Nr. 115 Erstes Blatt. Mittwoch dm 18. Mai' I8»8
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Amtlicher Theil.
Gießen, den 16. Mai 1898.
Betr.: Ausführung des KraokenverfichernngSgesetz-S.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises und die Vorstände der Gemarkungs-Kranken- verfichernngen Arnsburg, Hof-Gill und Hof-Gratz.
Wir sehen Ihrem Berscht darüber entgegen:
1. ob und welche Kaffenärzte bestellt find,
2. welche- der Hauptinhalt deS Vertrags ist, insbesondere wie die Vergütung im Einzelnen geregelt ist, und
3. welche Verträge w t Apotheken bestehen oder.welcher Nachlaß Ihnen gewährt wird.
v. Gaaern.
Aus de« Verhaudluuge« der Erste« Kammer der hessische« Stünde.
nn. Darmstadt, 16. Mat 1898.
Unter dem Vorfitz des Fürsten zu Isenburg- Büdingen trat die Erste Kammer zu mehreren Tagungen zusammen, um zunächst die Berathungen deS HauptvorauschlagS pro 1897/1900 vorzunehmen.
Vor Eintritt in die TaqeSordgung fand zunächst die Einführung der von Seiner Köatgl. Hoheit dem Großherzog rrnauuten Mitglieder der Ersten Kammer, Geh. Staatörath Hallwachs und Justizrarh Web er«Offenbach, statt uud erfolgte hierauf die Berathung des Staatsbudgets uud zwar Ausgaben, Capitel 1—130. Ohne Debatte werden Capitel 1—28 angenommen Bet Cap. 29, Gendarmerie, war von der Zwriten Kammer beantragt, die Regierung zu ersuchen, eine Reorganisatioa de» Gendarmeriecorps herbei- zuftthrcu. Die Erste Kammer lrhnte heute diesen Antrag ab. Zu Cap. 37, Katholische Kirche, wünscht Prälat Habicht, daß auch der evangelischen Kirche die Zinßverluste, welche durch die Herabsetzung des Zinsfußes im Cevtralk-rcheufond entstanden find, durch greigneten Slaatszuschuh ausgeglichen werden möchten. — Bet Cap. 39, Lan des Universität,
Fenilleton.
Wie es im Kriege herging.
Nach französischer Schilderrmg von E. I o h a n n e S.
' (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Man sieht überall nichts als ihre blaffen Gesichter, ihre Hanfbärte und ihre unheilverkündenden Uniformen. Man hört überall nichts als ihre rauhe, wiederhallende Stimme und das Wiehern ihrer Roffe. Sie bemächtigen sich des Dorfbrunnens, aus dem niemals ein fremdes Pferd getränkt wurde.
Die Hauptleute haben sich in der Kirche installirt. In der Mühle holen sie sich das feinste, weißeste Mehl, das fetteste Geflügel, den besten Wein, den schönsten Speck und beim Weggehen versprechen sie baldige Wiederkehr.
Und sie kommen wieder.
Als Jean Sanier eines Abends in die Mühle zurück- kehrt, findet er seine Thüre und die Fensterläden geschloffen. Auf sein Rufen erhält er keine Antwort. In Aufregung stößt er die Thüre ein und geht in das Haus.
Alles ist in Unordnung und wie verlaffen. Zerbrochene Teller und Gläser, leere, ausgegoffene Krüge, der Tisch von Wein überschwemmt. Auf einem Getreidesack liegt sein Sohn Pierre, halb betäubt, mit rothen Augen und mit Thränen überströmtem Gesicht.
Was hat sich zugetragen?
Die Preußen sind gekommen, sagt das Kind, sie haben gegeffen, getrunken, gesungen. Dann haben sie die Mutter, die Schwester und die Großmutter geschlagen, den Hund getödtet, der Martha verthetdigte.
Der Müller begreift sofort.
Er stürzt nach der Treppe, dringt in das Zimmer ein und findet dort seine alte Mutter, kaum noch athmend, auf dem Bett hingeftreckt; bei ihr seine Frau und Tochter, am ganzen Körper zitternd und blauroth im Gesicht. Bei seinem Erscheinen stürzen sie sich klagend und schluchzend vor Hoffnungslosigkeit in seine Arme.
