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18.10.1898 Zweites Blatt
 
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Nr 244 Zweites Blatt

Dienstag den 18 Oktober

1898

Gießener Anzeiger

Heneral-An^eiger

Zlnrts- und 2lnzeigeblutt für den Kreis Gieszen

Nc»»g»,rci» vierleljLhrlrch

2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 w mit Brmgrrloh».

Bei Postdezuß L Mark 50 Pfg. vierteljährlich.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den falgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Borin. 10 Uhr.

Alle Anzeigen.BermiNlungrstellen be» In. und »uslanbe« nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgege«.

Grscheinl ltgkich mir Au»nahme de» Montag».

Die Gießener Kamilte» d kalter werden dem Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegt.

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Kchntüraß« Ar. 7.

Gratisbeilage: Gießener Fainilienblätter.

Adresse für Depeschen: Anzeiger chtetze».

Fernsprecher Nr. 61.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung, betreffend: die Abgabe der Einkommen- nud Capital- reoteufteuererkläruugeu für da» Steuerjahr 1899/1900.

Unter Bezugnabme auf die Bekanntmachungen in Nr. 171 beiGießener Anzeiger* machen wir die Steuerpflichtigen der Stadt Giessen darauf aufmerksam, daß die Einreichung der In Rede stehenden Erklärungen in der Zeit vom 15. October bis 30. November d. I zu er­folgen hat.

Stehen, den 16. Oktober 1898.

Grohherzogliches Sreuercomnnfsariat Gießen.

Bähr.

Staatsstreich-Gelüste in Frankreich.

Die DreyfuS-Sachc ist zu einer Frankreichs fernere Ent­wicklung bestimmenden Parteimachtfrage geworden: der Bund bei Säbell und del Weihwedels hat sie auf feine Fahne ge­schrieben und wird, wenn die Dinge sich so weiter entwickeln wie in den letzten Tagen, in diesem Zeichen fiegen. Diese Evolution aber wird in militärischer wie in kirchlicher Hin­sicht für Frankreich! innere Politik von tiefgehenden Folgen begleitet fein. ... So schrieben wir nicht etwa vor einigen Tagen, sondern io den ersten Tagen diese! Jahre! an dieser Stelle. Zu verwundern ist nur, daß die vor zehn Monaten ausgesprochene Vermuthung sich nicht bereit! früher bestätigte. Allerdings haben alte Leute oft ein zähe! Leben, und auch dir altersschwache dritte Republik hat in der Panama- und BoulangerKrankheit eine leidlich starke Loostitution bewiesen. Die tückische DrehluS-Krankhelt scheint ihr aber bedenklich zuzusetzen. Der militärische Staatsstreich, den ihr die Freunde refignirt, die Gegner triumphirend feit Wochen vorauSsagten, war also doch kein leerer Wahn turbulenter Köpfe.

In zwölfter Stunde, fo berichten Pariser Blätter, erfuhr der Ministerpräsident, dah für SamStag ein militärischer Gewaltstreich geplant fei. DerÜRalin* drückte sich euphemistisch aus, indem er behauptete. Bei der beträcht- lichen Truppenconcentratton hätten einige militärische Persön- lichkeitrn den Plan gefaßt, Maßregeln zu treffen, dah die ihnen mißliebige Polemik aufhöre. tßal der regierungs­freundlicheMatln* mit den verabredetenSRafcregtln* be­schwichtigend zudeckee, legten die socialisttschen und Drehfus- blätter offen dar: Eine verbrecherische Sippe, die in der |

Zwangslage war, zwischen Zuchthaus und Meuterei zu wäh­len, bereitete den Bürgerkrieg vor, schreibt dieKurort*. Und in derPetit Rspudl'que* enthüllte der socialistische Deputirte GeraultRichard: Tn Komplott wird geschmiedet. Der Generalstab fühlt sich verloren. Er steht vor der Wahl, entweder in öffentlicher Entrüstung unterzugehen ober sich durch einen Gewaltstreich zu retten. Er scheint zum Aeuhersten entschlossen,- Frankreich ist bedroht von militärischer Knecht­schaft. DerRadikal* meldete ruhig und ernst: Man sprach von einer Art von Handstreich der allernächsten Tage. ES hieß sogar, daß er morgen verübt werden sollte.

