Ausgabe 
19.6.1898 Zweites Blatt
 
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Sonntag den 19. Juni

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Gießener Anzeiger

General-"Anzeiger

Mmm.

Anrts- und Anzeigeblutt für den Ureis Gietzen.

Gratisbeilage: Gießener Familienülätter

d Briefe,

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Feuilleton.

blickt halb erschrocken, halb erwartungS«

die da» Gleiche wie fie gelitten böse Worte zwischen ihnen ge« sie einander in die verweinten Zorn gewichen, und fie waren zwei Wanderer, die am Kreuz,

verstreicht, dann schiebt sich ein blonde» DaS Nannerl vom Pichler drüben. Da»

gUywttto »ierteljährtich

2 Mark 20 Pf«, monatlich 75 Pfg. mit Bringertoh«.

Krt-

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den sntgmdev Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.

zakommen, die fie verstand, hatte. Zuerst waren wohl Ionien, aber hernach, al» Lugen blickten, war aller H Alle» geworden, wa»

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tödtlichen Sevsenhteb. Die Proklamirung des Belagerung»' zustande» stedt bevor.

Grschetnt tägNch eit Ausnahme deS MontagS.

Die Gießener WamikieuS lütter »erden dem Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegt.

genommen, wie fast jeder frühere derartige Versuch. In Deutschland ist die Gestaltung der Preise so wenig der rapiden amerikanischen Baisse gefolgt, wie vorher der un« finnigen amerikanischen Hausse, wenngleich die Preise hier wie überall in der Erwartung einer günstigen Ernte erheblich unter den Stand von Anfang Mai zurückgegangen find.

Dienst bei der Schutztruppe für Südwest- asrika. Da» letzterschieneneDeutsche Colonialblatt" ver­öffentlicht eine kaiserliche Verordnung vom 23. Mai d. I., betreffend die Erfüllung der Dienstpflicht bei der kaiser­lichen Schutztruppe für Südwestafrtka. Danach erhalten die zur Ableistung ihrer activen Dienstpflicht in die kaiserliche Schutztruppe für Südwestafrika eingestellten Wehrpflichtigen, so lange fie noch in Ausübung ihrer gesetzlichen Dienstpflicht begriffen find, eine Löhnung von monatlich 50 Mk., für die Dauer ihrer Theilnahme au kriegerischen Unternehmungen dagegen die bei der Schutztruppe übliche volle Reiterlöhnung. Hinsichtlich aller sonstigen Gebührrnsse find fie den der Schutz« truppe zugetheilten übrigen deutschen Mannschaften gleich« gestellt. Die Etnjährig'Freiwilligeu erhalten freie Unterkunft nach Maßgabe der örtlichen Berhäituiffe. Abgesehen von kriegerischen Unternehmungen, für deren Dauer die Fürsorge in dieser Beziehung vom Commando auf Rechnung der Lande»« Verwaltung übernommen wird, haben fie fich selbst zu bet« pflegen, zu bekleiden und ouSzurüsten, sowie auch beritten zu machen. Sie find berechtigt, gegen eine Vergütung von tag« lich 2 Mk. fich in die Naturalverpflegung der Truppe auf­nehmen, gegen Erstattung der Selbstkosten au» Truppen« beständen bekleiden und au-rüsten, sowie gegen eine Ent- schäd'gung von 210 Mk. von der Truppe beritten machen zu lassen. Neben dem letzteren Betrage ist für die Unterhaltung de» Pferde», einschließlich de» Husbeschtag» und sonstiger Aufwendungen, eine besondere Vergütung nicht zu entrichten.

) Entnommen demPraktischen Wegweiser", Würzburg, einer Mseitigen F-milien-Zettschrtft. (Abonnement 30 Pfg. vitrteljistrlich.)

offen. Thereffe voll hin.

Einige Zeit Köpfchen herein.

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Nr 141 Zweites Blatt.

