Ausgabe 
20.7.1898 Zweites Blatt
 
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Faxon gebracht- also fort mit dem gigerlhaften Taschentuch! Und die Röcke fitzen bequemer, wenn fich so ziemlich sämmt- liche Knöpfe auS dem Staube machten, und die Stiefel tragen fich angenehmer, sobald fie durch einige weitklaffende Löcher hübsch gelüftet find. Die reine Seligkeit ist es jedoch, ohne Stiefel tu der Welt herumzustetgen. Und gar barfuß auf der Eisenbahn fahren das ist ein Jdealznstand!

Fast Alle paffen Ctgarretteo und Alle umwirbelt dichte-, hellbläultches Qualmgewölke, in das bald der Eine, bald der Andere mit großer Virtuosität hinetospuckt, nach dem offenen Fenster zu, ohne den lieben Nachbar auch uur im Geringsten zu treffen.

Trotz einiger offener Fenster ist der Wagen erfüllt von kräftiger, nach Schweiß und verschiedenen Lebensmitteln duftender warmer Stickluft. Im gemeinsamen Schlafsaal einer ganzen Compagnie Soldaten, etwa Morgen- gegen 4 Uhr, kann sie nicht schlechter fein.

Zuweilen drängt fich der dicke Eouducteur durch die Mafien. Die eingedrückten Blechkaöpfe mit dem verbogenen Halbmond auf seiner schmutzigen Uniform fie find wohl nur bei solcher Quetscherei so schwer verwundet worden. Bevor er in da- kleine Seiteucoupö eiotritt, klopft er energisch an die niedrige Thür. Ohne Weitere- eivtreteu um Gotte-willeu nein- denn drinnen ist der Aufenthalt ver­schleierter türkischer Frauen, und e- wäre nicht unmöglich, daß eine der Schönen den Schleier gerade etwa- gelüftet hatte. Also erst hübsch auklopfen. Sobald fich daun die Thür ein wenig öffnet, dringt Gekicher, Geschnatter, Gekreffch heran-.

Obgleich tu dieser Enge verschiedene Religionen und Tonfesfioneu zusammengewürfelt find keinerlei Raffeuhaß

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dieses Blatts

1898

Mittwoch den 20. Juli

Hratisbeilaye: Gießener Fmnilienblätter

Alle Anzeigen-BrrmittlungSsteven bei In- und NuslanbeS nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgey«.

Redaelion, Expedition und Druckerei:

Schntstraßt Ar. 7.

zu keimen begann, bereit- ein hochentwickelte» Land, und eS würde vielleicht auch heute noch an der Spitze der Cultnr- ftaaten marschtreu, wenn eS fich nicht so ängstlich von der Außenwelt abgeschlofien hätte. Wie in jedem Lande, welche» mehr oder weniger gezwungen seine Thore dem Fremden öffnet, giebt e» auch tu Lhiua zwei Parteien: Die eine kleinere begreift den Segen, welchen diese Erschließung dem eigene« Lande bringt- die andere viel größere dagegen fieht nur grollend die Eindringlinge und zürnt der Regierung, daß fie zu schwach ist, fich derselben zu erwehren. Der Fremdenhaß tst in China tief eingewurzelt und bereit» mehrfach zum Au»« bruch gekommen- die Ermordung der Mtsfiouare, die im Reiche der Mitte an der Tagesordnung find, dürfen al» Aus­fluß diese» Haffe» betrachtet werden.

Bor Kurzem ist nun im Süden China» ein Aufruhr ausgebrochen, von dem mau annimmt, daß er nach einem wohl- vorbereiteten Plane geleitet wird. Bis jetzt hat die chine- fische Regierung der Rebellen noch nicht Herr werden können und die gegen dieselben gesandten Truppen sind mehrfach geschlagen worden. Nimmt der Aufstand größere Dtmen- fionen an, so dürften die Folgen sehr schwerwiegende fein, insbesondere wenn eS der Pekinger Regierung nicht gelingt, die Fremden gegen den Fanatismus der Eingeborenen zn schützen. In diesem Falle sind die Großmächte gezwungen, eivzuschreiten, und e» tst nicht unmöglich, daß bei dieser Ge­legenheit die ganze ostasiatische Frage in» Rollen kommt. Abgesehen davon, daß dieselbe sehr leicht zu ernsten Ver­wickelungen sühren kann, da gewichtige materielle Interessen der einzelnen Länder auf dem Spiele stehen, würde die Auf- merksamkeit der europäischen Diplomatie auf lange Jahre hinan» dadurch in Anspruch genommen werden. Die orten- talische Frage erhielte dann einen gefährlichen Coocurrenten, der nur schwer beseitigt werden könnte.

