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22.3.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 68

Erstes Blatt

Dienstag den 22 März

1808

Gießener Anzeiger

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Jor Dr. Stamm: onsjahr 1848.

Ter Vorstand, aller.

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C. Kruse.

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Das Volk der Denker und Forscher.

Alles Geheimnihvolle oder schwer Erreichbare nimmt daS ganz besondere Jmereffe der Menschen in Anspruch und reizt ihn. seine Kräfte anzuipannen, da« Geheimniß zu lüsten oder daß schwer Erreichbqre zu ersoffen. Und dabei leiten ibn nicht etwa immer materielle Bortheile, nein, für ideale 8 eie setzt er Vermögen, Gesundheit, ja das Leben ausS Spiel. Die Deutschen werden von jeher da« Volk der Denker ge­nannt, und zwar mit vollem Rechte- denn aus allen Gebieten, wo der Verstand und Scharsfinn eine Rolle spielen, hat der Deutsche geleistet, steht er unter den Nationen der Erde in erster Reihe. Sehen wir um unf, in der Technik, in der Kunst, auf dem G-biete der Erfindungen und Verbefferungen, immer waren es die Deutschen, welche bahnbrechend vor­gingen, wenn fie auch nur selten den Gewinn für fick einzu­heimsen verstanden. Der deutsche Geist hat groß? Umwälz­ungen geschaffen, und in allen Ländern der ctvitifirten Welt kann man seinen Einfluß wahrnehmen. Freilich ist der Deutsche schwerfälliger als Angehörige anderer Nationen, aber er ist darum um so gründlicher- was er beginnt, hat gleich Hand und Fuß, denn es ist reiflich durchdacht. Denken aber regt zum Forschen an, und daß wir Deutsche auf diesem Gebiete ebenfalls unendlich viel geleistet haben, dafür sprechen weltbekannte Namen, von denen wir nur diejenigen von Kant und Schopenhauer hier anführen wollen. Aber der Forschung waren früher enge Grenzen gezogen, aber inner­halb dieser Grenzen leistete der deutsche Geist auch das Höchste und das Vollkommenste.

ES ist klar, daß wir nicht zurückbleiben wollten, als fich neue Welten erschloffen, die die Eulturvölker zu Forsch­ungen anregten- aber die politische Zerrifienheit des deutschen Vaterlandes trug die Schuld daran, daß die Deutschen in dieser Beziehung in die zweite Linie gedrängt wurden, daß fie zurückbleiben mußten, trotzdem fie so gerne als Pioniere der Cultur in erster Linie gekämpft hätten. Wohl haben unsere Landsleute in der Erforschung fremder, bisher un­bekannter Welttheile fich ebenfalls hervorgethan, aber der Erfolg kam anderen Nationen zugute, der deutsche Name wurde dabei wenig zur Geltung gebracht. DaS wurde erst andere, als vor einem Vierteljahrhundert die politische Ein­heit Deutschlands hergestellt wurde, als der deutsche Name einen Klang erhielt, der bis in die entferntesten Gegenden der Welt schallte und auch die deutschen Forscher unter eigener Flagge auftreten konnten. WaS die W ff?nschaft unseren Landsleuten z. B. für die Kenntniß Inner Afrikas zu verdanken hat, brauchen wir nicht zu erwähnen, die deut­schen Namen, welche fich an die Erforschung des schwarzen ErdtheilS knüpfen, find ja noch in Aller Munde, jene Helden leben ja noch zum Theil unter uns und können noch persön­lich Zeugniß ablegen für bad, was sie im Interesse der Wiffenschaft zum Ruhm unseres Vaterlandes grthan haben.

