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20.3.1898 Viertes Blatt
 
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Nr 67

Viertes Blatt.

Sonntag dm 20. März

1808

Heneral-AnMger

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. Gießen, den 19. März 1898.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Aus bett Verhandlungen der Zweite« Kammer der hessische« Stünde.

G. Darmstadt, 18. März 1898.

Die Sitzung wird um 9 Uhr eröffnet. Die Spezial- Debatte über Capttel 114, Verwalrungöko steu der directeu Steuern und tndireeten Auf lag en, wird fortgesrtzt.

Adg. HaaS-Offenbach wünscht, daß die GehaltSver- HSltoiffe der Steuercowm'ffariatS'Gehülsen in gleicher Weise geregelt werden, wie dieses bei den Hilfsgerichtsschreibern geschehen sei und daß auch hier die ältesten Gehülfen al« Bureauvorsteher oder Secr.-täre Verwendung finden. Ein diesbezüglicher Antrag aus der Milte des Hauses fei Wünschenswerth. Geb. Ftoanzrath v. Krug sichert das Wohlwollen der Großh. Regierung in Bezug auf die Brsser- stellung dieser Beamten zu. Die in Aussicht stehende Be- foldungSorduuug trage schon tn verschiedenen Punkten den geäußerten Wünschen Rechnung. Abg. Osann bemängelt die Art der Steuer-Declaration, insbesondere die Nichtgeheim- halwng der Declarationen Seitens der Steuerämter. Durch die Offenlegung der Steuerlisten könne von dem Steuer- geheimniß eigentlich keine Rede sein. Finauzmtnifter Weber sichert Abhülfe nach dieser Richtung hin zu. Das Steuergeheimniß werde von den Beamten, das könne er der. sichern, strengstens gewahrt. Er glaubt, daß man sich nach

Feuilleton.

Henrik Ibsen.

Btographisch-kritische Skizze von S. Hoechst etter.

(Zum 70. Geburtstage des Dichters )

(Nachdruck verboten.)

K. 0. Seit den Tagen Lessings hat wohl ke«ne Per­sönlichkeit die deutsche Bühn« so stark zu beeinfluffen ver­mocht, hat kein Dichter derselben so stark das Gepräge seines Geistes verliehen, als der Manu, welcher am 20. März dieses Jahrrö fein 70. Lebensjahr vollendet: der Norwege Henrik Ibsen.

Nrberblickt man Ibsen« Bestrebungen und Erfolge, so dräugt sich der Vergleich mit dem großen Reformer Lessing auf. Wcuu wir heute deffenHamburgische Dramaturgie" durchblättern, dieses seine, geistreiche, unvergleichliche Buch, so ersehen wtr daraus, daß viel Aehnlichkeit die Darbietungen der vorlesfingschen Dramatiker mit denen der deutichen Bühne im drirten Viertel des 19. Jahrhundert- hatten.

Die Klassiker waren halb vergeffru Eine breite, platte Mittelmäßigkeit, kleine, genügsame Talentchen beherrschten Literatur und Theater und paßten sich freundlichst dem Durchschnittsgeschmack der Maffe au.

HasemannS Töchter- und derDoctor Klaus" von Adolph L'Arronge,Die Eameliendamr" deS jüngeren DnmaS, und allenfalls noch die merklich weithvvllereu Dramen Carl von HolteyS, waren die Gipfelpunkte der Lramatischen Erzeugnisse.

Nun kommt c8 ja freilich darauf an, waS man über­haupt von der Bühne verlangt, was sie geben und Mieten soll.

Ich denke, die richtige Antwort werden wir uns am besten von den großen Dramatikern selbst geben lassen. Wer tie Gestalten einet Sophokles, die Schöpfungen Shakespeares, Goethes und Schillers kennt, hat wohl wenigstens verstehen Wlernt, daß das Theater mehr bieten kann, als Unterhaltung, daß eS mehr fein foll, als ein BergvügungShauS. Wie test Zweck aller Kunst ist, Leben zu geben und Leben zu schaffen, fo ist eS auch das Endziel der dramatischen Kunst, jjmeS Leben zu zeigen, welches den Menschen beschieden ist, Mtd vielleicht den Weg zu weisen, der zu einer Erhöhung deS Daseins führen kann, als im gewiffeu Sinne erzieherisch zu Wirken.