Die jetzige revolutionäre Bewegung soll sich zum großen Theile gegen die Mandschu-Dhuastte richten, welche sich mit Gewalt in den Besitz de» chinesischen Thrones gesetzt hat und sich im südlichen China niemals großer Sympathieen erfreute. Neuerdings macht man der gegenwärtigen Dynastie noch zum Vorwurf, daß fie den Fremden zuvtele Coucefsionen gemacht und ihrem Eindringen zu wenig Widerstand entgegengesetzt habe. Freilich tst es kaum das niedere Volk, welche» selbst­ständig feine Hand erhebt gegen den Thron, e» find vielmehr die Mandarinen, welche aus Eigennutz und Habsucht die Be­völkerung aufwtegelu, weil ihre Einnahmen, die inneren Zölle, durch das weitere Vordringen der Europäer und durch die Abmachungen der fremden Staaten mit der Centralregierung tu Pecktng eine erhebliche Verminderung erfahren haben und noch ferner herabgesetzt werden dürften.

Man fieht allgemein der Weiterentwickeluug der Eretg-

Adresse für Depeschen: Anzeiger Kiege«.

Fernsprecher Nr. 6L

Nezufliprei- vieNeljährlich

2 Mark 20 Wfr monatlich 75 Pfg. mit Bringerloh«.

Bei Postbezug

2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

Nr. 167 Zweites Blatt.

Zlints- und Anzeigeblatt für den Itrei» Gieszen

Bekanntmachung, betreffend die Prüfung der Bewerber um die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst im Herbst 1898.

Diejenigen jungen Leute, welche beabsichtigen, sich der im Herbst 1898 stattfindenden rubr. Prüfung zu unterziehen, werden hierdurch aufgefordert, ihre deßfallsigen Gesuche um Zulassung bei Meldung des Ausschlusses von dieser Prüfung

spätestens bis zum 1. August 1898 bei der unterzeichneten Commission einzureichen.

Hinsichtlich der Anbringung der Gesuche wird im Spe- ciellen das Folgende bemerkt:

Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

Erscheint täglich mit Ausnahme bei

MoniagS.

Die Gießener Iomlkienk kälter werden dem Anzeiger wichentl'.ch viermal beigelegt.

1. Das Gesuch ist bei der unterzeichneten Prüfung« - Com­mission nur dann einzureichen, wenn der sich Meldende im Grotzherzogthum Hessen seinen dauernden Aufenthalts- ort hat.

2. Die Zulassung zur Prüfung kann nicht vor vollendetem

17. Lebensjahr erfolgen. .

3. Das Gesuch muß von dem Betteffeuden selbst geschrieben sem. Auch erscheint es zweckdienlich, wenn stets die nähere Adresse angegeben wird.

4. Dem Gesuche sind folgende Papiere beizufügen:

a. Geburtszeugniß;

b. Einwilligungs-Attest des Vaters oder Vormundes nut der Erklärung über dessen Bereitwilligkeit, den Freiwilligen während einer einjährigen activen Dienstzeit zu bekleiden, auszurüsten, sowie die Kosten für Wohnung und Unterhalt zu übernehmen. Die Fähigkeit hierzu ist obrigkeitlich zu bescheinigen und muß die Unterschrift des Vaters oder Vormundes beglaubigt sein- Q, r

c. ein Uubescholtenheitszeugnih, welches von der Polizet- Obrigkeit oder der vorgesetzten Dienstbehörde aus­zustellen ist-

d. ein selbstgeschriebener Lebenslauf.

6. In dem Gesuche ist außerdem anzugeben, in welchen zwei fremden Sprachen (von Französisch, Englisch, La­teinisch und Griechisch) der sich Meldende geprüft sem will.

6. Ist bereits früher ein Gesuch um Zulassung zur Prü­fung eingereicht worden, so bleibt dem erneuten Gesuche uur" ein Uubescholtrnheitszeugniß beizulegeu.

Ueber die Anforderungen, welche an die zu Prüfenden gestellt werden, gibt die Prüfungs-Ordnung (Anlage 2 zur Wehr-Ordnung vom 22. Novbr. 1888 Regierungs-Blatt Nr. 27 von 1894) Aufschluß.

Bezüglich des Prüfungstermins, sowie des Locals, in welchem die Prüfung stattfindet, erfolgt eventuell weitere Bekanntmachung; auf specielle Ladung kann nicht gerechnet werden.

Darmstadt, den 9. Juli 1898.

Großh. Prüfungs-Commission für einjährig Freiwillige. Der Vorsitzende: Dr. Kayser.

Der Aufstand in China.

Seitdem wir nn» auf vorläufig 99 Jahre im Reiche der Mitte festgesetzt haben und im Begriffe find, in au», gedehnterer Weise uns da» große chtnefische Absatzgebiet zu­gänglich zu machen, erregen alle Vorkommnisse in jenem Lande naturgemäß in erhöhtem Maße unser Interesse. China war zu der Zett, al» die Cultur der europäischen Staaten erst

Amtlich«- Tyeil.

Nr. 31 de» Reichs-Gesetzblatt-, auSgegeben den 16. d. M. «nthält.^. 24g8) betr. den Verkehr mit künstlichen

Süßstoffen. Vom 6. Juli 1898.

Gießen, den 18. Juli 1898.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

»«nähme von Anzeigen zu bet Nachmittag« für den Agenden Tag erscheinende« Nummer bis Lorm. 10 Uhr.

