1898
Nr. 116
Erstes Blatt. Donnerstag den 19. Mai
Erscheint tägNch mit Ausnahme des MontagS.
Die Gießener AsamilieuölLtter werden dem Anzeiger wSchentlich viermal beigelegt.
Meßmer Anzeiger
Aezugsprei» vierteljährlich
2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Briugerloh«.
Bei Postbezug 2 Mark 50 Pfg. vierteljährlich.
Annahme von Anzeige» zu der Nachmittags für den -folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.
Heneral-Anzeiger
Alle Anzeigen-VermittlungSstellen deS In« und Ausland«» nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.
Aints- und Anzeigeblatt für deir Ureis Gieren»
Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schukstraße Ar. 7.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße«.
Fernsprecher Nr. 5L
Amtliche» Theil.
Bekanntmachung.
Am 17. l. Mt». ist auf dem Güterbahnhof der Main- Weser-Bahn ein roth und weiß geflecktes Stierkalb stehen geblieben.
Der Eigenthümer wird aufgefordert, seine Ansprüche Linnen vier Wochen dahier geltend zu machen.
Gießen, den 18. Mai 1898.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
___________________I. V.: Roth.___________________
Zum Kimmetfahrtstag.
Als vor einigen Jahren die große Moschee in Damaskus, rinS der berühmtesten Gotteshäuser des MuhamedanismuS, in Flammen aufging, trug sich ein merkwürdiges Ereiguiß zu. Der Brand verzehrte da» Dach, griff tiefer und tiefer, der Mörtel löste sich in der Flammeugluth von den Wänden und plötzlich wurde an der Wand eine Zuschrift sichtbar, die Alle in Staunen versetzte. Da stand geschrieben: „DaS Reich Christi bestehet ewiglich." DaS Gotteshaus war ehedem ein christliches Gotteshaus gewesen. Bei seinem SiegeSzuge durch den Orient hatte es der MuhamedanismuS erobert und die alte Inschrift verdeckt, bis die Flammen sie wieder au deu Tag brachten.
Der HimmelfahrtStag verkündet uns aufs Neue daffelbe -Wort: Das Reich Christi besteht ewiglich. Er ist ja recht eigentlich der Tag, da JefuS feine Herrschaft in seinem Reiche antrat. Und solche Erinnerung ist unS heilsam und willkommen.
Auch heute gibt eS genug Menschen, die da meinen, ihre Weisheit an die Stelle des ChristeuthumS setzen zu können. An Stelle der Botschaft deS Evangeliums bieten sie ihre moderne Aufklärung, an Stelle der Liebe Christi rühmen sie moderne Humanität, an Stelle christlicher Sittlichkeit empfehlen sie die neuzeitliche Moral eine» verfeinerten und unter klingendem Namen verhüllten Eigennutzes. So mühen sie sich wie jene Muhamedauer, die Wahrheit des Evangeliums mit ihrer Weisheit zu übertünchen.
Mit fröhlichem SiegeSruf verkündet dagegen der Himmel- sahrtStag: „Nur Einer ist König, JefuS, und fein Reich ist
ein ewiges Reich!" Ob Zeitströmungeu wechseln und Schaaren ihn vergessen, sein ist die Herrschaft- sein Reich muß wachsen.
AlS im verflossenen Jahre daS heidnische China sich deutschem und christlichem Einfluß neu erschließen mußte, als in den letzten Jahren die Noth im Orient die christliche LiebeSthärigkeit neu anspornte, da konnten selbst gebundene Augen wieder einmal sehen, wie im tiefsten Grunde auch die Dinge dieser Welt dem Reiche deS Höchsten aller Könige, der im Himmel thront, dienen müssen. Mag die Welt sich sträuben, eS anzuerkennen, und die Inschrift zu verdecken suchen, eS bleibt doch bei dem, was der HimmelfahrtStag ankündigt:
JefuS Christus herrscht al» König,
Alles wird ihm uaterthäuig,
Alles legt ihm Gott zu Fuß I —
Deutscher Reich.
