Nr 116 Zweites Blatt
Donnerstag den 19. Mai
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Der russisch-österreichische Balkan-Vertrag.
Der Dreibund hat Schule gemacht- in allen Staaten regt fich da» Bedürfviß, Allianzen abzuschließen zu diesem -oder jenem Zweck, zu Schutz oder Trutz. Wie groß war da» Verlangen Frankreich», dem Dreibunde ein Paroli zu dieten! Welche Summen von Nationalvermögen und auch welche DemÜthiguagen hat e» die Franzosen gekostet, bi» der Zar da» Wörtchen „Allianz" aussprach.
Jetzt suchen England und die Bereinigten Staaten von Nordamerika fich enger aneinander zu schließen, und mitten hinein in diese Meldungen, die noch immer widersprechend lauten, enthüllt uu» die „Frankfurter Zeitung" ein Behrimviß, da» aller Orten da» größte Interesse erregen wird: Die Nachricht vou einem zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland bestehenden Staat»vertrage. Da» Geheimniß ist gut gewahrt worden, und selbst der Berliner „Vorwärt»", der doch sonst über alle Regierung-Handlungen de» Ja- und Au»laudeS so trefflich unterrichtet zu sein Pflegt, muß beschämend gestehen: „Davon wußte ich noch nicht»."
Mau Hot im Frühjahr de» vorigen Jahre», al» Kaiser Franz Josef seinen Besuch in Petersburg machte, vielfach gemunkelt, daß e» zwischen Oesterretch'Ungarn und Rußland zu bestimmten Abmachungen gekommen wäre. Aber etwas Positives ist darüber nicht in die Oeffeutlichkeit gedrungen, uad schließlich hörten auch die Vermuthungen wieder auf, sich breit zu machen. Die Beziehungen der betdeu Staaten zu einander waren damals erst wieder aufgefrtfcht worden, und mau wollte nicht so recht an eine Herzlichkeit glauben, die zu einem Bündutff» — wenn auch not zu einem solchen für einen bestimmten Zweck — führen könnte.
Gemeinsam find deu beiden Reichen die Interessen auf der Balkauhalbiusel, und darauf fußt auch der Staatsvertrag, welcher tm April 1897 abgeschlossen, vou beiden Kaisern unterzeichnet und von den verautwortltcheu Ministern gegen« gezeichnet worden ist. Uad die Tendenz de» Vertrage» richtet sich hauptsächlich gegen die Staaten Serbien und Bulgarien, welche man al» die Störenfriede auf der Balkanhalbtusel aafieht. Geschloffen vorläufig auf fünf Jahre wird al» Hauptzweck de» Vertrage» die Aufrechterhaltung der Ruhe und de» Friedens, sowie de» Status quo auf dem Balkan bezeichnet.
Interessant find die einzelnen Bestimmungen des Ueber«
FeuiUetorr.
Wie es im Kriege herging.
Nach französischer Schilderung von E. Johanne-.
(Nachdruck verboten.) (Schluß.)
Der Müller hat seine Weide verlassen; erhobenen Hauptes, -mit heiterer Stirne streckt er die Hände gegen den Thurm und ruft leuchtenden Auges: „Bravo, Pierre, bravo! Muth mein Kind! Wahrhaftig, das war gut gemacht!
Muthig ihr alten, wachsamen Glocken des Dorfes. Fürchtet euch nicht, ihr Anderen, man erwartet, man versteht euch und eilt herbei. Läutet immer noch schneller und stärker. Bravo mein Pierre!
Es ist wirklich Peter, der auf den Befehl seines Vaters hin, sich in den Kirchthurm geschlichen hat und mit dem Selle in der Hand, die Bewohner des Dorfes und dessen Umgegend zum Kampfe, zur Rache, zur Freiheit ruft.
Und von allen Seiten erhebt und bewaffnet man fich und stürzt in den Kampf.
Was trägt sich zu?
Niemand weiß es; Niemand fragt.
Es genügt, daß die Glocken gesprochen, das Erz um Hülfe gerufen hat. Das Eisen schlägt den Generalmarsch in den Lüften, und Jeder eilt bei dem Rufe des Vaterlandes herbei.
Weiber, Greise und Kinder stürzen bewaffnet mit Piken, Karsten, Hacken, Heugabeln und Sensen herbei. — Lawinen« gleich saust der bewaffnete Menschenstrom die Hügel, Meller, Straßen und Pfade herunter, bereit, sich in Bellefontaine mit den Preußen zu schlagen. Und die Sturmglocke, welche ihren Alarmruf ausstößt, überträgt ihn von Kirchthurm zu Kirchthurm.
Fast scheint es, als ob fich noch hinter jedem Stein ein bewaffneter Bauer verberge. Die zweihundert Streitbaren haben fich schnell vermehrt; schon find es sechs-, achthundert, bald werden es mehr wie zweüausend sein — eine ganze
etokowmeu», welches besondere Interessensphären für Oesterreich-Ungarn uvd für Rußland schafft. Dieser Gedanke er« scheint uu» recht glücklich, da durch ihn jeder Conflict zwischen betdeu Staaten vermieden wird und doch dte Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß sie gemeinsam Vorgehen und da« mit ihrem Willen ein um so größere» Gewicht verschaffen können.
