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19.1.1898 Erstes Blatt
 
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Nr. 15

Erstes Blatt

Mittwoch den 19. Januar

1898

Gießener Anzeiger

General-Mizeiger

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Kchntstraße Ar. 7.

Deutscher Reichstag.

18. Sitzung vom Montag, den 17. Januar 1898.

vor Eintritt in die Tagesordnung erklärt Abg. Him­burg, daß die beiden vom Abg. Stadthagen in der letzten Sitzung des Reichstages erwähnten Fälle aus seiner (Htm- borg«) amtlichen Wirksamkeit, theils unrichtig, theils unvoll­ständig wtedergegeden worden seien. Abg. Stadthagen solle sich doch mit einer Beschwerde an seinen, Redner«, Vorge­setzten wendea oder dieselbe an anderer Stelle öffentlich wiederholen.

Abg. Stadthagen (Soc.) bleibt dabei, daß er die Falle richtig vorgetragen habe.

Tagesordnung: Zweite Lesung des Etat». (Etat des Reichstage»).

Zu dem Titel der einmaligen Ausgaben: weitere innere Ausschmückung de» ReichStagSgebäudeS beantragt die Com­mission eine Resolution, wonach über die Ausschmückung sortan eine au» sieben Mitgliedern deS Reichstag» und ö.ri Mitgliedern deS BuudeSrathS zusammengesetzte Lommisfion zu entscheiden hat.

Hierzu liegt noch ein Antrag Lenz mann (frs. Vp.) vor, unter die einmaligen Ausgaben deS Ordtnartum« den Betrag von 100,000 Mk. zur weiteren Ausschmückung ein- zvstellen.

Bei den dauernden Ausgaben, Titel Bibliothek, äußert Abg. Lieber (Centr.) den Wunsch, daß aus den 300,000 Mk. für Vergrößerung der Bibliothek nicht auch die Druckkosten de» Katalog» bestritten werden, sondern daß die Deckung dieser Kosten anderweit erfolge.

Rach kurzer Debatte wird der Titel Bibliothek bewilligt.

Auf Antrag deS Abg. Müller-Sagau (frs. Vp.) wird sodann beschloffen, den Antrag Lenzmann und die AommisfionSresolution erst beim Etat des ReichSamtS de» Innern zu verhandeln.

Der Etat de» Reichstagei ist nunmehr erledigt.

Feuilleton.

Jenseits von Ibsen.

Die jüngste Entwicklung der Malerei weift ganz die­selben Momente auf", buchte ttn Freund, der nach einer längeren Kunst-Odyffee zwischen Edinburg und Palermo wieder ia Berlin gestrandet war, sich einen Bollbart zugelegt hatte and sich nach dem Theater derFreien Bühne" erkundigte, Jbie da neulich au» ihrem todtähnlichen Schlafe erwacht ist hoffentlich geht'» ihr nicht wie dem schlafenden Bergmann in Myslowitz, der, kaum ein paar Wochen wieder lebendig, infolge eine» durch daS lange unbewegliche Liegen eingetretenea Marasmus sich lächelnd in Staub auflöste, wie jüngst zu lesen war!

ES ist ein Neue-, dos sich durchzurtngen sucht- eine Reactton, wie immer, wenn irgend eine Kunftform zur Schablone erstarrt ist. Statt daß da, wie früher, irgend eine imposante, schöne, schaurige oder liebliche Landschaft gemalt wird, gibt man jetzt ein Stück von einem Kohlfeld B., möglichst nüchtern, jedoch mit ausgetüpfeltster Details- Lharacteristik. DaS Große dabet aber ist, daß man sich vor einem solchen Bild ohne Weiteres in die freie Natur versetzt wähnt, während man der alten Kunst gegenüber nur in ilutnahmesällkn v-rg-tz, daß man -den ein Bild vor sich hatte. ..

