Ausgabe 
23.1.1898 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

^certjahr.)

'* 5 Chr- i- 8teina

?<rr-L ff ^«8°« MMS

l1*''1" wShtS?-

- M. Alt) n (So-

T Sti4e*" ÜTOrt

Qr- in Steins Saaibao.

u.tCUiu!M'SP«- ,**U1« (Mlpta wk*»».i-ÄÜ L ! ochüler-

___ 791

'Uds 8 Uhr:

M Dr. Baur über Lien.

tgliebei sind nnüommen.

Ter Vorstand.

m-Lahr.

iar er.

aiie»

rta t M. ttimmlarta tt, immfarttn 60 Pst- 13 rrr SrsWw btr H-rrrvi itr, 6<taMt; Wtrsss ma in ErsiWe der Hrmr

Ter Vorstand.

in).

iss, Abk»dS 8 U6r:

isfciM

I (6«ft W dro^atnm-

, 5l^pM«Wntage^ jW5atngen Goftümtn.

6 v. "ML

.»ctii-t «**.

: Ä.r, S

y* £»eint61 , ,, «tf.,

«er* g>d* 00

Sonntag den 23. Januar

1808

Mr. 19 Zweites BlatL»

Orscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener MamittenvkLtter werden dem Anzeiger «vvchcntUch viermal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Aezugsprei« vierteljährlich

2 Mark 20 Pfg. monaüich 75 Pfg. mit Bringerlohn.

_______________ <

Bei Postbezug Mark 50 Pfg. ierteljährlich.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.

General-Anzeiger

Alle Anzeigen-VermittlungSstellen des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.

Aints- Lind

Airzeigeblatt für den Ttveis Gieren.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Schnlstraße Ar. 7.

Gratisbeilage: Gießener Familienülätter.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Kietze».

Fernsprecher Nr. 51.

AnrtlLche* Thett.

Bekanntmachung.

In Alt-Wiedermus, Kreis Büdingen, ist die Maul- unb Klauenseuche ausgcbrocheu und Gehöftsperre ange- ordnet word'n.

In Nieder-Ofleideu, Kreis Alsfeld, Bergheim, Düdelsheim, Liudheim, Euzheim und Nieder- Mockstadt, Kreis Büdingen, und Nieder-Nosbach, KcetS Friedberg, ist die Maul» und Klauenseuche erloschen und find die verfügten Sperrmaßregrln wieder aufgehoben Serben.

Gießen, den 20. Januar 1898. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Akademische Gotthardfahrt nach Italien.

Im April und Mai des nun abgelaufenen Jahres brachte vom Süden her ein Sonderzug etliche hundert Studirende aus verschiedenen Universitäten Italiens. Es galt erstens, den fchweizerifchen, deutschen und österreichischen Kommilitonen einen Besuch abzustatten und dann auch die Hauptsehenswürdigkeiten der genannten drei Länder kennen zu lernen. Selbstverständlich wurde dieser Besuch überall auf das Herzlichste ausgenommen und ebenso selbstverständlich wurde eine Gegenvisite in Italien für das Frühjahr 1898 in Aussicht gestellt.

Dieses Project, um dessen Verwirklichung sich besonders eine mitteldeutsche Hochschule verdient gemacht hat, gelangt nun im März 1898 zur Ausführung und zwar nach Maß­gabe eines trefflich ausgearbeitsten Programmes und zu so erstaunlich billigen Preisen, daß man es kaum für möglich hält, mit so geringem Zeit« und Geldaufwande das mit Recht so gepriesene Wunderland jenseits der Alpen besuchen und besichtigen zu können.

Schon wegen der Eigenartigkeit dieser Fahrt nehmen wir von derselben nachstehend in ihren Einzelheiten Notiz, dann aber auch deßwegen, weil, wenn diese Reise auch in erster Linie für Studirende und Lehrer bestimmt ist, doch auch Andere zu derselben eingeführt werden und mithin an der Reise theilnehmen können. Zweifellos wird so mancher »nserer verehrten Leser die Gelegenheit zu einer so billigen

und mit allen Annehmlichkeiten ausgestatleten Reise bestens willkommen heißen, und so wollen wir bei Zeiten auf diese Gelegenheit aufmerksam machen.

