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23.9.1898 Zweites Blatt
 
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Freitag den 23. September

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Zweites Blatt

Nr. 223

Gießener Anzeiger

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General-Anzeiger

Aintr« und Anzeigeblutt fiir den Kreis Gietzen.

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'"TÄS.r* I GratlsLeilage: Gießener Familienblätter.

England und Frankreich am Nil.

Za Beginn diese» Jahre» waren die Be-trhavgen zwischen den Franzosen und den Engländern sehr gespannte- jeden Augenblick drohte in den Nigergegrndeu ein Zusammenstoß zwischen den beiderseitigen Truppen stattznfiodev. Die Eng- »Lader raffelten mit dem Säbel und wollten Frankreich nicht erlauben, sich an der Goldküste und in Lago» al» Herr auf. zusptelen. Besonder» um die Besetzung de» Orte» Nikki hatte stch ein heftiger Streit erhoben, al» eine französische Truppeoabtheilung von dem Platze Besitz genommen hatte, wogegen die Engländer protesttrtev, weil sie angeblich schon tm Jahre 1884 Nikki occupirt hatten, während bi» dahin noch kein Franzose da» Land besucht hatte. Die Pariser NegierungSkreise blieben gegenüber der englischen Erregung sehr kühl, und so glätteten sich denn auch schließlich die Wogen, um vernünsrtger Ueberlcgung Platz zu machen, welcher in einer zu Part» adgehalten Lonferenz ihren Aus« druck fand.

Schon bei Besprechung de» Stege» der Engläader über den Mahdi bet Omdurman haben wtr darauf hingewtesen, baß der Zeitpunkt nicht fern sei, in welchem England durch Frankreich ueuerding» cm die Räumung Aeghpteu» erinnert werden würde. Wenn die» auch bt»her noch nicht geschehen ist, so hat Frankreich seinem Rivalen doch auf andere Weise wieder gezeigt, daß e» sich seine Rechte am oberen Nil in tdner Weise streitig machen lasten wolle. Streifende englisch» ägyptische Truppen haben in Faschoda am oberen Ntl eine französische Besatzung gefunden, und man oermuthet, daß e» die Expedition Marchand» war, über deren Schicksal schon so oft beunruhigende Meldungen verbreitet wurden. Freilich heißt e» jetzt, die Franzosen wollten Faschoda räumen, weil sie vorläufig einen Eoufliet mit den Engländern vermeiden wollten, aber damit ist noch ketne»weg» gesagt, daß fie irgend welche Rechte an oberen Ntl aufgeden werden.

Die Expedition Marchand» soll angeblich keinen osficiellen Eharacter haben, und dr»halb können die Franzosen um so eber klein betgeben. E» wüsten Gründe gewichtiger Natur sein, welche fie zu der versöhnlichen und entgegenkommenden Haltung verauloffen. Sie halten wohl den gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht für geeignet, um die Bombe zum Platzen zu bringen. Ist e» die jetzige innerpolitische Krtfi», welche die leitenden Staatsmänner Frankreich» zur Nachgiebigkeit teweget? Aber gerade innere Krisen find doch für Frank- reich vielfach da» leitende Motiv gewesen, sich nach außen zu engagtren I Oder sollte etwa die Friedensbotschaft deS Zaren eine derartige Wirkung au»geübt haben? Zur Zeit scheinen thatsächlich die Beziehungen zwischen Frankreich und England

ungetrübte zn sein, wenigsten» ist dir» au» der Ausnahme, welche der Herzog von Lounaught In Pari» gefunden hat, zn schließen. Aber auf die Dauer wird die Herzlichkeit nicht sein, denn e» werden fich immer wieder Dlfferenzpunkte finden, bet denen fich die beiderseitigen Jntereffen schwer unter etnm Hut bringen lasten, umsomehr al» weder Frank» reich» noch England» Rechte am oberen Nil nnzwrtfelhafte find und e» nicht ausgeschlossen ist, daß, wenn England fich in jenen Gegenden etwa al» Beauftragte de» Khedtven be­trachtet, Frankreich die erste Gelegenheit wahrnimwt, um die Räumung Aegypten» in Fluß zu bringen. England dürfte aber kaum jemal» freiwillig da» gelobte Land verlassen.

(xx)

Deutsches Reich.

Berlin, 21. September. Tine Umgestaltung de» Beamtenwesen» der preußischen Staat-eisenbahuen soll, wie ein Berichterstatter meldet, demnächst tu der Weise er­folgen, daß nicht nur die Beamten de» äußeren Dienste» denen de» tnnern gleichgestellt werden, sondern überhaupt der Unterschied zwischen inneren und äußeren Beamten Weg­fällen soll.

Berlin, 21. September. Da» Reich»gericht verwarf gestern die Revision der im ersten Theil de» Grünthal» Proeesse» zu neun Monaten Gefängniß verurthetlten Frau Eng, während da» Urthetl gegen Elli Goltz, welche» auf drei Monate Gefängniß lautete, aufgehoben wurde.