Diese Neuen sehen ganz ander». Ihr Auge ist wie ein Mikroskop, mit dem sie tausend kleine, aber hochcharac- teristische Dinge entdecken, Über die man früher mit größter VemüthSruhe einfach htnwegsah, obwohl man sie instinctiv zweifellos ebenso gut empfand, al» jetzt. Zwischen blo» ßasttnctivem Empfinden aber und wirklichem Sehen ist ein vnterschied, der, einmal erkannt, wohl nie wieder außer Acht gelaffen werden kann. Diese alte, frühere Kunst glaubte eben 6o ehrlich, Natur zu geben, gab fie aber nicht, da ihr Auge tbtn ein andere» war und eben nur da» sah, waS e» zu ßchen gelernt hatte. D'e neue zwingt vor Allem da» Publikum ßtlbft zu einem schärferen Merk. Sie gibt ihm Kleinigkeiten mitunter, aber so minutiös durchdacht und auSgeführt, daß Sich da» Publikum etwa» völlig Fremdem gegenüber findet, »nd ihm sofort Geschmack an Vergleichen zumuthrn zu wollen, wäre Thorheit. Gleichzeitig aber stellt mau auch die Forde- «ang, daß eS vor einem solchen Bilde auch etwa» zu denken habe, nicht bloß zugenießen", und da» langweilt dann noch »ehr. ES ist immer eine eigene Sache, vom Publikum zu

ES folgt der Etat des ReichSamt» de» Innern.

Beim TitelStaatSsecretär" begründet Abg. Hitze (Eentr.) eine von ihm beantragte Resolution, den Reichs­kanzler zu ersuchen, bi» zur nächsten Session dem Reichstage eine Zusammenstellung der auf Grund § 105 e der Gewerbe­ordnung für Betriebe mit Wind und unregelmäßiger Wasser - kraft getroffenen Entscheidungen vorzulezen. Redner giebt hierauf einen U-.berblick über die Sonntagsruhe in den ver- schiedeneu Gewerbezweigen und hält des Weiteren einen gemeinsamen Unterbau für die gesammte sociale Versicherung für wünschenSwerth. Für sich selbst und für feine Freunde erkläre er ausdrücklich, daß sie von dem neuesten Rund­schreiben de» StaatSsecretärs deS Innern bezüglich der EoalitiouSrechiS der Arbeiter vorweg nicht das Geringste geäußert hätten. Redner wünscht schließlich eine Zusammen- stellung über die verschiedene Handhabung deS ÄuSnahme- rechtS des § 105 e.

StaatSsecretär Graf PosadowSkh kündigt an, daß eine Ergänzung der Nachweisungen über die auf Grund der Gewerbeordnung erlaffenen Verordnungen dem Hause noch zugeheu werde. Mit dem BundeSrathe werde er auch speci'.ll wegen einer Nachweisung über die Verordnungen gemäß § 105 e noch tn Verbindung treten. In der nächsten Session würde jedenfalls eine neue Novelle vorgelegt werden.

Abg. Wurm (Soc.) wendet sich lebhaft gegen den neuesten Runderlaß des Grafen PosadowSkh, welcher ein Zeichen sei, daß die schlotternde Angst der Unternehmer (Lachen rechtS) vom Grafen PosadowSkh gethrilt werde. Der Erlaß sei ein unerhörter Streich gegen die Arbeiter. Gegen schwarze Listen der Unternehmer thue der StaatSsecretär nichts; der Arbeiter aber solle nicht einmal mehr dem strikt- brechenden Kameraden sagen dürfen: Höre auf! Halte zu uuS! Es sei ja bekannt, daß mit zweierlei Maaß gemeffen wird- aber daS hätte Redner doch nicht geglaubt, daß schon nach neun Jahren Alles in Fetzen gerissen werde, nm»~ da- malS versprochen worden sei. Bei den Musterwerkstätten

verlangen, daß e» denken solle. Da» Realistische, Natura­listische, zunächst meist Unschöne, stößt eS von vornherein ab. Da» Vorherrschen solcher vorwürfe jedoch erklärt sich ^sehr einfach daraus, daß diese in weit schärferer Darstellung gegeben werden können, als Schilderungen des Einfachen, J-hlltichen, Friedlichen undSchönen". Moralisches tn fesselnder Weise zu geben, ist wesentlich schwieriger, als Unmoralisches darzu- stellen, da sich diese» eben in Formen äußert, die weit mehr Abwechslung gestatten und weit mehr inS Auge springen, selbst in ihren kleinsten Ansätzen".