Manchen hat wohl schon peinlich berührt, daß die Betheiligung Deutschlands an der Erforschung deS Nordpols bisher eine so minimale war, daß wir andere Nationen, insbesondere Amerika, England und Scandinaoien die Kosten für diese Expeditionen tragen ließen. Und doch ist gerade bei unS das Jnteresie für die Kenntniß der Vcrhältn sse am Nordpol ein so intenfiveS. Mit welch reger Aufmerksamkeit haben wir die Expedition Nansen- verfolgt, wie freudig erregt war nicht ganz Deutschland, a>S nach jahrelangem Bangen wieder Kunde von dem kühnen Forscher zu uns drang! Mit welcher Erwartung harren wir n cht einer Nachricht von der wagehalfigen Flugreise Andree-! DaS Jntereffe an der Nordpolerforschung ist heute mehr denn je rege, und deshalb wird e- gewiß allenthalben m't Freuden begrüßt, daß Deutsch­land im Begr>ffr steht, eine Nordpolarexpedition auSzurüsten, die freilich vorläufig weniger den Zwtck hat, den Nordpol selbst zu erreichen, als eine mehrmonatliche Fahrt im Eis­meere zu machen, um der W ssenschaft werthvolle Dienste zu leisten. DaS Unternehmen ist gesichert, im Monat Mai soll die Expedition auf dem Hochseefischdampfer das deutsche Gestade verlaffen und bis October in den Et-regionen ver­bleiben. Hervorragende Gelehrte werden sich betheiligen, und e- steht zu erwarten, daß die geplante systematische Forschung auf dem ihr von vornherein vorgezeichneten engen Gebiete der W ff nschait Anregung gibt zur Erweiterung ihrer Gesichtspunkte. (xx)

Deutsche* Reichstag.

65. Sitzung vom Samttag den 19. Marz 1898.

Tagesordnung: Fotsetzung btr Bercuhung der Militär- strafgerichtsorduung. Beim § 270 beantragen die Abgg.

Auer (Soc.) und Genossen, im Absatz 1 die Worte zu streichen, wonach die Ausschließung der Oeffentlichkeit bei der Hauprverhandlung auch erfolgen kannbei Gefährdung der öffentlichen Ordnung, insbesondere der Staatssicherheit oder bei Gesährdung militärdienstlicher Jntereffen." Ferner liegt sowohl ein Antrag Auer, wie ein Antrag Munckel vor, den Absatz 2 zur streichen, demzufolge dem Kaiser die Befugniß verbleibt, allgemeine Vorschriften darüber zu er- lassen, unter welchen Voraussetzungen das Gericht die O<ffent- lichkeit der Verhandlung wegen Gefährdung der Disziplin auszuschließen hat.

Abg. Oertel (Soz.) befürwortet die Anträge.

Abg. Beckh (frs. Vp.) empfiehlt vor Allem Streichung des Absatzes 2.

Die Anträge Auer und Munckel werden abgelehnt.

Zum § 274 hat die Eommisfion den Zusatz beschlossen, dem Verlrtzien sei der Zutritt zu öffentlichen Verhandlungen in allen Fällen zu gestatten.

Ein Antrag v. Putt kam er (cous.) will den Zusatz ganz streichen.

Abg. Bassermann (nl.) beantragt, die Entscheidung darüber, ob auch in solchem Falle der Verletzte Zutritt er­halten solle, in jedem Einzelfalle dem Gericht zu überlassen.

Abg. v. Puttkamer (cons.) zieht seinen Antrag zu Gunsten des Bassermann'schen zurück.

Der Antrag Bassermann wird angenommen.

Beim § 275 empfiehlt Abg. Bebel (Soc.) einen An­trag, die Bestimmung zu streichen, wonach auch weiblichen Personen der Zutritt zu öffentlichen Verhandlungen ohne Weiteres versagt werden kann.

Abg. Beckh (frs. Vp.) beantragt, die Bestimmung, wo­nach auch Personen ausgeschlossen werden können, welche in einer der Würde des Gericht- nicht entsprechenden Weise erscheinen, umzuäudern in: die Würde des Gerichts verletzen­den Weise.

Nach kurzer Debatte werden beide Anträge abgelehnt.

Mit § 322 beginnen die Bestimmungen über die Ber- theidigung.

