Nr. 218 Zweites Blatt
Samstag den 17. September
1898
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.
Gratisbeilage: Gießener Familienblätter
aenalmt oon Anzeige» ju bet Nachmittag« ftr be» Nl«mbni La- «scheinende« Nummer bi« Berm. 10 UK
•UUAon, Erpedlttvn und Druckerei:
-ch»tßr«ge Nr. 7.
Locales und provinzielles.
§§ Offenbach a. TL, 14. Sep.ember. Der älteste Unter- verbau« der stenotachygraphischeu Schule, der Mittel- rheinische Stenotachyqraphen-verband, feierte Hierselbst in den Tagen vom 10. dir 12. September sein zehnjährig«» Stiftungsfest, verbanden mit der 18. Wander- versammlnog. Die Feier gestaltete sich zu einem großen Stenographenfest. Der am 10. September, Abends, tu der
IN» Anzeigen.8ermittlnng«stellen bt« In- und luiUMd «ebmen Anzeigen für dm »iegener «n^ft raifc*«.
I Schlosier'schen Liegenschaft stattgefundene Festcommers war zahlreich besucht und nahm an demselben u. Ä. al» Vertreter der Stadt Offeobach Oberbürgermeister Brink Thetl, welcher die uützltchru Bestrebungen de» verbände» feierte. An den Kaiser und den Grobherzog von Heffeu wurden Huldigung»- telegramme gesandt. Die in zündenden Worten gehaltene Festrede de» Führer» der stenotachygraphischeu Bewegung, ! Parlomeutsstenograph Professor DahmS-Berliu, endete io ein brausende» Hoch auf die Kunst der vereinfachten deutsche» Stenographie nach dem System der Stenotachygraphie. Am Sooutag den 11. September, fanden um 9 Uhr früh dir Wettschreibeu (80—260 Silben per Minute) statt. Um 11 Uhr wurden die Verhandlungen der 18. Waudervrrsamm- lang de» Mtttelrhetutscheu Stevotachygropheu-Berbaude» er- öffuet, denen um 2 Uhr ein Festbankett folgte. Bei dem- selben toastete der verbandSoorfitzende, I. Wahler-Offeubach, auf die anwesenden Führer der steootachygraphischeo Schule, Referendar Fr. ThomaAugSburg, 1. Borfitzender de» Bayerischen Stenotachygrapheu-Berbaode», auf den Oberbürgermeister der Feststadt, Brink, dieser auf da» fernere Blühen und Gedeihen deS verbände» und Profeffor Volkmar, hier, auf den verband»- vorfitzevdeo. Dem Festefien folgte um 4 Uhr ein Garten- eoucert, dem ei« reichhaltige» Programm zu Grunde lag. Abmd» 9 Uhr fand unter allgemeiner Lhetluahme der hiestgm Bürgerschaft ein Festact im großen Gaal der Schloffer'schrv Liegenschaft statt. Die Tochter de» Verbaud»vorfitzendeo, Fräulein A. Wähler, brachte tu gemüthvoller Weise einen vom Haupt- lehrrr G. Volk, hier, sehr sinnreich verfaßten Prolog zu» Vortrag, worauf cand. phil. O. Vratengeher-Hallr a. S. die Festrede hielt. Die Preisvertheiluug an die Sieger de» Wettschreibeu» erfolgte durch Parlameut»steoographm Profeffor DahmS'Berltu. Stu solenner Feftdall beendete die Feier. Zahlreiche Telegramme an» allen Gauen Deutsch- land» liefen zu« verband»tog ein. — Die au» Anlaß der »auderversaanulung abgehalteveu Borträge in Wiesbaden (6. September) und Mainz (6. September) verliefen al» imposante Kuudgebungeu für die Stenotachygraphie. — Arn Montag den 12. September fand Hierselbst eine öffentliche Steoographen-Versamwlung und gestern eine solche tu Frank- furt a. M. statt. Heute Abeud wird etoe weitere öffentliche Versammlung io Groß Umstadt t. O. und morgen eine solche tu Höchst a. M. abgehalteu werden.
