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23.4.1898 Erstes Blatt
 
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Nr «4

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Der letzte Heerführer aus dem großen Kriege.

3*m 70. Sebnrtstage des König» Albert von kachsen.

Am 23. April feiert das sächsische Volk den 70. Ge- burtStaq seine« Königs. Ab-r diese Feier wird ihr-n Abglanz weit über Sachsens Grenzen hinaus werfen, denn die Person des Königs Albert ist zu eng verknüpft mit der Geschichte des Deutschen Reiches, als daß nicht auch außer­halb der grün-weißen Grenzpfähle deutsche Herzen dem Jubilar entgegenschlagen und alle Deutschen eingedenk dessen sein sollten, wa« er in dem Riesenkampfe um die Einheit des deutschen Vaterlandes gethan. Als kurz nach der Schlacht bei Gravelotte das deutsche Heer in vier Armeen eingethellt wurde, erhielt der damalige Kronprinz Albert den Oberbefehl über eine derselben, während die anderen unter den Befehlen des Generals Steinmetz, des Prinzen Friedrich Carl und des preußischen Kronprinzen standen. Die drei letzgenannten Heerführer sind mit dem Oberbefehlshaber, dem Kaiser Wilhelm, längst zur großen Armee abberufen worden, nur König Albert, der ruhmreiche Führer der Maas-Armee, weilt noch unter den Lebenden, vor allem hochgeehrt und geschätzt als treuer Berather und väterlicher Freund unseres Kaisers.

Siebzig lange, ereignißreiche Jahre, Jahre voller Freud und Leid, voller Kampf und Sieg sind dahingezogen, seit König Albert von Sachsen am 23. April 1828 zu Dresden geboren wurde.

Unser Geburtstagskind erhielt schon als Knabe den sorg­fältigsten wissenschaftlichen Unterricht unter der pädagogisch meisterhaften Leitung und Unterweisung des sächsischen Historikers Alb. v. Langen und bezog als neunzehnjähriger Jüngling im Jahre 1847 die Universität Bonn, wo er im Corpsverbande der Borussia den nachmalig so berühmt ge­wordenenrothen" Prinzen, den Prinzen Friedrich Carl von Preußen, kennen und lieben lernte.

Mit ganzem Eifer gab sich der junge Wettiner den Studien hin, wobei er jedoch auch die geselligen Freuden des Studentenlebens nicht ausschlug und sich ihnen mit echt deut­schem Frohsinn und Uebermuthe gerne überließ.

Da aber fing es daheim an zu gähren unter dem Volke; dartolle" Jahr 1848 hatte seine Tentakeln auch über das schöne Sachsenland ausgestreckt und dasselbe in die, durch den Ausbruch der französischen Februarrevolution in Paris aulgebrochenen, sich über ganz Deutschland und Oesterreich verbreitenden politischen und socialen Wirren hineingezogen. Durch die drohendm Unruhen in Dresden und dem ganzen Königreiche wurde der junge Prinz veranlaßt, seine Studien und geselligen Verpflichtungen zu unterbrechen und durch schleunige Abreise nach seinem Vaterlande aufzuheben. Es galt den Ruhm seines Hauses und den Frieden seines Reiches zu wahren, und so hielt es ihn nicht länger bei der Feder unb den Büchern; er eilte herbei, um gerüstet zu sein, das Schwert zu ergreifen, wenn es nöthig werden sollte.

Schon frühzeitig hatte der junge Prinz große Anlagen zum Militärwesen gezeigt und sich mit 20 Jahren das Lieutenantspatent erworben, dem 1849 die Ernennung zum Hartmann folgte. Als Batteriechef zog er unter dem Reichs­oberbefehl des preußischen Generals von Prittwitz mit den

I sächsischen Truppen nach Schleswig-Holstein, wo er sich beim i Sturme aus die Düppeler Schanzen am 13. April 1849 dermaßen hervorthat, daß er, geschmückt mit dem Ritterkreuze des sächsischen Militär-Sanct Heinrichsordens, sowie mit dem preußischen Orden pour le merite, zurückkehren konnte.

Freudig erregt umarmte ihn sein Vater Johann und küßte ihn auf die Stirne. Einen solchen Sohn zu haben, mußte des Vaters Stolz und Ehre sein, und der junge Prinz t gelobte sich im Stillen, sich dieser väterlichen Anerkennung : allezeit, sowohl im Kriege als auch im Frieden, würdig zu zeigen, und er kann heute, nach fast fünfzig Jahren, von sich : sagen, daß er diesem stillen Gelübde bis zum jüngsten Athem- i zuge treu geblieben ist.

