bleibe ich auch." Dabei schmachtet er verliebt nach der Schönen hinüber, als wolle er seinem Litat mehr Nachdruck geben, und fragt anzüglich: „WaS meinen Sie zu diesem Text für eine Traurede, gnädiges Fräulein?" Diese aber wirft stolz den blonden Lockrnkopf zurück und antwortet: „Oh uo. Sie für mich nicht sein ein solcher Mann!" —
Jerusalem kennt in all' setven Straßen umher weder Briefkasten noch Briefträger, und es ist kaum zu fürchten, daß die erste Hälfte des nächsten Jahrhundert- mit einer revolutionären Neuerung, wie es die Einführung von Briefkasten und Briefträgern hier sein würde, energisch vorgeht. Deshalb wird es eben bei der alten BrtefbeförderungS- methode bleiben. Darnach muß Jedermann wegen feiner ankommenden oder abgehenden Postsachen mit dem löblichen Postamt bittet in Verbindung treten:
Vormittag« zehn Uhr. Auf Straßen und Plätzen tuschelt und munkelt man, die Post fei angelangt. Hastig durcheilt dieses Gerücht die ganze Stadt. Alsbald wird fie von jener Erregung gepackt, welche die Passagiere eines Dampfers ergreift, wenn er nach langer Meerfahrt in den ersehnten Hafeu eioläuft, und der Schiffsagent zuerst die Briefbeutel die enge Falltreppe heraufbugfirt. . . .
Halloh, jetzt aber vorwärts! Zu Pferd, zu Esel, zu Fuß, zu Kameel, ausgerüstet mit Taschen und Körben, so rennt und jagt und drängt und hoppelt e- durch die schmutzigen Straßen nach dem Postgebäude. Auf allen Gesichtern große- Erwarten. WaS für Briefschätze wird der Beamte durch- Schalterfensterchen herauSretchen! Je mehr man fich der wichtigen Glätte nähert, umso mehr Verdichter stch die Volksmenge. Vor dem Hause Alle- schwarz von Menschen. Doch da kein Poltzrischnauzbart zur Aufrechterhaltung der Ordnung auSrückte, geht Alle- iu herrlichster Ruhe ab. . . .
Umso toller ober das Schieben und drängen im Post- gebäude selbst. Burnusse, Kaftane, Turbane, Uniformen, Feze, Chliuderhüte, Schmachtlocken, Reisemützrn — Alle- nach dem Schalter wogend, wirr durcheinander. Ganz berauscht von elleubogenfester Tapferkeit zur Eroberung eines Briefe- schubst und stößt die zusammengekeilte Menge nach
Mim
1898
Mittwoch den 23 Februar
Zweites Blatt
Nr. 45
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
Amts- unb Anzeigeblatt für den Areis Gieren.
Gratisbeilage: Gießener Familienbiatter
Unwetter bevorstehen.
xx
Alle Anzeigen-BermittlungSstellen de- In- und Au-tand«- nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entßege»,
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.
fteboction, Expedition und Druckerei:
Zchnkstr.hr Nr. 7.
Zur internationalen Lage.
Von allen maßgebenden Stellen ist nicht nur im Laufe der letzten Jahre, sondern auch noch in allerjüngster Zeit ver- sichert worden, daß die Aussichten auf Erhaltung des europäischen Friedens wohlbegründete seien, daß man Befürchtungen wegen einer Störung desselben nicht zu hegen brauche. Selbst als im vorigen Jahre die Orientkcise fich in bedenklicher Weise zugespitzt hatte, hat wohl kaum Jemand ernstlich geglaubt, daß daraus ein allgemeiner europäischer Conflict entstehen würde; so sehr hatte man sich in das Gefühl der Sicherheit einwiegen laffen. Und doch haben wir aus dem Munde des Staatssecretärs v. Bülow gehört, daß der Augenblick, in welchem es zu einem offenen Conflict in der Orientfrage hätte kommen können, wirklich vorhanden gewesen ist. Im Laufe der letzten Woche sind nun von zwei Seiten Kriegsbefürchtungen ausgesprochen worden, welche größere Beachtung verdienen. Während der Verhandlungen im Zola- Prozeß hat General Pellieux die Aeußerung gethan, daß die
Karlsbad lebt von seinem auö der Erde herauskochenden „Sprudel", Marienbad vom entfetteten „Kreuzbruuuen", Sylt von seinem langathemholendeu Wellenschlag — Jerusalem von der goldenen Fülle gewaltiger religiöser Erinnerungen. Wie in jenen Badeo trn erstrahlt auch hier alljährlich,über der Stadt der Glanz der „Saison"- schade jedoch, daß diese „Saison" nur etwa von Anfang Februar bi- Ende April dauert — eine gar kurze Zeit, in der möglichst viel Geschäfte gemacht werden müffen.