Groß-Gerau, 13. September. In dem nahen Mörfelden befindet fich ein Birnbaum, welcher bereit» zu« dritten Male blüht. Die ersten Blütheu zrittgteu prächtige Birnen, die noch am Baume häugen, die Früchte der zweiten Blüthe find selbstverstäudltch uoch sehr zurück, dürsten bet der jetzigen »itteruug aber uoch zur Reife kommen, uud sonst hängt der Bau« voller Blüthen, die vor einigen Tagen auf- gegangen find.
«breffe für Depeschen: An,et,er Giege«. Fernsprecher Nr. 6L
Zur Dreyfus-Sache.
Viel besprochen wird ein Artikel de» Obersten F. Robert in der „France Militaire", der stch rückhaltlos für die Revision de» Dreyfus-Processe» ausspricht, da nur durch diese der Agitation ein Ende gemacht werden kann, die zu der Entehrung der Armee vor dem Lande und der Entehrung Frankreich» vor dem Aualande führen muß. Die Mitglieder de» Kriegsgericht», die keine Berufsrichter find, können sich getäuscht haben, wenn die Zeugenaussagen falsch, die Docu- mmte gefälscht, die Berichte der Sachverständigen ungenau, die Natur der Dinge durch politische und religiöse Leiden- schastm entstellt worden sind. Die Mitglieder de» Kriegs- gericht« können aufrichtig erklären, ob ihnen die ungesetzliche Mittheilung geheimer Actenstücke gemacht worden ist. Die Frage de» „Bordereau" ist unaufgeklärter al» je, und der Selbstmord Henry», eine» der Hauptzeugen dc» Dreyfus- Proceffes, hat den ganzm Handel verdächtig gemacht. Herr Eavatgnac hatte Unrecht, die Revision abzulehnen, weil er von der Schuld Dreyfus' überzeugt war; nur die Revision kann dem Angeklagten zu dem Rechte verhrlsen, alle wider chn erhobenen Anschuldigungen zu kennen. Frankreich ist, wie Herr Cavaignac unter allgemeinem Beifall erklärte, Herr im eigenen Hause, und gerade deshalb müssen all die ge- Heimen Acten, die nahezu sämmtlich bekannt find, vor die Oeffentlichkett gebracht werden. Der Spionagedienst, der dadurch bedroht werden könnte, hat im Grunde gar nicht die Bedeutung, die ihm beigemessen wird, da er eigentlich gar nichts leistet. Man thut also gut daran, ihn zu reorganifiren, und der Generalstabschef sollte ihn nur bewährten Offizieren unter seiner persönlichen Aufsicht übertragen. Jetzt, da die Revision beschlossen ist, muß jeder Widerstano gebrochen, müssen alle Helfershelfer rücksichtslos bestraft und gleiche» Recht für Alle geschaffen werden. Da» Hell de» Vaterlande» steht aus dem Spiele. — Im „Figaro" schreibt Cornsly über die Revtfion»frage: „Wir glauben mit dem großen Publikum, daß die Fälschung Henry» zur logischen Folge die Revision de» Processe» haben sollte, worin da» Zeugniß diese» Fälscher» von großem Gewichte war. Wir glauben, daß in dieser Lage die Armee selbst ein Interesse daran hat, chren Verleumdern entgegen zu treten. Wir gehören aber nicht zu Denen, die fich von dieser Frage hypnottsiren lassen und bedauern die übertriebene Ausdehnung, die fie genommen hat."
Die Opposition de« Kriegsmimsters General Zurlinden gegen die Revision des Dreyfus-Proceffe», die heute von Niemandem mehr geleugnet wird, hat die Lage de» Ministerium» sehr erschwert. Die unparteiische Presse tadelt sowohl Brisson al» Zurlinden, well fie nicht vor dem Eintritt de» Letzteren in das Kabinet fich über die Revision« frage geeinigt haben. Clemenceau schreibt in der ,,Aurore" dem Präsidenten Faure die Schuld zu, daß er Zurlinden» Eintritt in» Kabine: gefördert habe, well er ihn al» Revifion»gegner kannte. Er räth Brisson, selbst da» Krieg»ministerium zu übernehmen. Die meisten Blätter find jedoch der Ansicht, daß der Rücktrüt Zurlinden» die Demission de» Kabinet Brisson nach sich ziehen würde, well Brlsson zu stark für die Revision engagrrt ist, um zuruckgehen zu können und keinen neuen Kriegsminister finden wird, der diese Bewegung mitmacht.
