Man kannte zwei Arten des Zusammentritts der Stände: den allgemeinen Landtag, zu dem sämmtliche Berechtigten erschienen, und den sogenannten engeren Landausschuß, der aus wenigen von den übrigen bevollmächtigten Vertretern der drei Stände gebildet wurde.
Der allgemeine Landtag wurde vom Landesherrn berufen, der engere Ausschuß dagegen auf Erfordern des Fürsten vom Landesmarschall, dessen Würde im Hause Riedesel erblich war und noch ist. Der Unterschied in der Bedeutung der beiden Tagungen ist nicht groß; die Form des Ausschusses wurde gewählt in dringenden Fällen, sicherlich aber auch aus taktischen Gründen, wenn der Landesfürst nach dem Grundsätze „viele Köpfe, viele Sinne" fürchtete, im großen Landtag seine „Proposition" weniger leicht durchbringen zu können, als im Ausschuß. Ohne Erfordern des Regenten wurde der Ausschuß durch den Erbmarschall versammelt, wenn es sich darum handelte, aus Anlaß eines freudigen Ereignisses im Herrscherhause, wie Taufe, Hochzeit und dergleichen die Kosten für ein Geschenk, ein sogenanntes „Don gratuit", aufzubringen.
Seit der Theilung Hessens durch Philipp den Groß- müthigen fanden in der Verfassung vorgesehene gemeinschaftliche Landtage statt, bei denen die Kasselischeu und Darmstädtischen Stände abwechselnd den Vortritt hatten.
Der Vollständigkeit halber führen wir noch an, daß auch die einzelnen Stände unter sich zur Berathung ihrer Angelegenheiten zusammentraten.
Die Einberufung der Landstände geschah nach Maßgabe des Bedürfnisses. Ledderhose weist für die Hessen-Kassel- schen Lande zwar die Einrichtung ordentlicher, d. h. regelmäßiger Tagungen nach, bemerkt aber, daß von ihr nur selten Gebrauch gemacht worden sei, zumal sie eine Einschränkung des Hoheitsrechtes der Einberufung bedeutet habe, und daß die Landtage im übrigen durchweg als außerordentliche zu betrachten seien. Diese Verhältnisse dürfen auch als in Hessen-Darmstadt bestehend bezeichnet werden. Die uns vorliegenden Acten ergeben als Regel die Einberufung nach freiem Ermessen des Landgrafen zur Berathung über genau angegebene Gegenstände. Daher kommt es, daß in einem Jahre oft mehrere Tagungen, manchmal auch gar keine abgehalten werden.
Der Ort, an dem der Landtag zusammentrat, war irgend eine durch Geschichte, Ueberlieferung oder sonstwie ausgezeichnete Stätte unter freiem Himmel. Von solcher Bedeutung war „der Spieß". Ursprünglich die Bezeichnung eines Bezirkes niedriger bewaldeter Hügel in der Nähe des ehemaligen Prämonstratenserklosters Kappel zwischen Ziegenhain und Homberg, ging dieser Name auf einen dort am
Waldrande gelegenen Wartthurm über. Hier war ehemals die Grenze zwischen fränkischem Hessengau und Oberlahngau, hier schied sich später Oberhessen von Niederhessen Unseren Vorfahren war „der Spieß" als Grenzbegriff so geläufig, daß sie die Formel „diesseit und jenseit des Spießes" je nach dem Standpunkt des Redenden gebrauchten, wenn sie Ober- oder Niederhessen bezeichnen wollten. Hier an dieser historisch und geographisch merkwürdigen Stelle fanden in althessischer Zeit glänzende Landtage statt und manche für das hessische Land wichtige Frage fand hier ihre Erledigung. Später zog man es vor, die Tagungen in Städten abzuhalten, wobei sich Marburg, die Stadt der heiligen Elisabeth, besonderer Beliebtheit erfreute. Nach der Theilung der Fürstenthümer, vom Ende des 16. bis zum Schlüsse des 18. Jahrhunderts lag der Schauplatz landständischer Verhandlungen meist im Oberfürstenthum, bei uns. Hauptsächlich kamen Gießen, Alsfeld und Grünberg als Versammlungsorte in Betracht. Der Grund dafür, daß nicht auch die Obergrafschaft Katzenellenbogen in gleicher Weise berücksichtigt wurde, lag in der nur geringen Anzahl dortiger, die Landstandschaft besitzender Städte. (Vergleiche die Fortsetzung.)
(Fortsetzung folgt.)
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