Hämmern, wie e» der Kreislauf des Blute» verursacht, oder waren es nicht vielmehr Laute, die zu ihr redeten? Sie horchte in fich hinein. Ste horchte und horchte und machte rin ganz verwunderte» Gesicht, aber von der Stelle rührte fie fich nicht. ES vergingen Minuten, Viertelstunden, Stunden. Bon draußen ließ sich nicht» hören, kein Ton, kein Laut. Sie saß auf derselben Stelle, auf der alten Holzbank vorm auSgelöschten Herdfeuer. Und so würde fie sitzen, heute, morgen und übermorgen. Und die Stille würde immer stiller werden, noch stiller, wenn der finstere Winter die Sonne verdunkelte! Sie ließ die Hände vom Gesicht sinken und sah mit st'eren Augen auf die zwei Holzstühle in der Stube vor fich. Da wurde da» Pochen in ihr ein Betteln, ein Schreien. Halb unbewußt, wa» sie beginnt, folgt fie ihm, erhebt fich und öffnet die Thüre, die hinan» in da» Täßlein führt. Nur ganz wenig, nur ein Spältlein. Ste geht weiter und weiter auf. Der W nd hat fich in da» plumpe Holzwerk verfangen und drängt dagegen. Nun steht fie ganz offen, ganz weit

Vermischtes.

* Der deutsche Drogistenverbaud beging in sestlichrr Weise in Leipzig sein 25jährtge» Bestehen. Au» allen Theilrn de» Reiche» waren Mitglieder zur Jubelfeier herbei­geeilt. Eine gut beschickte Fachausstellung war mit dem Tage verbunden. Dem Verbände gehören in ca. 700 deutschen Städten nahezu 2000 Mitglieder an. StandeSangelepen- heiten, namentlich auch da» Verhältniß zu den Apotheken, bildeten den Kern der Verhandlungen- der Selbsthilfe gegen die Macht de» Großkapital» wurde da» Wort geredet. Der 1899er VerbandStag wird in Frankfurt a M. abgehalten.

* Professor F. Geselschap in R o m hat zweifellos nur in Folge von Gemüthskrankheit und Verfolgungswahn, hervor­gerufen durch Ueberanstrengung und schweres körperliche» Leiden, fich bewußt den Tod gegeben. Briefe Geselschap» an einen Freund in Wesel erklären die Steigerung sein-S Leiden» und sein tragische» Ende. Nach Auszügen au» diesen Briefen schrieb Geselschap au» Rom unter« 18. März 1898:Die Hamburger Skizzen haben mich lahm gemacht, und schon seit drei Wochen dm ich so abgespannt, daß ich am Meere wieder einigermaßen Mensch werden muß." Rom, 30. März:Heute nach 14 Tagen sitze ich im Bette etwa» aufrecht usw., mein böses Bein in Gemeinschaft mit hochgradiger Nervenabspannung und Erregung und Influenza haben mich arg mitgenommen und werde ich auf Rath meines Arztes einen einsamen Ort aufsuchen." Castellamare, 10. April:Hindernisse vielseitiger Art lassen eine heitere Stimmung nicht aufkommen, und die Arbeitslust ist gleich Null." Sejauo, 13. April: Castellamare habe ich verlassen, wo zu viel Menschheit." Sejauo, 23. April: Das Leben ist so kurz und voller Trübsal, daß man die liebe GotteSnatur an sich drücken muß, um zeitweilig zu ver­gessen." Rom, 16 Mai:Ich bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß ich die Bilder (für Potsdam) auf die Wand malen muß, da es unmöglich ist, die Stimmung hier nach ihrer Wirkung zu berechnen. Die Enttäuschung kommt leider sehr spät, und ich muß mein Bißchen Energie und Verstand zusammennehmen, um zur Ruhe zu kommen. Die ganze An­gelegenheit hat mich so nervös gemacht, daß ich kaum vier Stunden die Nacht schlafe und gar nicht schaffen kann. Die

wege deS Lebens vor denselben Stationen halten, einander werden können.

Ste besaßen eine Hütte, ein Gärtchen, eine Kuh, mehr bedurften sie nicht zum Lebensunterhalt. So schloffen sie ihre Thüre ab und wurden Sonderlinge, die fich um Nie« manq kümmerten. Die Baume blühten und verloren die Blätter, die Kinder wuchsen heran, hrira'heten, bekamen wieder Kinder und wurden auf dem Friedhöfe unter den uralten Kastanien begraben. Sie, hinter ihren winzigen, halbblinden Fensterscheiben wußten von Allem nicht». Dann und wann gingen fie nach der Kirche, bann sagte der Krämer an der Ecke:E» wird schön Wetter, die Gschwandner Wetble sein herauskommen."

