Ausgabe 
21.9.1898 Zweites Blatt
 
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Mittwoch den 21. September

Nr. 221 Zweites Blatt

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Gießener Anzeiger

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General-Anzeiger

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Amts» und Anzeigeblatt für den Areis Giefzen.

***MSKr.S.T" Emtisbeilagk: Gießener Familitnbläiter. "'S»......

Jahresfest des hessischen Hauptvereins des evangelischen Bundes.

Mainz, 19. September.

Im nahen Weisenau hielt gestern der hesfifche Haupt- Verein de» evangelischen Bunde» seine diesjährige Haupt- Versammlung ab. Es waren dazu erschienen al» Vertreter her K rcbenbehvrde Superintendent Confistorialrath Waltz au» Darmstadt, sowie eine große Anzahl Vertreter der hesfischen Localvereine in den drei Provinzen und au» der Pfalz, Baden und Frankfurt. Außerdem war auch die hiesige altkatholische ReligtonSgemeinbe vertreten.

Eingeleitet wurde die Hauptversammlung mit einem Festgottr»dieust tu dem schmucken, mit Fahnen geschmückten evangelischen Totteshause tu Weisenau, bet dem der dortige Pfarrer, Herr Dr. Bert, die pfarramtlichen Functionen verrichtete und Herr Realgymoafiallehrer Pfarrer Wattz- Darmstadt die Festpredtgt hielt. Letzterer war zu Grunde Lelegt da» Evangelium Lucae, Cap. 8, ver» 2225. Außer den Gesängen der die Kirche in allen Thetleu füllenden Ge­meinde verherrlichte auch der gemischte Kirchrnchor von Weisenau, der unter der Leitung dr» Lehrer» Herrn Trau steht, den­selben durch Vortrag mehrerer Chöre.

An den Festgollesdienst schloß sich die Hauptver­sammlung, die im Dchulsaale dr» Schwesternhauses ab­gehalten wurde. Dieses Schwesternhaus in Weisenau ist das erste, das der Bund in der Provinz Rhrtnhefieu besitzt. Den Borfitz in der Versammlung führte Herr Laudgerichtsdirector ch le r-Darmstadt. Derselbe eröffnete die Verhandlungen mit einer herzlichen Begrüßungsansprache. Darnach erstattete Htrr Hofprediger Ehrhardt-Darmstadt den Jahresbericht, dem zu entnehmen ist, daß der evangelische Bund tu Heffeu in erfreulicher Zunahme begriffen ist und heute ca. 4500 Mit­glieder in 87 Ortsvrreinen zählt, von letzteren hat Rhein- heffeu 15, Starkenburg 12 und Oberheffeu 10. Den Rechen­schaftsbericht verlas Herr Kaufmann Rummel-Darmstadt. Es wurde demselben Drcharge ertheilt. Der bisherige Vorstand wurde dann durch Aeclamatiou wiedergewählt und die Neu- Organisation und Neuwahl drffelben bis zur nächstjährigen Hauptversammlung verschoben.

S» folgte darauf ein Vortrag des Profeffors Herrn Arthur Schmidt-Gießen überblt konfessionelle Kinbererziehung in Heffen und die Aufgaben des Evangelischen Bunde»". Bet der dem Vortragenden zu Gebote stehenden sehr knappen Zeit entledigte fich derselbe seiner Aufgabe in juridisch schärfster und außerordentlich klarer Weise. Daran schloß fich das Correferat über das vortragSlhrma an, das Director Pro feffor D. Wetffeubach - Friedberg mit einigen Vorbehalten gegen die Ausführungen des Vorredners hielt. Nach der

Dtseusfion, die fich hieraus entspann und an der fich mit anderen Herren auch Herr Covfiftorialrarh Waltz berheiligte, wurden folgende zwei Resolutionen vorgeschlagen und von der Versammlung gebilligt:

1. Die staatsrechtliche Gültigkeit der Verordnung von 1826 betr. die Kindererziehuug iu gemischten Ehen ist zweifel­haft, die Folgerungen au» ihr führen zu den verwickeltsten Verhältnissen, und diese Verordnung ist dteserhalb aufzuhebeu.

