1898
Samstaa den 23. April
Zweites Blatt.
Nr. 94
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Die Anstellung von zwei Assistentinnen für den Fabrik- aufficht»die«st gegen Remuneration bt- zu 2000 W. steht vom 1. Juni d. I. ab in Aa-ficht.
Bewerbungen mit selbstgeschriebenem LrbeuSlauf, welchem Zrugniffe über seitherige Tbätigkcit In ähnlicher -Stellung betzufügen find, find bi« -um 9. Mat d. I. hierher za richten.
Darmstadt, den 12. April 1898.
Großherzogliche« Ministerium de- Innern.
Gießen, den 21. April 1898.
Betreffend: Darstellung über den Zustand der Volk«- schulen im Kreise Stehen tu den Schuljahren 1895/96, 1896/97 und 1897/98.
Die
Grohh. Kreis-Schulcommisfion Giehen
au die Schulvorstände des Kreises.
Soweit Ste noch tm Rückstände find, erinnern wir Sie wiederholt in sofortige Erledigung der Verfügung vom 2. l. Mt». — Anzeiger Nr. 80.
v. Gagern.________________
Sitzung der? Stadtverordnete«
am 21. April 1898.
Anwesend: Herr Oberbürgermeister Guauth, die Herren Beigeordneten Srüueberg, Georgi und Wolff, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Adami, Brück, Emmeliu-, Faber, Flett, Dr. Gaffkh, Habenicht, Haubach, Helsrtch, Hehligenstädt, Homberger, Jughardt, Keller, Kirch, Löber, Loos, Petri, Dr. Ploch, Scheel, Schiele, Dr. Thaer *nb Wallenfels.
Der heutigen Versammlung ging eine einfache, würdige Feierlichkeit voran»- fie galt Herrn Stadtverordneten Homberg er, der mit dem heutigen Tage auf eine 25jährige
Thätigkeit al» Stadtverordneter zurückblicken kann. Bor dem | Platze de» Jubilar» stand eine von der Stadt gewidmete silberne Jardiniöre mit Widmungsinschrift, mit herrlichen Blumen gefüllt. Nachdem da» ziemlich vollzählig erschienene Collegium Platz genommen, wurde Herr Homberger von Herrn Betgeord. Wolff in den Sitzungssaal geleitet, worauf Herr Oberbürgermeister Guauth etue Aosprache hielt. Die Blumen auf dem Platze de» Herrn Homberger sollten zum Au»druck bringen, bah die Versammlung eine» seltenen Eretgmffe» gedenken wolle. Er begrühte Herrn Homberger, welcher vor nunmehr 25 Jahren in den damaligen Gemeinderath eintrat und seitdem immer wiedergewählt wurde. Solch lauge Amtszeit sei selten, da in der Regel nur gereifte« Manner zum Amt eine» Stadtverordneten berufen würden und dieselben sich tm Gemeinde- dteuste rasch verbrauchten und anderen Kräften Platz wachen mühten. Die Versammlung begrühe den Jubilar al» Senior sowohl dem Alter wie der Amtszeit nach, deffen erste Wahl vor Erlah der Städteorduuug unter dem Zeichen einer neuen Zett vollzogen wurde, bi» an die Stelle der alten Gemeinde- Vertretung die neue Städteverwaltung auf Grund einer neuen Städteordoung trat. Jene Ersatzwahl sollte der Verwaltung frische« Blut zuführen, und die Folge zeigte, daß die Stadt einen guten Griff gethau. Herrn Homberger» Erfahrungen, sein ölff en und feine Arbeitskraft hätten fich bewährt, seine Stellung an der Spitze der israelitischen ReltgiooSgemeiude habe tu hohem Maße betgetrageu zu« Ausgleich zwischen allen GlaubenSrtchtuugeu - seine Treue und Zuverläsfigkeit lieh Herrn Homberger nur bet, erfreulicher Wetse selten eingetretenen,Krank- heitSfällea oder tu Abhaltung durch dringende Berufsgeschäfte eine S tzuug versäumen, er könne zurückschauev auf eine reiche Fülle geleisteter Arbeit. Er danke zunächst Herr» Hom- berger al« Bürgermeister, der auf die Mitwirkung der Stadtverordneten angewiesen sei, und halte fich daun für ermächtigt, Namen» der Stadt feierlich Herrn Homberger Dank zu sagen für feine Pflichterfüllung. Zum Zeichen diese» Danke» lade er die Herren Stadtverordneten ein, fich von ihren Plätzen zu erheben. — Herr Homberger nahm h eraus das Wort, um seinen tiefempfundenen Dank für die ihm gewordene Ehrung auszudrücken. Da», wa» ihm zuge- schrieben, babe er nicht immer allein gethan und wäre auch nicht im Stande gewesen zu Leistung«.«, wie ste erfolgt seien,
