1898
Freitag den 2'?. April
Nr. 93 Zweites Blatt.
Gießener A nzeiger
Heneral-M^eiger
2lnrts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giefzen
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eines sehr ausführlichen und übersichtlichen Berichts benutzt, I der Disciplin in unserem vortrefflichen Heere sowie zur
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erzielen sein wird.
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wie die noch ausstehenden kleinen Vorlagen Schwierigkeiten Hervorrufen.
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Schukstraße Nr. 7.
Der Reichstag nach den Ferien.
In einer Betrachtung über die Aufgaben des preußischen Landtags und des deutschen Reichstags schreibt die „Köln. Ztg." mit Bezug auf die am 26. ds. Mts. wieder beginnenden Sitzungen des letzteren:
Im Reichstag stehen vom nationalen Standpunkt aur betrcichtet, wett wichtigere Befchlußfaffungen bevor- in den bevorstehenden Berathungen mutz das Werk des Bürgerlichen Gesetzbuches gekrönt werden durch die Annahme der großen Novellen zur Concursordnung und zur Civil- proceßordnung: und hier darf keine Zeit verloren werden, da erst nach Annahme dieser Novellen die Einzelstaaten in die Lage gesetzt werden, die sehr umfassenden und nicht minder wichtigen Einführungsgesetze der Beschlußfaffung ihrer gesetzgebenden Körperschaften zu unterbreiten. Beide Novellen bedürfen noch der zwecken und dritten Lesung; doch herrscht unter den Urtheilsfähigen nur eine Stimme darüber, daß die sechste ReichStagScommifsion diese Entwürfe so gründlich durchgearbeitet und geprüft hat, daß dringend zu wünschen ist, daß die Beschlüffe der Commission nicht von zufälligen Reichstagsmehrheiten verballhornt, oder um das schreckliche, aber bezeichnende Wort zu gebrauchen, verschlimmbeflert werden. Bei dem Gesetz über die freiwillige Gerichtsbarkeit ist leider in dritter Lesung eine solche traurige Verunstaltung in der Frage der Verdolmetschung erfolgt; glücklicherweise kann dieselbe unbeschadet des baldigen Inkrafttretens des Gesetzes als solchen im nächsten Jahre durch eine besondere Reichstagsnovelle oder auch durch die Particulargesetzgebung unschädlich gemacht werden. Ueber die Concursordnung liegt bereits feit dem 29. März ein vortrefflicher, sachlicher und übersichtlicher Bericht des Abgeordneten Baffermann vor, und es ist erfreulich festzustellen, daß seitdem in der öffentlichen Besprechung keine nennenswerthen Gesichtspunkte zu Tage getreten find, welche auf die Nothwendigkett einer Aenderung einzelner Bestimmungen Hinweisen. Die glatte und rasche Annahme dieser Novelle ist also mit Sicherheit z» erwarten. Auch sür die Civilproceßordnung liegen die Dinge recht gut. Der Abgeordnete Trimborn-Köln hat mit sehr rühmlichem Fleiße die Osterferien zur Fertigstellung
weiteren Festigung der deutschen Einheit führen wird. Auch vertrauen wir, daß, sobald einmal der Entwurf, der gegenüber schweren Mängeln des bisherigen bayrischen Militär- Strafverfahrens bedeutende Befferungen enthält, Gesetzeskraft erhalten haben wird, eine Verständigung des obersten Kriegsherrn mit der Krone Bayern über die noch schwebende Frage des obersten Militärgerichtshofes verhältnißmäßig leichter zu