2. Verträge über die religiöse Erziehung der Kinder sollen künftighin gesetzlich verboten sein.

Damit war die Tagesordnung der Hauptversammlung erledigt und folgten die anwesenden auswärtigen Vertreter und der Vorstand einer Einladung der Schwestern zu einem frugalen Imbiß, worauf man fich nach Mainz zu der Fest- versammluag im großen Saal de» Evangelischen Vereins- Hause» begab.

Diese Festversamwlung wurde eröffnet mit einem Gesang«- Vortrag dr» gemischten Kirchruchores, der unter Leitung de» Herrn M. Hackebeil jan. stehr. Herr Pfarrer 81c. Jacob» von hier hielt darnach die Eröffnungsrede, au die fich eine Begrüßungsansprache schloß. Redner führte ungefähr aus: Komme ein Wanderer nach Mainz, sähe die vielen Kirchen- thürme und frage, welcher davon der der evangelischen Kirche sei, könne er keine Antwort bekommen, da die einzige hiesige evangelische Kirche keinen solchen habe. Ja kurzer Zeit sei das anders. Da würde in der Neustadt die stolze Kuppel der Erlöserkirche iu die Lüfte ragen und zeugeo, daß e» tu dem katholischeu Mainz auch viele Protestanten gäbe. In Zu­kunft könne Mainz nicht mehr das katholische genannt werden, da mehr als eiu Drittel seiner Einwohner protestantisch sei. Die Abhaltung der Hauptversammlung des Evangelischen Bundes bei und iu Mainz solle keine Herausforderung sein, man wolle damit nicht den eonfesfiourllrn Frieden stören, sondern man wolle damit die Jutereffelofigkett, die Lauheit der Evangelischen anregen. Der Evangelische Bund wolle zwar den Krieg, aber nicht den der Verleumdung oder mit dem StaatSauwalt, sondern den der Ueberzeuguug. Mau wolle durch den Krieg den Aberglauben heilen. Eigentlich müßten die Katholiken dafür dankbar sein, aber sie seien e» nicht, sie fürchteten wie die Sinder den Arzt; daß man den Grafen HoenSbroech als Festredner gewonnen, solle auch keine Herausforderung fein. Man wolle eben kämpfen und sprechen wie Paulus vom Jadenthume- mit Haß, aber nur mit dem Haß, wie ihn ein Liebender hat. Eiu künftiges evaugrlische» Mainz lei kein ZukunftStraum mehr. Darauf erläuterte der Redner noch­mals da» Ziel aller evangelischen Bundesarbeit und begrüßte daun schließlich den Hauptvorstaud des Bunde», den Vertreter der Kirchenbehörde, die Vertreter der Zweigvereine mit einem herzlichen Willkommen in Mainz.

Mit großer Spannung erwartet, bestieg daun der Fest' reiner, Graf HoeuSbroech-Berlin die Rednertribüne. Während seine» zweistündigen, freigehaltenen Vorträge» lieferte der Graf den Beweis eine» außergewöhnlich wirkungsvollen Rednertalentes. Wer aber von den mehreren Hunderten von Zuhörern, die den großen Saal und die Gallerten und auch den anstoßenden kleinen Saal bis auf da» letzte Plätzchen füllten, gekommen war, um von dem Grafen etwa» Sen­sationelle» oder Enthüllungen über persönlich religiös, inner­lich Erlebtes zu hören, der kam, wie der Graf selbst er­wähnte, nicht auf Kosten seine» Abends. Nicht endenwollender Beifall lohnte den Redner für seinen Vortrag, der Haupt- sächlich dartu gipfelte, daß es ein gewaltiger Unterschied sei zwischen dem UltramovtaotSmu» und der Religion, der Lehre Christi. Wolle man den Ultramontanisrnus bekämpfen, so müffe man diesen Unterschied kennen, damit man nur da» System bekämpfe und nicht die im Worte Gotte» begründete christliche Religion.

