Nr. 223
Erstes Blatt
Freitag den 23. September
1808
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Amts- und Airzeigeblatt für den Tkreis Giefzen
Gratisbeilage: Gießener Familienblätter
Die Grundsteinlegung zum Landesdeukmal
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für weiland (tzrotzherzog Ludwig IV. Königliche Hoheit.
Darmstadt, 21. September 1898.
Heller Herbstsonnenschein überfluthete den Paradeplatz, wo heute Vormittag 11 Uhr in einfach.schlichtem Acte vor einem kleinen Kreise Eingeladener: Vertreter de» hohen Londesherrn, dem Herrn Staat-Minister, den Spitzen der Provinz-, Kreis- und Stadtbehördrn, Mitglieder des ComitLs, Bauleitung und Bauleuten, die Grundsteinlegung von statten ging. Ueber dem Fundamentbau erblickte man auf entsprechend ausgeziertem Postament und von reichem Pflanzen- und Fahnenschmuck umgeben die Büste des verewigten Fürsten. Namen» der Bauleute sprach zunächst Herr Parlier H e r z folgenden Spruch:
Ehe wir nun den Stein verhüllen Und vermauern fest und dicht, Lostet un6 zuvor erfüllen Eine theure heil'ge Pflicht. Denkt doch Jeder gern Seines Landesherrn, Den die schönsten Würden schmücken, Rechtthun, Milde und Beglücken.
Namen» der Bauleitung ergriff Herr Architect Stadtv. Müller das Wort, um den Anwesenden, insbesondere dem Präfidenten des Denkmal Comitä», Sr. Durch!. Fürst zu Ufenburg-Büdingen, wärmsten Dank für ihr Erscheinen zu sagen und daran den Wunsch zu knüpfen, daß der weitere Aufbau der Werke« von gleichem guten Geschick begleitet sein möge, wie es den Vorarbeiten beschicken war. Redner überlieferte Sr. Durchlaucht den Fundamentbau mit der Bitte, die Schließung des Grundstein» zu vollziehen und schloß seine Ansprache, indem er wünschte, daß der Inhalt de» Grundstein» kommenden Geschlechtern verkünden möge, wie sehr da» hrsfische Volk seinen erhabenen Landessürsten geliebt und geehrt hat.
Ee. Durchlaucht der Fürst sprach dem Bauleiter und den Arbeitern für ihre Thütigkett verdienten Dank aus und bat den I. Schriftführer des Comitös, Herrn Geh. Negierung«, rath Haa«, die in den Grundstein zu legende Urkunde zu verlesen, was danach geschah. (Den Wortlaut der Denkmals- Urkunde haben wir gestern bereits mitgetheilt.)
Die Urkunde wurde nebst den anderen hierfür bestimmten Objecten in eine kupferne Casette eingelegt und diese von Herrn Spenglermeister Rockel verlötet und sodann in den Grundstein eingesetzt. Die üblichen drei Hammerschläge thaten hiernach mit folgenden Worten:
Se. Durchlaucht Fürst zu Ysenburg-Büdingen: Dem Großherzog, Dem Feldherrn, Dem treuen Freund.
Herr Justizrath Dr. Weber: Au« Liebe, In Treue, Dem weisen und gerechten Fürsten.
Herr Geh. Regierungsrath Haä«: Möge die« Denkmal al« Zeichen der Volksdankbarkett und der dauernden Ehrung de» Verewigten bestehen ad saecula eaeculomm!
Herr Staatsminister Rothe Excellenz: Da« Gedächtniß de» Gerechten bleibet im Segen.
Herr Geh. Regierung»rath Haas — für Herrn Oberst- hofmarfchall v. Westerweller Excellenz: Treue und Dank- barkeit erlöschen nie.
Herr Justizrath vr. Weber — für Herrn General- lieutenant Wern her Excellenz denselben Spruch.
Herr Geheimerath v. Marquard: Dem Fürsten zur Ehre, dem Volke zum Beispiel, der Stadt zur Zierde!
Herr Oberbürgermeister Morneweg: In Treue fest.
Herr Architect Müller: In Gotte« Schutz, Dem Hesienland zur Freude!
