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Nr. 65 Zweites Blatt. Freita« de» 18. März
1898
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Zur Lage im Innern.
Der wirihschaftliche Ausruf und die Bewegung, welche er hervorgrrufen hat, geben Veranlassung, einmal einen kurzen Ueberblick auf die innere Lage zu werfen, welche treffend durch die Vorbereitungen, welche zu den ReichSragSwahlen bereit- aller Orten in Scene gefetzt werden, illustrirt wird. Wir haben schon früher auSgesührt, daß der Wahlkamps nicht um politische Interessen allein, sondern hauptsächlich um solche wirthschaftlicher Natur geführt werden wird, und so sehen wir denn, daß Parteien, welche in politischer Beziehung einander gegenüber stehen, tn einen Ausgleich zu treten suchen, um sich über wirthschastliche Fragen, welche ihnen gemeinsam von Werth find, zu verständigen. Darauf ist auch der viel« genannte wirthschafrliche Ausruf bafirt, brr den Miquel'schen Ruf zur „Sammlung" praktisch verwirklichen will.
Vielfach ist die Möglichkeit einer Politik der Einigung angezweifelt worden- aber bei reiflicher Ueberlegung kommt man doch zu dem Schluß, daß fie vorhanden ist, ja daß fie unter allen Umständen erreicht werden muß. Wenn man erwägt, daß die erwerb-thätigen Stände die Mehrheit der Nation bilden, so muß man zugrben, daß die Jntereffen dieser Stände einen hervorragenden Anspruch darauf haben, bc« rückfichtigt zu werden. Bisher ist da- nicht in genügendem Maße geschehen, weil die productiven Stände fich nicht zn- sammengeschloffen hatten, durch politische Rückfichten getrennt waren und einer gemeinsamen Vertretung in den gesetzgebenden Körperschaften ermangelten. Daß eine Jnterrffengemeinschaft vorhanden ist, wurde bi-her vielfach verkannt, und man wollte nicht zugeben, daß, wenn ein WirthschaftSzweig unter der Ungunst der Zeitverhältniffe leidet, bald auch die anderen in Mitleidenschaft gezogen werden.
Herr v. Miquel hatte die- erkannt, weshalb er dringend zur Sammlung aufforderte, von der er eine Betheiligung vieler hervorgetretener Uebel erwartet. Ehe seinem Rufe Folge geleistet wurde, ist eine geraume Zeit vergangen- wir hatten wohl die Rede gehört, aber uns fehlte der Glaube. Erst jetzt mehren sich die Anzeichen dafür, daß das Ber- ständniß deffen, was Miquel im Auge hatte, fich auf immer weitere Kreise überträgt und daß der Gedanke der Jntereffen- solidarität aller productiven Stände mehr und mehr Ausdruck findet.
Die Gegensätze zwischen Industrie und Landwirthschaft
wurden bisher als so unüberwindbar dargestellt, daß man annehmen mußte, die eine habe neben der anderen keinen Raum. Auch hierin ist eine bemerkenswerthe Wandlung eingetreten, die hoffentlich auch einmal zu einem vollständigen Ausgleich der Gegensätze führt. Industrie und Landwirthschaft müffen in Deutschland neben einander bestehen. Werden die Jntereffen der ersteren derartig vernachlässigt, daß fie dem Ruin nahe gebracht wird, so erhält auch die letztere einen Schlag, von dem fie fich nur schwer wieder erholen könnte. Unsere Industrie ist heute so hoch entwickelt, daß ihr die sorgsamste Pflege gebührt, daß jede Vernachlässigung dem ganzen Vaterlande zu großem Schaden gereichen würde. Aber auch betreff- der Landwirthschaft bricht sich immer mehr die Ueberzeugung von dem Vorhandensein einer Roth Bahn. Hervorragende Industrielle hatten die- öffentlich anerkannt und vielfach ihre Mithülfe zur Beseitigung der Nothwge in Aussicht gestellt. Da» ist ein erfreulicher Beweis dafür, daß da- Bedürfniß nach einem Ausgleich der wirthschafilichen Gegensätze schon in weite Kreise gedrungen ist.