Hierauf sang der schon erwähnte gemischte Kirchenchor noch ein Lied, worauf der gesellig-unterhaltende Theil de» Abend» begann. Herr Landgericht»dtrector Küchler nahm hierbei Beranlaffuug, die Festversamrnluug sowohl, wie die anwesenden Vertreter der Behörden und Zweigvereine zu begrüßen und Grüße au»znrichten von der oberen Kirchen­behörde, die e» fich nicht hätte nehmen laffeu, den Coufistorial- rath Waltz zu dem Feste zu entsenden. Da» Fest werde hier abgehalten, nicht um irgend einen Anstoß bei den katho­lischen Mitbürgern zu erregen, sondern um die Provinz zu ehren, die iu ihrer evangelischen Bevölkerung eiu so großes Entgegenkommen gezeigt und die erste Schwesterustation de» Bunde» in Weiseuau beherberge. Danach sprachen noch die Herren Pfarrer Küper», als Vertreter der altkatholischen Gemeinde Pfarrer Dr. Weitbrecht-Wimpfen, der iu humor­voller Weise eia Hoch auf da» deutsche Vaterland ausbrachte. Pfarrer Dr. Bert Wtisevau und Pfarrer Lic. Jacobs- Mainz. Verschönert wurde der Festabend noch durch weitere prächtige Liedervorträge de» Kirchengesangvereins.

Zur Lage auf Kreta

schreiben dieM. N. Nachr." :

Die allgemeine Lage auf Kreta spitzt fich offenbar zu und eine Lösung In dem einen oder anderen Sinne wird fich den Großmächten mit der Gewalt der Thatsachen aufdräugen, falls fie fich nicht über die Mittel einer solchen rasch ver­ständigen. Die Mohammedaner der Insel find von ihre« Standpunkt au» nicht so sehr im Unrecht, als dies scheinen mag. Aber wenn irgendwo, so gilt hier der Spruch:®rau, thrurir Freund, ist alle Theorie". Die Muselwaaen waren

Fettilleton.

Papier und Pergament,

kulturhistorische Skizze von Erich Fließ.

(Nachdruck verboten.)

In seinem ersten Sturm- und Drangdrama läßt Schiller feinen Helden, den großen Räuber Carl Moor, einPfui über da» tinteukleckseude Säeuluw" aussprechen.

Im Grunde genommen verhält es fich mit diesem tiutenklrckienden Säculuw" ebenso wie mit derguten alten Zeit" und anderen ErscheiuuvgSformeu in Zeit und Raum- fie find eigentlich schon immer dagewesen und find immer wieder da.

Bücher find bei den verschiedenen Völkern in den ver­schiedenen Zeitaltern und Stusen der Cultur immer ge­schrieben worden, und eigentlich immer viele. Der Beweis hierfür liefern nufere Bibliotheken, die uus Kunde von den vergangenen und gegenwärtigen Literatnrperioden geben.

Sm bekanntesten t« Slterihum waren die beiden Alexandrinischen Bibliotheken unter den ersten Ptolemäern, das Bruchium und Serapeum, deren GiÜndung in die Blüihe- zeit des Ptolemäischen Königsreichs fiel, und zusammenhängend mit der des Mulenms selbst, den Gelehrten der jungen Aka­demie den completten Bestand der damaligen griechischen Literatur zur Verfügung stellte. Die Bibliothek des Seropenms wie» 42,800 Rollen, die des Bruchiums nicht weniger al» 490,000 auf. Hiernach scheinen unsere modernen Bibltothtkeu großen Stile» mit ihrer Weltliteratur de« Lüchrrschatz der alten Rttstadt kaum Überlegen, zumal dieser nur den Inhalt einer griechischen Ltteraturperiode beschloß.

