Nr 218 Erstes Blatt.Samstag den 17. September
1898
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Gießener Anzeiger
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Amtlichen Theil.
Gießen, den 15. ®tptrmbcr 1898.
Betr.: Die im Kreise Gießen im Herbst 1898 stattfiadenden Truppenübungen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
GM die Grosth. Bürgermeistereien des Rreises.
Nachdem nunmehr die Monöoer im Kreise Gießen in der Hauptsache beendigt find, wollen Sie, soweit noch nicht geschehen, un« wegen Mittheiluug de« Formular« zur Nachweisung von Flurschäden Bo,läge machen, nach Empfang desselben unverzüglich die Eintragungen über die gemeldeten Flurschäden gemäß unserer Ausschretben im Gießener Anzeiger Nr. 196 und 210 vollziehen und die Nachweisungen uns sofort und spätesten« bi« zum 22. d. Mi«, einsendrn. Die Lomm sflon zur Abschätzung der Flurschäden wird voraus- sichtlich am 26. d. Mt«. in unserem Kreise beginnen. Damit da« Geschäst möglichst beschleunigt wird, wollen Sie den Weg seststellcn, auf dem die Lommisfion ohne Umwege zu machen, alle betheiltgtev Grundstücke berühren kann und auch darnach die Anordnung der Einträge in der Nachweisung treffen. Um Verzögerungen zu vermeiden, wüffen Sie und ein Gemarkung«- kundiger Mana sich an der Gemarkungsgrenze zur Führung der Lommisfion bereit halten und die Trsatzansprechenden Grundbesitzer zur Au«kunftertheiluvg bet ihren Grundstücken anwesend sein. Für diese Zwecke wird Ihnen noch nähere Nechr chr vom Eintreffen der Lommisfion m der betreffenden Gemarkung zukowmeu.
v. Bechtold.
Deutsches Reich.
Berlin, 15. September. Der Kaiser ist.heute früh 8 Uhr tu Prenzlau etngetroffeu. Auf d'e'm Marktplatze vor dem Denkmal Kaiser Wilhelm I. hielt er auf die begrüßende Ansprache de« Bürgermeister« eine Rede, in welcher er u. A. betonte, daß e« ernste Zetten seien, in denen wir lebten und daß genug zu thun sei. Besonder« müffe darauf geachtet werden, daß den Umsturzgelüsteu eotgegengetreten werde. Wie uöthig die« sei, beweise da« fluchwürdige Ereigniß in den letzten Tagen. Deshalb sollten grade die Bürger immer mit Treue und vollem vertrauen zu seiner Person und Regierung halten. Der Kaiser sprach fodanu die freudige Genugthung qu«, fich auf die Märker unter allen Umständen vrrlaffen zu können. Nachdem der Kaiser noch dem Bürgermeister für seine Begrüßungsworte gedankt, begab er sich nach einer Anhöhe bei Güstrow, um daselbst den Verlauf der -eutigen Herbstwavöver der Garde zu beobachten.