In der Literatur ist eS da» Gleiche.

Wir hatten, was wir so hatten, bi» Ibsen kam und namentlich in seinen späteren Stücken etwas brachte, da» keineswegs neu war, aber noch von Grund anders, als das, daS wir eben hatten. Ich meine zunächst nur einmal nach der technischen Sette hin- von Anderem durchaus abgesehen. ES fragt sich nun aber: Ist Ibsen schon der Höhepunkt diesesAndern", der es brachte, oder nicht? oder ist eine Ausgleichung zwischen dem Alten und dem Neuen möglich vielleicht in irgend einem darübersteheuden Dritten?

Ich würde hierauf sagen: Die Zukunft gehört dem, der die dramatische Wucht Shakespeare» und die psychologische Feinheit JdsenS zu vereinigen weiß und damit kommen wir nolens volens wieder auf Shakespeare zurück, deffen Psychologie schließlich doch kaum zu übertreffen sein wird!" warf ein Dritter ein.

Nein! denn diese Antwort verkennt völlig, wie gründ- verschieden die Kunst eine» Phramidenbaue» von der, meinet* wegen, eine» Elfenbetnmosaikgewebe» ist. Auf irgend ein Gemeinsames läßt Beide» selbstverständlich sich auch zurück­bringen - es läßt sich Alles auf irgend ein Gemeinsames zurückformeln - zwischen Shakespeare und Ibsen aber laffeu sich schon deshalb keine Parallelen ziehen, weil Beide auf absolut verschiedener Basis stehen- der eine auf der der Kunst, der andere auf der wiffenschaftlicher Erkennlniß.

Shakespeare ist trotz all seiner bewunderungswürdig genialen Psychologie doch eher alle» Andere, al» ein Psycholog, den die Wissenschaft al« solchen anerkennen würde, wenn sie sich nicht mit einer Psychologie nur im Großen begnügt, Wa­ste heute nicht mehr könnte. Shakespeare nahm Feldblöcke und sein Bau gleicht pelaSgischen Mauern, die da unerschüttert stehen werden durch die Jahrhunderte--; heute so bauen

zu wollen, ginge eben nicht- vor Allem bekäme man e» da mit der Baupolizei zu thun.

Ibsen dagegen baut mit Backsteinen, Stein auf Stein

auf den Kaiserlichen Werften bestehe eine Arbeitsordnung, wonach außer Ehrlosen auch Socialdemokraten nicht ange­nommen werden dürften. Bei den Reichstagswahlen werde der Wahlspruch der Arbeiter sein: Weg mit diesen Ministern, weg mit dieser Regirrung!

StaatSsecretär Graf PosadowSkh entgegnet, er werde auch mit diesem Manifest in der Hand in den Wahl­kampf ziehen. (Gelächter links). Ueber den Erwerb de» Runderlasse» feiten» desVorwärts" werde er zum Schluffe sprechen. (Zuruf links- lächerlich!)

Biceprästdeut Schmidt ruft dieserhalb den unbekannt gebliebenen Zwischmrufer zur Ordnung.