Darmstadt, 17. Mai. Seine Königliche Hoheit der Großherzog wohnten heute Bormittag den Besichtigungen von EScadrouS des 1. Grohh. Dragoner-Regiments (Garde- Dragoner Regiments) Nr. 23 und von Batterien deS Großh. Feld-Artillerie-RegimeotS Nr. 25 (Großh. Artillerie-Corp») in Gegenwart der betreffenden Regiments- und Brigade« Commandeure auf dem UebungSplatze bei.
Berlin, 17. Mai. DaS Abgeordnetenhaus hat heute tn der Gefammtabstimwuug das westfälische Anerbengesetz mit 165 gegen 50 Stimmen angenommen. Hierauf wurden Interpellationen diScutirt und zwar betreffs der Beruureinigung der Luppe und Elster durch Leiziger Abwässer und betreffend die Anordnung von Festtagsarbeiten im PieSberger Bergwerk. Schließlich gelangte noch der Antrag auf Vorlegung eines Gesetzentwürfe», betr. die KreiSabgabeu- pflicht der Gesellschaften mit beschränkter Haftung, zur Annahme. Hierauf schloß der Präsident mit einem Hoch auf den König die Sitzung. — DaS Herrenhaus genehmigte heute daS Eisenbahngesetz und in einer späteren Sitzung daS westfälische Aaerbengesetz mit großer Majorität. Auch hier wurde die Sitzung mit einem vom Präsidenten ausgebrachten Hoch auf den König geschlossen.
Berlin, 17. Mai. Die vom Fioanzmiuister vr. v. M i q u e l einberufene Versammlung zur Berathung über die stärkere Besteneruug der Waarenhäuser findet morgen Nachmittag 4 Uhr im Finanzministerium statt.
Berlin, 17. Mai. Der Gouverneur von Deutsch- Südwest-Afrika, Major Leut wein, ist heute hier ein- getroffen, um sich ia der Colouialabthetluug des Auswärtigen Amtes vor der Rückkehr auf feinen Posten zu verabschieden. Major Leutwein wird sich mit dem am 25. Mai von Hamburg abgehenden Dampfer der Woerwann-Linie direkt nach Swakopmund begeben.
Berlin, 17.Mai. Gegen denOberfaetor Grünenthal hat, der „Post" zufolge, die Reichsbauk durch ihren Prozeß- bevollmächtigten eine Civilklage auf Ersetzung de» durch die betrügerischen Manipulationen Grünenthal» verursachten Schadens austreugen lassen. Der Werth de» Streitgegenstandes ist aus 196,000 Mk. angegeben worden, woraus zu schließen ist, daß von den von Grünenthal gefälschten Scheinen bisher 196 Stück in Zahlung gegeben und zur Kenutuiß der Behörde gekommen find.
Frankfurt a. M«, 17. Mai. Zu dem Wiener Dementi ihrer Mtttheiluug von dem geheimen Staatsvertrag zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland schreibt heute die „Franks. Ztg.": ES war ja zu erwarten, daß man an dieser oder jener Stelle den Versuch machen würde, die auf zuverlässigen Informationen beruhenden Mittheilungen der „Frankfurter Zeitung" zu dementiren, allein es braucht sich Niemand hierdurch irre machen zu lassen, da papiernen Dementis gegenüber harten Thatfachen kein Werth beizulegen ist. Nicht mit Worten, sondern nur durch Thatsachen könnte« unsere Mittheilungen widerlegt werden, waS aber nicht geschehen wird, — daS werden auch bald Dteieuigen ein- sehen, welche die Wiener Dementirmaschiue in Bewegung gesetzt haben.
Frankfurt a. M., 17. Mai. Der „Franks. Ztg." wird auS Hongkong gemeldet: Die Lage in Manila ist unverändert. Die Vorräthe an Lebensmitteln find knapp. Die Aufständischen find genügend organifirt und mit Waffen, die aus dem geplünderten Arsenal von Cavite stammen, ausgerüstet.
