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21.8.1898 Zweites Blatt
 
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Predigt

Nr. 195 Zweites Blatt. Sonntag den 21. August

1808

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

>bci Poftdkzug

2 Mark 50 Pf,. 'irrikljLhrlich.

monathd) 75 Pitz mit vrmgrrlohi».

PqeflMrcU virrttNährUch

eee lejrigtn zu brr Nachmittag« für bm IHfcnhrn Te| rr1d>rinmbm Nummrr bi« Bonn. 10 Uhr.

Illr AnzrigrN'Bermittlung-strllrn br« In- unb Aullanbt« nrhmrn Anzeigen für en Virßrnrr Anzeiger "',»9«

frf^rfnt HflH« ent Uu-nabmr dr« Montag«.

Dw iMtrhrnrr yemKltebfÄtttr Berben bem Anzeiger Wöchentlich viermal beigefegt.

Amts- und 2ln»ciacblrttt für den Kreis Giefzen.

»xT"*'- Gratisbeilage: Gießener Familienblätter. Fernsprecher Rr. 51.

Deutsche- Reich.

verli», 19. August. DieStatist. Lorr." veröffentlicht interessante Zahlen über die Zwangsversteigerungen land- und forstwirthschastlicher Grundstücke in Preußen. I« ganzen preußischen Staate kamen zur Zwaugß- versteigrrong:

Gel.-Fläche

1886/87

2979

mit

110063 Hectar,

1887/88

2356

n

81 681

n

1888/89

2446

n

81280

rf

1889/90

2014

rt

61801

ft

1890/91

2220

h

65310

tt

1891/92

1636

h

62 361

h

1892/93

2299

ft

89 266

tt

1893/94

1998

ff

69 327

n

1894/95

1566

ft

60 287

N

1895/96

1834

ft

67 259

n

1896/97

1517

N

64107

tt

Der Umsang der Versteigerungen schwankt also seit 1889/90 wenig; nur da» Jahr 1892/93 geht erheblich über den Durchschnitt hiaau». Die Zahl der Bersteigeruogen ist auch seit 1889/90 im Allgemeinen noch zurückgegaogeo. Am niedrigsten ist die Zahl im letzten Jahre 1896/97, der Umfang im Jahre 1890/91, am höchsten beide im Jahre 1886/87. Regelmäßig entfallen gegen 60 v. H., im letzten Jahre sogar 64.46 v. H. der versteigerten Fläche auf Grundstücke von »ehr al» 200 Hectar Grsammifläche. Wie tu den vor- jähren, so waren an der Gesammtheit der Versteigerungen vorzug»wetse die Ostprooinzen betheiligt und zwar Branden- durg mit 20968, Posen mit 8818, Schlesien mit 7397, Destpreußeu mit 7037, Pommern mit 6837, Ostpreußen mit 6785 Hectar, dieostelbischen" Gebiete zusammen mit mehr el» 58000 Hectar, sodaß für ganzNord- uud Westelbieu" eine geringere versteigerte Fläche übrig blieb al» für jede der ostelbtschrn" Provinzen.

Mel, 19. August. Die russische Regierung beauftragte die Germania Werft mit dem Bau eine» Panzerkreuzer» von 5300 Tonnen. Weitere Auftrage stehen tu Aussicht.

A«»U»«d.

Pari», 19. August. Wie verlautet, wird Baron L ourzel, der französische votschaster io Londou, io den nächsten Monaten von seine» Posten zurückireten.

Belgrad, 19. August. Hervorragende Führer der Fort­schrittspartei beichloffro, die Partei neu zu orgauifiren nab ein Partetblatt herauSzugeben.

Locale» und provinzielle».

§ vom höheren Bogettberg, 19. August. Die Witterung ist hier seit einigen Tagen eine drückend heiße, so daß kurz nach Beendigung der Heuernte mit dem Schneiden de» Roggen» begonnen werden konnte. Wir sehen einer guten Ernte ei tzegen, da bei un» der Herbst den Au»schlag sür eine gnt etngekommene Ernte gibt. Auch der zweite Klee- schnitt steht prächtig. Kartoffeln kommen ebeofall» noch gut herau».