Jndeß Drumont heute Esterhazy» Flucht zu be- schönigen und zu erklären versucht, hat ein Mllarbeiter de» „Rappel" den ehemaligen Major aufgespürt und bei dem Oberstlieutenant Du Paly de Elam entdeckt. Der Reporter war nach der Wohnung de» Letzteren gegangen und hatte dort erfahren, daß der Oberftlieutenant in Begleüung eine» Herrn, der seit einigen Tagen bei ihm wohnt, nach einer Bierwirthschaft in der Nähe der Ecole Mllllaire gegangen war. In der Brafferie Gangloff sah der Reporter denn Du Paty de Elam mit Esterhazy beim Absynth fitzen. Da» Gespräch der Beiden drehte sich, so viel der Reporter oer- nehmen konnte, um den Selbstmord de» Oberstlieutenants Henry und die letzten Zwischenfälle de» Drryfushandel». Esterhazy fühlte fich durch den Beobachter beunruhigt und verließ mit Du Paty de Elam das Local, um nach der Wohnung des Letzteren zurückzukehren, wo bald darauf auch die Pay» eintraf. Esterhazy hat also eine Zufluchtsstätte gefunden. Wird diese aber für lange Zeit genügen? Auf alle Fälle ist es höchst bezeichnend, daß gerade Oberstlieutenant Du Paty de Elam fich für verpflichtet hält, Ester- hazy dem rächenden Arme der Gerechtigkeit zu entzieben. — „Das läßt tief blicken!"
Deutsches Aeich.
Darmstadt, 15. September. Seine Köaigliche Hoheit der
Sroßherzog werden Samstag den 17. September den
vermischtes.
• Wetzlar, 13. September. Dem Maschioeoweister Karl Buß in Wetzlar wurde ia Salzburg auf der Deutsch- Oesterreichtscheu Bieueu'Ausstellung für eine vou ih« erfundene uud patent-geschützte Schlrudermaschtoe die vou de» k. k. Ackerbaumiotstrrium gesttfttte große silberne Staats- pretSmedaille zuerkauot.
* Gelnhausen, 14. September. Ja de« zwischen Breiten- born und Gettenbach belegeueu Waldorte Sutterkopf wurde der Förster Walz vou Breiteuboru am Bodeu liegend erschösse» aufgefundeo. Die Doppelflinte, vou welcher etu Lauf abgespruugea war, lag oebeu der Leiche. Es ist noch ungewiß, ob etu Unglücksfall, etu verbrechen oder etu Selbstmord vorltegt.
• Lichtenfel», 15. September. Der ehemalige Eremit des Staffelderges, Ivo, bekannt durch Victor v. Scheffel» Dichtung „Der Mönch von Bauz", ist, wie der „Rordd. Zrg." mitgetheilt wird, io der Anstalt der B-rmherzigeu Brüder io Gremsdorf bet Höchstadt o. A. vor weatgeo Tagen gestorben.
e Stenographische» Wettschreibeu. Mao schreibt uns: Btt de« dtesjährtgeo zu Fraokfurt a. M. wir Unter- stützuog der dorttgeu Stadtverwaltaog abgehalreueu 5 ff rat« li$en Preis - Wettschreibeu für Stenographen aller Systeme hat die Gabelsberger'sche Schnell- schrtft wtederu« einen glänzenden Steg davovgetragen. Die dieser Tage zur Bertheilung gelangten acht Preise (Diplome und Geldprämien) find sämmilich Gabelsbergerianerv zugefalleu. Abermals ein klarer Beweis dafür, daß die Gabelsberger'sche Redezeich:nkuust den anderen Schnellschrtftarten an practischer Brauchbarkrft wett überlegen tst.
birrtrljäbrhx»
2 Mark 20 monatlich 75 mit vrin-kttotz«.
M Postbezug
2 Mark 50 Wt- Dirrtrljibdl*
Manövern der Großherzoglichen Divtfion beiwohnen nnd deshalb an diesem Tage weder Audienzen ertheilev, noch Meldungen oder vorttäge entgegeuuehmeo.
Berit«. 16. September. Der „Rttchsanzetger" veröffentlicht eine lange Reihe von Ordensverleihungen aus Anlaß der großen Herbstübuvgen an Offiziere »c. des 7. und 10. Armeekorps.