Nun kommen fie begeistert angekeucht und angetrappelt, die großen Tourtstenherden, welche von gewandten Reise- Unternehmern verschiedener Weltstädte hierher gelotst werden. Lange Wagenreihen, schwer beladen mit Koffern und Menschen, rollen Nachmittag- gegen füns Uhr, der Ankunftszeit de- einzigen Eisenbahnzugs, vom Bahnhof die im Sonnenschein leuchtende, stauberfüllte Bethlehemstraße herein in die Stadt. Huffah, erwacht jetzt ein Leben! ...
Aber wehe dem Fremden, der nicht gleich weiß, wo landen! Sein Portemonnaie wird von Hotelier-, DragomanS, Gepäckträgern, Eseltreibern, Arabrrjungen, Bachschtsch-Jägern jeder Art gar fürchterlich heimgefucht. WaS wollt Ihr? Während der kurzen Zeitspanne der „Saison" muß die wilde Jagd auf da- Hochwild der Reisenden gar tapsrr betrieben werden, wrnn die Goldflnth von ein bischen Vermögen in Jerusalemer Kaffen anschwemmeu soll.
Eine Musterkarte solcher Fremden treffe ich Abends im Hotel beieinander, und hinter duftendem Jerusalemer Wein packt Jeder auS, WaS er im verlauf des Tages an Eindrücken und Erinnerungen heranschleppte. Dieser stieg auf dem Oel- berg herum, streckte fich dort im Schatten der Olivenbäume auf einen Felsen und träumte von der ehrfurchtgebietenden Jerusalemer Vergangenheit- Jener suchte den Baum auf, an welchem fich Juda- erhängt haben soll- Einer plätscherte badend im Jordan herum- ein Anderer ritt hoch zu Esel nach Bethanien. Ein etwa- vergeckter Weltbuwmier, der mit den flammenden Blicken einer schönen Engländerin cokettirt, erzählt, daß er das Feld der Ruth bei Bethlrhem aufgesucht habe, weil er fich für den innigen Trantext interesfire:„Wo Du hingehst, da will ich auch hingehen- wo Du bleibst, da
ton im Auge gehabt haben, als sie ihrer Kriegsbefürchtung so unverhohlen Ausdruck gaben?
Zwischen Frankreich und England schweben jetzt sehr ernste Differenzen betreffs Westafrikas, wo bereits mehrfache Reibungen zwischen den beiderseitigen Expeditionen stattgefunden haben. Es wäre nicht unmöglich, daß sich hieraus ein Conflict von größerer Bedeutung entspinnt, aber wir glauben nicht, daß es dieserhalb zu einem Kriege zwischen beiden Ländern kommt, da England seine Kräfte schonen muß, für den später mit Rußland auszufechtenden Kampf um dir Oberherrschaft in Ostasten. Ein Vergleich mit Hülfe der aus ihrem Winterschlafs zu erweckenden Nigerconferenz wird wohl der Schluß der Zwistigkeiten sein. Und was nun die Aeußerung Walcotts betrifft, so dürfte sie sich auf die noch immer gespannten Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Spanien gründen. Aber auch hier wird ruhige Ueberlegung die Oberhand gewinnen, da insbesondere Spanien wegen seiner finanziellen Calamität einem Kriege unter allen Umständen ausweichen muß.