Die Nachrichten, so sensationell sie scheinen, dürfen im Grunde nicht überraschen. Die Militärpartei, die sich tu ihren vornehmsten Trägern so grenzenlos gcbrandmarkt sah, mußte im äuhersten Falle, um dem großen Krach zu ent­gehen, der mit der Revision deS DrehfuS-ProceffeS unerbitt­lich verknüpft ist, zu einem Gewaltstreich greifen. Der hohe, für unabsehbare Zeiten kompromittiere Generalstab mit seinem jetzigen Ehef Renvuard und ehemaligem Lhef Botsdeffre an der Spitze, weiß genau, daß der starrsinnige, revifionSfeind- ltche KrtegSminister a. D. und gegenwärtige Mtlitärgouver- neur Zurltnden auf ihrer Seite ist, wenn sie einen Hand­streich planen, vielleicht konnte man sich noch des revifions- feindlichen Strohmannes Felix Faure versichern, um nicht gleich baß ganze Staatsgebäude über den Haufen zu stürze«. Die Blättermeldung, die Herren Verschwörer hätten einen Wechsel in ber Regierung, nicht in der Präsidentschaft be­absichtigt, läßt Derartiges vermuthen.

Einstweilen ist die Eivilgewalt den militärischen Cattli- narteru zuvorgekommen und Briffon kann sich von den braven Bürgern als Pater patriae feiern lassen. Er wird wahr- fcheinltch, um der Tragikomödie die Krone aufzusetzen, den geplanten Staatsstreich als grundloses Gerücht hinstellen, um die gefährlichen Gegner nicht verhaften zu müssen. Jeden- falls aber kennt er die französische Geschichte zu gut, um zu vergessen, dah ein mißlungener Handstreich heute ebensowenig einen Napoleon in Generalsuniform mißmuthig macht, wie weiland den nicht einmal sehr verwegenen Napoleon, den kleinen Neffen des großen Ohms, der es trotz des mihlungenen Straß­burger Putsche» und der verunglückten Landung bei Boulogne noch bis zum Kaiser der Franzosen brachte. M. N N.

Deutsches Reich.

Berlin, 15. Oktober. DerGermania* zufolge ist der 3. December für die Eröffnung des Reichstages in Aussicht genommen.

Berlin, 15. October. Dem Bundesrath ist, wie die Kreuz Zeitung* vernimmt, der neu redigiere Entwurf bei Reichs verficherungsgesetze! zugegaugen.

Berlin, 16. Oktober. Der Souvernement!- wechsel in Ktantfchou. Hebet die Gründe der Ab­berufung dkl Gouverneur! Rosendahl ist bisher nichts Zuverlässiges mitgetheilt worden. Sie wögen wohl in all­gemeineren Erwägungen persönlicher Natur bestanden haben. DieNordd. Allgem. Ztg.* gibt sich die Mühe, die naive Behauptung desVerl. Tagebl.* ausdrücklich zurückzuweifen, dah die in dem Blatte veröffentlichte Rede des Gouverneurs für seine Abberufung ausschlaggebend gewesen fei. Das «Verl. Tagebl.* geberdet sich nämlich, als ob feine Mit- theilungen, und vor Lllcm das Urthell des groheo Eugen Wolf, den Gouverneur gestürzt haben. Wir haben es nicht für der Mühe werth gehalten, diese Kindlichkeiten zu er­wähnen. Nur das Wohlwollen, mit dem einige andere recht scharfe Kritiken über die Zustände in Kiautschou von offi­ziöser Seite anfgenommen wurden, schien uns ein Symptom zu sein, daß man hier an maßgebender Stelle schon längere Zeit mit der Leitung des Schutzgebieies nicht ganz ein­verstanden war.