Laubach, 16. August. Ein Bubenstreich wurde an dem Herrn Hofapotheker Roßbach zustehendeo, am Lardeu- bacher Weg gelegenen Fischteich verübt, vonkundiger" Hand wurde die Schleuse gezogen, wodurch da» Waffer tu kurzer Zett abltef. Hätte utcht ein vorübergehender die» be- merkt und Benachrichtigung gegeben, so würden säwmtliche Fische bei der jetzigen Sommerhitze + 25° R. um so eher erstickt sein.

t Glashütten, Krei» Schotten, 19. August. Unser lang- jähriger Bürgermeister, Herr Stöhr, hat mit Rücksicht auf seinen geschwächten Gesundheitszustand sein Amt niedergelegt und findet tu zwei Wochen dte Wahl eine» neuen Ort»ober- Haupt» dahier statt. Al» Laudidateu hiersür kommen der Sohn unsere» «ltbürgermeister» sowie Laudwirth Roth tu Betracht.

Mainz, 19. August. Mit Rücksicht auf die große Hitze wird auf höhere Anordnung hin, dte morgtge Truppen­schau durch den Kaiser hier, eine bedeutende Ab­kürzung erfahren. Infolgedessen wird voraussichtlich auch dte Huldigung der Stadt Mainz etwa» früher al» im Pro- gramm vorgesehen, stattfindeu. Der Großherzog von Hessen nebst Gemahlin ist heute Abend gegen 6Uhr mittelst Extrazug über Kastel von Butzbach hier angrkommen. Da» Großherzogliche Paar wird den Kaiser morgen Früh am Bahnhof empfangen. Anläßlich dr» Kaisrrbesuchr» ist hier ein coloffaler Frewdeoandraug. Dte Hotel» find überfüllt und haben für morgen so zahlreiche Bestellungen erhalten, daß fle utcht im Stande find, nur die Hälfte der angesagten Gäste aufzuuehmeu. In den großen Hotel» am Rhein find schon seit einigen Tagen dte Zimmer sür den Katserbesuch belegt. von der Station Kastel ist der Bahnkasfirer Becker mit Unterschlagung einer beträchtlichen Summe flüchtig geworden. Seiten» der Staatsanwaltschaft ist ein Steck­brief hinter demselben erlaffen.

Au» Rheinhessen, 19. August. In Erbel-BüdeSheim ist der Oeconom Müller aus freiem Felde von einem Hitz- schlag getroffen worden und «ar sofort tue Leiche.

vermischte».

Wetzlar, 18. August. Am Mittwoch, den 24. dS. Mt»., findet tu unserer Stadt der diesjährige Bullenmarkt statt. Dieser Markt, welcher schon seit einer Reihe von Jahren abgehaltrn wird und mit welchem eine Prämiirung der im KeeiS Wetzlar gezüchteten Vogelsberger Thtere ver­bunden ist, war immer sehr stark und anerkanntermaßen stets mit vorzüglichem Bulleumaterial betrieben. Auch diesmal liegen bereits zahlreiche Anmeldungen vor. Wer fich daher sür schöne Vogelsberger Zuchtbullen iuteresfirt, der möge nicht versäumen, dteseu Markt zu besuchen- an günstiger Gelegen­heit zu Aaficht und Kauf wird e» nicht fehlen. Man beachte da» Inserat in heutiger Nummer dieses Blattes.

* Folgendes Frachtcuriofum wird aus Boppard ge­meldet : Ein Beamter, der vor Kurzem vom Niederrhein nach Boppard verzog, hatte beim Umzuge vergeffen, eine über 7 Meter lange Fahnenstange mitzunehmen. Als er den Verlust merkte, bat er einen Beamten um Nachsendung der Stange. Diese kam nun kürzlich an und war mit 31 Mk. Fracht belastet. Wegen der Länge hatte die Stange nicht in einem gewöhnlichen Wagen Platz finden können und mußte in einem Specialwagen befördert werden.

