sonders von den Meßbesuchern ausgesucht werden, welche ihre Einkäufe an Maschinen aller Art, Motoren, Werkzeugen, technischen und gewerblichen Hilfsmitteln, hauSwirthschastlichen Gegenständen rc. in Lepzig besorgen wollen. Die dauernde Gewerbeausstellung ist für die Erledigung von Einkäufen ganz besonders gut geeignet, denn fie bietet in wohlgeordneter Zusammenstellung die größte Auswahl in Artikeln der verschiedensten Branchen. Außerdem werden aber auf Wunsch auch die Maschinen und Motoren gern jederzeit in Betrieb gesetzt, so daß der Interessent die beste Gelegenheit hat, dieselben auf ihre Wirkungsweise zu prüien.
• Durch den Todelsprmrg eines Wahufinuigeu wurde in Berlin am ersten Feiertag ein Mädchen schwer verletzt. Der 31jährige Mufiker Thiele sprang, wahrscheinlich auS Furcht vor einer erneuten Unterbringung in einer Nervenheilanstalt, auS einem Fenster der in der vierten Etage befindlichen elterlichen Wohnung in der Orantenstraße auf die Straße hinab. Hierbei streifte er die 13jährige Tochter Anna des SchloffermetsterS Weise derart, das diese zu Boden geschleudert wurde, eine Gehirnerschütterung, sowie eine Nierenquetschung davon trug und sich sämmtliche Borderzähue ouSschlug.
* Der erste sibirische Schnellzug. Aus Petersburg wird berichtet: Am 1. April begann der Schnellzugsverkehr der fibtriichen Etsenbah.. zwischen Petersburg und Tomsk. Die Fahrt dauert volle sechs Tage. Die Wagen sind so gebaut, daß die Reisenden während der Fahrt weder Schaukeln noch Rütteln empfinden; sie können auch während der Fahrt bequem und gefahrlos aus einem Wagen in den anderen gelangen. Der ganze Zug ist electrisch beleuchtet und hat Wafierheizung, ein Buffrt, eia Speisezimmer und eine Bibliothek. Diese ist zwar nicht groß, doch verfügt wohl selten eine Privatbtbliothek über ein so reichhaltiges Material hinsichtlich der Sibtrienkuode. Die Bibliothek enthält Alles, was im Laufe der letz'rn Jahre über Sibirien im Druck erschienen ist- sie ist im Salonwagen untergebracht, der gleichzeitig als Spetiesaal dient. Hier stehen ein Piano, Schach- tische und Rauchzubehör. Die Eigenthümlichkeit des Salonwagens ist seine Ventilation. Neber dem Dache des Waggons find Respiratoren angelegt, in denen fich Luft ansammelt (zur Sommerzeit), die durch verschiedene Röhren geht, fich dabei abkühlt und dann in den Wagen gelangt, aber nicht in scharfem Strom, sondern schichtenweise von oben nach unten, wobei fich die kalte Luft mit der warmen vermischt. Eine Erkältung in einem in dieser Weise venttlirten Wagen er- scheint ausgeschlossen. Im Winter werden die Wagen electrisch ventilirt. ES giedt nur Wagen 1. und 2. Klaffe, die fich durch ganz besondere Bequemlichkeiten auszeichnen. Für
Nichtraucher giebt eS geschloffene EoupreS — für Raucher offene — jedes für vier Personen berechnet; auch die Schlaf- coupeeS find ähnlich eingerichtet. Außer einer Laterne befindet fich in jedem Coups ein transportables electrischeS Lämpchen. Alle Plätze find nummerirt und vor jedem Platze befindet fich ein zusammenlegbarer Tisch. Im Corridor deS Wagens find geographische Karten auSgehängr und ist Tchreib- zubehör aufgestellt. Jeder Wagen hat einen Toilettenraum mit allem Torlettenznbehör und Hanteln zur Gymnastik. Auf den ganzen Zng kommt eine Wanne mit Brause und ein besonderer Apparat zur gymnastischen Behandlung der Hände, der Füße und deS Rückens. In Anbetracht deS sech-tägigen SitzenS werden behufs Erreichung einer regelmäßigen Circa- lation deS Blutes gymnastische Uebungen nothwendig. Zum ersten Mal, wurde der Zug am 1. April abgesertigt und wird zweimal im Monat zwischen Petersburg und TomSk fahren. DaS Buffet wird nur kalten Imbiß, Thee und Kaffee führen; waS jedoch daS Frühstück, daS Mittag- und Abcndeffen anlangt, so wird eS im nächsten SratiooSbuffet telegraphisch bestellt. Die Verwaltung rechnet natürlich auch auf Ausländer, weßhalb einer von den Zugbediensteten französisch und deutsch spricht.