lenkt Graf zu So ImS-Laub ach die Aufmerksamkeit deS Hohen Hauses auf die Zustände an der Chirurgischen und Augenklinik zu Gießen, welche in einem Gebäude untergebracht find. Er wünscht im Jntereffe der Kranken, welche sehr oft durch die Ansteckungsgefahr gefährdet seien, die Abstellung dieses Mißstandes, eventuell durch Aufbringung der Mittel für einen wetteren Neubau. Grh. SraatSrath Knorr «eist darauf hin, daß für UniverfitätSbauten zu Gießen bereits über drei Millionen Mark seit zwanzig Jahren verausgabt wurden. DaS Budget belaufe sich auf jährlich 700,000 Mark, deßhalb fei hier Sparsamkeit am Platze. Die Regierung werde aber den Gegenstand im Auge behalten. Der Vertreter der Univerfität, Proseffor Schmitt, bestätigt die angeführten Mißstände unv ersucht die Regierung, in Anbetracht der großen Bauthärigkeit in Gießen zeitig zu Geländeankauf zu schreiten. Da» Capitel wird hierauf genehmigt. — Bei Cap. 41, Gymnasien, Realgymnasien uud Realschulen, beantragt der Ausschuß die Ablehnung der Regierungsvorlage aus Errichtung eines VollgymnastumS zu Friedberg. Geh. StaatSrath Knorr, Geh. Oberschulrath Sold an, sowie Proseffor Schmitt treten für die Vorlage ein, während Graf zu GolmS-Laubach und Freiherr v. Heyl fich gegen dieselbe aussprechen. Letzterer wünscht die Durchführung der Oberrealschuleu in Heffen und weist badet auf daß Anwachsen deS wtffeuschaftltchen Proletariats in Deutschland hin. Staat«- Minister Finger wünscht, daß die Hohe Kammer nicht zwischen Gymnasien und Oberrealschulen entscheiden möge. Die Frage de« Ausbaues des Friedberger Gymnasium« schwebe schon lange, uno die Entwickelung der Studt Friedberg laffe eineu guten Erfolg erwarten. Die hierauf erfolgte Abstimmung ergibt, daß wit 13 gegen 12 Stimmen die Regierungrvorlage Annahme findet. — Bet Cap. 55, LaudeSho-pital Hofhetm, stellt die Kammer die von der Zweiten Kammer abgelehnte Regierungsvorlage auf Erhöhung der Pflegegeldsätze wieder her und genehmigte den Antrag deS Freiherr« v. Hehl auf Verdoppelung deS Staats- zuschuffe« zu den Handelskammern. — Bei Cap. 67, F ab rtk- insp ecti on, wird der Antrag de« Commerzienraths Mich el auf anderweite Eintheilung der FabriktnspectiouSdezirke angenommen. — BetCap. 70, Dampfkessel-Prüfungen, war von der zweiten Kammer die Regierung ersucht worden,
Jean Sanier nähert sich dem Bette seiner Mutter, nimmt ihre Hand lange in die seinige, läßt dann den Vorhang de« Bettes wieder fallen und geht gemessenen Schrittes in die Mühle hinunter. Nachdem er die Thüre der Treppe verrammelt hat, ruft er feinen Sohn, nimmt ihn auf fein Knie und sagt ihm mit ernster, langsamer Stimme etwas in's Ohr. Das Kind entfernt sich.
Am Eingang der Mühle bilden sorgsam gefüllte und aufgestapelte Getreidesäcke einen gewundenen Gang, der plötz- lich in einem unvermutheten Winkel endet; dort befindet sich eine weite, klaffende, nach dem tiefen Flusse gehende Falle: ein Abgrund, der Tod.
Der Müller öffnet die Falle, entfernt sich aus der Mühle, betrachtet einen Augenblick den Kirchthurm und wendet sich dann schnellen Schrittes dem von Blücherhusaren angefüllten Kirchplatz zu. Vor einer Gruppe Offiziere bleibt er stehen und versetzt gerade dem Commandeur mit seiner, herkulischen Hand einen Schlag in's Gesicht, mit dem man ein Pferd hätte betäuben können.
Von allen Seiten erhebt sich ein ungeheueres Geschrei, dem Brüllen eines Löwen gleich; die Waffen rasseln und der ganze Trupp setzt sich, mit dem Gelöse eines Ungewitters in Bewegung: Zu den Waffen, zu den Waffen!
Mit großen Sätzen ist Jean Sanier nach der Mühle gestürzt, er durcheilt den Hof unter einem Hagel von Ge- schossen und verschwindet in dem Gang, längs des Getreidehaufens, mit einem gewandten Sprung die gähnende Falle, den Abgrund, den Tod überwindend.
Von ihrem Hauptmann geführt, schäumend vor Wuth, wilde Flüche ausstoßend, verfolgen ihn die Husaren; sie kommen in der Mühle an, verlieren fich Einer nach dem Andern im Gang und Einer nach dem Andern verschwindet in der Falle. Bei solcher verhängnißvollen Wendung ist dies nicht mehr ihre Rache, die sie finden, das ist der unvorhergesehene unsichtbare Tod, der sie empfängt und mit seinen Füßen zermalmt. Und wendet sich der Soldat auch um, doch wird er verschlungen und vernimmt nur das Schicksal seines Kameraden, um es mit ihm zu theilen. Eine Krümmung — eine Falle — der Tod.