Ein Antrag Auer, einen Vertheidiger auch schon im Ermittelung-verfahren zuzulaffen, und ein Antrag Beckh, den Vertheidiger auch bei den Standgerichten in jedem Stadium des Verfahren- zuzulaffen, werden abgelehnt.

Bei § 326 will ein Antrag Auer (Soc.), daß alle Rechtsanwälte zur Vertheidigung zuzulaffen seien, und nicht nur solche, welche zu dem Behuf von der obersten Militär­justizverwaltung ernannt sind.

Ein Antrag Munckel will ebenfalls alle Recht-anwälte zulaffen, wofern bürgerliche Delikte unter Anklage gestellt sind.

Einem zweiten Anträge Munckel zufolge soll auch eine etwaige Gesäh'dung militärdienstlicher Jntereffen oder der Staaisficherhett kein Grund sein, einen Rechtsanwalt nicht zuzulossen.

Ein Antrag v. Puttkamer endlich will den von der Commission beschloffenen Zusatz stretchen, wonach, falls nicht eben Gefährdung militärdirnstlicher Jntereffen oder der Staats» ficherheit zu besorgen ist, bei Verhandlung über bürgerliche Delicte alle bei deutschen Gerichten amtirenden Recht-anwälte zuzulaffen find.

Generallieutenant v. Vie bahn bittet dringend um Annahme de- Antrages v. Puttkamer.

Abg. Beckh (frs. Vp.) befürwortet den Antrag Munckel.

Abg. Schmitt-Mainz ((Str.) wünscht Ablehnung de- Antrages Munckel, desgleichen aber auch aller anderen Anträge. Dieselben werden abgelehnt und der ganze Rest deS Gesetzes unverändert in der EommilfionSfaffung ange­nommen.

ES folgt daS EinführungSgefetz zu dem eben erledigten Gesetz.

Die Annahme erfolgt bis § 32 debatteloS.

§ 33 behält die Einrichtung der obersten miliiärgesetz- lichen Instanz für Bayern einer anderweitrn gesetzlichen Regelung vor.

Abg. Frhr. v. Hertliug (Str.) führt au«, seine Freunde, die einen besonderen obersten Gerichtshof wünschten, hätten ihre in der Sommisfion gestellten Anträge hier nicht erneuert, weil sie annähmen, daß über diesen Gegenstand Verhandlungen zwischen den betheiligten Monarchen statt­finden.

Reichskanzler Fürst Hohenlohe führt aus, er bitte den Reichstag, von einer Beraihung dieser Angelegenheit abzusehen. WaS die Voraussetzungen de« Vorredner» betreffe, so könne er fie nur bestätigen. Eine Verständigung sei an­

gebahnt zwischen Kaiser W lhe m und dem Prinzregenten Lui'pold. Gelinge diese Verständigung, und eS sei kein Grund vorhanden, zu zweifeln, daß sie zu Stande komme, dann werde die Regelung leicht sein.

§ 33 wird genehmigt, ebenso debatteloS Me Vorlage betreffend die Dienstvergehen der richterlichen Militäljustiz- beamten.

E« folgt die Fortsetzung der Berathung de» Entwurfs betreffend Entschädigung unschuldig Verurtheilter.

ES ist zunächst die Abstimmung Über § 1 zu wieder­holen. Die Zählung ergibt die Anwesenheit vow 165 Ab- geordneren. DaS HauS ist also beschlußunfähig.

Nächste Sitzung Montag 12 Uhr. Tagesordnung: Etat des PensionS-, Invaliden Fonds, Reichseisenbahnen rc.

Schluß 4»/z Ubr.

Oerstsche» Reid?,

Berlin, 20 März. Wie dieStaatsbürger Zeitung" erfährt, herrscht gegenwärtig in der konservativen Par­tei die Neigung vor, die neue Militärstrafgerichts- ordnung abzulehneu, weil es nach den letzten Ver­handlungen der socialdemokcaten Partei und den Demokraten offensichtlich darauf ankomme, die Geundlagen unserer be­währten HeereSorganisation zu zerstören.