Damit hatte die würdige Feier, die in schönster Weise für die Enthüllungsfeier vorbereitete, ihren Abschluß erreicht.
Deutsches Reich.
Berlin, 21. September. Der Kaiser hörte in Jagdschloß HubenuSstock heute Vormittag die Vorträge de» Ehef» de» Civil-EabiuetS, vr. v. Lucanu», und de» Ehes» de» Marine-Ladinet», Frelherru v. Senden-Bibran.
Berlin, 21. September. Der Sriminal Eomrniffar a. D. und Dirrcror de« Detecriv-Jnstitut» Greif, Egon Grütz- wacher, wurde in dem Augenblick, oll er feine Wohnung vrrlafien wollte, auf Grund einer Anzeige wegen Meineid durch einen Eriminalbeamtru verhaftet.
Berlin, 21. September. Die deutschen Postuoter- beamten wollen sich auch in diese« Jahre mit einer Petition an den Reichstag wenden, um ihre Lage zu verbrffern. E« wird u. A. gewünscht: die Beseitigung der
durch Erschließung bester dotirter Stellen au befähigte Kräfte, Anrechnung der Militärzeit bei Militär Anwärtern al« Diätare, Fortgewährung der Invaliditäts-Pension an im Uaterbeamteu- dienst angestrllte MtlitäraowSrter, Reform de» Strafverfahren» und Zubilligung de» Prädicat» ,£en* au Unterbeamte be Zustellung amtlicher Schriftstücke.
Berlin, 21. September. Der bekannte Schriftsteller Theodor Fontane ist gestern Abend im 79. Lebensjahre infolge eines Herzschlages plötzlich gestorben.
Berlin, 21. S'ptember. Palästiuareife des Kaisers. Bet der E nwethungSfeier der Erlöser! rche in Jerusalem werden, wie die ,TSgl. Rundschau" hört, sämmt- liche Würdenträger der in der heiligen Stadt vertteteuen christlichen Religionsgemeinschaften, namentlich der in besonderem Ansehen stehenden drei griechischen, der armenischen und der römisch katholischen, in vollem Ornat zugegen sein. Damit tritt die deutsch-evangelische Gemeinde zum ersten Male in die Reihe der in Jerusalem angesehenen christlichen ReligionSgevoffevschaften. Noch nach der Wiederaufrichtung deS neuen deutschen Reiches im Anfang der fiebzigrr Jahre war e» den deutschen Protestanten nur gestattet, zu ihre« Gottesdienst einen um den anderen Sonntag de» Nachmittags eine Capelle zu benutzen, die der englischen Judenrnisfion gehörte. Nach dem damaligen Abkommen wurde von England und Preußen abwechselnd ein evangelischer Bischof eingesetzt. Erst in den achtziger Jahren wurde dieses Berhältniß gelöst und dir deutsch-evangelische Gemeinde in Jerusalem selbstständig gemach', die nun in der mit ihrem stattlichen Thurm alle umliegenden Kuppeln hoch überragende Erlöserkirch'. auch ihr eigene« würdige« Gotteshaus erhält. — Von unterrichteter Seite gehen der R." noch die folgenden Mittheilungen zu: Der Kaiser, die Kaiserin, Hofdamen, Hausbeamte, militärische Umgebung und persönliche Bedienung werden zusammen eine Gesellschaft von etwa hundert Personen darstellen. Die Geistlichkeit, die zur Theilnahme au den Liuweihung-.Feierlichkeiten tu Jerusalem eingeladen ist, ist dabei nicht eingeschloffen- diese Herren reisen ,sür eigene Rechnung und Sesahr", und erst in der heiligen Stadt selbst werden fie de« KatserS Gäste sein. UebrigenS ist die weit verbreitete Annahme, daß die ganze kaiserliche Reise von Berlin nach Jerusalem vom Hause Look geleitet wird, irrig. Auf europäischem Boden reist da» Kaiserpaar unter eigener Regie und in Afirn tritt Look» Thätigkeit erst ein, wenn gelandet wird. Unser Kaiserpaar wird, wie der „Ronf." ersähet, bei der Ankunft in Palästina von deutschen Ehreu- juugfrauen empfangen werden. Die weißen Gewänder, welche fie bei dieser Gelegenheit tragen, werden augenblicklich in einem Magdeburger Geschäft angefertigt.