Kaiserliche Telegramme, lieber einige Äußerlichkeiten des regen telegraphischen Verkehrs, den der Kaiser unterhält, theilt dasB. T." Folgendes mit: Für den Gebrauch des Kaisers dienen besondere Depeschenformulare, die sämmtlich mit der Aufschrift:Telegramm Sr. Majestät des Deutschen Kaisers" versehen find. Diese Formulare sind in Kleinquart- und in Kleinfolioformat hergestellt. Ein Theil der kaiserlichen Telegramme wird im Auftrage des Kaisers abgefaßt und von einem Herrn seiner Umgebung, beispielsweise von He rn v. Lucanus. unterzeichnet. Bei einem anderen Theile unter­zeichnet der Kaiser selbst, und ein dritter Theil, der, nebenbei gesagt, nicht unbeträchtlich ist, wird vom Kaiser eigenhändig niedergeschrieben. Hält der Kaiser sich im Schlöffe zu Berlin auf, so werden seine Telegramme von einem Flügeladjutanten in das im Schlöffe untergebrachte Telegraphenamt getragen. Dieses übermittelt die Depeschen telegraphisch an das Haupt- telegraphenamt von dem aus die weitere Beförderung erfolgt. Ueber jedes kaiserliche Telegramm führt da« Haupt- telegraphenamt genau Buch. Nicht nur die Zeit der Ab­fertigung, sondern auch die Adreffe jedes Telegramms wird eingetragen. Allmonatlich reicht das Schloßtelegraphenamt dem Haupttelegraphenamt die Originale der Telegramme ein, worauf an der Hand des Verzeichniffts geprüft wird, ob sämmtliche Originale vorhanden find. Diese Originale nebst | dem Verzeichniß gehen dann an die Oberpostdirection. Früher,

Feuilleton.

Anter der Sonne Aakältinas.

Eindrücke und Erinuerungeu.

Don Karl Böttcher.

(Nachdruck verboten.)

V. Türkische Zustande.

Wer viel in Palästina hinauf und hinab zieht er fühlt gar bald: zornige Verwahrlosung liegt über den steinigen Fluren; todestraurige Einsamkeit füllt die Lande, und Oede und Verlaffenheit durchwandern vereint ehe­mals üppig blühende, jetzt verkommene Tristen, in denen vor grauen ZeitenMilch und Honig" floß. Manche Leute meinen, dies trübe Stimmungsbild fei von einem schweren Fluch veranlaßt, der immer noch auf Palästina lastet. Ach nein, e« ist nur da» unheimlich finstere Resultat der türkischen Mißwirthschaft. . . .

Nehmen wir einige besonders auffällige Factoren dieser Mßwirthschast unter die Lupe. . . .

Da find vorerst die braven Beamten, von denen ich verschiedene kennen lernte. Eine Wolke von Wehmuth be­schattet zumeist ihr Geficht; es fehlt ihnen am Besten, an jenem gefeierten Metall, so manGeld" titulirt. Aber denkt nur! Ihre berechtigten Hoffnungen auf Gehalt es find gar oft zertrümmerte Träume; der wackere Staat vergißt dies schöne Gehaltzahlen, so daß vielen dieser guten Leute seit den letzten Monaten diese Pracht überhaupt nicht vor die Augen kam.Mein Gehalt?" meint Einer;wenn er fich wieder einmal einstellt, werde ich ihn photographieren laffen, damit ich mich öfter an seinem Anblick erfreuen kann." . . .

Doch allein von der Luft leben, wie fie ozonreich in erquickender Frische über das Gebirge Juda streicht, vermögen

selbst solch genügsame Beamte nicht. Sie muffen fich deshalb nach anderen Erwerbsquellen umsehen, welche den schemen­haften Gehalt nicht nur ersetzen, nein, ihn womöglich noch übertrumpfen.

Nun strecken fie bei ihren Amtshandlungen verstohlen die Hände nach Trinkgeld aus, leben sie nur von der trüben Fluch desBachschifch".