Berlin, 14. September, liebet die gesundheitlichen Verhältnisse von Ktautschou wird der „Berliner Wiffensch. Korrespondenz" von maßgebender Seite geschrieben: Ueber dre gesundheitlichen verhältoiffe in Ktautschou brachte da« «Hamb. F»emdeublatt" vom 3. dS. Ml«, einen Artikel, der durchau« unrichtige Anschauungen über unser Pachtgebiet zu erwecken geeignet ist. Au« einem im Sugustheft de« „Archivs stir Schiff«- und Tropenhygiene" veröffentlichten Brief de« Marine-Stabsar-teS Dr. Arimond aus Ktautschou find nämlich einige Stellen abgedruckt worden, die fich über die ungünstigen hygienischen verhältuiffe der 45 Kilometer von der Küste außerhalb unsere« Gebiete« liegenden, aber von uu« vor Abschluß de« vertrage« mit China zeitweise besetzten Stadt Ktautschou verbreiten und Malaria, Ruhr und Typhu« al« dort häufige Krankheiten bezeichnen. Das „Hamb. Fremden- blatt* spricht aber nur ganz im Allgemetneu von Ktautschou, so daß der Eindruck erweckt wird, als ob fich die Angaben auf unser Gebiet bezögen, wa« aber durchaus nicht der Fall ist, und worüber der Mariae-Stabsarzt Dr. Arimond nicht den geringsten Zweifel gelösten hat. Daß tu chtuesischen Städten wegen des unglaublichen Schmutzes Krankhetteu an- steckeader Art häufig stad, tst eine Thatsache, welche für die Chtneseustadt de« seit Jahrzehnten in englischem Befitz befind- licheu Hongkong und für Shanghai «tr seiner großen Fremden- Rirderlastung ebenso zutrifft, wie für die Stadt Kiautschou,- auch in den genannten Weltplätzen find Malaria, Ruhr und Typhu« zu Hause, und außerdem pflegt fich häufig genug auch die Cholera etuzustelleu, wozu fich ueuerdiug« tu Hoagkoug bekanntlich noch die Pest gesellt hat. von letzteren Krank- hetteu tst aber selbst in der Stadt Ktautschou nicht die Rede, während tu unserem Gebier bisher — abgesehen von einem leichten Fall von Wechselstrber — auch von den erstgeuanvten Krankheiten keine vorgekommeu ist. Wie in unsere« Gebiet
die grsuudhettlicheu verhältuiffe liegen, ergeben nachstehende Sätze au« dem bezeichneten Brief des Marine-Stabsarzte« Dr. Artmond: Hier an der Küste liegen die verhältuiffe in gesundheitlicher Beziehung wesentlich günstiger. Der chtnefischen Mißwirthschaft, der Unsauberkeit und Gleichgiltigkeit tu hygienischen Dingen hat das letzte Stündlein geschlagen. Schon find die Aatänge einer hygienischen Verwaltung bemerkbar. Die Straßen werden regelmäßig gefegt, die Pfützen beseitigt, neue, sachgemäße Brunnen find im Bau (der Brief dattrt vom Mai, das Abfuhrwesen tst tu der Regelung begriffen, ein Krankenhaus für die einheimische Bevölkerung, wo Arme und mit ansteckenden Krankheiten Behaftete unentgeltliche Behandlung finden, fieht seiner Vollendung entgegen nsw. Soweit schon jetzt ein Urtheil erlaubt ist, so Ist die Hoffnung nicht unbegründet, daß hier, wenn nicht die bedeutendste, so doch gesundeste und schönste Stadt de« ganzen chtnefischen Osten« erstehen wtrd. Ja, tch glaube sogar, daß Dtrjenigen Recht behalten, die ihr wegen der ausgezeichneten Beschaffenheit de« hiesigen Strande« auch al« Badeort eine große Zukunft prophezeien, und daß über kurz oder lang die tropengeschwächte und erholungsbedürftige Menschheit Ostafieu« an der deutschen Küste Heilung und Erholung staden wird.* Da« klingt wesentlich anders, als der erwähnte Artikel de« „Hamb. Fremdenblatt«*.
M P.C. Da« Interesse für die Bekämpfung der WohnungSnoth und damit im Zusammenhang für die Propaganda zur Herstellung billigerer uab besserer Wohn- ungeo für die minder woDlhabendeu Klaffen greift immer weiter um fich. In Straßburg E. hat fich bk „Sociale Bereinigung" der Sache augenowmru, e« extsttrt dort auch eine städtische Lommtsflou gegen nngesuade Wohnungen. Auch tu Straßburg besteht der Gegensatz von herrschaftlichen und hochherrschastlicheu Wohnungen, die mit wachsendem Loxu«, meist tu der Neustadt während der letzten betdeu Jahrzehnte hergestellt find, und auf der anderen Seite der offenbare Mangel au brauchbaren gesunden Wohnungen von ein bi« drei Zimmern im Innern der Stadt, wie fie verheirathete und unverhetrathete Arbeiter, kleine Handwerker, Beamte und Kaufleute brauchen. Der Ausweg, daß alle diese Leute veran- laßt werden sollen, außerhalb der Umwallung, tu den Vororten zu wohnen, wtrd al« ungangbar bezetchnet. Thatsache ist, daß trotz der großen Bauthätigkett extra muroa, trotzdem der Lebensunterhalt sich draußen billiger stellt, trotz der relativ hohen Preise, welche im Innern sür kleine oft uu- günstige und uusanbere Wohnungen gefordert werden, die Häuser, die zu Armenwohvuvgrn eingerichtet find, Überfüllt find und bleiben- fetten steht ein solche« problematische« Gelaß ! leer, und die Haoswirthe machen meist rin treffliche« Geschäft. Immer mehr einigt «au sich unter den uattonalöcooomiicheu Theoretikero darüber, daß, während ehemals die Hilfe vou StaatSwegeu erwartet wurde, der Haupttheil der Aufgabe jetzt und in Zukunft den Gemeinden und den Senoffenschaften zufalle.