Dahin find nun vorläufig alle Träume von einem Groß- Bulgarien oder von einem Groß-Serbteu, diese beiden Staaten müssen sich mit der Rolle, dte ihnen durch den Berliner Vertrag zugetheilt worden ist, begnügen, und e» steht zu erwarten, daß sie fich gutwillig fügen werden.
Auch der neue Vertrag ist der Aufrechterhaltung de» Frieden» gewidmet, und deshalb ist er freudig zu begrüßen. Gibt er un» doch dte Gewißheit, daß au den maßgebeudeu Stellen Europa» das sehnliche Verlangen vorhanden ist, alle Umstände zu vermeide», welche eineu Krieg heraufbeschwören können, der voraussichtlich wette Kreise ziehen würde.
(xx)
Aus bett Verhandlungen der Erste« Kammer der hesfischeu Stünde.
nn. Darmstadt, 17. Mat 1898.
Die Beratungen de« Budget» werden mit Cop. 104, Ministerium selbst, fortgesetzt. Ohne Debatte werden dte Capitel 105 bis 180 geuehmtgt. — Bet Cap. 180 richtet Prälat Habicht au da» höbe Hau» dte Bitte, daß e» auch für etue Besserstellung der Geistlichen de» Laude» eiutreten wöge. Sine gleiche Nothlage wie bei de» Beamten fei auch bet den Geistlichen vorhanden und e» wäre für diese sehr demüthigend, wenn ihr Nothschrei keine Berücksichtigung fände. Durch dte Besteuerung der Mitglieder der evangelischen Kirche fei schon viel geschehen. Wetter damit zu gehen, sei nicht möglich. — Zu Cap. 142, Staatsbauwesen, Tit. 21: KretSamtSgeb Sud e zu Alsfeld, gibt Commerzienrath Michel dem Haufe Keontniß von zwei Petitionen, worin tu einer gebeten wird, dte Zustimmung zum Umbau des Krei»- amtsgcbäude« zu versagen, während dte andere Petition daS Gegeutheil will. Dte Petitioueu werden für erledigt erklärt, weil Großh. Regierung dargelegt habe, daß mit dem Umbau 23 000 Mk. Ersparmffe gemacht werden. — Freiherr v. Hehl wünscht, daß die Regierung die Reftaurtrung der
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Armee. — Jeder Glockenschlag bringt einen neuen Ver- theidiger; auf der Hügelseite vergrößert sich die gewaltige Kette von Menschen und beeilt sich herabzukommen.
Bei Annäherung dieses ungeheueren Menschenstromes erkennen die Husaren sofort dessen Uebermacht. Nur ein einziger Ausweg bleibt ihnen, lassen sie diesen unbenützt, so sind sie verloren. Rasch werfen sie sich auf ihre Pferde und ergretffen in rasender Eile die Flucht.
Sie haben den Ausweg gewählt.
Das Dorf ist frei, der Müller gerächt. Man wird die Blücherhusaren nicht Wiedersehen. Aber oft genug hat der am Ufer Vorübergehende Seufzen mit dem Getöse des Rades vermischt zu hören und unter der unheimlichen Wölbung die zerstückelten Körper, die bleichen Husarengesichter zu sehen geglaubt.
V.
Wir sind im Jahre 1870; ein anderer Zeitabschnitt, doch dieselbe Trauer, dasselbe Bild.
Frankreich ist noch occupirt; Moltkes Bataillone haben die Blüchers ersetzt.
Drei junge Leute aus Bellefontaine sind bei den Freischärlern eingetreten. Ihr Vater, ein Greis und alter Soldat folgt ihnen trotz seiner fünfundsechzig Jahre.
Diesen weißbärtigen Kämpfer haben wir vor mehr denn einem halben Jahrhundert bei der Arbeit gesehen. Es ist Wierre Sanier, der meisterhafte Nesterausheber; Peter, der kleine Glockenläuter von 1815.
Wohl bekannt find die abenteuerlichen, unermüdlichen Märsche der Franktireure, dieser aus Vaterlandsliebe und Tapferkeit zu Nomaden Gewordenen, die von Provinz zu Provinz wandern, die Wälder durchstreifen, Flüsse pasfiren, Berge übersteigen, Ruinen durchirren, fich im Moore verbergen, am Tage verschwinden und des Nachts wieder auftauchen, in allen Ländern kämpfen und in Wahrheit nur ein Schlachtfeld haben: Frankreich.
Diejenigen, um die es sich hier handelt, kämpften im Norden, in der Umgegend von Bapaume.