Wenn wir un» fragen, we-halb denn diese Erkenntniß erst jetzt kommt, so müffen wir antworten, daß die Fraktion-- intereffen, das Ueberwuchern derselben, einem Zusammengehen aller productiver Stände bisher noch hemmend entgegenstand, daß hochpolitische Fragen allein daS Jntereffe in Anspruch nahmen, daß die wirthschaftlichen Dinge ganz in den Hintergrund gedrängt wurden. ES ist ersrenlich, daß endlich der Versuch gemacht worden ist, ans diesem Gebiete Wandel zu schaffen. Denn, wohlgemerkt, eS bleibt immer erst ein Versuch, und die kommruden Tage müffen lehren, ob er gelingt. Ein heißer Kampf steht Deutschland in diesem Bommer bevor, deffen AuSgang heute noch nicht übersehen werden kann und der jedenfalls den Anfang bildet einer neuen Aera des Ausgleich» auf wirthschaftlichem Gebiete, eines Zusammengehens aller erwerbSthätiger Stände. Möge diese neue Aera dem Gesammtoaterlaude zum Segen gereichen! (xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 15. März. Dem Reichstage ist ein Gesetzent« Wurf über die electrischen Maßeinheiten zugegangen. Derselbe bestimmt in seinen Hauptparagraphen folgendes: § 1. Die gesetzlichen Einheiten für elektrische Messungen find
daS Ohm, das Amper und das Volt. § 2. Da- Ohm ist die Einheit de» electrischen Widerstandes. E- wird dargestellt durch den Widerstand einer Quecksilbersäule von der Temperatur des schmelzenden Eise», deren Länge bei durchweg gleichem, einem Quadratmillimeter gleich zu achtendem Querschnitt 106,3 Zentimeter und deren Masse 14,4521 Gramm beträgt. § 3. DaS Amper ist die Einheit der electrischen Stromstärke. ES wird dargestellt durch den unveränderlichen electrischen Strom, welcher bei dem Durchgang durch eine wässerige Lösung von Silbernitrat in einer Secimde 0,001118 Gramm Silber niederschlägt. § 4. Das Volt ist die Einheit der electromotorischen Kraft. ES wird dargestellt durch die elektromotorische Kraft, welche in einem Leiter, dessen Widerstand ein Ohm beträgt, einen electrischen Strom von einem Amper erzeugt. —Nun folgen die Bestimmungen über die gewerbsmäßige Abgabe elektrischer Energie, die amtliche Prüfung und Beglaubigung elektrischer Meßgeräthe durch die physikalisch-technische Reichsanstalt rc.
Berlin, 15. März. Von vertrauenswürdiger Seite gehen den „B. N. N." aus Ostafrika Mittheilungen zu über neue Unruhen im Wahehe-Lande. Danach hat der Häuptling Merere sich mit 80000 Mann gegen die deutsche Verwaltung erhoben, von denen eine beträchtliche Anzahl mit Hinterladern bewaffnet ist. Renner de» Landes geben zu, daß die Wahehe-, mit denen fich Merere verbündet haben soll, so viele Leute leicht znsammenbringen können, lieber den Grund des Aufstandes wird nichts gemeldet, doch liegen Mittheilungen von anderer Seite vor, daß am Nordufer de- Nyafla unter den Ronde ernstliche Unruhe an-gebrochen find. Der Stationschef von Langenburg, Hauptmann v. Elpon», ist auf einem Zuge von mehreren Taufenden Ronde umringt worden und soll ohne Weitere- von den Waffen Gebrauch gemacht haben, wa- unter den Ronde große Aufregung hervorgerufen hat, die vielleicht ihr Nachbar Merere benutzen will. Die „B. N. N." meinen hierzu, daß dieser Aufstand dem Gouvernement vorau»fichtlich viel zu schaffen und zur Aufbietung der ganzen verfügbaren Schutztruppe zwingen werde.