und nach daran gewöhnen müsse, von einem Steuergeheimniß nicht mehr zu reden, da der Steuer Commissar wissen müsse, wieviel Einkommen Jedermann habe. Abg. Brunner hält die für die Reisekosten und Diäten für Steueraufseher ins Budget eingestellten 9000 Mk. für unzureichend und zieht Vergleiche zwischen den Rrisediäten der Gendarmen und der Steueraufseher. Geb. Steuerraih Deißler bemerkt, die Regierung sei in der Beurtheilong der Steueraufseher auf die bestehenden Verträge angewiesen. Dieselben seien genau fixirt und schon seit zwanzig Jahren festgelegt. Die Regier­ung könne davon nicht abgehen. Dre Gendarmerie könnte hier nicht tn Frage kommen. Die Regierung werde diesen Beamten ia der Besoldungsordnung möglichst Rechnung tragen und ihre Wünsche in wohlwollende Erwägung ziehen. Abg. v. Köth bittet die Regierung dringend, dieselbe möge die Eingabe der Steueraufseher in Erwägung ziehen und denselben einigermaßen entgegen kommen. Abg. Ulrich hält ebenfalls den Gehalt der Steuerausseher für sehr gering und wundert sich, daß die Sache dis heute so gut gegangen sei. Er beantragt, den eingestellten Betrag von 9000 Mk. aus 18,000 Mk. zu erhöhen. Daß man diesen Beamten zu Hülfe kommen müsse, sei außer jedem Zweifel. Abg. Heidenreich, Abg. Friedrich und Abg. Joutz sprechen sich ebenfalls für eine Besserstellung der Steuer­aufseher aus. Letzterer spricht sich gegen die Ansicht deS Abg. Osann bezüglich der Offenlegung der Steuerlisteu aus. Eine Veröffentlichung der DeclaratiouSsuwme der einzelnen Steuer­zahler, wie dieses s. Z. von der Stadt Frankfurt im Frank­furterGeneralanzeiger" geschehen sei, halte er für außer­ordentlich nützlich, um eine richtige Einschätzung drS Einkommens herbeizuführen. Dadurch, daß die Einschätzung geheim ge­halten werde, schätze man die Arbeit der Einschätzungs- Commissionen im Publikum für sehr gering. Finanzminister Weber erklärt, die Regierung habe das Wohlwollen, von welchem sie für die Steuerausseher beseelt sei, im Budget zum Ausdruck gebracht. Der Weg zur Abhülfe liege im Be- foldungSgefrtz und er halte daher den Antrag des Abg. Ulrich

für sehr bedenklich. Die Kammer habe mit reicher Hand ge­geben, die Ausgaben müßten abür auch mit den Einnahmen basirt werden. Er macht dem Haus noch die Mittheilung, daß das Ergebniß der diesmaligen Steuer-Einschätzung in Bezug auf die Richtigkeit ein außerordentlich günstiges ge­wesen ist. Die Regierung habe bezüglich der Reclamationeu eine neue Instanz zur Beschleunigung der Reclamationrn ein» geführt, und da habe er die Mittheilung erhalten, daß noch kein einziger Recurs eingelangt sei. DaS gebe einen Beweis, wie richtig die Einschätzungs-Commissionen gearbeitet haben. Anerkennung müsse er auch den Steuer»Commissären zollen. Zum Capitel sprechen noch Abg. Hirsch, Abg. Fr en atz v. A. Abg. Hechler al5 Berichterstatter beleuchtet da« Verhältniß der Steuer CommiffartatS-Gehüifcn und stellt fest, daß von dem Abg. Schröder und Genossen schon vor 15 Jahren beantragt worden fei, die Gehalte dieser Beamten auf die Staatskasse zu übernehmen. Diese Frage könne aber nicht über Nacht gelöst, sondern sie müsse eingehend ge­prüft werdm. Die Verhältnisse der Steueranfseher seien nicht so schlimm, wie es geschildert worden sei und der zum Ersatz der bei Dienstgeschäften gemachten Auslagen eingestellte Be- trag von 9000 Mk. sei wohl ausreichend. Die Kammer beschließt hierauf, die vom Ausschuß beantragte Summe von 1 159 928 Mk. zu bewilligen und die Regierung zu ersuchen, die Einziehung sämmtltcher Gebühren der Steuer-Commiffäre in die Staatskasse zu veranlassen und für eine Besserstellung der Steuer» Comwiffariats-Gehülsen aus der Staatskasse Sorge zu tragen. Im Weiteren soll die Regierung ermächtigt werden, den angestellten SteuercommiflartatS-GehÜlfen, welche länger al« 15 Jahre tadelloser Dtenstführung hinter sich haben, die Mrhrdieustzeit jedoch erst vom 33. Lebensjahre in Anrechnung zu bringen und die Eingabe dieser Beamten für erledigt zu erklären.______________________

Versteche» Neich

Berlin, 18. März. DaS Abgeordnetenhaus trat heute in dte Specialberathung drs EifenbahnttatS ein, welche

Lessing, der Klassiker, erreichte da« mehr theoretisch als practisch, weil er eben al« kritische Intelligenz höhi-r stand, wie al« Dichter. Henrik Ibsen dagegen, der Mann von eminenter productiver Schaffenskraft, sagte nicht, waS er wollte, sondern er zeigte es

In jedem seiner Werke, vonCatilina" bisJohn Gabriel Borkmann", ist er eingetreten für fe<ne künstler'.schen Ideale, für LebenSwahrheit für eine Befreiung vom Nied- rkgen, Kleinen, für eine Renaissance.