Eines Abends beschloß eine Abtheilung von zwanzig
Stiftskirche zu Wimpfen im Thal tu» Auge faffea möge, wie die» in Zweiter Kammer bereit» beantragt fei. Staatsminister Finger und Finanzminister Weber eitl&rcn, daß bereit» auf drei Landtagen Mittel bewilligt wurden und daß unter Zuziehung eine» Kunstrathe» dte Restauration»- arbeiten gefördert würden. — Bet Cap. 143, Central- banwesev, wünscht Freiherr v. Hehl, daß für den Steuer- Commissär zu Osthofen eine Dieastwohnuug errichtet werden möchte. Finanzminister Weber erkeuut dte Nothweudtgkeit solcher Dteustwohnungeu au, allein in dieser Finauzpertode sei nicht mehr daran zu denken. ES müsse langsam in dieser Sache vorgegaugen werden, da ein Mangel an Baubeamte« vorhanden sei. Dte Herren Steuerbeamteu müßten daokbar sein, daß die Stimmung tm Landtage und bet der Regierung so geworden sei wie fie jetzt ist. DaS Capitel wird hierauf geuehmtgt. Die übrigen Capitel der ordentlichen Einnahmen und außerordeutlicheu Einnahmen uud Ausgaben, Cap. 181 bi» 154, werden ebenfalls ohne Debatte angenommen. Damit ist das ganze Budget erledigt.
Bezüglich einer Reihe von Anträgen uud Mittheilungen der Zweiten Kammer beschließt da» Hau» Beitritt zu den diesseitig gefaßten Beschlüffen.
Zu dem Antrag de» Abgeordneten Cramer uud Genossen, dte Errichtung einer Heilstätte für Lungenleidende und andere chronische Kranke-, wünscht Graf Solm-'Laubach dte nochmalige Prüfung diese» Gegenstandes durch eine Commisfiou vou Aerzteu und Sachverständigen. Dte Regierung ist mtt diesem Anträge einverstanden.
Damit ist dte heutige Tagesordnung erledigt. Fort« setzung der Berathungeu morgen um 11 Uhr.
AuS deu Verhandlungen der Zweite« Kammer der hesfischeu Stünde.
nn. Darmstadt, 17. Mat 1898.
Die Sitzung wird um 10 Uhr eröffnet. Rach Verlesung neuer Einläuse und Erstattung des Berichte» der Finanz Commisfiou über die Dissense der Ersten Kammer bezüglich de» Finanz-Budget» durch den Abg. Mölltnger stellt der Abg. Reinhardt die Anfrage, ob da» Beamten- besoldungSgesetz noch in der Woche vor Pfingsten zur Beratung kommen werde. — Abg. Mölltnger oll Vor.
- । —
Mann, darunter Pierre Vanier mit feinen drei Söhnen, einen feindlichen Posten zu überrumpeln. Der Posten liegt an der Grenze eines kleinen Gehölzes und wird von hundert preußischen Soldaten bewacht.
Die Schildwache wird von den Franktireurs überrascht und getödtet; hierauf stürzen sie sich mit gezogenem Bajonett auf das Wachthaus. Die Thüre wird eingestoßen, die Fenster zerbrochen, das Dach abgehoben. Von allen Seiten sind die Husaren überfallen, umzingelt, überwältigt. Sie suchen nach ihren Waffen, um die Angreifer unter furchtbarem Geschrei zurückzudrängen.
Ein schreckliches Durcheinander, eine schauderhafte Metzelei beginnt. Mann gegen Mann kämpft, packt und erwürgt. Das Bajonett bohrt sich ein, der Kolben fällt, die Faust schlägt, die Hand erwürgt, der Arm preßt, das Knie erstickt, der Kopf stößt und der Fuß tritt.
Ist der Kampf beendet, so werden die Husarm die Flucht ergreifen oder sie sind alle tobt.
Pierre Vanier, an der Seite seiner Söhne, kämpft mit unglaublicher Kraft und unerhörter Wuth. Man sieht feine weißen Haare in dem dicksten Knäuel flattern und hört feine Stimme die Franktireure anfeuern.
Als der Kampf sich zu Ende neigt, stößt der Greis noch einmal fein Bajonett in die Brust eines Husaren und läßt den Gewehrkolben mit solcher Wucht auf einen Offizier saußen, daß dieser sich nicht mehr erhebt.
Der Kampf ist beendet, die Preußen sind tobt.
Pierre Vanier nimmt eine Laterne, bückt sich über die Leichname seiner Feinde und sagt: „Wie ähnlichste doch bet Blücherhusaren finb."
Bei bem Anblick dieser Hanfbärte und dieser düsteren Uniformen verwirrt fich fein Sinn. Er fühlt sich in da» Jahr 1815 zurückversetzt. Er ist in Bellefontaine und zehn Jahre alt. Auf dem Kirchenplatz sieht er die Blücherhusaren aufmarschieren und ihre großen schwarzen Pferde; er stehl die Mühle seines Vaters überfallen, geplündert; steht auch die umgeworfenen Krüge, die zerbrochenen Gläser, den mit Wein begossenen Tisch; er sieht seine geschlagene Großmutter,