Berlin, 16. März. (Wiederholt.) In der heutigen Sitzung der Budget-Eommission de» Reichstage- gab Staats- feeretär PosadowSky die Erklärung ab, die verbündeten Regierungen würden der Aufnahme der folgenden Paragraphen in da- Flottengesetz zustimmen - sosern die Summe der
Ferrilletoir.
Aua grweihtrn Landen.
Von Karl Böttcher.
(Origtnalberichi unseres Special-Correspondenten).
(Nachdruck verboten.)
VII. Eine Weinprobe in Bethlehem.
Bethlehem, 28. Februar.
AuS dem klugen Geplärr eine» Schwarms bädeker- bewaffneter Touristen, welche ihrem herunterzuhetzenden Reise- Plan gemäß ganz Jerusalem in drei Tagen abwachen, rette ich mich herüber nach Bethlehem — in die Atmosphäre blühender Mandelbäume, schöner Frauen, herrlicher Weine.
Kaum daß ich eintrete in die stillen Straßen de» ge- weihten Städtchens, eir-trete wie in eine religiöse Idylle — o, manch' dunkeläugige Ruth, manch' feurige Rahel, manch' anmu-hige NoZmi schreitet hier in stolzer Haltung durch die engen Gaffen!
Bethlehem ist eben berühmt wegen seiner schönen Frauen, berühmt auch wegen seiner kunstvollen Perlmutter- und Olivenholzarbeiten, welche von davonziehenden Pilgerschaaren in alle Welt verbreitet werden. Und — unter vier Augen sei'- gesagt — wer in Jerusalem eine tüchtige Amme braucht, bezieht sie am liebsten au- Bethlehem.
Im Weitergehen läuft mir ein fröhlicher Gedanke durch den Kopf, wetterleuchtet frische Heiterkeit im Herzen. Ich erinnere mich, daß ich vor Kurzem drüben auf der terraffen- umgürteten Anhöhe einen Weinberg kennen lernte und einen wundersamen Weinkeller mitten drin. Hei, ein Besuch da eben — da» wäre etwa» ! So entzückende Gegenden es in der weiten GotteSwelt auch geben mag — ein richtiger Weinkeller nimmt eS aus mit jedem, Sonnenuntergang in den Alpen, mit jedem Au-druch de- Besuo», mit jedem Meeresbuchten. m ,
Und erst mein Bethlehemer Weinkeller!
Es ist eine alte, in freiem Feld gelegene, in Felsen gehauene, ganz marode Cysterne, die mit der Majestät eines
Weinkeller» betraut wurde. O goldene Zeit, wo man den Wein in Cysternen einquartirt! Wenn fich diese Üppig aufschießende Cultur so weiter verbreitet, verwandelt man noch die StaotSgesäugniffe in Aufternsalou» und die Polizeibureau- iu Elementarschulen für Höflichkeit.
Wahrend ich die röthlichrn Höhen de» Weinbergs empor- steige, erstrahlt die Himmelskuppel im klarsten Vergißmeinnichtblau. Nur manchmal segelt ein verlorenes Wölkchen, kaum größer als daS Fürstenthum Reuß, darüber hin. Sonst Alles in grellster Februa-beleuchiung des jäh erwachenden orientalischen Lenzes. Balsamische Luft erfrischt daS Herz, verscheucht verdrossene (Stimmung und reizt die Tanzbeine — balsamische Luft, welche da- von unten herauftönende feierliche Geläut der GebuttSkirchr weit hineinträgt in» sonnenvolle Land.