Berlin, 21. September. Osficiös wird die Meldung bemeutirt, daß ein Gesetzentwurf zur Errichtung eine» besonderen Rechnungshöfe» für da» Reich vor­bereitet werde.

Kattowitz, 21. September. Auf der AntouieuhÜtte, DonnerSmarkhÜtte, Zinkhütte und Hugohütte striken die ganze Belegschaft. Die Bergleute fordern Lohn- erhühung.___________________________________

AusUrud.

Wien, 21. September. Da»Vaterland" fordert in einem längeren Leitartikel die Regierung zu Reformen aller Lehrerbildungsanstalten in elericalrm Sinne auf, weil dieselben angeblich nicht wehr das leisten, was fie leisten sollen. Tüchtige, wahrhaft religiös gebildete Lehrer seien der wirksamste Schutz gegen den für Staat und Kirche gefährlichen SocialtSmuS.

Budapest, 21. September. Die oppositionellen Fracttonen beschlossen, in der «uSgletchSsrage den Kampf gegen daS Ministerium Banffh energisch weiter zu führen.

Budapest, 21. September. Der Ort Mihalyhaza, welcher auS 200 Häusern besteht, ist vollständig ntederge- brannt. Sech» Männer und 24 Kinder find in de« Flammen uwgekommen.

Aeicheuberg, 21. September. Durch ihre DemonstratioR erzwangen die österretchisen Arbeiter die Arbeits­niederlegung am Bahnbau Reichenderg-Teplitz tm Christophgrunde. Die beichästigten Italiener reisten auS Furcht in ihre Hrimath ab. Die Ruhe ist wieder hergestellt.

Triest,21. September. Mehrere italienische Fischer- barken, deren Insassen unweit Santa Eruz fischen wollten, wurden von slowenischen Bauern mit Flintenschüssen bedroht. Die Fischer flüchteten und erhoben Beschwerde beim italienischen Lonsul. Eine Untersuchung ist etngrleitet.

Paris, 21. September.Petite Röpublique" bringt interessante Einzelheiten über die Haltung Eavaignac» gegenüber der Revision. Eavaignac hatte Brisson von seinem Plane, die Rev'fioaSfreunde verhaften zu lassen, be­nachrichtigt, wurde jedoch von Brisson energisch abgewtrsm. Brisson unterrichtete sosort den Präsidenten Faure von de» Auftreten Eavaignac» und erklärte dem Präfideuteu, wen« Eavaignac nicht von seinem Vorhaben abstehe, so werde er, Brisson, demiffioniren und seine Dewisfion vor dem Volke begründen. ES gelang Faure, hieraufhin Eavaignac zu be­stimmen, sein Vorhaben aufzugeben.

Pari», 21. September. Die Socialtstrn erklären in ihrem Hauptorgan, derPettte RLpubl'que", und imRappels daß die französische Armee in dem Eoufliet mit Eng­land wegen der Ntgerfrage ihr »lut nicht vergieße« werde.

Brüssel, 21. September. In der Ortschaft Bouffu fand eine Versammlung der socialisttscheu Parteiführer statt, welche die Einberufung eines außerordentlichen BergmannS-Longrrffe» zum 2. October beschlossen. Auf diesem Songreß soll ein allgemeiner Ausstand für den 15. October proclamirt werden, wenn bis dahin keine der verlangten Lohnerhöhungen bewilligt worden fei. Dir BergwerkSleitung lehnt bi» jetzt jede Lohnerhöhung ab.

London, 21. September. Der Dampfer de» norddeut­schen LloydKaiser Wilhelm der Große" ist in South- hampton mit schadhafter Schraube au» New-Uork rin- getroffen. Er wurde sofort in ein Trockendock gebracht. Die Paffagiere für Bremen haben auf einem anderen Dampfer die Fahrt fortgesetzt.

London, 21. September. Da» BlattLondon Morning" i veröffentlicht eine sensationelle Meldung über di»

FeuMeto«.

Des Reservisten Keimkehr.

von Ludwig Malgow.

(Nachdruck verboten.)

Mütterchen hat bereit» den ganzen laugen vormittag am glühenden Herdfeuer in der Küche gestanden, um ihre« Erstgeborenen nach zweijähriger Heimkehr tnS Vaterhaus sein Leibgericht zu bereiten. Die beiden halberwachseuenen Töchter haben ihr dabei redlich geholfen. Die Wangen der beiden bildhübschen Backfische glänzen, al» ob fie mit Schmalz ein- geschmiert worden wären, und ihr sonst schon nicht al» ruhig bekannte» Mundwerk will heute gar nicht stille stehen. Selbst Karo, der alle Haushund, knurrt mit sichtlichem Vergnügen und bewacht, ganz in eulinarischen Gedanken versunken, die ihm vorgeworfenen Suppevfletschkaochen als besonder Delteatrffe deS TageS.---

---Zwei lauge, bange Jahre find es nun her, daß Erich, der älteste und einzige Junge, zur Fahne hinaus- zog, um im Rocke des Königs feine» Vaterlande zu dienen und fich und seinen Angehörigen Ehre zu machen. Damals hatten den Davonziehevden die Segenswünsche der Eltern und Geschwister begleitet und der alte, schon seit Jahren kränkliche Vater harte ihm noch einenZehrgroschea^ in die Hand gedrückt.