M.P.C. Nach derAuffaffung mancher Parteien marfchtrrn wir in Deutschland nicht an der Spitze, sondern ä la queue de la civiliaation. vom socialdemokratischen Standpunkt bedeutet die«, daß wir in der Arbeiterfürsorge hinter audereu Natioueu zurückgeblieben seien. Mit Vorliebe wird von demokratischer Seite auf England und Frankreich eremplificirt. Was hat aber Frankreich, was hat England auf dem Gebiete der Arbeiterfürsorge Beffere« geleistet, al« Deutschland ? Die französischen und englischen «rbeiteruufall- gesetze reichen tu ihrer politischen Tragweite nicht entfernt an die der entsprechenden deutschen Gesetzgebung heran, Jnva- lideo- und Altersverficherungsgesetze aber find weder in Frankreich noch in England bi« jrtzt zu Stande gekommen. Man sollte aber nun mindesten« glauben, e« bestehe zumal in dem republikanischen Frankreich eine Milüärstrafproceßordnung, durch welche die Militärgesetzgebung der nicht repnblikanischen Staaten in den Schatten gestellt oder ad absurdum geführt ««de. Wa« ist nun in Wahrheit der Fall? Anläßlich der fortlaufenden DiSeusfion über den Proeeß Drehfu« stellt fich heran«, daß es bei dem französischen Militärgerichtsverfahren überhaupt an recht«verfiäadigru Elementen fehlt. Erst jetzt macht fich jenseits der Vogesen das verlangen nach rechts- kundigen Militärrichtern geltend, die bisher vollständig fehlten. Mehrere Abgeordnete hoben die Abficht, der Sammer eine vollständige Reform des Kriegsgericht« vorzuschlagen. Darnach sollen eigene Militärrichter geschaffen werden, wie e« eigene Militärärzte und Berwaltnog«offiziere giebr. Diese Richter, die Osfizierraug erhalten und eine besondere Hierarchie bilden I würden, sollen entweder auf dem Dege der «ewerbnng oder 1 au« einer militärischen Rechtsschule recrutrrt werden.
Äbrtfle für Depeschen: Anzeiger Hißtzß«.
Fernsprecher Nr. 61.
— In neuerer Zeit tst in Deutschland die Frage aufgeworfen, ob e« fich nicht empfiehlt,Vorschriften über die Stärke der Bemannung der Schiffe zu erlaffeo. In England ist nämlich bestimmt worden, daß Dampfer von über 700 Tons außer dem Schiffer und den Offizieren mindesten« drei Deckleute haben müssen. In deutschen Schiff- fahrt-kreisen wtrd jedoch der Erlaß ähnlicher Vorschriften sür überflüssig gehalten, weil in Deutschland die See-Beruf«. genoffenschast besteht, diese jährlich den Bestand der Mannschaften für die einzelnen Schiffe feststellen läßt und selbst ein Jutereffe daran hat, daß die Schiffe keine zu geringe Besatzung haben. 8« ist denn auch, so wtrd halbamtlich geschrieben, nicht bekannt geworden, daß in der deutschen Rhederet Zustände vorliegen, welche ein vorgehen in dieser Richtung nothwendig wachen könnten.