Die Reise wird am Samstag den 5. März 1898 in Luzern angetreten und geht, wie wir bereits mitgetheilt, über die Gotthardbahn nach Mailand Pavia-Genua-Pegli-Livorno- Pisa.Florenz-Rom-Neapel-Vesuv-Capri'Sorrento-Herculanum- Pompeji u. s. w. Sie dauert 15 Tage, doch kann die Rückreise ab Genua bis Luzern noch um weitere 5 Tage verlängert werden.

Die Strecken Luzem-Chiasso-Mailand-Genua und zurück, Livorno-Pisa-Florenz und zurück, Civitavecchia-Rom und zurück werden mittelst der Eisenbahn und zwar durch Sonder­züge zurückgelegt. Dieselben führen II. und III. Wagenklasse. Außerdem wird dis electrische Drahtseilbahn in Genua auf Caftellagio (Rigi) und zurück benutzt, und zu den Rund­fahrten wie zu den Ab- und Zugängen von und zu den Bahnhöfen werden Equipagen oder Hotelomnibusse gestellt.

Die Beförderung von Genua nach Neapel und von da nach Civitavecchia, dann weiter nach Livorno und zurück nach Genua findet mittels eigens gechartertem Dampfer der Navigazione Generale Jtaliana" (vereinigte Gesellschaft Florio & Rubattino) statt. Der Seeweg ist deßhalb gewählt, weil derselbe besonders für den Binnenländer viel interessanter ist, als der zum Theil eintönige Landweg, wie z. B. in der römischen Campagna. Dann aber bietet der Dampfer auch viel größere Annehmlichkeiten als die Eisen­bahn. Man kann sich in den Salons und auf dem Promenadendeck frei bewegen. Haltestellen und Stationen unlerroegS' wie bei der Eisenbahn giebt es nicht, dazu die herrliche, staubfreie Seeluft, die Natureffecte des Sonnenauf- und -Unterganges und alle die vielen andern interessanten Erscheinungen des Seelebens, dies alles läßt die Dampfer­fahrt bei Weitem vortheilhafter erscheinen, als die fast endlos erscheinende, ermüdende Eisenbahnsahrt zwischen Genua und Neapel (hin und zurück 1494 Kilometer!!). Dann aber will es noch ein glückliches Ungefähr, daß das Schiff gerade zur Zeit des Vollmondes die Meereswogen durchschneidet, und so wird die Romantik der ganzen Reise durch Nachtfahrten auf den Fluchen des Mittel! ändischen Meeres im Lichte des Voll­mondes wesentlich erhöht werden.

Ein besonderer Vortheil ist es, daß der Dampfer wäh­rend der ganzen Reise derselbe bleibt: es wird, wenn man nicht immer sein ganzes Gepäck mit sich schleppen will, das

Ein- und Ausladen desselben vermieden. Jeder Reisende behält seinen Cabinenplatz, hat also sozusagen die Logis auf dem Lande natürlich ausgenommen fein eigenes Heim und fein eigenes Bett auf Reifen. Der Dampfer steht mit allen für den Gebrauch der Passagiere bestimmten Räumlich­keiten zur Disposition der Reifenden.