Henrik Ibsen wurde am 20. März 1828 in Skien, einer Stadt des südwestlichen Norwegens, geboren. Sein Vater, ein reicher Kaufmann, machte jrdoch im Jahre 1836 Bankerot und Ibsens spätere Kindheit gestaltete sich infolge d-iff-n schr trübe. Mau sagt jedoch auch, daß sich schon in frühester Jugend bei Henrik Ibsen eine auffallende Vorliebe für alles Geheimnißvolle, Düstere und Einsame gezeigt habe, eine Neigung, die er als Dichter so oft bkthätigtr. Seine Eltern bestimmten ihn zu einem Berufe, der wenigstens nicht allzu ferne Aussichten auf Erwerb bot, und Henrik trat mit 14 Jahren in Grimftadt als Apothekerlehrliug ein.

Gefallen fand er an der Apothekerei nicht; er benutzte alle freie Zeit zu Privalstudiru und die Nachtstunden zum Dichten.

Ja Grimstadt entstand sein erstes DramaCatilina". Sein Chef ließ ihn gewiß gerne ziehen, als er 1850 nach Christianta ging. Dort trat er in eine sogenannteStudenten- fabrik" und erreichte schon nach fünf Monaten das Reife- zrugniß.

Aber auch das nun felbftgewählte Studium der Medien befriedigte ihn gar nicht, und er begann nun, sich an ver­schiedenen literarischen Unternehmungen zu betheiligeu. Allein diese schlugen alle fehl und Ibsen gerieth schließlich in solche Noth, daß er gezwungen war, feinen letzten Besitz, bis Buch- auSgabeCatilina", welche im Selbstverläge erschienen war, al« Maculatur zu verkaufen, um nicht zu verhungern.

Da hatte glücklicherweise der bekannte Geigenvirtuose Ole Bull Jntereffe für ihn gewonnen und berief ihn an das neue Theater in Bergen als Dramaturg und Theater­dichter.

Ibsen hat jedoch nur zwei Dramen für dasselbe ge­schrieben , denn 1857 erhielt er eine Berufung an die Christianiaer Bühne und fiedelte, nunmehr verheirathet, nach jener Stadt über. Hier entstanden die beiden Dramen

Nordische Heerfahrt" und 1862 da« faktische LustspielDie Comödie der Liebe".

Mit dem letzteren Stück eröffnete er jene berühmte Reihe von Sittenromanen, tn welchen er schonungslos die Jr7thümer und Schwächen in gesellschaftlichen Ukd socialen Einrichtungen gegeißelt hat.

Die Wirkung diese« ersten Werkes war selstredend eine gewaltige Entrüstung. Ibsen hatte e« ja gewagt, die sentimentalen Pvppenideale seiner lieben Mitmenschen zu verhöhnen.

Durch die Erbitterung, welche seine Schöpfungen her­vorriefen, wurde Ibsen endlich der Aufenthalt tr< seiner Heimath verleidet. Er ging auf.Reisen, nahm erst einen längeren Aufenthalt tn Rom, dann ließ er sich 1868 in München nieder - später hielt er sich auch in Dresden auf und kehrte 1875 wieder nach Rom zurück.

Erst zur 400jährigen Jubelfeter der Universität Upsala besuchte er feine Heimath wieder und wandte sich daraufhin von Neuem den Schilderungen seines Vaterlandes zu, blteb jedoch in München wohnen.

Er hatte für diese Stadt viel« Sympathien, aber schließlich zog eS ihn doch wieder nach Hause, und Anfang der 90er Jahre kehrte er nach Norwegen zurück, um dauernd dort zu bleiben.

Nach allen schweren Erfahrungen seiner Jugend ist ihm wie kaum einem anderen Dichter in den späteren Jahren seines Leben« die Bewunderung dr« ganzen gebildeien Europa« zu Theil geworden.

Niemand auf gegnerischer Seite wird wohl heule noch wagen, seinen hohen sittlichen Ernst und die Reinheit seine« Willens anzuzweifeln.

Ibsen hat freilich nickt die Welt geschildert, wie sie sein sollte, sondern er gab sie, wie sie ist, er zeigte alle« Schlechte, Lebensfeindliche, Unwahre mit unerbittlicher Scharfe.

Aber niemals unterließ er, auch dm Weg anzugeben, der zu anderen, zu höheren, menschenwürdigeren Zielen führt, niemals ist ihm die Schilderung de« Bösen, de« Ver­dorbenen Selbstzweck.

Und wie er als Meister der Technik und Meister der Sprache neben die jämmerlichen Erzeugnisse der Bühnen- literatur der sechziger und siebziger Jahre in strahlender Kraft feine formvollendeten Schöpfungen stellte so steht über dem, wa« er schildert, der große Sittenlehrer Ibsen,