Und nun? Therese hielt vor ihrer Hütte an. DaS Fenster stand geöffnet, seit langer, langer Z?it zum ersten Male. Sie blickte in die Stube hinein. Sie dünkte ihr ein unendlich weiter Raum zu sein, so weit und leer, daß sich ihr arme» Herz darinnen verlieren und nicht wieder finden konnte. Sonst war sie ihr nie so groß vorgekommen. DaS Bauernbett in der Ecke stand sauber geordnet in un« heimlicher Breite da und in der Mitte der Stube noch die betben Holzstühle, auf denen der Sarg gestanden hatte. Und um jedes Ding ein großer leerer Raum, um jede» Ding eine besondere Stille. Gott erbarme Dich! Therese legte die fiöstelnden Hände aus die Brust. Und so sah eS von außen aus, wie mochte e» erst fein, wenn man drinnen saß und nicht» al» den Holzwurm pochen hörte. Sie trat in den Küchenraum, von wo au» man in die Stube gelangte. Da» Feuer auf dem wetten schwarzen Herde war auSgelöfcht, daS Brod fah vertrocknet au» dem geöffneten Küchenschrank, und in der alten blaugeblümten Taffe oer Mutter war der Ueberrest Milch zu Käse geworden. . - .Mei Mutter!, jetzt brummst nimmer, daß ichS Gschtrr uit gleich rein machen thul"

Therese sank auf die Holzbank am Herd und legte da» Gesicht in die Hände. Und e» war ganz still um fie, un­barmherzig still. So still, daß fie ihr eigene» Herz in der Brust hämmern hörte. Aber war da» nur ein mechanisches

Ausland.

Lemberg, 17. Juni. Die Excesse in West-Galizien nehmen immer größere Dimensionen an. Die Meuterer be­schränken sich nicht mihr darauf, die Plünderung jüdischen EtgenihumS vorzunehmen. Die Ortschaft Frhctac bei JaSlow wurde vollständig niedergebrannt. Hierbet entspann fich ein Kampf, in welchem die Gendarmerie sechs Bauern nieder« schoß und sieben schwer verletzte. Ein Gendarm erhielt einen

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Die offene Hyüre.*)

Skizze von Maria Janitschek.

(Nachdruck verboten.)

Die letzten Schollen waren auf den Sarg gesunken. Der Dadtengräver nahm den Spaten zur Hand. Therese schritt langsam dem FriedhofSthore zu, fie hatte hier nichts mehr ^.i suchen. Sie sah fich nach den paar Leuten um, die der Mutter zum Grabe gefolgt waren. Draußen, schon weit u*rm Kirchhofe sah fie sie hineilen. Es war zur Erntezeit a:nb Alle hatten die Hände voll zu thun. Nur die ihren gingen steif uud kalt herab, al» ob etwa» von der Kühle daß Leichnams, den fie in den Sarg gebettet, an ihnen haften geblieben wäre.

Sie streifte da» Kopftuch, da» ihr in die Stirne ge­mischt war, auf da» ergraute Haar zurück und bog in die Oorfgaffe ein, an deren Ende fie wohnte. Doppelt so breit uab lang als sonst erschien fie ihr. Doppelt so einsam. Hib der Himmel? Wie weit, wie fern, wie schweigsam! . . Mn Gefühl trostlosester Verlassenheit überkam fie.