Berlin, 16. Oktober. Gegenüber einer Blättermeldung, daß der Wechsel in der Besetzung des Gouverneur- postens von Kiautschou in unterrichteten Kreisen auf eine Rede zurückgeführt werde, die Gouverneur Rosendahl angeblich an die in Kiautschou weilenden Europäer gehalten haben soll, stelle dieNorddeutsche Allgemeine Zeitung* fest, daß die kaiserliche Labinetsordre, welche die Ersetzung des Kapitän! zur See Rosenvahl durch den Kapitän zur See Jäschke verfügt, bereit! am 10. Oktober unterzeichnet wurde, während jene angebliche Rede thatsächlich erst am 11. Oktober durch da!Berliner Tageblatt* bekannt geworden ist. Ferner stellt dieNorddeutsche Allgemeine Zeitung* fest, dah die angeblichen, von Herrn Engen Wolff zuerst besprochenen sogenannten Grundstücks-Transaktionen des Gouverneur! in keiner Weise höheren Orte! zu Bedenken Anlaß gegeben, geschweige denn irgend welchen Einfluß auf den stattgefunbenrn Wechsel gehabt haben.

Berlin, 15. Oktober. Neue anarchistische Hu­th aten? Die Polizei tu Alexandrien soll nach einer Reuter- meldung vorgestern Nacht neun italienische Anarchisten ver­haftet haben, darunter den Inhaber eine! Kafel, in dessen Wohnung zwei mit Kugeln gefüllte Bomben gefunden wurden. In England scheint man diese Entdeckung mit der Kaiser­reise nach Palästina in Verbindung bringen zu wollen, denn

Feuilleton.

Die Fase.

Novelle«« von A. Schoebel.

(Nachdruck verboten.) (Schluß.)

Als Max nach etwa drei Stunden auf die Vcranda hinaustrat, fand er feine Frau ausgeflogen.

Von diesem Tage an war Anne-Marie wie ausgewechselt. Sie setzte ihren Gatten in Erstaunen durch eine höhnische Lustigkeit, durch einen Hebermuth, der hart an die Grenze des Erlaubten streifte, und erinnerte sich ihrer Pflichten nur sehr gelegentlich.

Im Innern war sie zum Sterben unglücklich.

Sie sah die Vase vor sich, im Wachen und im Traume, ! und bildete sich fest ein, daß Mar dieselbe von einer Dame ' erhalten habe, die er leidenschaftlich geliebt, die er niemals vergessen könne.

Zertrümmern hätte sie das elende Gesäß mögen, so wie es ihr Glück zertrümmert batte!

Jeden Morgen beim Staubwischen überkam eine heftige Versuchung die junge Frau und jeden Morgen erbebte die Vase--

Ich werde Sand Hineinsüllen, damit es sester steht, das theure Andenken * dachte Anne-Marie an dem ersten herbstlichen Tage des Jahres.

Nur mit Mühe konnte sie das Deckelchen aus dem schlanken Hal» entfernen. Sie sand es mit Wachs hinein- ! geklebt.Also ist irgend etwas in der Vase verborgen!* ! Anne-Marie benutzte ihren Haarpfeil al» Hebel.

Ein schmales, in Seidenpapier gehüllte» Päckchen zog sie Hervor, fast ohne Gewicht. Hastig löste sie das Papier und erblickte eine Socfe, fein und weich, von jenem milden Kinder- klond, das mit seinem Goldschimmer an Engelshaar erinnert.

Anne Marie taumelte beinahe! Das hatte sie doch nicht - erwartet, das nicht! D, es war klar, Max liebte noch immer j die Andere, die Erste. Unb sie war nur ihres Geldes wegen geheirathet worden!

Die junge Frau schob Locke und Deckelchen in den Vasen- hal» zurück und stellte das Gefäß abermals verkehrt hin.