Berlin, 21. September. Ueber das deut sch. eng- lisch» Abkommen schreibt die »Tägl. Rundschau". Alle Nachrichten, die bi» jetzt über den Vertrag durchfickeru, wiffen nur von englischen Erfolgen und deutschen Zugeständnissen zu melden- worin nun eigentlich die Gegenleistungen bestehen, läßt sich nicht i« Entferntesten ahnen. In einer Besprechung der Stellung der Mächte in Afrika, namentlich in Beziehung znm Kongostaat und dem zu Fall gekommenen englisch kongolesischen Vertrag von 1894 heißt e« „Aus London kommt die Nachricht, Deutschland habe sich damit einverstanden erklärt, daß der Vertrag von 1894 auch in dem Theile wieder hergestellt werde, der auf den Einspruch Deutschland« damals beseitigt wurde. Bekanntlich wollte England einen Gebiet«- streifen von 25 Kilometer längs der Westgrenze von Deutsch- Ostafrika pachten, um einen Urberlandtelegrophen durchzulegen. L. Rhode« hat nun den Ban diese« Telegraphen soweit fortgesetzt, daß er binnen Kurzem den Tanganjika erreichen wird, auch find die Verhandlungen mit der Kongo- regierung Über die Durchführung der Telegraphenlinte durch den Kongoflaat nördlich vom Tanganjika nicht abgebrochen worden- man suchte nur nach einer Form der AussÜhruog, gegen die Deutschland keinen Einspruch erheben könnte. Nunmehr berichten englische Blätter, Deutschland habe mit dem neuen Abkommen sich auch geneigt gezeigt, England sogar in Bezug auf den Eisenbahnban durch den Kongostaat eugegen- zukommen. Die Legung de« Telegraphen wird nicht erwähnt, sondern scheint schon al« selbstverständlich angesehen zu werden, vorläufig läßt fich noch nicht feststellen, wie weit fich diese Bermuthungen bestätigen, doch geht au« ihnen hervor, welch' weitgehende Pläne man in England an da« Zusammengehen mit Deutschland knüpft. Ebenso ist e« bernerkenSwerth, wie fest die Engländer ihre Abfichten halten und wie auch die Belgier ihre Pläne hartnäckig durchführen.
— Soeialdemokratie und Schnlaufficht. Der anläßlich de« „Falls Singer" vielbesprochene Erlaß de« EultuSrninisterS über die Nichtbestätigung von Angehörigen der socialdemokratischen Partei al« Mitglieder von Schul- Deputationen oder Schulvorständen, hat folgenden Wortlaut: Neuere Vorkommnisse veranlaffen mich, die königliche Regierung darauf aufmerksam zu machen, daß Personen, welche der socialdemokratischen Partei angehören oder fich als Anhänger und Förderer derselben betätigen, weder in städtische Schuldeputationen noch auch in Schulvorstände al« Mitglieder eintreten dürfen. Die Thätigkeit der Schulvorstände sowohl wie der Schuldeputationen beruht auf einer ^Übertragung obrigkeitlicher Befugnisse und erstreckt fich nicht nur auf äußere, sondern auch auf innere Angelegenheiten de« Schulwesen«. Insbesondere find den städtischen Schuldeputationrn neben der Verwaltung be« städtischen Schulwesen« wesentliche staatliche Ausficht«rechte über die Schulen und die Lehrpersonen ihre« Bereiche« übertragen. Die« hat zur Voraussetzung, daß die einzelnen Mitglieder der Schuldeputation im Staube unb bereit finb, zur Ersülluug der Aufgaben ber preußischen Volksschule mitzuwirken. Gemäß ihren Amt«, pflichten haben fie baher gewissenhaft dahin zu streben unb dasür zu sorgen, baß bte Heranwachsende Jugend nicht nur in den für ba« bürgerliche Leben nöthigeu allgemeinen Kennt- niffen