Heutzutage finden wir die Handschriften der großen Vaticana auf 25,000 angegeben- ihre Drucke dsreben werden

auf 500,000 geschätzt. Für den Bücherschatz der Göttinger Universität erhalten wir die Summe von 400,000 (ohne die 5000 Handschriften), für den der Kaiserlichen Bibliothtk in Wien 406,461 (ohne die 20,000 Handschriften)- für den da» British Museum die Zahl von über 500,000 (ohne die Handschriften).

Diesen Sammlungen würde also das Bruchium etwa gleichgekommen sein, wohingegen die Müvchener und Berliner Königliche Bibliothek oder die Nationalbibliothek von Paris allerdings doppelt so hoch stehen.

Dte Pariser Brbliothek hat nogrsähr 84,000 Handschriften und über 860,000 Drucke.

Die Münchener Bibliothek faßt circa 800,000 Werke, 100,000 Dissertationen, 300,000 Broschüren und 24,000 Haodschrtsteu- die Berliner ohne Karten und Mufikaliea über 700,000 Bände und mehr al» 15,000 Handschriften.

An» älterer Zeit sei noch kurz auf das mittelalterliche Cordova hingewieseu, da» in der Zeit der Blüthe 400,000 Bücher besessen haben soll, wogegen wir sür die Buch- sammluug de» Kaiserlichen Collegium» in Byzanz, die Leo der Jsaurirr verbrannte, nur die Zahl 36,500 erfahre«.

Jener große Bücherbestand der alten Alexandrinischen Bibliothek muß unser höchste» Erstaunen erregen, da» freilich etwas gemindert wird, wenn wir den Buchbegriff der Alexandrinischen und Übrigen alten Bibliotheken näher in» Auge faffen und zur Erklärung der großen Zahlen den minimalen Umfang erwägen, auf welchen fich, verglichen mit dem modernen Bande, dasBuch" der Alten beschränkte.

Als Buchform galt dabei die PapyruSrolle- das Buch bestimmte fich nicht nach der Seiten», sondern nach der Zeilenzahl, die es umschloß. Das Maximum hierfür ergab die geringe Summe von 4000 Z'iseu.

Während die moderne Zeit als Material fast allein auf da» Leiueupapier angewiesen ist, das fich nur der Art nach im Dienste des Druckes von den verschiedenen Sorten de» Schreibpapiere» unterscheidet, beschränkt fich da» Alterthum für die Edition seiner literarischen Werke auf den Paphtn»- für Privatzwecke verfügt e» neben demselben Papyru» auch noch über die Wachstafel und Membrane Pergament.

Die Papymsrolle ist eine Originaler findnug der AegYPier und al» solche vralt. Sie hat fich aus Gräbern in zahl­reichen veispselen, die in die großen Bibliotheken und Museen Europa» Übergegangen find, anfgefuoden- Exemplare von sehr verschiedener Güte im Matertal, zum Theil von großen Volumen und bald hieratisch, bald bemotisch, aber auch mit hieroglyphischer Schrift beschrieben. Die Buch­rolle, mit einem geknoteten Faden zusammengehalten, war dem Aegypter eine so gelävfige und characteristische An- schauuug, daß fie auch neben Schlangen, Geiern, Löwe« u. f. w. al» hteroglyphtsche» Schrtftzeichen figurirt. Ihre erste Anwendung verliert fich in eine unmeßbare Ver­gangenheit.

Nicht nur Abschriftenwesen, sondern auch Buchhandel lernen wir sür Aegypten kennen aus einem von Heinrich Brngsch edirten Wiener hieratischen Paphrusfragwent. Zur Aufbewahrung der Rollen dienen hier Krüge, die je neun Stück faffen.

Das Buchwesen der Phönicier werden wir nach de« jüdischen benrtheilen können, da» t« alten Testament vor- liegt. Rolleosorm herrschte hier gleichfalls, allein an Stelle der Charta-Papyras diente da» Leder, Membrane, in ver­schiedener Zubereitung al» Matertal.

(Schluß folgt.)