E» war ihr nie recht bewußt geworden, daß ihr da» alte, verschruwpfte Weiblein so gar so viel gewesen war. ete beide in der winzigen Hütte Tag für Tag beisammen, ihre kleinen Sorgen und Kümmernisse miteinander theilend, si h zavkend und wieder versöhnend, hatten nie an ein Ende btzrse» Beisammenseins gedacht Vor vielen, vielen Jahren hatte da» Leben der Mutter eine schwere Wunde geschlagen. Aach der Tochter war el nicht gnädig gewesen. Da war fie a»» der Stadt, in der fie diente, hinaus zu der Mutter

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Juni. Ein Hauptverband deutscher Flottenvereine im Ausland ist in einer unter dem Borfitz des Erbprinzen zu Hohenlohe abgrhaltenen Bersamm- kang begründet worden. Der Zweck deS HauptverbandeS ist, darauf hinzuwirken, daß fich die in fremden Ländern anfäsfigen Deutschen zu Bereinigungen zusammenschließen, um durch frei­willige jährliche Zahlungen ober sonstige Zuwendungen zur Kräftigung der deutschen Flotte beizutragen und dahin zu wirken, daß diese Vereine fich zu festen Stützpunkten de» Deutschthurn» im AuSlande gestalten. Auf die telegraphische Anzeige von der Bildung de» HauptverbandeS ging vorn Kaiser folgende Antwortdepesche ein:

Erbprinz zu Hohenlohe-SchillingSsÜrst, Berlin. Ich habe Mich über die Meldung von der unter Ihrem Vorsitz erfolgten Begründung eine» HauptverbandeS deutscher Flotten« vereine im Auslande sehr gefreut und spreche dem Haupt« verbände Meinen herzlichen Dank für die Huldigung au». Möge die neugebildete Organisation In Gemeinschaft mit dem Deutschland wirkenden Floitenverein alle Patrioten deS Ja« und Au»lande» zur Bethätigung opferwilliger Fürsorge für die maritime Wehrkraft des Vaterlande» in unentwegter Treue zu Kaiser und Re ch vereinen und dazu beitragen, daß t»ie Früchte deutscher Arbeit und deutschen Fleißes auch in fremden Wehtheilen des heimischen Schutzes nicht entbehren.

Wilhelm I. R "

Die Getreidepreise find in den letzten Tagen t« Chicago und Newhork ebenso stark gefallen, wie fie vor einigen Wochen unsinnig gestiegen waren- sie stehen jetzt dort tief unter dem Niveau, welche» vor derSchwänze" deS Herrn Leiter durch die natürliche Entwickelung, verwöge Ab- aahme der Welt Vorräthe, erreicht war. Wie fich aus amrrt« konischen Mittheilungen ergiebt, hat man e» in diesem rapiden Falle der dortigen Preise mit einer Nachwirkung der Leiter'- scheu Schwänze zu thun: dieselbe war nicht nut, wie früher erwähnt, binnen etwa einer Woche zusammengtbrochen, sondern Herr Leiter, der nach der agrarischen Presse sich im Besitze esae» Raube» von Millionen ober Milliarden befinden sollte, ist auf größere Massen von ihm behofS Steigerung der Preise angekauften Getreidessitzen geblieben" und ruinirt- jebenfall» hat dieser Versuch einer Vergtwaltigung der Preis­bewegung dasselbe, für den Unternehmer vethängnißvolle Ende

ZZSIX

iuiet Äh!

Nannerl hat den Daumen im Mund und blickt scheu herein. Sein Zopf, nicht dicker als ein Rattenschwänzleiu, ist voll kleiner, grüner Blättchen. Therese steht die ängstlichen Kinder­augen mit einem Ausdruck hereinblicken, al» ob fie fürchteten ein Verbrechen zu begehen.

Nannerl, wa» thust?" sagte fie so sanft wie möglich. Da» Nannerl blickt noch erstaunter, dann lächelt e» leicht­fertig über sein ganze» Rosengefichichm hin.Nix." Die kleinen neckten staubigen Füße thun einen Schritt näher. Komm nur herein, Nannerl, kannst schon hereinkommen." Auf einmal befindet fich da» Nannerl zwischen TheresenS Armen.Wo iS denn die Mutter?"Troad einführn." Und der Vater?"Der aa."Bist ganz alleinig?" Da» Rattenschwänzleiu nickt. Plötzlich steht Nannerl vor dem Küchenschrank, netzt den Zeigefinger mit dem rothen Zünglein und fährt liebkosend über das Brod.Hast Hunger, Nannerl?" .

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