unb Fertigkeiten unterwiesen, sondern auch zu gotteS- sürchtigen, fittlicheu unb vaterlandsliebenden Menschen erzogen werbe. Die soc'aldemokratische Partei erstrebt auS- gesprochenermahen bte Beseitigung ber bestehenben staatlichen unb gesellschaftlichen Ordnung. Schon daraus ergiebt sich folgerichtig, daß ihren Mitgliedern bte Wahrnehmung obrigkeitlicher Befugnisse von Staats wegen nicht anvertraut werben kann. Sie steht nach ihren programmatischen Kunb- gebuugen in einen grunbsätzlichen Gegensatz zu den Ausgaben der preußischen Volksschule. Daraus solgt, baß ihren An- Hangern die zur Mitwirkung bei ber Ersülluug dieser Ausgaben ersorderlichen Eigenschaften abgehen unb daß fie als Mitglieder einer städtischen Schuldeputation oder eines Schulvorstandes nicht zugelaffen werden können. Der königlichen Regierung mache ich daher zur Pflicht, vorkommendenfalls der Wahl derartiger Personen zu Mitgliedern von städtischen Schuldeputationen ober Schulvorstänbeu von TchulausfichtS wegen bte Bestätigung zu versagen unb bte nachgeorbneten, zur Mitwirkung bei ber Bestätigung ober zur selbstständigen Ausübung des BestätigungSrechteS berufenen Behörden unb Beamten alSbalb mit entsprechender Weisung zu versehen."
— Professor Schweninger hat der Nachricht gegenüber, e« sei ein amtlicher Bericht von ihm über bte letzte Krankheit Bismarcks zu erwarten, ben Wiener Docenten Weiß ermächtigt, zu veröffentlichen, bte Abfassung und Veröffentlichung einer Ktankengeschichle werbe nur bann erfolgen, wenn bte Familie BtSmarck ober gar der Kaiser e» wünschen sollten. Zur Zeit bestehen noch dieselben Gründe, die Schweninger früher in dieser Frage znm Stillschweigen bewogen.
— Pariser Welt-AuSstellung. Die Arbeiten an ber beutschen Abthetlung ber Pariser Weltausstellung 1900 werben im ReichScommiffariat eifrigst weiter gefördert. Wie bte R." hört, steht ber RetchScommiffar Geh. Reg.- Rath Dr. Richter gegenwärtig in Unterhandlung mit ben französischen Behörden über ben Deutschland zuzuweisenben Platz für bie Ausstellung in Vincennes. Hier beabsichtigen nämlich bie Franzofen, eine bewegliche Ausstellung zu ver- anstatten, auf welcher EisenbahazÜge^ Fahrräder, Selbstfahrer u. s. w. auch erprobt werben sollen. Die deutsche Eisenbahn-Abtheilung, ebenso wie die Fahrrad- und Motor- Wagen'Abtheilung werden nach Vincennes gelegt werden. Es handelt fich jetzt nur noch darum, den nöthigeu Platz zu erhalten. Des Weiteten ist eine genaue Zuteilung des Platze» für bie Kunst-, für bie Hygiene- nab für bie HanbelSmarine- «btheilung noch nicht erfolgt. In allen brei Punkten vertritt Deutfchlaub große Jntereffen. Nach den Aeußerungen franzöfischer Blätter ist ber Kunst im Ganzen wohl nicht btejentge Berücksichtigung bezüglich be» Platze» zu Theil geworben, bie man für fie hätte wünschen rnüffen. Wa« bte Handelsmarine betrifft, so wirb Deutschland schon auf bet Zuweisung einet würdigen Platzes bestehen müssen, weil e» bte größten Gesellschaften ber Welt auf biesem Gebiete besitzt. Dem Vernehmen nach wirb fich ber RetchScommiffar Anfang» October »lebet nach Pari« begeben, um auch bte letzten verhanblungen wegen bet Platzsragen abzuschlteßen.
Btirttgart 21. September. Der erst vor zwei Monaten gewählte Bischof von Rottenburg, Dr. v. Linsen- mann, ist an einem Herzschläge gestorben.


