gemunkelt, e» wußte aber Niemand etwa» Bestimmtes, uud erst beim «bendschoppen wurde un» der Srnuß de» sonst so leckeren Glase» Münchener durch die von eingeweihter Stelle kommende Meldung g-trüdt, daß der Kaiser vorausfichtlich erst am Dienstag früh eintreffen werde, i« einer Zett also, die unsereBohemia- unmöglich ab- warten kann, wenn fie un» rechtzeitig nach Haifa und Jaffa bringen soll. Und wir hatten noch kurz vorher so lich geplaudert und vou bin Herren Diplomaten, die fich mit uns in dem deutschen Vierhause zusammengefuvden hatten, so viel Jntereffante» ersahren. E» betraf die Person dr» Sultan», vou der man fich im Abeodlande meist eine ganz falsche Vorstellung macht. Für uv» ist der Padischah wtittg mehr, al» der wehr oder weniger glücklich geschätzte Besitzer rtte» wohlaffortirtev Harem», und ich muß bekennen, daß

ich selbst von seinen Hrrrschertugevdrv eine recht geringe Meinung hatte, bi» ich gestern Abend eine» Brffereu belehrt wurde. Die Herren, die diplomatisch mit ihm zu arbeiten haben, halten ihn für einen sehr begabten, vorfichtigrn und thätigen Mann, der sein Land wirklich selbst regiert, sich um alle» persönlich bekümmert uud vielleicht BedeuteudeS erreichen würde, wenn ihm nicht die Häude gebunden wären. Auch die Vorbereitungen zum Empfang und für den Aufenthalt unsere» Kaiserpaare» hat der Salten persönlich überwacht und schon seit mehreren Wochen das für seine erlauchten Gäste im Y ldiz Palast errichtete Schlößchen alltäglich besucht, nm persönlich Anordnungen zu treffen. Die Baumeister und Decorateure sollen dabei manch schwere» Stündlein gehabt haben. Alles war dem Sultan für einen deutschen Kaiser und eine deutsche Kaiserin nicht gut uud glänzend genug uud man erzählt, daß einige Zimmer von Grund auf neu ans- gestattet werden mußten, nachdem fie bereit» vollständig fertig gewesen waren. Da» Schlößchen hat auch electrische ve- leuchtong, die sonst, ebenso wie da» Telephon, in Kon­stantinopel stark verpönt ist. Die Drähte für die Lettung waren zuerst über die Tapeeen hinweg gezogen wordrv. Al» aber der zum Besuche in Uildiz wellende Khedive neulich bei einer Befichtigung de» Schlößchen» den Sultan darauf auf- merk'am gemacht hatte, daß bei ihm in Kairo die Drähte stet» unter der Tapete gezogen zu werden pflegten, wurde sofort augeorduet, daß die Tapete wieder abgerissen und die Anlage nach ägyptische« Muster auSgeführt werden solle. Solcher Detail» wurden noch mehrere erzählt, ich will aber den Leser damtt nicht aufhalttu.