Schon als ich in Jaffa das Land betrete, umweht mich eine kräftige Brise aus dieser Bachfchisch-Atmosphäre.

Mein Gepäck wird nach dem Ausbooten in» Zollamt ttansportirt. Flug« tuschelt man mir in der Mauerecke zu, wie ich den nahenden Zollplackereien ausweichen könne; wenn ich freiwillig zwei Francs Bachschifch opfert soll dieZoll­revision" glatt erledigt sein. In mein Gepäck wurden zwar keinerlei verzollbare Gegenstände versenkt, ich könnte es sonach umso gleichgültiger den spähenden Augen der Zollbeamten au«setzen; doch ich fürchte mit Recht, wenn ich diese armen Teufel um den leuchtenden Bachschifch von zwei Francs bringe, wühlen und werfen sie meine sorgfältig eingepacklm Bücher und Kleider in gut marlirtem Uebereifer wirr durch, einander. Nein, lieber schleunigst zwei Franc» blechen und erlöst fein. ...

Tie Hände in den Taschen, dünne Cigaretten paqend und gedankenlos vor fich hin pfeifend, starren jetzt die Zoll- beamten ins Leere; keinen Blick für meine^ nun von schwitzen­den Gepäckträgern vorübergebuckelten Koffer.

Dies hoch aufgehrßte Bachschisch-Banner beherrscht alle staatlichen Aemter.

Man will ein Hau« bauen. Jedoch die längst erbetene, nöthige Erlaubniß dazu läßt im kleinen Bureau der Bau- behörde lange, lange auf sich warten. Was thut«?! Dann vorwärts ohne Erlaubniß! Die Gysternen werden bereits gegraben, mächttge Grundmauern aus dicken Kieselsteinen erheben sich, die erste Etage stellt sich vor. Plötzlich erinnern

die Beamten an die fehlende Erlaubniß. Bachschifch r- und die Behörde hüllt sich in Schweigen. Unb wieder Bachschifch die Erlaubniß ist endlich eingetroffen, eine Erlaubniß jedoch nur zum Bau der ersten Etage, weil man die Erlaubniß zum Häuserbau nur ratenweise ertheilt. Weiter hämmern die Maurer die zweite Etage wird fertig. Jetzt von Neuem die alte Bachschifch Leier. ,

Unb so Bachschifch auf allen Strecken, Bachschifch in allen Regionen, Bachschifch allüberall.

Man sieht, nicht Se. Majestät ber Sultan herrscht in Palästina, nein, ba« gelobte Lanb wirb hauptsächlich vom Bachschifch regiert.

Daß in einem Staat von minderwerthiger Ehrlichkeit bet Polizei-Sensor eine große Rolle spielt, versteht fich von selbst. O, welch trübselige Erscheinung, wenn eine solche Intelligenz in der Gloriole ihrer Weltanschauung über ein Kunstwerk herfällt!

Im Hafen von Jaffa sehe ich, wie bei der Zollrevision ba« stimmungsvolle Oelgemälbe eine« bekannten Orientmaler» angehalten wirb: veilchenfarbenes, in tiefen Purpur über­gehendes Abendglühen; Beduinen in langen Burnussen, da­neben ein Ziehbrunnen, CactuSgestrüpp; am Strand de» Meeres aber eine etwa« verfallene Moschee. . Mit forschen­der Kennermiene ruht der Blick des Polizisten auf dieser Moschee. Dann entwickelt er in überzeugung»ooller Bered­samkeit, daß das Bild eine fulminante Gotteslästerung ent­halte. Jawohl, eine brutale Verächtlichmachung der muha- medanischen Religion; denn nie und nimmer werde eine Moschee, in welcher Allah, der Allmächtige, wohnt, in Trümmer fallen. Das Bild ist deshalb fettens ber kaiserlichen Behörde anzuhalten.

Aehnliche erbarmungswürdige Beschränktheit führt zumeist den Stift des Genfer«, sobald es fich um Bemtheilung von Zeitungen und Büchern handelt. Einmal verboten diese