Unsere Auffassung von der gegenwärtigen internationalen Lage ist die, daß wohl einige Wolken am politischen Himmel vorhanden, aber keine Befürchtungen berechtigt find, daß
französische Armee vielleicht bald in Action zu treten habe, und in Washington ist im Senat anläßlich der Besprechung der Katastrophe, von welcher der amerikanische Kreuzer „Maine" im Hafen von Havanna betroffen worden ist, eine Aeußerung gefallen, der Krieg könne kommen, thalsächlich sei er vielleicht nicht weit entfernt. Angesichts dieser Kundgebungen ist es jedenfalls von Interesse, die gegenwärtige politische Lage ein- mal näher zu beleuchten.
Die beiden Punkte, welche geeignet waren, ernste Meinungsverschiedenheiten unter den Staaten hervorzurufen, bildeten in letzter Zeit die orientalische und die ostasiatische Angelegenheit. Die letztere ist anscheinend in ruhigere Bahnen geleitet worden, seitdem man sich davon überzeugt hat, daß Deutschland im äußersten Osten keine Eroberungspolitik treiben, sondern nur berechtigte Interessen wahrnehmen will. In dieser Anschauung herrscht wohl kaum noch irgendwo em Zweifel, und die Thatsachen sprechen ja auch dafür, daß von keiner Seite Deutschland bei seiner Action in China ein Hinderniß in den Weg gelegt worden ist, insbesondere seitdem das deutsche Vorgehen durch den mit der Pekinger Regierung abgeschlossenen Pachtvertrag in formellster Weise localisirt worden ist. Auch die beiden Länder, deren Interesse in Ostasien collidiren — Rußland und England — haben sich hinter die Vorpostenlinien zurückgezogen, da beide den Augenblick zum Lo-schlagen noch nicht für gekommen erachten. In dieser Beziehung ist in den letzten Tagen keine Veränderung eingetreten, so daß also kein Grund vorhanden ist, bei etwaigen Kricgsbefürchtungen etwa an Ostasien zu denken.
Was nun die orientalische Angelegenheit betrifft, so ist dieselbe augenblicklich auf einem Ruhepunkt angelangt. Die letzte Phase umfaßte die Candidatur des Prinzen Georg von Griechenland zum Gouverneur von Kreta, welche von Rußland und England gemeinsam aufgestellt worden war und die im Allgemeinen keinen Widerstand der übrigen an der Kreta-Angelegenheit so wenig interessirten Mächte fand. Daß diese Candidatur nicht realisirt worden ist, liegt also nicht etwa an einer Uneinigkeit innerhalb des europäischen Concerts, sondern an den Schwierigkeiten, welche sich der Einsetzung des Prinzen zum Gouverneur an sich entgegenstellten. Für den europäischen Frieden in dieser Hinsicht eine Gefahr zu erblicken, liegt also kein Grund vor. Was können nun General Pellieux in Paris und Senator Wulcott in Washing-
Adreffe für Depeschen: Anzeiger Fernsprecher Nr. 51.
Nezngsprei«
Vierteljährlich 2 Mart 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohn.
Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Auf Grund der poa I, 3a der Bestimmungen des Bundesraths Über den Betrieb von Bäckereien und Con- bitoieien haben wir auf Antrag der Gießener Bäckerinnung für die hiesige Stadt und das laufende Jahr, unter Aufhebung unserer Bekanntmachung vom 30. November 1896, die Ueberarbeit an folgenden Tagen gestattet:
7., 9., 30. April; 14., 27., 28. Mai; 18. Juui; 2., 16., 30. Juli; 7^ August; 24. September; 8. 20. Oktober; S. November; 22., 23., 24., 30., 31. Deeember.
Es ist jedoch an diesen Tagen zwischen den Arbeitsschichten den Gehülfen eine ununterbrochene Ruhe von mindestens 8 Stunden, sowie den Lehrlingen eine solche von mindestens IO Stunden im ersten Lehrjahre und mindestens 9 Stunden im zweiten Lehrjahre zu gewähren.
Gießen, den 21. Februar 1898.
GroßherzoglickeS KreiSami Gießen.
v. ©apern.
Deutsche» Reich«
Darmstadt, 21. Februar. Der „Darmst. Ztg." zufolge wird der Großherzog am 24. d. Mt§. eine Reife nach Italien antreten, wohin ihm die Großherzogin, nach einem Besuche bei der Erbprinzeffin von Hohenlohe in Straßburg und bei ihren Verwandten in Gotha, nachfolgt.