Berlin, 20. März. Wie derLocal - Anzeiger" be­rietet, wird gegenwärtig eine deutsche Expedition nach dem Nordpol geplant, die im kommenden Mai von Geestemünde auSgehen soll. ES handelt sich bet dem deutschen Prostet nicht um eine Entdeckungsreise im gewöhnlichen Sinne de» WoUeS, sondern um eine mehrmonatige Fahrt im Polar- miete, die durch ihre ganze Anlage, sowte durch die ihrem besonderen Zwlcke angepaßte Ausrüstung geeignet ist, der Wiffenschaft wrrthvolle Dienste zu leisten. Der Führer der Expedition wird der Polarfahrer Theodor Lerner sein, ihm werden fich verschiedene andere Gelehrte anschließen. DaS preußische EultuSministerium, sowie die Kaiserliche Marine haben dem Unternehmen ihre Unterstützung zugesagt. Auch der Kaiser hat fein Interesse an der Sache dadurch bekundet, daß er die vom Oberkommando geplante Eom- mandirung eine» actioen MarineosfizierS zum Führer del HochserfischereidampferSHelgoland", auf welchem die Expe­dition ausgeführt werden soll, genehmigt hat.

Berlin, 19. März Ein unbemannter Ballon bet Luftschifferabtheilung riß fich bei Ber uchen heute lo« und flog in östlicher Richtung davon. Mitrheilungen Über den Verbleib deS Ballons werden telegraphisch an die Luft- schifffihrtSabthrilung Berlin erbeten.

Berlin, 19. März. Heute Mittag wurde der Arbeiter Bier mit Frau und drei Töchtern in den Betten tobt aufgefunden. Man nimmt Vergiftung an und zwar au* dem Grunde, weil der Vater wegen Diebstahls auS der Arbeit entlaffen worden war.

Berlin, 19. März. Die S entr umflfraett on d eS Reichstage» hat gestern wieder ihre Stillung zum Flotten­gesetz berathen. Die Verhandlungen nahm'» trotz der un- ausgeglichenen Gegensätze einen ruhigen verlauf. Die Minder­heit gegen die Flottfnvorlage dürfte etwa 20 Mann betragen. Der FracitonSzwang wird nicht geübt.

Berlin, 19. März. DerPost" wird die Meldung be­stätigt, daß der Sommanbant S. M. S.Stein", Eapitän Oelrich», plötzlich geisteskrank geworden ist. Die Er­krankung wird auf einen schweren Sturz zuiückgeführt, den Eapitän Oelrichs vor einigen Jahren mit dem Pferde in Südamerika erlitt und wobei er fich eine schwere Schädel- Verletzung zuzoq.

Berlin, 19. März. Die Budget-Commission des Reichstage» erledigte heute da» Extlaordinarium bei ElaiS der Verwaltung der Eisenbahnen. Man hofft, mit dem ganzen Etat dis Dienstag fertig zu werden.

Berlin, 19. Mürz. Der KreuzerDeutschland", der fich bekanntlich In Hongkong in Dock b-findet, muß da­selbst noch mindestens drei Wochen bleiben, da eine größere Maschinenreparatur sich als nothwendig erwiesen hat.

Berlin, 19. März. Bei der hiefigen Luftsch'ffer- Abtheilung ereigneten fich heute Vormittag zwei schwere Unfälle. Infolge deS starken Windes ging plötzlich der Drachen-Feffelballon etwa 20 Meter hoch und hieb mit dem schweren eisernen Wagen, auf welchem ber Ballon befestigt war, bavon. Auf dem Tempelhofer Feld zerriß daS Luft­schiff die Telegraphendrähte und warf einen Pferdebahn- wagen um, wobei mehrere Personen Verletzungen erlitten. Ein zweiter Ballon riß fich um dieselbe Zeit loS und ver­schwand in den Wolken.