ohne werkthätige und liebevolle Mitwirkung der Herr« Collegen. Als er durch da» vertrauen seiner Mitbürger vor 25 Jahren in die städtische Verwaltung berufen wurde, worüber er fich gefreut, habe er fich allerding» mit großer Liebe dem ihm übertragenen Amt gewidmet, bestrebt mit seinen Collegen alle» das für die Stadt zu erreichen, wa» ihr zum Wohle gereiche. Die» sei in vollem Mähe gelungen, da Einblick in die Entwickelung de» städtischen Gemeinwesen» bestätige die». Damal» sei die Stadt Giehen noch klein gewesen, hnttr sei fie fast dreimal so groh und in ihren Einrichtungen u»d Jnstitutioueu so vollkommen, dah fie ihren Schwesterstädtea nicht nur an die Sette gestellt werden könne, sondern hervor- ragend erwähnt werden dürfe. Die Entwickelung der Stade sei in erster Linie den hohen und höchsten Behörden zu danken, welche e» fich zur Aufgabe machten, alle» Gute für die Stadt zu erreichen, insbesondere die Veredelung der Jugend, da» Wohlergehen der Bürgerschaft, und auch Denjenigen, die M selbstloser, opferwilliger Weise der Stadt ihre gute Gesinnung nicht nur durch Worte, sondern auch durch Werkthätigkeit entgegengebracht; die» möchte er damit in Aller Namen an»- sprechen. Er gedenke dabei auch Derjenigen, die in der schönsten Weise in früherer Zeit ihre Muwirkang zu« Wohl, der Stadt bethätigt, die aber leider ihr Wirken nicht voll«- den konnten, e» seien die Collegen, die durch den Tod ihre« Wirken eutriffen wurden- er möchte da» Andenken an die- selben wahren und bitte deshalb, zum Andenken an diese Mitarbeiter fich zu erheben. (Geschieht). Er schliehe tat innigsten Wunsch an, dah die liebe Vaterstadt auch in tat folgenden Decennieu in gleichem oder gröberen Mähe an der bisherigen guten Entwickelung betheiligt sein wöge und fich -um Glück und Gedeihen bt» Gemeindewesens weiter an»- baue. — Herr Oberbürgermeister G n a u t h bemerkte hiercmf, dah ihr Fehlen in heutiger Sitzung unter dem Ausdruck ihrer Glückwünsche entschuldigt hätten, die Herren Grünewald, Dr. Gutfl'.isch, Dr. Schäfer und Schwall- Herr Heichelheim habe telegraphisch seine Glückwünsche übermittelt. — Herr Homberger dankte hierauf auch den obengenannten Her»« Stadtverordneten für die ihm gewordene Ehrung.
Hierauf wurde in die Verhandlungen eingetreteu und zunächst vom Herrn Oberbürgermeister einige Mtttheilunge« über die beendigte Festsetzung der Commuvalfteuereapitali«
Fcriilleton.
Wer Aedaclions- Maikäfer.
Humoreske von Adolf Lindemann.
(Nachdruck verboten.)
Da fitze ich nun iw RedactionSzimmer und soll Local arlüel für mein Blatt schreiben. Ja, wenn da» so leicht wäre! Wa» pasfirt in so einem Neste denn eigentlich? Und bieten muh man den Lesern doch auch etwa»!
Ich sage Lesern, denn Abonnenten kann ich nicht sagen DaS von mir rebigtne Blatt existtrt gerade volle drei Wochen und hatte dawal» eine oachwetSiiche «bouuenteuzahl von gerate einem zahlenden Abonnenten. Die übrigen Leser de- standen au» demjenigen Publikum, da» der Anficht ist, dah so lange ihnen daS Blatt zur Anficht gratis in» Hau» gesandt wird, e» auf dasselbe nicht zu abonniren brauch», und wenn der Verleger der Meinung ist, daß daS Blatt dem Publikum so lange grati» zur Probe gesandt werden muß, di» dasselbe abonnirt, dann ist e» der Verleger, der bei diesem Geschäft leer auSgeht.
Und so schien e» anch der von wir redigirten Zeitung zu ergehen. Ich trachtete nun alle» Mögliche au» meiner Feder herau»znsaugen, um unser Blatt zu bereichern und infolge deffen unsere Abonnentenzahl zu vergrößern.
Aber wa» sollte ich schreiben? Sollte ich nur etwas über da» Wetter schreiben? Sollte ich erzählen, dah der Winter durchon» nicht kommen will? Aber da» war den Leuten auch ja so bekannt. Schliehlich, als mir weiter nicht» einfalleu wollte, nahm ich die erste beste Zeitung zur Hand und durchstöberte die Rubrik „LocaleS", um etwa» Paffende» zu martern. Aber alle Artikel schienen mir ungeeignet. Da stand ein Artikel, worin fich ein gewiffer „Eingesandt über die Beleuchtung der Stadt moqutrte. Da» wäre ja auch wohl für unsere gute Stadt nicht übel gewesen, denn die Glühwürmchen, die die Straßen derselben beleuchteten, standen dem electrischen Lichte bet Weitem nach. Aber wenn man einen solchen Artikel über solche Schäden gebracht hätte, dann hätte man am Ende daS Stadtoberhaupt am Halse gehabt und btt» muhte vermieden werden. Ich la» also weiter.
Halt, da endlich ein Artikel, ou» dem fich etwa» machen liehe. I Da stand: „Heute wurde nn» al» Curiofität ein Maikäfer | übersandt. Zu dieser Jahreszeit wirklich eine Seltenheit."