Am nächsten Morgen fand sie e« umgedreht.

Sie faßte jetzt den Entschluß, mit Vorsicht die Wahrheit über die Spenderin von Vase und Locke zu erforschen und gegebenen Fall» in ihr Elternhaus zurückzukehren.

Mit größter Geschicklichkeit ging sie zu Werke. Die Natur chre» Gatten war eine äußerst zurückhaltende, unb er konnte sich gegen einen Einbruch in sein Inneres sehr energisch wehren. Zlchern vermochte die kleine Frau nicht Herrin chre» Respect» vor Max zu werden.

Schwere Wolken thürrnten sich am ehelichen Himmel des jungen Paare». Der Traum vom ausbrechenden Krieg schien Wahrheit werden zu wollen.

Gelegentlich, ganz gelegentlich fragte Anne-Marie eines Tage»:Wer hat Dir denn eigentlich die bemalte Vase ge­schenkt?*

Ein junges Mädchen*, entgegnete Max in jenem ent­schiedenen Tone, der anzudeuten pflegte, daß er nicht weiter gefragt zu fein wünsche.

Die Launenhaftigkeit seiner Frau quälte ihn und ver­darb ihm da» Leben ärger, al» ein offener Zwist e» gekonnt hätte.

Al» er sich eine» Nachmittag» an seinen Schreibtisch setzte, fand er den Platz, den die Vase bisher eingenommen hatte, leer.

Er erbleichte unb ging sofort zu seiner Frau hinüber.

Wo ist bie Vase hmgekowmen?*

Die Vase? Al» ob nicht Hunberte in ber Villa vor­handen gewesen waren! Also gab e» für ihn nur eine

einzige Vase auf Erben! Frau Anne-Marie blickte möglichst harmlos ans.

Welche Vase? Ach so, da» alte Ding von Deinem Schreibttsch! Sie ist mir heut au» den Händen geglitten. Sie war mit etwa» Papier ausgeftopst.*

Unb hast Du das Papier fortgeworfen?*

Gewcß. Mit den Scherben.*

Die Stirnaber schwoll ihm. Er trat nahe an seine Frau heran.Du hast bie Vase absichtlich zerschlagen, weil Du eine Locke barin fandest. Um mich zu kränken und mir weh zu thun, hast Du jene goldenen Haare auf den Kehricht geworfen *

Er wendete sich ab.Oh Anne-Marie!* Weiter sagte et nichts. Aber sie fühlte, daß er sie nicht mehr achtete!

In bitterem Weh schluchzte sie auf:Max, Max! Warum hast Du mich betrogen! Warum haft Du mich ohne Liebe geheirathet!*

Ich Dich betrogen ? Ich Dich ohne Liebe geheirathet? Thörichle kleine Frau! In welchen Wahn hast Du Dich verrannt! Und Alle» um der paar Haare Willen, die in jenem armen kleinen Gefäß ruhten! Nie war eine posthume Eifersucht unbegründeter, al» die Deine! Zu traurig unb zu heilig war mir bie Erinnerung an die Spenderin jener Vase, als daß ich davon hätte sprechen mögen. Ich habe die arme Elma nie geliebt, nie geahnt, daß sie in heißen unauslöschlichen Gefühlen an mir hing. Jahrelang habe ich im Hause ihrer Mutter gewohnt unb wie ein Bruder mit ihr verkehrt. Erst ihr Tod enthüllte mir das unschuldige Geheimniß ihres Herzens. Sie hatte ihre letzte Arbeit für mich bestimmt: jene Vase, die unser beider Potträt» zeigte. Al» Verklärte wollte sie mir die Waffen segnen, mir schützend nahe sein in Gefahr. Und ihr erster unb letzter Brief zu­gleich enthielt eine Locke von ihrem Kinberhaupt Sieh Anne-Marie, ba« ist bie Aufklärung. Unb wenn ich mich nie getrennt habe von dem schlichten Geräth, so war ei