Im Jahre 1854 nach der erfolgten Thronbesteigung seines Vaters Johann übernahm der junge Prinz Albert den Vorsitz im Staatsrathe und trat als überaus pflichtgetreues und thätiges Mitglied in die erste Kammer ein, um die Werke des Friedens zu treiben und sich darin eben so sehr auszuzeichnen, als in den Heldenthaten in offener Feldschlacht. \ Er war sich dessen wohl bewußt, daß, um ein ganzer Regent ? zu sein, man nicht blo« mit dem Schwerte dreinzuschlagen, j sondern auch die friedliche Entwickelung eines Landesüber den Parteien" zu leiten verstehen müsse.

Deßwegen erlitt seine militärische (Saniere jedoch keine Unterbrechung. Im Jahre 1857 wurde er zum General der Infanterie in der sächsi chen Armee ernannt und benutzte alle die Zeit, die ihm seine sonstigen StaatSgeschäste übrig ließen, zum fleißigen Studium der Feldzüge Napoleons und Cäsars und Alexanders des Großen, welche seinen damals schon außerordentlich entwickelten Feldherrnblick für die kommenden ereignißreichen Knegszeitcn schärfen und sichern sollten.

Als der Krieg mit Preußen im Jahre 1866 ausbrach, wurde er mit dem Obercommando über die gesammte säch- ; fische Armee betraut. Als Oberbefehlshaber über die Truppen seines Landes führte er sein Heer Mitte Juni der unter dem österreichischen Feldzeugmeister Benedek in Böhmen gegen Preußen zusammengezogenen österreichischen Nordarmee zu, wo es Anfangs zur Verstärkung von Clam Gallas bestimmt wurde. Nicht lange nach seiner Vereinigung mit diesem sollte es zur blutigen Action kommen, der der tapfere Ritter des Sanct Heinrichsordens mit Sehnsucht entgegensah. Am 29. Juni stand er im Gefechte bei Gitschin seinem ehemaligen Bonner Studiengenossen, demrothen" Prinzen Friedrich Carl, im Feuer gegenüber, um ihm zu zeigen, daß er nicht nur mit Jöem schäumenden Pokale, sondern auch mit dem blanken Schwerteanzustoßen" verstehe und er stieß tüchtig an, denn das Gefecht war eines der blutigsten und heißesten und erbitterten im ganzen Feldzuge.

Am 3. Juli stand er bei Königsgratz auf dem linken österreichischen Flügel, wo er die Stellung von Prschim und Problus mit heroischer Tapferkeit gegen die Elbarmee unter dem preußischen General Herwarth v. Bittenfeld vertheidigte. Als Lohn und Anerkennung für seine ausgezeichnete Haltung i im Felde wurde er mit dem Großkreuz des sächsischen Militär- I Sanct Heinrichsordens und dem Ritterkreuz des österreichischen Maria Theresia-Ordens becorirt und nach Bildung de« Nord- ; deutschen Bundes mit dem Commando des 12. norddeutschen Armeecorps betraut.

War der Feldzug des Jahres 1866 mehr ein trauriger Bruderkrieg, so vereinigte das große Jahr 1870 alle Deutschen von den Alpen bis zum Belt und vom Rhein bis zur Memel zur gemeinsam waffenbrüderlichen Abwehr des Erbfeindes jenseits der Vogesen und Kronprinz Albert von Sachsen kämpfte diesen glorreichen Krieg in Gemeinschaft mit seinem ehemaligen Corpsgenossen, demrochen" Prinzen, dessen 2. Armee das sächsische 12. CorpS zugetheilt wurde, sieg­reich durch.

Bereits am 18. August tarnen die Sachsen unter seinem Befehl zur Action und das Deutsche Reich dankt es mit der umsichtigen Führung Prinz Alberts, der seine Tupfern zur I Umgehung des rechten französischen Flügels auf Roncourt zeitig entsandte, daß die Riesenschlacht bei Gravelotte-Saint- Privat nicht in eine Riesenniederlage für die deutschen Waffen endigte. Denm wenn wir der Wahrheit die Ehre geben wollen, so müssen wir zugeben, daß die Sachen auf dem rechten Flügel der Deutschen so standen, daß eine allgemeine Panik nur noch eine Frage der hereinbrechenden Dämmerung war und erst die Nachricht, daß der linke Flügel gesiegt habe, brachte den rechten wieder zum Vorbringen unb ent* schieb bie Schlacht zu Gunsten - des beutschen Reiches! Die Sachsen können stolz sein über ihre Waffenthaten bei Marie aur CheneS unb Roncourt unb auf Prinz Albert, ber sie geführt.