Ja, wenn mir da nur Jemand so einen Maikäfer gebracht hätte!
Da fvl mir ein : Wozu braucht man denn immer die Wahrheit zu sagen? Schreibe einen langen Artikel über einen Maikäfer, den man uni jetzt tm April zugesandt hat. Ob da» wirklich Thatsache ist, geht Niemand etwas an.
Also die neueste Nummer erschien mit einem langen Localartikel über einen eingesandten Maikäfer, der gar nicht existirte.
Einige Tage vergingen und über meinen Artikel vernahm ich nichts ans den geehrten Leserkreisen. Mein Gewiffen hatte fich einigermaßen beruhigt und ich dachte bald selbst nicht mehr an die Geschichte. Doch jede Schuld rächt fich auf Erden!
Eine» Morgen» sah ich gerade wieder bei meinem Redactionltisch und beschäftigte mich eingehend mit meinem Frühstück. Da klopfte e» an die Thür und auf mein „Herein" erschien tm ThÜrrahwen eine ältere Dame — unsere einzige Abonnentin.
Mit welcher Höflichkeit man einem Abonnenten begegnen muß, da» versteht nur Der, der von dieser Sorte uur einen aufzuwetsen ha». Ich sprang also dienstfertig auf, schob der Dame einen Stuhl hin und frag i« devotesten Tone nach ihren Wünschen.
„Ach, ich la» da in Ihrer geschätzten Zeitung von einem Maikäfer, der Ihnen zugegangen ist, und da ich mich für dergleichen sehr interesfire und ja auch so ein Exemplar tn dieser Jahreszeit gewiß ein Uatcnm ist, so möchte ich da» Thier gern einmal in Augenschein nehmen."
Nun stand ich da mit schuldbeladenem Gewiffen. Wa» sollte ich thun? Sollte ich der Dame sagen, daß diese» Uaicum kein Maikäfer, sondern nur eine ganz gewöhnliche Zeitungsente gewesen tst? Oder sollte ich sonstige Ausflüchte von Crepiren des Jnsecte« oder dergleichen Vorbringen? Nein, da« ging nicht. Ich mußte bedenken, es war unsere einzige Abonnentin! In der Verwirrung trat ich nun zu meinem RedactionStisch und kramte zwischen den Zeitungen
und Büchern herum, scheinbar nach dem Maikäfer suche»»: aber wohin diese Sncherei führen sollte, da» überlegte ich bi dem Augenblicke selbst nicht. Da dachte ich, daß e» doch vor Allem daS Beste sei, wenn ich die Dame vorerst lo» wäre Dah so vertröstete ich denn dieselbe damit, daß ich den Maikäfer „verlegt" hätte, ich würde denselben aber, sobald er fich eingefunden, in ihre Wohnung sch'ckcn. Unsere Abonnentt« bedankte fich, empfahl fich und verschwand.
So! Vorerst konnte ich aufathmen, aber wa» «sn? Ich mußte der Dame auf j:den Fall morgen einen lebende« Maikäfer in die Wohnung senden oder unsere Abonnentenzahl sank auf nicht» herab. Da» Nächste, wa» ich unternahm, bestand darin, daß ich eine Anzahl Jungen» von der Straße hereinrief und ihnen mittheilte, daß derjenige, der bi» heute Abend einen lebendigen Maikäfer mir abliefere, eine ganze Mark bekäme. Anfang» leuchtete e» in den Gesichtern der Jungen auf, aber al» fie fich die Sache erst ordentlich wer- legten, da meinten fie: „Wo söllt wi tau.düffer Jahrtad 'n Maikäfer herlangen?" m t
Ich bedeutete ihnen >ber, daß in diesem Jahre die Mai- käser sehr zahlreich dicht unter der Erde fich befanden, fk sollten man einmal nachgraben. Die Jungen» trotteten ab und ich erwartete fie den ganzen Tag sehnlichst, mit einem Maikäfer znrückkehren zu sehen, mit Freuden hätte ich die Mark geopfert. Aber wer fich nicht mehr blicken ließ, da» waren meine Maikäsersucher.
Ich konnte also unsere Abonnentin nicht befriedigen und so gab ich mich dem Gedanken hin, daß dieselbe vielleicht d« Gegenstand vergessen würde. Aber am folgenden Tage, sch« Morgen», sandte fie in dieser Sache da» Dienstmädchen uil ich vertröstete dasselbe auf den Nachmittag, hoffend, daß die Dame doch um solch eine Bagatelle nicht da» Mädchen am Nachmittag noch einmal schicken würde. Aber fehlgeschoffen Am Nachmittag kam die Maid wieder angeschoben, um d« Maikäser zu holen. Da riß bei wir schließlich die Geduld, ich rief dem Dienstmädchen ein paar Grobheiten in« Gesicht und vertröstete fie auf« Frühjahr.
Und wa» war die Folge davon? Noch am selben Tage kündigte unsere einzige Abonnentin unser Blatt, «nd da» Alle» *m einen Maikäfer, der nicht einmal existirte!