Dort in der Garuisoostadt begann daun ein neues, buntes Leben vor den Augen deS weltfremden Dorffchullehrer- fohnes. Reue Begriffe und neue Vorstellungen hatten bald die alten Erinnerungen verschoben und verdrängt und ihm den Inbegriff seiner früheren Welt zn eine« lächerlichen und höchst unbedeutende« Nichts zusammenschrnwpfen lassen.

Dann kam jener'e Weihnachtsabend mit der Nachricht von de« schlechten Zustand deS Vater».

Der Hauptmann hatte den stets diensteifrigen und pünkt- ltcheu jungen Manu nach Kräften zu trösten gesucht und ihm auch trotz seiner erst geringen Dienstzeit den gewünschten Urlaub gewährt ... ES war eine endlose, schlaflose Bahn­fahrt mit gräßlichem Wetter gewesen.

Mit Thränen wurde seine Ankunft begrüßt. Der Vater lag im Fieber und erkannte feinen Sohn nicht wehr.

Langsam und eintönig schlichen die drei freien Tage da­hin. Der Zustand des Vater» hatte fich um nicht» gebessert.

Täglich brkam er Nachricht über da» Befinden de» alten Manne», bi» nach kaum vierzehn Tagen jene» Telegramm eintraf, da» vom Ableben des Vater» berichtete.

Nun wurden die Briefe au» der Heimath immrr seltener nud in jede« neuen Schreiben «achte fich ein häßlicher Mihton immer bemerkbarer, der zwar nicht» von jener bitteren Armuth erzählte, die inzwischen in» Elternhaus ein- gezogen war, aber dennoch den ganzen furchtbaren Jammer durchblicken und ahnen ließ.

Mit einem Male war alle Freude an dem bunten und lustigen Leben der Garnisonstadt für unseren Rekruten vor- über und nur die graue, eisige Zukunft glotzte ih« feindlich und unbarmherzig entgegen. ~

Tag um Tag wurde gezählt und Stunde um Stunde, bis die erlösende Freiheit kommen würde. Tausend Gedanken und Pläne wurden in de« unruhigen Menfchenhirn hin und hergrwälzt, um irgend eine Möglichkeit zu schaffen, wodurch fich die verhältniffe seiner Angehörigen daheim heben würden. t .

Aber zu» Schluß blieb daun imwer nur daS eine übng: Abwarten und daun arbettenl---

___So gingen die Tage dahin. Daun war die Zett hermu. AuS den MannfchaftSstuben der «aserue und aus den Bierlocalrn der Straße tönte imwer nur tta und dasselbe:

Drum Brüder stoßt die Gläser an, Er lebe der Reservewauul Wer treu gedient hat seine Zeit, Dew sei dies volle GlaS geweiht!

Ihn rührte es nicht. Für ihn gab es nur eine Losung: Nach der Heimath! Zu der Mutter und den Schwestern!

Eine lauge, staubige Landstraße mit zwei schnurgeraden Rethen alter Kastauieubäume. Hin und wieder ein grellweißer Meilenstein uod in den Straßengräben »oth- braune faulende Blätterhoufen. E» ist Herbst. Dir Spät- septembersonne vermag nicht dnrch den grauen Dunst de» MorgennrbrlS htndurchzudringen. Der Himmel hängt ver­schwommen und verschleiert und nur hin und wieder beleben ein paar hungrig krächzende Krähen, die stch schwarz gegen den grauen Horizont adzeichuen, die Landschaft.

Hinten in eine« blauen Dunst liegt daS Dorf inmitten mächtiger alter Linden. Die Sirchthurmfpitze lugt keck au» dem dunklen Schwarzgrün der buschigen Bäume hervor. Hl« und wieder noch ein rothe» Ziegeldach, ein weißgetünchter Häusergtebel oder bläulicher Rauch au» eine« niederen Schornstein . . .

vom Dorfe her kommen zwei junge Mädchen. Sie schreiten mit elastischen Schritten rastlo» vorwärts- «ur manchmal lauschen fie hinaus in den feuchten September­morgen.

Ob er wohl heute auch kommen »heb?*

Er hat doch geschrieben 1*

Daun ist e» wieder still und die Beiden wechseln Wetter kein Wort. Inzwischen ist dir Sonne immer höher am öst­lichen Himmel gestiegen. Der Nebel zerthellt fich, und die gelbbraunen Stoppelfelder liegen nun eintönig und langwellig zu beiden Seiten des Weges.

Eine Kette verspäteter Störche streicht hoch oben lautlos durch das graublane Luftmeer. Dann tönt es ganz Hinte«