Um so größere Schwierigkeiten dürsten aber aus der Gefahr der Beschlußunfähigkeit des Reichstags erwachsen. Hat schon die ganze letzte Tagung bisher unter dem traurigen Zeichen dieser stetigen Beschlußunfähigkeit gestanden, so hat sie ihren Gipfelpunkt in den letzten Tagen des März erreicht; unmittelbar nach der Durchberathung de» Flottengesetzes gaben namentlich die bayrischen und elsässischen Abgeordneten, die schon bisher im Schwänzen der Sitzungen den Vogel abgeschoffen hatten, das Zeichen zum Ausreißen, sodaß das Rerchshaushaltsgrsetz nur mit Ach und Krach ver- versaffungsgemäß von einer kleinen Zahl von knapp drei Dutzend Abgeordneten fertiggestellt werden konnte. Zu welchen traurigen, die deutsche Volksvertretung tief beschämenden Rede-Ausschreitungen diese schwere Pflichtvernachlässigung der großen Mehrheit des Reichstages geführt hat, wollen wir heute nicht nochmals ausführen. Aber um so dringender möchten wir an alle unsere parlamentarischen Freunde die Bitte richten, in der nächsten Woche vollzählich auf ihren Plätzen zu fein. Wir vertrauen, daß auch das Centrum alles aufbieten wird, feine Mannschaften in großer Zahl nach Berlin zu bringen; denn das Centrum hat in der That alle Ursache, dafür zu sorgen, daß die großen nationalen Werke,
der hoffentlich schon am ersten Tage der ReichStagsfitzungen von der nach dem Ausscheiden des Herrn v. Buchka jetzt
von dem Abgeordneten v. Cuny geleiteten 6. Commission festgestellt werden wird. Auch hier sind die meisten Zweifel und Bedenken durch die gründliche Commissionsarbelt aufge- klärt und beseitigt worden; selbst in der schwierigsten Frage der Erhöhung der Werthgrenze für Revisionsklagen beim Reichsgericht — der Vorschlag des Entwurfs ist für obligatorische Klagen angenommen, für dingliche Klagen abgelehnt worden — hat man sich einstimmig überzeugt, daß ohne eine solche Einschränkung der RevtsionSmöglichkeck Zustände am Reichsgericht großgezogen werden würden, die die Wahrung der Einheit der Rechtsprechung unbedingt vereiteln würden; anderseits hat man nicht minder eingesehen, daß alle anderen, von einzelnen Seiten gemachten Vorschläge nichts BeffereS und Annehmbares boten. So wird man auch hier auf eine verhältnißmäßig glatte Erledigung rechnen dürfen.
Dasselbe gilt für die noch ausstehende dritte Lesung der Militärstrafproceßordnung. Nachdem die zweite Lesung ein über alles Erwarten günstiges Ergebniß gehabt hat, ist zu hoffen, daß über die wenigen Punkte, über die noch zwischen der Reichstagsmehrheit und den verbündeten Regierungen Meinungsverschiedenheit herrscht, eine Verständigung erzielt werden wird. Dann wird eine Frage aus dem Streite der politischen Parteien für längere Zeit aus geschieden sein, die in Folge des bisherigen Verhaltens der verbündeten Regierungen von Jahr zu Jahr mehr zu einer politischen Gefahr auszuarten drohte und die vor Allem in den Händen einer kampflustigen Reichstagsmehrheit sehr leicht bei wichtigen Fragen der Vaterlandsvertheidigung zu einem recht bedenklichen und ernst zu nehmenden Erpreffungsmittel gegenüber den verbündeten Regierungen hätte werden können. Jedenfalls sind sich alle Sachverständigen darüber einig, daß die Ausgestaltung, die der Entwurf im Reichstag gefunden hat, zu einer wesentlichen Verbesserung der arg zurückgebliebenen militärischen Strafrechtspflege und damit — was für uns die Hauptsache ist — zu einer wesentlichen Kräftigung
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Fernsprecher Nr. 51.
eine Stunde von Freiburg entfernt, während der Nachtrab noch in Todtvau war. Sigel wollte daher erst diesen, sowie die inzwischen gesammelten Scharfschützenzüge der Hecker'fchen (Solenne sämmtlich heranhaben und verbot der Vorhut, in keinem Falle über GünterSthal hinan» vorzugehen. Da verdarb die Eitelkeit Struve» den ganzen, wohlangelegten Plan. Er gab Befehl zum Bormarsch und führte den Vortrupp mitten im Thale, auf offener Straße, gegen Freiburg vor. Beim Gasthaus zum Waldhorn stieß die Schaar auf die in Schlachtordnung ausgestellten Truppen Struve, erschreck: durch den Anblick, schwenkte fofort sein weiße» Taschentuch, aber der badische General Hoffmann jagte den vorgeschickten Parlamentär mit den Worten: -Pack Dich, Du Hund!" zurück und im nächsten Augenblick prasselten die Kartätschen in die Reihen der Freischärler.
