Ausgabe 
19.2.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 42 Zweites Blatt. Samstag den 19. Februar

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Erscheint täglich mir Ausnahme des Montags.

Die Gießener I«mitienßtLtter »erden dem Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegt.

Gießener Anzeiger

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Amtlicher Ltzeil.

Gießen, den 17. Februar 1898.

Betr.: Invalidität»' und Altersversicherung sogen, unständiger Arbeiter.

Das Grotzherzogliche Kreisamt Gießen

an die Gr. Bürgermeistereien des Kreises.

Nachstehende Bekanntmachung wollen Sie noch besonder» ortsüblich publiciren.

v. Gagern.

Bekanntmachung.

Unter Bezugnahme aus unsere Bekanntmachung vom 5. Januar 1891 ordnen wir wiederholt auf Grund de» § 126 de» JovaliditätS- und AlterSBerficherungSgesetzlS au, daß diejenigen Berficherten, welche nicht in einem regel« mäßigen ArbeitSverhältniß zu einem bestimmten Arbeitgeber stehen, sogen, unständige Arbeiter, innerhalb der letzten fieben Wochentage eines jeden Monats ihre Quittuugßkarten zum Zwecke der Controle dem Rechner der betr. Hrbstelle vorzulegen haben. Die» find in den Land­gemeinden die Gemeinderechuer bezw. besondere örtlichen Heb- stelleu- in der Stadt Gießen die örtliche Stelle (Bürger­meisterei). Wird hierbei nachgewieseo, daß die Beiträge für einen oder mehrere Monate im Vorau» entrichtet find, so find die Berficherten für diese Monate von der weiteren Vorlage der Karlen entbunden. Die Zuwiderhandlung gegen diese Controllvorschriften unterliegt der im § 126 bezeich­neten Strafe.

Wir bemerken dazu, daß der Vorstand der Versicherung»- anstalt seine Controlbeamten angewiesen hat, jedeSmal fest- zuftellen, welche Berficherten den Vorschriften nicht nachge­kommen find und Anzeige zur Bestrafung zu erstatten. Wir erwarten von den Inhabern drr Hebstellen, daß sie keine Ge­legenheit versäumen, bte Verpflichteten auf die Befolgung der obigen Vorschrift aufmerksam zu wachen, damit Verfehlungen möglichst verhütet werden.

Gießen, den 1. Dccember 1897.

Großherzogliches KreiSamt Gießen.

_________v. Gagern.__________________

Bekanntmachung,

betrcffend: Drainage in der Gemarkung Langsdorf.

Nachdem gegen das Resultat der am 7. April v. I». erfolgten Abstimmung Einwendungen nicht erhoben worden

find und somit die Bildung einer öffentlichen Waffergeooffen- schäft für die Dra'nage in den Fluren I, IX und X der Gemarkung LangSdorf al» angenommen und beschlossen anzu­sehen ist, wird hierdurch Dagfahrt zur Wahl der Be­vollmächtigten aus Donnerstag den 10. März l. Js. Nachmittags 3 Uhr in dem Rathhause zu Langsdorf anberaumt, zu welcher sämmtliche bethriligten Gruudbrfitzer hierdurch eiogeladen werden.

Gießen, den 17. Februar 1898.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Atzung der Stadtverordneten

am 17. Februar 1898.

Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, die Herren Beigeordneten Georgi und Wolff, von Seiten der Stadtver­ordneten die Herren Brück, Emmeltu», Faber, §Iett,Dr. Gaffky, Habeuicht, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Homberger, Jug- Hardt, Keller, Kirch, Löber, Loo», Ordig, Dr. Ploch, Dr. Schäfer, Scheel, Schiele und Wallenfels.

vor Eiotritt in die Verhandlung brachte Herr Ober­bürgermeister Gnauth mehrere Dankschreiben zur Kenntniß, und zwar 1. von Bediensteten des GaS- und Wasser- werke» und der Vtadtkasse für die bewilligte aus­nahmsweise Verbefferung ihrer Gehalt»verhältnifse- 2. deS Herrn Geh. Hofrath Prof. Dr. Heß, welcher NamenS der Forstwirthschaft Studierenden seinen Dank abstattet für die Zuwendung von 300 Mk. zur HundeShagen-Dtiftung- 8. der einzigen noch lebenden Tochter deS Prof. Hundeshagen, welche ebenfalls für diese neueste Ehrung dankt und mittheilt, daß nach ihrem Tode dieser Stiftung 1000 Mk. zufließen würden - 4. de» Vorstände» deS Lesehalle-Verein» für da» durch Ueberweisung de» Thorhanse» am GelterSweg be- thätigte freundliche Entgegenkommen der Stadtvertretung.

Weiter bemerkte der Herr Oberbürgermeister bezüglich de» zur vertheilung gelangten Voranschlags der Stadt Gießen für 1898/99, daß derselbe der Finanzdeputation überwiesen, und in der nächsten Bersamluvg berathen werden solle- er constatire dabet, daß zum fünften Male ohne Gtenererhvhung bezw. ohne Erhöhung dc» Cossfizieuten der Voranschlag aus- gestellt werden konnte.