Bekanntmachung, tetr.: Rotzkrankheit bei einem Pferde de» Nathan Julius Drehfuß zu Watzenborn.

Die über die Stallung de» Nathan Julin» Dreyfuß zu Watzenborn verhängten Sperrmaßregeln find aufgehoben worden.

Gießen, den 15. Juli 1898.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Der Ortsvorftaud von Hungen beabsichtigt, mit dem am 19. September l. I. zu Hungen stattfindenden Viehmarkte eine Berloosung von Kühen und landwtrthschaftlichen Geräthen zu verbinden.

Großh. Ministerium des Innern hat die nachgesuchte Erlaubntß zur Veranstaltung dieser Berloosung unter der Be- dingung ertheilt, daß nicht mebr als 5000 Loose zu 1 Mk. da» Stück au-gegeben werden dürfen und mindesten» 60 Pro­zent de» Bruttoerlöse» au» dem Verkauf der Loose zum An­kauf von Gewinngegenständen zu verwenden find und zugleich den Vertrieb der Loose in der Provinz Oberheffen gestattet.

Gießen, den 15. Juli 1898.

Großherzogltche- KretSamt Gießen.

v. Gagern.

Feuilleton.

Hinter der Sonne Palästinas.

Eindrücke und Erinnerungen.

Von Karl Böttcher.

(Nachdruck verboten.) II. Volkstypen.

Apollo, der wackere Schutzpatron der Federwenschen, weiß e»: gewisse Volkstypen nach der Natur zu zeichnen, ist manchmal eine ziemlich unbequeme Sache. Trotzdem, zum Skizztren einiger Volkstypeu hier in Palästina wird meine Feder mächtig gereizt gereizt wie ein Hungeriger, wenn hm ein ganze» Schaufenster voll verführerisch grnppirter, appetitlich belegter Butrerbrode entgegenblinkt. Wo könnte ich aber eine Musterkarte solcher Typen besser im engen Raume zusammen finden und besser belauschen, als in einem Waggon 2. Klasse auf der Eisenbahnfahrt von Jaffa nach Jerusalem!

Zweiter Klasse! Das ist hier unter den Wagenklassen die unterste Rangstufe, deren Eleganz beinahe unserer vierten Wagenklasse entspricht I . . . Schon bumpelt der Zug im sengenden Sonnenbrand des Nachmittags hinan» au» dem kleinen Bahnhof.

Während der alte Rumpelkasten von Wagen wackelt und knirscht, ruckt und zuckt, als ob e» ihm gar große Mühe mache, nach Jerusalem hinauf zu vagaboudiren, während der Zug die fruchtreiche Ebene von Saron dahin dampft, wo Palmen und Waldungen von Olivenbäumen durch die kleinen Waggonfenster lugen oder vom hügeligen Gelände weiße vteingräber eine» arabischen Kirchhofs faffe ich meine Reisegefährten schärfer ins Auge.

O, was fich da alle- von überall her versammelt hat! In der Ecke zusarnmeugtquetscht einige Türken mit Bäuchen von colossalem Umfange- dann zwei sonnenverbrannte, wild drrinstarreude Kerle, auSsehend wie echte Galgenvögel und wie längst flügge fürs Zuchthaus, aber mit so kräftigen Schultern, al» könnten fie jeden Augenblick Häuser auf den Rücken nehmen und von dannen schleppen - ferner einige langbärtige Juden, prachtvoll gemeißelte Apostelköpfe, wie fie Leonardo da Vinci auf feinemAbendmahl" gezeichnet . . . So die eine, sich die ganze Länge des Waggons hinziehende Bank; nun zur andern mit ihrer bunten Bewohnerschaft: zwei abgerissene türkische Soldaten mit venoftrten, arg ver- bogenen Schlrppsäbeln- ein paar russische Mönche in langen, schwarzen Talaren- etliche Franziskaner in decken, braunen Kutten und mit weißen Stricken um den Leib, ein halbe» Dutzend Pilger in demüthiger Büßerhaltung- gewandte, in vier, fünf Sprachen herumcouverfirende Jerusalemer Kauf­leute, welche einem in der 1. Klasse untergebrachten Trupp von Engländern bi- Jaffa entgegenreisten, um dann diese zahlungsfähigen Börsen in den glänzenden Jerusalemer Bazaren UM so leichter öffnen zu können. Zwischen den Bänken stehen, hocken, lehnen noch alle möglichen Gestalten.

Jetzt macht diese zusammengepferchte Menschenwaffe den Eindruck, wie da» ineinander gekeilte Publikum einer vierten Gallerte bet einer Sonntagsvorstellung, wenn es draußen den ganzen Tag über in unermüdlichem Gerinfel Bindfaden regnete.

Mächtig gährt e» in vielen dieser ungeschorenen Köpfe von revolutionären Ideen gegen unsere übertünchte Cultur. Darnach werden mit dem sogenannten Taschentuche nur die Kleider in unnützer Weise beschwert und die Taschen ou» der