Der Preis mit Eisenbahnfahrt, Dampfer, Logis in erst­klassigen Hotels, mit vollständiger Verpflegung zu Wasser und zu Lande, einschließlich Wein, Rundfahrten in den Städten, Extraausflügen, sowie Führung und Besichtigung sämmtlicher Hauptsehenswürdigkeiten, mit sämmtlichen Hotel- und andern Trinkgeldern u. s. w. beträgt pro Person nur Mk. 325 ---- fl. 196 o. W. = Fr. 410. Die Beförderung geschieht auf den Eisenbahnen in der dritten Wagenklasse. WünschtJemand durchweg zweiter Klasse zu reisen, so erhöht sich der Gesammtpreis um Mk. 25 Fr. 31.70 fl. 16 ö. W. Ein Unterschied in der Verpflegung oder in den Logis oder in irgend einer sonstigen Weise findet sonst nicht statt. Ebenso wird auch auf den Schiffen kein Sabinen- oder Ver­pflegungsunterschied gemacht. Der Dampfer hat Sabinen erster und zweiter Klasse. Erstere haben je zwei Betten mit Fauteuil, letztere je vier Betten. Die Besetzung der Sabinen geschieht genau nach der Reihe der einlaufenden definitiven Anmeldungen. Zunächst werden die Sabinen erster Klaffe, sodann diejenigen zweiter Klasse belegt. Es kann und wird also vorkommen, daß Eisenbahnreisende dritter Klaffe erste Klasse auf dem Dampfschiffe erhalten, sofern sie sich recht­zeitig etwa vor Eisenbahnreisenden zweiter Klasse melden, die ihren Beitritt vielleicht erklären, nachdem die Sabinen erster Klaffe vergriffen sind. Es ist dafür Sorge getragen, daß Lehrer, Studirende und andere Theilnehmer getrennte Sabinen erhalten. Weibliche Angehörige können mitgenommen werden, und wird wegen des Placements und des Logis der letzteren in den Zügen, auf dem Schiff und in den Hotels im Einverständniß mit ihren männlichen Angehörigen das diesen besondern Fällen Entsprechende veranlaßt werden. Einzeln reisende Damen es seien denn wirklich Studirende können an dieser Reise nicht theilnehmen.

Es ist, wie schließlich noch hervorgehoben werden soll, aus sich von selbst ergebenden Gründen bei einer Reise von so großen Raum- und Zahlendimensionen unumgänglich nothwendig, daß die Gesammtzahl der Theilnehmer so früh als möglich feststeht; aus diesem Grunde ist der letzte An­meldungstermin auf Donnerstag den 10. Februar 1898

Feuilleton.

Der junge, gnädige Herr.

Skizze von S. Hoechstetter.

(Nachdruck verboten.)

K. 0. Er hieß Christian.

Hr war der Sohn des Herrn Confistortaldirectors Molleuberg und seiner Gemahlin Beate, einer geborenen von Bäumler, Tochter des seligen Professors der Philologie Dr. Christoph von Bäumler.

Der Herr Coufistortaldirector war aber nun nicht nur von Stand und Familie- nein auch von Vermögen.

Und Herr Christian, der Sohn, vereinigte nicht nur alle Tugenden seiner Familie in normalem Maße in sich «ein er hatte auch die typische Mollenberg-Baumlerische EtgenthÜmlichkrit in gesteigertem Grade den Hochmuth.

Für eine hochkirchliche, wenn auch directorltche Familie schickt es fich aber, das StandeSbewußtsein nicht zu zeigen.

Deßhalb herrschten im Hause Mollenberg die menschen­freundlichsten Ideen, welche sich unter anderem darin äußerten, daß mvu die kleine Flickerin, die jeden Montag kam, an der Wäsche und Garderobe de« Hause« nach dem Rechtrn zu sehen, d. h. dem Herrn Director die zersranzten Oberhemden, der Frau Directorin die Rocksiöße, Handschuhe und Leintücher unb dem jungen Herrn die Strümpfe aulzubessern, mit den Herrschaften an einem Tische essen ließ.

Christian wäre sonst ein ganz guter, luftiger Junge ge- wesen. Aber Manu hielt ihn fortwährend in dem Bewußt­sein, daß ein junger Herr von Stand und Familie in der Wahl seiner Freunde und besonders im Umgänge mit dem weiblichen Geschlecht nicht vorsichtig genug sein könne. Auch dürfe er nie vergessrn, daß ein junger Mann mit seinen Vor­zügen das SehnsuchtSztel aller weiblichen Wesen nb nun Mütter oder Töchter sei. Ferner dürste der Sohn eines Lonfistorialdtrector» und Enkel eine» Professors selbst bei rtner Gräfin freudigstes Entgegenkommen erwarten.