Hierauf wurde nach Absetzung der.Punkte 1 3, 6, 6, 7 und 10 von der Tagesordnung, der specielle Voranschlag über die von der Marburgerstraße an» zu erbauende Zufuhrstraße nach dem neuen Friedhose wie über den generellen Vor­anschlag der gen. Anlage selbst beratheo. Der Voranschlag

Über den Straßenbau belief fich ursprünglich auf 16 000 Mk., es wurde aber auf Antrag der Commission die Anlage er­höhter Fuhgängerbankette beschloffen und dadurch die Summe auf 20000 Mk. erhöht- der Weg soll beiderseitig mit Bäumen bepflanzt werden. Wa» den Friedhof selbst betrifft, so ist zunächst deffen südöstlicher Theil sür Bestattungen vorgesehen; dieser Theil soll nun, soweit vöthig, eine EinsriedigungSmauer erhalten, wogegen der Abschluß nach den übrigen Thellen durch Bordwände erfolgen soll, die nach Bedarf hinauSgerückt werden- da» vorerst nicht zu Bestattungen erforderliche Ge­lände, das in feiner Ausdehnung so bemessen ist, daß nach 30 Jahren eine Wiederbelegung erfolgen kann, soll zu land- wirthschaftlichen Zwecken verpachtet werden. Die Wegher- stellungS-, GinfriedigungS- und Hochbauarbetten sollen nach Genehmigung deS speciellen Voranschlags alsbald in Angriff genommen werden. Al» Hauptbau ist die Leichenhalle mit einem Kostenaufwand von 63 000 Mk. gedacht. Dieselbe stellt einen zweistöckigen Bau dar, deffen unterer Stock, in Zellen getheilt, zur Aufnahme von 14 bis 15 Leichen dienen, außerdem ein Wartezimmer, ein Secierzimmer und ein Aerztez«mmer, wie die nöthigeu Abortanlageu erhalten soll, während ein Anbau, deffen Kosten auf 3300 Mk. veranschlagt find, zur Ausnahme weiterer Leichen im Falle AuSbruch» von Epidemien dient. Mit Eröffnung des neuen Friedhof» ist eine Aenderung im Bestattungswesen insofern geplant, als die Gestorbenen alsbald nach etngetrrtenem Tode in die Halle gebracht werden, die directe Bestattung vom Trauer­hause aus in Wegfall kommt. Die Leichen werden im unteren Stock ausgebahrt und mittelst Hebevorrichtung in die über der Leichenhalle befindliche, sür daS Publikum durch eine Freitreppe zugängliche Capelle gebracht, woselbst die Trauer- feier statlfiadet. Die Capelle wird einen Altar und sonstige kirchliche Einrichtungen erhalten und nächst besonderen Plätzen für die Angehörigen Sitz- und Stehplätze sür die Trauer- Versammlung, sowie für einen Sängerchor erhalten. Zwischen der Verwalterwohnung und der Capelle wird ein Kreuzgaug erbaut - derselbe soll Schutz vor Unwetter gewähren und außerdem zu noch festzusetzenden Preisen adzugebende Gruft­gewölbe enthalten. Die Kosten des Kreuzgange» bezw. der Schutzhalle find auf 29000Mk. veranschlagt, die gleichzeitig den Haupteingang bildende V:rwalterwohnung aus 9000 Mk. Die Hochbauten sollen in gefälliger, ihren Zweck schon von fern kennzeichnender Bauart ausgesührt werden. Die Erd- arbeiten für den vorerst in Benutzung zu nehmenden Theil find auf 3200 Mk. veranschlagt, für Wegeanlagen innerhalb des Friedhofes find 6700 Mk., für Einfriedigungen 13300 Mk., sür Baumpflanzungen und sonstige Anlagen 7000 Mk. vor­gesehen. Herr Löber hält eS sür zweckmäßig, daß mit

Feuilleton.

Mein erster Msskenbsll.

Eine Fastnachtsgeschichte von Frida Storck.

(1. Fortsetzung.)

DaS schwere, überflüssige Rader lehnte längst in einer Saalecke. Die N-xe selbst, im utederdrückenden Gefühle ihrer Uuwahrscheinltchkeit, versteckte fich in einen Winkel, nm zu beobachten. Die älteren Herrschaften in ihrem löb­lichen Btmühen, originell zu sein und unerkannt zu bleiben, waren zu köstlich. Die kugelrunde kleine Räthin setzte die Welt al»Tochter deS Regiments" in Verwunderung. Die praktische Apothekerin hatte ihre großblumigen Cattun- gardineu mehr kunstvoll als kleidsam um ihre dünne Gestalt drapirt und ihr spärliches Haupthaar mit einer verschwende- rischen Menge Stärkemehl gepudert. Zweifel an der Echtheit diese»RokokocostümS" nahm fie al» persönliche Brlet- digung auf.