Berlin, 15. September. Der „Post" zufolge tst an maßgebender Stelle von der von der „Köln. Bolksztg." gebrachten Abficht Deutschlands, einen internationalen Eongreß zur Berathuog gemeinsamer Maßregeln gegen die Anarchisten einzubrrufra, nichts bekannt. Auch die „Nattoual-Zeitung" erfährt zuverläsfig, daß die Mittheilung der „Köln. Bolksztg." tu allen Thetleu unbegründet tst und fügt hinzu, daß weder von deutscher, noch vou anderer Seite eine solche Anregung erfolgt sei. Bon deutscher Sette werde auch nichts Derartiges veranlaßt.
Siebener Anzeiger
Heneral-Anzeiger
Attslanv.
Sieu, 16. September. Der ungarische Ministerpräsident Baron Bauffy überreichte tu feiner vorgestrigen Eondoleuz- Audienz bet« Kaiser den Gesetzentwurf über die Verewigung der Verdienste der Kaiserin Elisabeth. Der Gttetzentwurf enthält nur einen Paragraphen, tu welchem tn schwungvollen Worten das Lebenswerk der verstorbenen Köotgto und deren Liebe für Ungarn geschildert wird. Der Kaiser ertheilte seine Vorsanctiou zur Einreichung des Gesetzentwurf», der wahrschttulich heute dem ungarischen Abgeordnetenhause vorgelegt werden und noch am selben Tage von beiden Häusern des Reichstages angenommen werden dürfte.
Wien, 15 September. Unter allgemeinen aufrichtigen Traoerkuudgebungev der Schweizer Bevölkerung hat der Zug mit dem Sarge der Kaiserin da» Gebiet der Schweiz von Genf bis nach Buch» i« Rheinthal pasfirt, nm von dort um Mitternacht in österreichisches Staatsgebiet ein- zutreteu uud über Innsbruck den Weg nach Wien zu nehmen. Da die Kaiserin in der Schweiz fich incognito aufhielt, so beginnt der offizielle Empfang des Leichen Conductes erst jenseits der österreichischen Grenze. Während der Fahrt fanden fortgesetzt große Kundgebungen statt, so in Lausanne, Freiburg, Bern, Züttch und tu Buchs. Alle Bahnhöfe vou Buchs bis Wien fiud mit Trauerfahnen beflaggt. Heute Abend 10 Uhr wird der Zug in Wien eintreffen.
Wie», 15. September. Die Meldung der „Reichswehr", daß Sellens der Rechten die Initiative zu einer Verständigung mit der drutsch-liberalen Partei ergriffen werden soll, wird in betheiligteu politischen Kreisen als unzutreffend bezeichnet.
Wie«, 15. September. Bei der Station Bruck an der Mur stießen in der letzten Nacht ein Schnellzug und etu Personenzug zusammeu. Ein Conducteur ist todt, mehrere Passagiere verletzt. Ju einem Wagen befanden fich ; Schießpulver und Petroleuwsäffer, glücklicherweise ohne zu explodirra.
No«, 15. September. Im Laufe des gestttgeu Tages wurden in Rom, Florenz, Bologna, Mailand und anderen Orten 150 Soctaltsteu und Anarchisten verhaftet, darunter zwei Rrdactrnre des Avanti.
London, 15. September. Der „Standard" meldet aus I Genf, daß einer der gestern verhafteten Anarchisten die I Waffe, deren fich Lucchent bediente, augefertigt habe.
Sofia, 15. September. Mit der Modification, daß die I zwischen Bulgaren und Griechen bestehenden Feindselig - I leiten zu Unruhen io Konstantinopel führen könnten, verbot I der Sultan den von den Bulgaren geplanten Extrazug zu I der am 20. d. MtS. stattfiudenden Einweihung der neuen I bulgarischen Kirche in Konstantinopel.
Washington, 16. September. Die vereinigten Staaten I haben den Bau von drei großen Schlachtschiffen! angeordnet.
New-Bott, 15. September. Die Bereinigten Staaten verlangen eine große Eutschädignng für ihren Vice- eousul und für die Zerstörung des amerikanischen EonsularS in Kaudia.
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Montag«.
Die flhrfcrnrr »«mikte.«kälter Wtbrn bem Anzeiger w»d)rntl;<6 viermal
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