Tie war immer ganz geknickt in Ehrfurcht, die kleine RegtstratorSwaife. Tie traute fich nur auf die äußerste Kante des Stuhles zu fetzen und erröthete, wenn man ihr den Teller wechselte unb wenn erst gar ber Herr Confistorialdirector mit ihr sprach ach!! Unb ber Herr Christian!

Er erzählte kleine, lustige Geschichten, wie er Primaner war unb dann als Student auch noch.

Unb sie mußte ihn immer ansehen, wie er so schön sprechen konnte unb fie vergaß Essen unb Trinken barüber.

Ach, der Herr Christian," sagte sie dann Wohl mit einem bewundernden Seufzer zu der Frau Directorin.

Ach, der Herr Christian!"

Dann verwandelte fich die anbetende Redensart ein paar Jahre lang in

Ach, der junge, gnädige Herr" und dann hieß es:

Ach, der Herr Docior!"

Die gnädige Frau lächelte gütig.

Das arme Mädchen hatte doch auch eine Freude. Der schöne Christian war wohl ihr Ideal, zu dem fie aufsah als zu einer Erscheinung au« einer höheren Welt.

Sie ist eigentlich gar kein häßliches Mädchen mit ihren 25 Jahren, dachte die Frau Directorin, und fie weiß die Ehre zu schätzen, von directorlichen Tellern zu essen unb auf directorlichen Stühlen zu fitzen.

Der junge Herr Doctor lebte nun wieder ganz bei feinen Eltern. Er hatte fich an der Universität al» Docent niedergelassen.

Concerte, Theater, Gesellschaften unb andere weltliche Lustbarkeiten besuchte er nicht.

Er war auch wirklich zu gut für diese modernen jungen Mädchen. Wenn was leider nicht zu vermeiden war dann unb wann eine von den vielen Nichten des Hause» zu Besuch kam, so wurde fie so sehr über den unendlichen Werth feiner Zeit belehrt, daß fie von selbst Gespräche mit ihm vermied, um dem Jahrhundert nicht» zu rauben.

So war der junge, gnädige Herr 30 Jahre alt ge­worden, ohne einen Menschen zu haben, der ihm weniger gleichgiltig war, al» die andern alle. Und die Näherin, die nun auch 30 Jahre alt war, flüsterte immer noch:

Ach, der gnädige Herr Professor!"

Da trat ein Umschwung in Christian» Leben ein.

Seine Eltern hatten eine arme, hochktrchliche Gräfin kennen gelernt und diese Dame besaß außer der Arrnuth und dem Glauben auch noch eine Tochter. Und diese Tochter hatte außer einem präsentablen Aeußeren den dringenden Wunsch, fich zu verehelichen.

Die Folge davon war, daß die erstaunte und neidvolle Gesellschaft von Soundso eine» Tage» folgende Anzeige erhielt:

Hilda, Gräfin von Katzenhausen

Dr. phil. Christian Mollenberg Prtvatdocent

Verlobte.

E» war alle» sehr vernünftig dabei zugegangeu und sehr feierlich. Er schenkte seiner Braut eine Prachtausgabe ber Palmblätter unb er bekam eine wundervolle Tabatisre, die weniger ihrer Nützlichkeit al» be» Umstande» wegen, daß fie der gräfliche Vater dereinst vom LaudeSherrn erhalten hatte, unvergleichlich schätzbar war.

Die Näherin aber saß nun wochenlang bei Director» unb arbeiteteseine" Aussteuer. Mit jebem Stich versenkte fie einen guten Wunsch in bie Hemben und Taschentücher de» jungen, gnädigen Herrn.

Und al» ihr eine» Tages die Frau Directorin in be­sonder» gnädiger Laune von dem Glücke de» Sohne» erzählte, ba flüsterte fie in tiefster Demnth:Jede Prinzessin hätte fich eine Ehre daran» machen dürfen, jede Prinzessia."

Die Hochzeit kam.

Alle», wa» in den beiderseitigen Familien an Glanz aufgeboten werden konnte, ob e» fich nun nm Titel, Uni­formen, Silber ober Meißener Porzellan handelte, war zur Stelle geschafft.