Im Uebrigen waren diePreelosen" sehr beliebt. Jede Matke, die einen grellbunten Shawl, ein rotheS Kopftuch oder ein phantastisches, lose» Jäckchen trug, wollte als die Perle der Zigeunerinnrn aogeredet sein.

Kurz, die 60 bV 70 fröhlichen Menschen vergnügten fich über die Maßen, in diesem unendlich schmalen, lang­gestreckten, dürstig auögestattetea Raume, der den pomp­haften NamenSaal" führte. Die drei grüvbefchirmten Oellampen, Gegenstände deS Entsetzens für jeden großen Tänzer, baumelten von der niederen Decke herab. Ihr spärliches Licht wetteiferte mit den durch blendende Blech­schilder gehobenen dünnen Wantkrrzeo.

Daß die vorhandenen Blumenmädchen und Zigeunerinnen ausnahmslos den kecken, schlatken Harlekin umschwärmten,

fand ich zu komisch. Und mit welcher verbindlichen Asmuth Vater die Liebesgaben an Blumen und prophetischen BerSlein entgegenvahm I Er war das ungelöste Räthsel der Abends, und al» er Matter einmal durch den Saal führte, empörte fich die Jugend über diese sträfliche Verirrung zu eineralten Dame". Mutter konnte ihr Selbst, auch in dem frag­würdigen Eveldamenaufputz, doch nicht verleugnen.

Eine zweite Herrenmarke, eine kraftvolle, hohe Ge> ftalt, in der knappen Uniform einesPostillon" tauchte erst spät auf und ward mit forschenden Blicken gemustert. Da» zweite Räthsel. Mr hatten e» seine dunklen, blitzenden Augen angethan. Mein arg eingepreßte» Ntxenherz pochte, sobald ich in seine Nähe kam, doch die stachelige Binsenkrone reizte ihn jedenfalls nicht.

Sein Magnet war die einzige natioualgetreue Maske, eine zierliche Polio, die Nichte deS reichen, kinderlosen Rentiers Müller. DaS Ehepaar Müller hütete die einstige, dabei sehr hübsche Erbin mit ArguSaugen. Ja, man hatte in rühmlicher Fürsorge schon den Gatten für fie erwählt, einen strebsamen, aber keineswegs geistreichen Landwirth. Seit nun Lilli von einer Sommerreise zurückgekehrt, verhielt fie fich Franz Grau gegenüber ablehnend. ES ging in den Kaffeegesellschaften die Sage, Onkel Müller wolle Lilli ent­erben, falls fie fich seiner weisen Wahl nicht füge.

An diesem Abend agirte Grau al» Schwälmer Bauer. Er sah recht plump aus in dem langen weißen Leinwandrock, den Schaftenstiefeln und dem dreikantigen Hute. Da diese Verkleidung ihn nicht verschönte, ihn auch Jedermann sogleich erkannte, hätte er fich die Mühe ganz sparen können. Jeden­falls hotte ihm Onkel Müller einen Wink gegeben, denn er steuerte mit staunenswerther Sicherheit auf die Polin Io» und seine breite Gestalt folgte ihr fortan wie ihr Schatten. Vergeblich war da» Mühen de» Postillon», fich Lilli ungestört zu nahen.

Geh, Du HanS Tapps, in Polen kann man solche plumpe Burschen nicht brauchen! Merk Dir» ein- sür alle­mal, ick mag Dich nicht!" rief Lilli ungeduldig, da fie meinen Schlupfwinkel neben drr Musikbühne streifte.

Dabei drohte fie mit der Reitpeitsche, die fie offenbar al» unerläßlich bei den Polinnen hielt, und versetzte dem Bauer einen leichten Schlag.

Er faßte heftig ihren Arm und flüsterte:

Heute sollen Sie mich hören, Lilli! Ich bin kein Feigling, der fich vor der Entscheidung fürchtet. Schwiege ich, Ihr Onkel hielte mich für eine Schlafmütze. Ich hab» mir geschworen, heute"

Sie stieß ihn jäh zurück. Er taumelte neben mich auf die Holzbank. Da er fich, eine Entschuldigung stammelnd, erhob, war Lilli verschwunden.

Gräme Dich nicht, biederer Sohn meines gesegneten Ufers. Die schönen Polinnen verstehen e», mit der Reit­peitsche zu strafen, aber zur fleißigen Schwalmbäuerin taugen fie nicht," sagte ich tröstend.

Wer bist Du denn?" fragte er mürrisch.

Die Schwalmnixe," sagte ich selbstbewußt.

Den Kukuk, so sollen die Waffernixen aussehen?"

Damit ging er.

Mein erster Versuch, mich intereffant zu machen, war schmählich mißglückt.

Plötzlich keuchte der dicke Schwälmer athemlo» durch die schiebende Menge, gefolgt von dem seine Britsche schwingenden Harlekin. Nun begann eine heillose Hetzjagd. Sank der keuchende Bauer auf einen Stuhl, so kauerte Vater neben ihm, stachelte ihn durch Witzworte auf und trieb ihn rastlos weiter. Alles wich den Beiden lachend aus.

(Fortsetzung folgt.)