Köln, 17. Mat. Die „Köln. Ztg." meldet aus Berlin: Die Veröffentlichung der „Franks. Ztg." betreffend den angeblichen Geheimvertrag zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland findet tn unseren diplomatischen Kreisen keinen Glauben. ES galt allerdings längst für sicher, daß zwischen Rußland und Oesterreich-Ungarn bei Gelegenheit d-S Gegenbesuches des Kaisers Franz Josef tn Petersburg eine allgemeine Verständigung über thunlichste Vermeidung
Frankfurter Brief.
(Origtnalbertcht für den „Gießener anjciget-.) (Nachdruck verboten.) Coloffalgemälde in der Katferftraße.
„In Behandlung" von Max Dreyer.
Dr. M. Die Sensationsbilder in der Kaiferstrabe rechtfertigen ihre Benennung „Coloffalgemälde" nicht einmal durch deu Umfang der Leinwand, geschweige denn durch die Größe des Entwürfe». „Heinrich Heine'» letzter Traum" von Franz Kupka hat ja wohl eine gewisse Ausdehnung und kann eine figurenreiche Compofition genannt werden. Nur, daß man auf jeder großen Gemäldeausstellung Bilder «an mässe sieht, die den Begriff und Eindruck „(Soloff al« gemälde" nicht nur quantitativ, sondern auch künstlerifch Hervorrufen, wogegen die „Rundreise-Werke", die z. Z. in Frankfurt Station gemacht haben, in der Erinnerung zu ganz kleinen, nüchternen Sächelchen zusammenschrumpfen, denen nicht einmal eine besondere Technik nachgerühmt werden kann. Denn diese glatte Malweise, die kalten und trockenen Farben und diese Beleuchtungseffecte, welche nicht durch die Ausdrucks« mittel des Maler», sondern durch von der Seite einfallendes Lampenlicht einerseits und künstliche Verdunkelung andererseits erzeugt werden — halten sich auf halber Höhe des heutigen Fortschritts, und man darf fich wohl gestehen, daß diese Bilder, Wand au Wand postirt mit anderen Werken, in einen großen Saal mit Oberlicht, zn einem grauen, traurigen Nichts zufammenfallen würden. Selbst Heiue's Vifion „Der Abschied von den Frauen" kann ich von diesem Urtheil nicht auSnehmeu. Wohl neigen fich aus daS Sterbe- lager des Dichters eine Schaar lichter Frauengestalten herab, von welchen jede einen besonderen Typus deS Ewig-Weiblichen repräsentiren soll, aber daS Ganze macht einen seelenlosen, koustrnirteu Eindruck. Die Einzelheiten im Beiwerk: Die Lotosblume, der fallende Stern, die Nachtigall rc. nehmen
fich nicht au» tote in» Malerische übersetzte Symbole Hetue'scher Lyrik, sondern tote Platte Theaterrequifiten.
Die Abbildung de» Heine-Denkmal» auf Korfu, Nr. 2, gleichfalls eine Arbeit von Kupka, erfüllt uns mit der Hoffnung, daß daS Original im Parke der österreichischen Kaiserin mehr Stimmung dem Beschauer zu geben vermag.