StaatSsecretär Graf PosadowSkh (fortfahrend), die Arbeiter, die arbeiten wollten, müßten geschützt werden gegen den Terrori-mu- der Strikenden. Und um dies zu können, würden die zur Verfügung stehenden Mittel rücksichtslos angewendet werden. Bon schlotternder Angst könne keine Re3e fein. In dem Erlaß werde daS EoalitiouSrecht durchaus aufrechter- halten. Zur Kenntniß de»Vorwärts" sei der Erlaß nur gekommen dadurch, daß ein Beamter ehrlos genug gewesen, den Weg der Trene und Ehre zu verlaffen und zum Der- räther an seiner vorgesetzten Behörde zu werden. Die Presse habe wissen müssen, daß daS vertrauliche Schriftstück auf nn- ehrliche Weise erworben worden sei. Im bürgerlichen Lebe» nenne man die»: der Hehler ist nicht besser wie der Stehler! Wenn es traurig sei, daß ein solcher Berrath habe Vor­kommen können, dann sei eS aber noch trauriger, daß sich eine Presse finde, die davon Gebrauch mache. (Gelächter link». Bebel ruft: Selbstverständlich- eS ist ja Krieg!) StaatSsecretär Graf PosadowSkh richtet nunmehr an die ganze anständige Presse den Appell, daß fie wiedervorkom- mendenfall» mit solchen Schriftstücken so umgeht, wie e» an­ständigen und wohlerzogenen Menschen ziemt. (Gelächter link»).

Abg. Hüpeden (b. k. F.) bemerkt, die Arbeiterorgani­sationen müßten anerkannt und da» BerbiudungSverbot auf­

legend führt er seinen Grundriß auf und die Fugen zeigen deutlich da» Tausendfache sich ineinander schlingende Gewebe seiner Kauft, wenn man dieselben verfolgen will. WaS er aufführt, wäre mit unbehauenen Feldblöcken auSzusühren so unmöglich, al» Shakespeare für fich Bucksteinmaterial hätte verwenden können. Dort elementare, titanenhafte Natur­kraft, hier ausgeklügelte Gelehrsamkeit und diplomatisch be­rechnende Ueberlegung. Dort Kunst durch Können - hier Kunst durch Waffen.

Der Mensch von heute ist nicht mehr der Mensch von 1592. Er ist gegen diesen ein so tausendfach complictrter Mechanismus, tote etwa eine Rotation-Presse gegen die ersten Handpressen Gutenberg- und FustS. Hunderte von Schrauben und Stiften. Daß der Mensch von 1592 al- solcher weniger complicirt gewesen sei al« der von heute, ist damit natürlich nicht gemeint- das wäre Unfinn! Aber der Mensch der Kunst war e»- allerdings weil auch die naturwiffeuschaftliche Selbstkenntniß eine geringere war- je größer diese dann wurde, um so compltcirter wurde dann auch der Mensch der Kunst. Man sah über Vieles ohne weitere Scrupel weg, weil man e» eben überhaupt nicht wußte. ES genügte völlig, eine Gestalt in ein einziges Motiv zu verankern, ihren ganzen Character an dem Martonettendraht eine« einzigen Motivs fich abspielen, ihre ganze Rolle auf eine einzige Saite gestimmt sein zu lassen. Heute genügt da« nicht mehr. Wir wissen, es ist nicht blo- ein große« Rad, da- den Mechani-mu- unseres Leben« treibt, sondern e« find Hunderte von kleinen Rädchen, von denen jede- wieder seine eigene gleichwerthlge Bedeutung hat.

Shakespeare konnte mit naiven Menschen rechnen- Ibsen steht reflectirten gegenüber. Dadurch characterifirt fich auch die Kunst Beider. Die Psychologie Shakespeare- ist die einer freien, adsoluteu Kunst, wenn man so sagen darf, während die Ibsen» eine unfreie, relative genannt werden könnte, insofern al» sie fich nicht bloß mit fich, sondern vor Allem mit unserem modernen naturwissenschaftlicheren Wissen und Empfinden abzufinden hat.

Daß einmal Einer kommen wird, der sich über Ibsen emporringen wird, ist wohl zweifellos. Die Kunst Shake- speare» aber kann und wird nie die seine sein: Ibsen hätte unS niemalsHamlet" geben können, so wie ihn Shakespeare gegeben hat. Er hätte e» auch gekonnt auf seine Weise,- er hätte dann vielleicht aus jedem Act ein eigene« fünf- actiges Stück gemacht. ES wäre dann aber nie der Hamlet