— ES verlautet, daß die preußische StaatSregierung im Landtage bestimmt in der nächsten Tagung da« ganze Projekt, die Verbindung vom Rhein bi« zur Elbe, zur Vorlage bringen wird. Die Entwürse seien seiner Zeit sorg- sältig vachgeprüft worden, und eS stehe außer Zweifel, daß technische Bedenken, insbesondere hinfichtlich der Wasserzuführung in keiner Richtung bestehen.
— In Ktautschou steht, nachdem am Sedautage dort die Otffnuug de» Freihafen« verkündet ist, rin rascher Auf- schwuug von Handel und Verkehr zu erwarten. Mit der von kaufmännischer Seile dringend erwünschien Vergebung von Land zu gewerblichen Niederlassungen und Wohnhäusern wird noch in diesem Monate vorgegangen, da die GrundzÜge des Hasen- und Stadtbauplanr« nunmehr fest- geftelli find. Jozw,scheu hat die Marineverwaltung nicht nur aus technischem Gebiete, sondern auch ans dem der ver- waltuogs-Etnrichtuogen die vorkehrung-n getroffen, welche eine moderne kausmänuilche Niederlassung großen Stiie» erfordert. Bon besonderer Bedeutung ist für jede Haudels- colonte eine unbedingt zuverlässige, rasch arbeitende und dabei nicht engherzig-formalistische, sondern von lebendigen, kaufmännischen Anschauungen getragene Rechtspflege. Um eine solche zu sichern, tst da« kaiserliche Gericht in Ktautschou ähnlich wie die Consulargerichte aus einem Juristen als Vorsitzenden und zwei bezw. vier Latenbetfitzern zusammengesetzt. Letztere find, wie aus Ktautschou gemeldet wird, aus deu Kreisen der dortigen Kaufleute und Civilbeamtru bereits ernannt. Diese Laienrichter werden namentlich in handelsrechtlichen Streitigkriten durch ihre kenntniß der örtlichen Handel« Usancen werthvolle Dienste leisten. Ihre Mitwirkung entspricht zugleich, wie halbamtlich hinzugefügt wird, dem Grundsätze der Selbstverwaltung, welcher nach Adficht der Mariueverwaltung in Kiautschon auch in ollen anderen Zweigen de« öffentlichen Lebens in weitestem Maaße Platz greifen soll, sobald die nothwendige Anzahl angesehener kaufmännischer Elemente fich dort heimisch gemach» haben wird.
— Titel der Postbeamten in Bayern. Bei deu bayerischeu Beamten des höheren Postdienstes soll demnächst eine Aenderung der Amtstitel vorgenommeu werden, und zwar sollen, entsprechend den Verhältnissen bei der Reich«- post, die Vorstände der Oberpostämter, bisherige Ober- Postmeister, die Bezeichnung Oberpostdirectoren erhalten, die Inspektoren der Oberpostämrer den Titel Postrath, die Boi- stände der Postämter 1. «lasse, bisher Postmeister betitelt, sollen Postdirectoren werden. Mit dieser Aenderung gehr auch die Umänderung der Oberpostämter in künftige Oder- postdirectionen Hand in Hand.
Köln, 14. September. Nachdem gestern ein Begrüßung«- abend staitgefunden hatte, erfolgte heute vormittag 9 Uhr die Eröffnung der 23. Versammlung de« deutschen Verein« für öffentliche Gesundheitspflege. Anwesend waren etwa 280 Personen. In der Eröffnungsrede gedachte Ober- bürgermeister Fuß von Kiel der verstorbenen, namentlich de« Fürsten Bismarck und der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich, deren Andenken die Versammlung durch Erheben vou den S'tzen ehrte. Sodanu wurde eine Resolution angenommen, die lautet: 1) Im Jotereffe der öffentlichen Gesundheit ist eine einheitliche Regelung der zur Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten erforderlichen Maßnahmen aus dem Wege der Reichsgesetzgebung dringend erwünscht- 2) hierbei ist die Ausficht über die Ausführung der erforderlichen Maßregeln nach den ordentlichen Polizeibehörden den zuständigen Beamten zu übertragen.
AttsUrud.
Paris, 15. September. Aussehen erregt die durch Busch erfolgte Veröffentlichung eines Theile« der Me-