Als Nr. 3 gewahren wir ein nacktes Weib im Waldes- grün, von riesiger gelber Mähne umwogt, die Augen fest auf deu Beschauer gerichtet, keineswegs „märchenverschletert". Das soll die berückende Waffersee Prinzessin Ilse im Ilsen- stein sein. So steht eS gedruckt. Wir glauben jedoch, das Waldfräulein erlaubt fich da mit uns einen kleinen Maskenscherz. In Wirklichkeit ist fie vielleicht wohlbestallte Chansonetten- fängertn in einem gut geleiteten Specialitätentheater. Dahin möchten wir auch daS Dämchen thun, daS uns in einem vierten Bilde, in sehr ungenirter, aber keineswegs verlockender Stellung, auf ihrem Lotterdivan ruhend, al» „moderne Sirene" vorgestellt wird. Heiliger Ero»! Räthfel gibt uns das Weibchen nicht auf, denn es ist langweilig vom Kopfe bis zu den Fußspitzen herunter. Interessant ist aber etwas anderes: Die Erklärung, welche man unS noch für die 50 Pfg. Entrse mit tn die Hand drückt. Diese Rrclame ist tu ihrer Art bewuudernSwerth. Zur Beschreibung der Graef'schen „Prinzesfiu Ilse" — ich hätte übrigens nicht gedacht, daß Graes in seiner Kunst so zurückgehen könnte — muß ein ganzes Capitel „Romantik" herhalten! Für die „Erklärung" deS nichtssagenden Görard'schen Bilde» „La sirdne moderne“ wird sogar auf die antike Fabelwelt zurückgegangen! Ein gleich großer Wortapparat wird in Scene gesetzt bet dem Bilde von LoniS Fleischmann „Lady G o d t ö a". Lady Godiva bedeutet in der englischen Sage etwa dasselbe tote bei unS die heil. Elisabeth von der Wartburg. Ihr Gemahl, der regierende Graf von Chester, bedrückte seine Unterthanen mit harten Steuern. Den Bitten seiner edlen Gemahlin erwies er fich stets unzugänglich. Als diese wieder einmal zu Gunsten des armen Volkes vorstellig wurde, erhielt fie die höhnische Antwort: Die Steuern würden erlassen werden,
wenn fie fich entschließen wolle, deS Nachts nackt auf ihrem Pferde durch die Straßen von Coventry zu reiten. Die Gräfin entschloß fich zu dieser heroischen Thar, die der Himmel sichtbar begünstigte. Der Dichter Tennyson, der diese Sage durch sein Lied verewigt hat, sagt: trotz ihrer Nacktheit war fie in den Mantel der Keuschheit gehüllt (clothed on with chastity). Im Bilde Fleischmanns merkt man leider davon nichts. Dem Geficht der nackten Fran ans weißem Pferde ist weder der Zug pasfiven, noch acitven Heroenthum» ausgeprägt. Die Phyfiognomte gehört tn die Gesellschaft der „modernen Sirene" und der „Prtn- zesfin Ilse-. Da» Modell haben diese Maler nicht Überwinden können. Auf die Jdealifirung würden wir schließlich noch verzichten, wenn wenigsten» noch eia packender Naturalismus vorhanden wäre, aber auch der fehlt. Das Pferd zum Beispiel, auf welchem die Lady reitet, entstammt keinem fürstlichen Marstall, erinnert dagegen verhängnißvoll an jene ausgestopften Paradegäule, welche in der Wagen- abthetlnug der Industrieausstellungen die Träger des Fort- schritt» der Sattlerarbeiten find.
Max Dreyer, dessen Lustspiel „In Behandlung" fich die Frankfurter noch kurz vor Schluß der Hauptsaison geholt haben, ist von Geburt ein Mecklenburger, hat jedoch die Jahre seiner schriftstellerischen Entwickelung»zeit hauptsächlich in Berlin zugebracht, wo er auch vorübergehend den Posten eines RedacteurS an der „Täglichen Rundschau" bekleidete. Seine ersten Dramen „Drei" und „Winterschlaf" wandten fich tn erster Linie an ein Publikum, da» sich auf feine Seelenregungen versteht. Im Lustspiel „In Behandlung", welches auch bei seinem Erscheinen tn Frankfurt eine sehr gute Wiedergabe erfuhr, find beet DnrchschnittSgeschmack bedeutende Concesfionen gemacht worden. Jedenfalls hat daS Stück seinem Autor bereits ein hübsches Sümmchen eingetragen. Wir kommen vielleicht noch einmal darauf zurück.