da- ganze Dampfkessel RcvifionSwesen von StaatSwegen zu regeln. Diesem Ersuchen tritt die Erste Kammer nicht bei. Ebenso wird der Beschluß der Zweiten Kammer auf Herabsetzung deS Zivsfuße« für ältere Darlehen bei der Landes- Credtikaffe abgelehnt. — Bet Cap. 104, Ministerium, bespricht Freiherr v. Heyl die Dtenstverdältnisse der Beamten und Arbeiter und die BetriebSverhältnisse der Süddeutschen Etsenbahngesrllschast. Er weist nach, daß die Bediensteten dieser Bahn über da« menschliche Maß in Anspruch genommen werden und ersucht den Herrn Ftnavzmintsier, amtliche Erhebungen bet dieser Bahn vorzunehmen und Abhilfe zu schaffen. Ftnanzmtntster Weber sagt diese Erhebungen zu. — Bei Cap. 103, Ministerium der Justtz, bespricht Freiherr v. Heyl die Unzulänglichkeit des Amtsgericht«- gebäudeS zu Ostbofen, insbesondere die Diensträume daselbst. Mtnistertalrath Dtttmar gibt «ufklärente Erläuterungen und wkift die Zulänglichkeit der Räume nach. Da« Capitel wird genehmigt.
Damit wird die Sitzung um 1 Uhr abgebrochen. Fortsetzung morgen um 7810 Uhr.
Deutsche» Leich»
Darmstadt, 16. Mai. Ihre Königlichen Hoheiten der Großherzog und die Großherzogin, welche SamStag uud Sonntag tu strengstem Jncogutto in München verweilt hatten, find heute früh um 7 Uhr 3 Min. wieder hier ein- getroffen.
Berlin, 16. Mat. Der „ReichSanzetger" veröffentlicht die Ernennung des biShrrtgrn vortragenden RatheS im Auswärtigen Amt Dr. Mtchahelle S zum Ministerrefidenten bet der Republik Haiti uud bet der Domiuikantschen Republik, mit dem Amtsfitz tn Port-au-Prince.
Berlin, 16. Mai. Der am Mittwoch dem 18. d. M., Vormittag« 11 Uhr, im Weißen Saale deS König!. SchloffeS stattfiudeuden Schließung des Landtages werden auf Befehl des Kaisers die tn Berlin garntsontreuden acttveu Generale, sowie Obersten und RrgimentScommaudeure nebst den gleichen Chargen der Marine im Paradeanzug beiwohnen.
Berlin, 16. Mat. Der Dampfer „Darmstadt" mit der Ablösung für Ostafien au Bord, ist am 14. d. MtS. in
Sie können sich schön sträuben, diese stolzen Blücherhusaren, die Fluth nimmt sie, schlingt sie ineinander, reißt sie fort, schwemmt sie auf, färbt sie schwarz. Sie haben schön schreien, bitten, seufzen, der Schaum des Wassers schließt ihnen den Mund, und ihre Stimme wird von dem taktmäßigen Rollen des großen Rades übertönt.
Man hört nichts mehr; das Rad hat über achtzehn Leiber zermalmt: abgerissene Köpfe, bleifarbige, blutige, unkenntliche Gesichter, Mützentheile, Fetzen von Uniformen, zitternde Muskeln, menschliche Ueberrefle, Dinge ohne Namen.
Vielleicht rollt das Rad weniger schnell, aber auf eine unwiderstehliche Art, als ob es von einem rächenden, in der Tiefe verborgenen Arm getrieben würde. Seine schreckliche Stimme zürnt, wehklagt und die geröteten Fluthen weben ihm eine blutige Glorie.
IV.
Als ein Soldat, von der anderen Seite des Dorfes herbrieilend, die Leichname entdeckt, stürzt er nach der Mühle, schlägt Alarm und die fortlaufende Kette ist gebrochen. Nur die zwei ober drei Vordersten, die sich noch in dem dunkeln Winkel verlieren, stürzen in die Falle; die Anderen gewarnt halten plötzlich erschrocken, athemlos inne, um gleich daraus die Flucht zu ergreifen.
Welch schreckliche Rache wird nun das Dors ereilen ? I Hinter einer Weide verborgen, fixirt Jean Sanier ben Kirchthurm Er beobachtet, horcht, wartet. — Dreimal schwenkt seine Hanb ein weißes Tuch. — Plötzlich fangen bie Glocken zu läuten an. Das ist nicht bas freudige Concert des festlichen Glockengeläutes, nicht mehr das sanfte „Ave Maria", das feine langsamen, feierlichen Töne über bas Land sendet; nicht mehr jener reine, frische Gesang der Glocken, der einen neuen Weltbürger begrüßt; die Glocken donnern, schreien, drohen, zanken, rufen um Hilfe, bitten und befehlen.
„Auf zu den.Waffen!" das ist das Sturmgeläute! Es ist das Vaterland, das überall zu feinen Kindern spricht. Hört die Sturmglocken, ihr Alle, in den Flecken, in den Meilern, in den Dörfern!
(Schluß folgt.)