Diese stoben auseinander wie Spreu vor dem Winde. General Hoffmann ging auf GünterSthal vor, wurde aber hier durch den inzwischen mit einem frischen Banner herbei- geeilten Sigel am weiteren Vordringen gehindert und mußte fich auf Sr. Georgen zurückziehen. Sigel wartete hierauf den Anmarsch MöglingS ab und Beide unternahmen am 24. noch doS Wagniß, ihren Parteigenossen in Freiburg, welches an diesem Tage von den fürstlichen Truppen berannt wurde, Hilfe zu bringen ES gelang ihnen, in Horben 500 biß 600 Mann zusammenzuraffeu. Damit drangen sie durch den Sternenwald bis vor das Schwaneuthor der Stadt, wo fie aber mit einem fürchterlichen Kartätscheuhagel empfangen wurden, da die Stadt mittlerweile nach heftigstem Barrikadenkämpfe von den Truppen genommen worden war Sie traten den Rückzug an und die Schauren verliefen fich dann im Gebirge. Sigel, Mögling und vier ihrer Leute wurden, weil fie zu weit vorgedrungen waren, von diesem Rückzüge abgeschnitten und wären gefangen worden, wenn die Führung der Truppen nicht eine so erbärmliche gewesen wäre. Sigel und Mögling konnten e» sogar wagen, über die unbewachte Stadtmauer zu klettern, um zu sehen, ob nicht in der Stadt doch noch etwa» zu machen sei. Doch eS war nichts mehr zu machen- Alles war verloren und Sigel und Mögling konnten sich nur knapp auf einem Schmugglerkahn auf du» franzöfifche Rheinufer retten.
Auch der in Aussicht gestellte Nachtragsetat, der sich vorzüglich auf die Besetzung Kiautschaus erstrecken soll, sowie das Gesetz, das dem Bundesrath die vorläufige Gestaltung des Tarifs im Verkehr mit England und den eng- Ufchen Colonieen nach dem bevorstehenden Ablauf des englisch- deutschen Handelsvertrages überträgt, dürften ebenso wenig * ' ' ~ ' nennenswerthe
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener AamitienvtStter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigelegt.
Fe«illeton.
Iüsikirte Ideale.*)
Zum 50. Jahrestage der ©ef'cbte bet Räubern und Freiburg tu Baden.
Am 20. und 24. Aprtl 1848.
Don Dr. A. Born.
(Schluß.)
,$err General! Sie exponiren fich!" ruft Haupt- mann Reim.
„Lieber Freund, wir gehören hierherI* entgegnet Gagrrn und rettet an.
Da prasselten die ersten Schüsse von der Freischaar. Die Schüsse wurden erwidert. Das Gefecht ist im Gange.
»Gerechter Gott I" ruft der General und — finkt tobt au» dem Sattel. Einige Salven der empörten Truppen und ein entschlossenes Vorgehen mit dem vahonett genügt, die Freifchaar in die wildeste Flucht zu jagen. Noch keine viertel- stunde hat der Kampf gedauert und da» Gefecht bei Kandern und Hecker» Schicksal ist entschieden.
Mit einem Häuflein versprengter Freischärler irrt er in den Waldern und wird in der nächsten Nacht durch einen Bauern glücklich Über den Rhein auf französischen Boden gebracht. Nachdem er noch zu Muttenz im Baselland eine »eile al» Flüchtling gelebt, ging er nach Nordamerika.