Als dann nach der Einschließung von Metz von deutscher Seite der Vormarsch nach Paris beschlossen worben war, erhielt Albert von Sachsen den Oberbefehl über die aus dem preußischen Gardecorps, dem 4. und 12. (sächsischen) Armee­corps und der 5. und 6. Cavalleriedivision neuformirte 4. ober Maaß Armee, welche sich auch sofort auf ben Marsch nach Chalons zu in Bewegung setzte. Die sächsische Reiterei heftete sich hartnäckig an bie Fersen des Feinbes unb Ende August führte Kronprinz Albert bann im Verein mit ber 3. Armee unter dem Kronprinzen Friebrich Wilhelm jene ewig berühmte unb von ben Militärs aller Völker mit Recht berounberte, großartige Flankenbewegung nach Norden aus, welche mit ber Schlacht von Beaumont bie Einleitung zu ber Schlacht bei Seban am 1. September bilbete, bei welcher bie Sachsen ben alten Heldenmuth unter ihrem heldenmüthigen Führer zeigten unb hervorragenden Antheil an ber Entscheidung des Kampfes unb bamit des ganzen Feldzuges gegen Frank- reich nahmen.

Bei der Belagerung von Paris hatte die 4. Armee unter dem Kronprinzen Albert die Nordost- unb bie Nordfront besetzt unb staub wie eine steinerne Mauer undurchbringlich, unerschütterbar bem ausbrechenben Erbseinbe gegenüber und jagte ihn seinem schließlich unabwenbbaren Schicksal, ber Kapitulation, entgegen. Die unter bem Befehl bes säch­sischen Kronprinzen stehenbe Artillerie war eS, welche burch ben Angriff auf ben Mont Avron die lange Vorbereitungen erfordernd Beschießung von Paris endlich cinleitete.

Als ber glorreiche Friede geschlossen war, zog Prinz Albert als einer ber allerhervorragendsten beutschen Heer­führer mit ben beutschen Truppen am 16. Juni in Berlin unb am 12. Juli 1871 mit seinen tapferen Sachsen in Dresben ein.

Vom beutschen Kaiser zum Generalinspecteur der ersten Armeeinspection ernannt und zum Generalfeldmarschall er­hoben, erhielt Kronprinz Albert von Sachsen auch noch von bem russischen Kaiser Alexanber II. ben Marschallstab.

Nun begann bie Friebenszeit nicht nur für bas junge beutfche Reich, sondern auch für unser GeburtstagSkinb und es galt, die Früchte des blutigen Streites zu ziehen unb zu pflegen. Nach bem Tobe seines Vaters, bes Königs Johann, am 29. October 1873, bestieg Prinz Albert ben sächsischen Thron, legte fein Amt als Generalinspecteur nleber unb gab sich ganz ben Pflichten eines frieblichen Regenten unb eines sorglichen Landesvaters hin.

Unter seiner 25jährigen segensreichen Regierung, deren Jubiläum er auch noch in diesem Jahre, so Gott ihn uns erhält, begehen unb feiern wirb, hat sich fein geliebte« Sachsen- land innerlich zu sreunblicher Blüthe unb Achtung gebietender Stellung im Reiche entfaltet.

Wir schließen diese Zeilen mit tiefgefühlten, aus- richtigen Wunsche:

,.Herr ber Heerscharen! Lenker der Völkergeschicke! Er­halte bem beutschen Reiche unb bem schönen Sachsenlanbe noch lange feinen geliebten, allgeehrten unb gefeierten König Albert!"

Kerstschos Aeich.

Berlin, 21. April. Der Kaiser nahm heute Vormittag in Homburg v. d. H. die Vorträge bei Krieglministers v. Goßler und bei Chefs bes Miluärcabinetl, v. Hahuke, entgegen.

Berlin, 21. April. DerReichlanzeiger" gibt bekam», daß am 1. Mat b. I. die Reichshauptkasfe dem Reichsbank-Giroverkehr mit der Maßgabe augeschloffen wirb, daß Jedermann befugt ist, bei den Reichsbaukhaupt- stellen unb Retchsbankstellen gebührenfrei Einzahlungen auf Girokonto ber ReichShaoptkasse zu leisten. Bom 1. Mat ab ist der Gelbverkehr ber Reichsbankgirokunden mit der Reichl- Hauptkasse ausschließlich im Girowege zu bewirken.

Berlin, 21. April. Der dem Reichstage zugegangene NachrragSetat beziffert fich auf insgesammt 7787885 SRI., wovon 5 000000 Mk. zur Verwaltung bes Gouvernements Kiaotschau bestimmt find- 1000000 Mk. soll zur Unter­haltung ber Postbampse,Verbindungen mit Oftafien und Australien dienen.

Berlin, 21. April. Wie dieNordd. Allgem. Ztg." hört, ist der Posten eines kaiserlichen Gesandten am persischen Hofe dem bisherigen Mintsterrefidemeu tn Carracas, Grasen v. Rex, übertragen worden. An dessen Stelle tritt der bisherige General-Consul in Uokohamo Dr. Schmitt-Leda.