Darmstadt, 21. Februar. Ihre Königlichen Hoheiten der Grohherzog und die Großherzogin, Höchstwelche am SamStag Mittag 12 Uhr 35 Min. in Karlsruhe eingetroffen und dort am Bahnhose von II. KK. HH. dem Großherzog und der Großherzogin von Baden, sowie I. D. der Fürstin zu Hohenlohe Langenburg empfangen worden waren, kehrten am selben Tage Nachmittag- 5 Uhr 30 Min. hierher zurück.
Berlin, 21. Februar. Der Kaiser empfing heute eine Deputation der Stadt Metz und begab fich später nach Pot-dam, um einer Bereinigung ehemaliger Offiziere des
MW «mersiatzd.24.er., Abends 8'/, Uhr, i neum Saal bei Cast bel Wnbenbtn n-Sitauiig irische Comite.
Erscheint tzgttch mit Ausnahme de« MonlagS.
Die Gießener MaWltieuvkätter «erden btm Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.
ittiiem Boden euer von der Ischen Zeit, ends 8 Uhr.
er’schen Buchhandlung, raitit. 396
ndtiiaM
... -ctveirswilcd- SernaW ,ad stets zuverW ‘
ich''L EotwOho«-
.iemahfl
’ie«!-”
»iS'«*
rt.
•sion
Gustav Jem*
MU' «■ M or^H HT Kanime'- “)> Herr Arthur van «)•
, Feb”W 1898,
■^Karten ä 8 Mk., nicht.
der N. 6. Elwirt- 2^___1879
'.Swr
Hlfntömtenls 1871 IffÄÖ
V.
aus.
1000 Liter, plde.« »edalll«. iniemenl hp0iT,rLn Aotoritäteo
.—«mitteJ Ar kie,ne
Fenilleton.
Aus geweihten Landen.
Von Karl Böttcher.
(Originalbericht unseres Special-Correspondenten).
(Nachdruck verboten.)
IV. Bom moderne» Jerusalem.
Jerusalem, 7. Februar.
Fürwahr, ein Duft der Weihe umschwebt diese- Jerusalem. Fast immer Glockengeläut tu allen Variationen, vom majestätisch tiefen Dröhnen bis zum hastig spitzen Gebimmel- feierliche, fich nach den geweihten Stätten bewegende Prlgerzüge- bunt zusammengewürfelte Mafien ernster Gesichter, die entweder au- irgend einer Kirche kommen oder nach irgend einer Kirche gehen- Fiömwigkeit, Verehrung, Anbetung allüberall . . . .
Sogar manch' brave- Handwerk wird davon ergriffen. Hier hobelt der Tischler an einem großen Kreuz auS Oliven- holz herum, dort schneidet der Barbier einem breitschultrigen Mönch eine Tonsur in- pechschwarze Kraushaar, weiterhin hämmert- in der Schmiede an den Eisenstäben eine- BetpulteS und daneben reihen Überfleißige Frauenhände dicke, gelbe Perlen zu Rosenkränzen auf.
Doch lieben und Haffen, schmausen und Wein trinken, heirathen und Kinder taufen, lachen und sterben thun hier die Leute auch. Welch Geficht zeigt nun Jerusalem als moderne Stadt?
Da betreibt e- zuerst eine Überaus flotte Baurhätigkeit. Unweit de- JaffathorS erheben fich die mächtigen Steinquadern imposanter Neubauten: hochummauerte Klöster, elegante Hospitäler, moderne Schulen, und aus hohen Bogenfenstern guckt zuweilen philofophirend manch herrlicher Apostel- bart, über den behaglich eine bleiche Hand streicht. Sogar das electrische Licht hat fich bereit» in Jerusalem eingedräugt, wenn e- au» nur allein im französischen Hospiz aufflammt und dort bisher das einzige electrische Licht in der ganzen Türkei ist. Selbst für die kostbarsten Jerusalemer Neubauten gibt es warme Herzen, milde Hände und flüssige Capitalien in der ganzen Welt. —
;ein.
1872 statt vrreii» u. Damnmrkeu.
rÜMfabriSr'