Wa» von der Hecker'schen Schaar noch zusammenhielt,
•) Wir werden daraus aufmettfom gemacht, daß die in obiger Skizze gegebene Erzählung des Herganges beim Tode des Generals v. (Sagern Unrichtigkeiten enthält. - Als die Truppen auf der Scheideck bei Kandern anlangten, wo die Freischärler sich ausgestellt batten, war die Schützen Compagnie (Hauptmann Keim) des 1. Bat. 3. Hess. Inf.-Regiments an der Spitze. Der General, der früher dem Hauptmann Keim die Ordre gegeben batte: „Vermeiden Sie, den ersten Schuß zu thun," ritt mit seinem Stabe hinter der Spitze. Da ertönte autz den Reihen der Freischaaren — neben dm Worten: Schießt nicht, deutsche Brüder! Kommt In unsere Reihen!' auch der Ruf' General vor! General!" Oberlieuimant Heisler, der Adjutant des Generals, machte diesen hierauf mit dm Wortm aufmerksam: „Herr Gmeral, man ruft Sie." Hierdurch veran aßt, stieg derselbe vom Pferde und ging starken Schrittes in Begleitung des Hauptmanns Keim bis vor die äußerste Spitze der Truppen vor wo ihnen der Freischaarmführer Kaiser entgegentrat Der General forderte wiederholt mit eindringlichen, ja bittenden Worten auf, die
Bereinigte fich bei Steinen mit der Struve'fchtn Eolonne. I Struve selbst, nachdem er av» einer zeitweiligen Hast in Säckmgen befreit war, eilte mit den Resten der Geschlagenen 1 der Sigel'schen Schaar zu.
Sigel erhielt die Nachricht von der Niederlage bei Kandern am selben Tage, den 20. April, al» er Nachtquartier in Todtnau bezogen hatte und in den nächsten Tagen Freiburg erreichen wollte. Gleichzeitig drang der Bore in ihn, die, wie er anSsogte, auf Zell zurückgegangene Hecker'sche Schaar zu unterstützen. Hierdurch ließ fich Sigel zn einem zeitraubenden Rückmarsch auf Schopfheim bewegen, währenddessen die fürstlichen Truppen von allen Seiten zur Wegnahme Freiburg» herbeieilten, dessen Bürgerschaft durch die enthufiast'.schen Turner im Sinne der republikanischen Schilderhebung gehalten wurde. Auch die badischen Truppen unter dem Nachfolger v. Gagerv», dem Obersten Hinkeldeh, wandten fich von Lörrach rheinabwärts auf Freiburg und vom Schwarzwald her rückten die Württemberger auf die Stadt zu.
Sigel, nach Todtnau zurückgeeilt, erhielt am Nachmittag de» 22. Meldungen, welche ihn über da» Verzweifelte einer Avgriffsbeweguug auf Freiburg nicht in Ungewißheit lassen konnten- dennoch wollte er al» muthiger Held die Parteigenossen in dieser Stadt nicht ohne Hilfe lassen und fetzte feine durchnäßten und abgehetzten Schaaren abermals in Marsch.
Am Oster-Sonntag, den 23. April, stand in den ersten NachwittagSstunden der republikanische Vortrupp, bei welchem Struve fich befand, beim Dorfe GünterSthal, also noch etwa
Waffen niederzulegm und nach Hause zu gehm, und kehrte, nachdem er sich von der Erfolglosigkeit dieses letzten sriedlichm Versuches überzmgt hatte, mtt Hauptmann Keim zu der Vortruppe zurück, wo er wieder zu Pferde stieg. Kaum im Sattel, wendete er fich, den Säbel ziehend und das Pferd antreibend, gegen seinen Stabschef Major Kuntz mit den Worten: „Also vorwärts." In diesem Augenblicke oder kurz darauf, als die heffischen Schützen mit gefälltem Bajonette vordrangen, erfolgten die allgemeinen gleichzeitigen Salven der Freischärler — überhaupt die ersten Schüffe, die an diesem Tage fielen und unter welchen der General mit seinem Pferde zu- fammenstürzte
Hiernach ist die von dem Freischaarenführer Kaiser ersundene Angabe, der General habe fie als „Gesindel" bezeichnet, gerade so in das Gebiet der Fabel zu verweisen, wie die Behauptung, der General habe sein Pistol auf die Mitte der Freischaar abgefeuert.