Jetzt mehr thalaufwärt» durch aschfahles Steingeröll, zerrissenes Grklipp und tiefe, anheimelnde Einsamkeit. . . . Sobald ich mich umwende — ganz unten, schwer beschattet von dichtstehenden Diibenbäumen, da» saftgrüne „Feld der Hirten", unweit davon da» „Feld der Ruth" und auf fernen Höhen die würfelartigen Steinmassen kleiner arabischer Dörfer, völlig eivgepackt in da- stlbergrau schimmernde Geäst von Feigen- und Olivenbäumen. Und weit drüben die uralte, weiße, in der Richtung nach Jerusalem ziehende Straße, jetzt von meiner Phantasie mit jenen biblischen Gestalten belebt, welche einst diesen nach einer Paßhöhe langsam aufsteigenden Weg entlang pilgerten: Abraham mit seinem Sohne Isaac, nm ihn aus dem Berg Morija zu opfern, Maria und Joseph und die drei Waisen au» dem Morgenlande. . . . Und in meinem Kopfe summi'S wie Weihnacht-lieber.
Inmitten frischkeimender Rebstöcke werde ich von einem sonnenverbrannten Arader mit dunkelroihem Fez auf dem Kopf und kurzer, blauverschnürter Jacke empfangen. Er ergreift ein schlanke- Sp.tzglaS — ober nicht zu klein — sowie einen dünnen, schlappigen arabischen Kuchen, der an den Lederbesatz einer Reithose erinnert und hin geht'- durch lockere» Erdreich nach dem einsamen Weinkeller.
Zehn Minuten später stehe ich mitten unter einer Masse
weitbauchiger Fässer, die ich rasch mit den Namen der zwölf Apostel taufe. Meiu Araber hat 02» verschiedenen — e- mußten besonder- „Petrus", „Jacobus" und „Thomas" hcr- halteu — glänzende Tropfen herausgehoben, in Flasch u gefüllt und fich dann schweigend entfernt.
Nun mutterseelenallein in weihevoller Weinpracht, tn welche durch ein Loch de» eingebrochenen Gewölbe- der leuchtende Himmel hereinstrahlt.
Da» einsame Kosten beginnt ... Ohl . . . Hm! . . . Hui! . . . Alle Wetter, daS schmeckt! Ich schnalze mit der Zunge, während die Hand behaglich die Brust hinunterstreicht. Ja, hier wird ein königlicher, goldener Schluck gekellert- hier könnte eine weindurstige Kehle eine Ewigkeit vor Anker liegen. Begeistert hebe ich da- GlaS und rufe hinein in die Einsamkeit: „Profit!" und von der Steiowand her kichert da-Echo: „Profit!"
P ötzlich erinnere ich mich meiner Manuskripte. Schwupp — ziehe ich da- Papier au- der Tasche. O, die Gedanken rennen, jagen, fliegen, überstürzen fich in meinem poefievollen Bethlehemer Traumwinkel!
Wie man in guten Tagen doppelt genießt, wenn man dabei schlechter Zeiten gedenkt, so erhöht fich für mich der Genuß dieses Bechlehemer gleich einem flüssigen Sonnenstrahl im Glase funkelnden Wein-, sobald ich mich jetzt der hochedlen Zunft der Weinpanscher erinnere. Was aber auch diese Menfchensorte zuweilen zusammenbraut: Wein, welcher nach säuern Rofinen riecht und beißt, daß man erst den armen Magen löthen möchte- Wein, der nach Leder schmeckt, nach verbranntem Gummi, ja direkt nach wildem Thier - Wein, dessen Genuß einer Gefängnitzstrafe gleichkommt- Torturwein, nach welchem ein Verbrecher sofort gesteht- Wein, bei dem ein alter Gaul au-schlägt, wenn man ihm etwa- davon auf den Schwanz gießt- Wein, der einer flüssigen Injurie gleicht- Wein, so hundsmiserabel, als stamme er von Weinbergen in Hinterpommern.
Doch wa- ist da»? Ich entdecke in einem Mauerwinkel eine schwerverstaubte Flasche, ach, so verstaubt, man könnte in diesen Staub mit einem Streichholz gleich ein Gedicht