• „DaS größte GlaS Bier kostet hier nur fünf Pfennig". Ein Plakat mit dieser Inschrift hatte der Restaurateur Sch. in Berlin an seinem Schaufenster angebracht. Ein Bayer war neugierig, wie groß denn wohl daS „größte" Glas Bier sein könne, daS man in Berlin für 5 Pfg. erhalte, und betrat mit seinem Bruder das Local. Sie forderten einfach zwei Glas Bier und erhielten darauf Gläser vorgesetzt, die wie in Berlin üblich, vier Zehntel enthielten. Der Bayer meinte, daß dies für fünf Pfg. immerhin eine an» erkeonenSwerthe Leistung fei. Bei der Bezahlung kam aber die Enttäuschung, denn der Wirth verlangte ihnen für acht GlaS Bier 80 Pfg. ab. Als die Gäste fich darüber beschwerten, da ja doch „das größte GlaS Bier" für 5 Pfg. au-geboten wäre, meinte der Wirth, daß er eben für 5 Pfg. das größte Glas verabfolge, daS für diesen Preis geliefert werden könne. Der Fall wurde angezeigt, worauf Sch. sich wegen Betrugs vor dem Schöffengericht zu verantworten hatte. Das Plakat hatte er alsbald auf polizeiliche Anordnung entfernen müffen. Der StaatSavwalt beantragte zehn Mark Geldstrafe. Der Gerichtshof kam aber doch zu einem freisprechenden Urtheil, da nicht erwiesen sei, 'daß die beiden Gäste durch den Ankauf von je vier Gläsern Bier für den üblichen Preis einen BermögenSnachthetl erlitten haben.
* Siu Meisterstück der Zugenieurkuust. Eine noch uner- . reicht dastehende Leistung haben die Ingenieure der j Chicago- und Northwestern-Eifenbahn geboten. Innerhalb 1
zehn Stunden während der Nacht haben sie nämlich die große Drehbrücke über den Chieagvfluß durch eine stählerne Brücke ersetzt. Da die neue Brücke schwerer ist, all dir alte, io waren die Pfeiler, besonders der mittlere, aus welchem fich die Brücke dreht, schon vorher bedeutend verstärkt, und die neue Brücke schwamm fix und fertig etwa 100 Fuß oberhalb der Pseiler auf einer Anzahl großer Pontons. Eine weitere Anzahl Pontons, zum Theile mit Waffer pe- füllt, lag unter der alten Brücke zwischen den Pfeilern. Auf dem Verdecke dieser Pontons waren Gerüste angebrackt, welche die untere Fläche der alten Brücke berührten. Kurz nach Einbruch der Dunkelheit begannen riefige Dampfpumpen daS Waffer aus den PonionS zu pumpen, diese hoben fich und drückten mit immer furchtbarerer Gewalt gegen die Brücke. Plötzlich durchlief die Letztere ein Zittern, sie hob fich von den Pfeilern, daß ungeheuere Bauwerk schwamm und trieb langsam den Fluß hinab. Gleich darauf wurden die Verankerungen, welche die neue Brücke hielten, gelöst, dieselbe trieb langsam über die Pfeiler im Waffer, und sobald fie ihre richtige Stellung erreicht hatte, wurde Waffer tu die fie trageuden Ponton- eingelaffeu. Ja kurzer Zeit hatte sich die Brücke bis auf die Pfeiler gesenkt und beriete sich knirschend auf die Unterlage. 20 Minuten später lief schon der erste Zug über die neue Brücke. (Na! na!)
* Mathematik und She. Jemand, dem das Rechnen viel Zeitvertreib macht, hat ausgerechnet, wie viel Leute h ei rat h en, und er fand, daß die Klagen der Mütter heirathsfähiger Töchter viel Berechtigte- haben. Der Sensenmann ist der Erste, welcher unter den ziffernmäßig vorhanden: n „Herren der Schöpfung" aufräamt, denn allein von den „zukünftigen" Bewerbern um Hymens Rosenfeffelo sterben von 100 38, ehe sie 5 Jährlein und 44 ehe sie 18 Jahre alt geworden. Die Folge ist, daß in den meisten Ländern mehr Frauen als Männer vorhanden find. Von 100 Personen find nur 35 verheiratet, 60 find unverheirathet und 5 ver- wittwet. Wenn man also auf den Straßm nacheinander 100 Leuten begegnet, so wird von diesen unter je 20 ein Wittwer oder eine Wittsrau se v, aber von je 5 werden mindestens 3 ledig sein! Die größere Hälste aller Frauen hat sich verheirathet im Alter von 21—25, ein viertel heirathete zwischen 25 und 30. Die Männer hriralhrn ebenfalls meist zwischen 20 und 25, und am meisten wird ge- heirathet im December, dann im Juni und September und am wenigsten im März. Daß aber immer von drei Mannsleuten einundeinhalb Junggesellen find, das ist ein Fall, der ernste Mütter tief bewegen muß.
Galgenphysiognomteen gehört und zu einer psychologischen Analyse geradezu herausfordert. Der gesch ckte Arbeiter bereitet seinen Vorgesetzten zeitweise manche Verlegenheit, da er sehr störrisch sein kann. So hat er denn auch schon alle Strafen gekostet, selbst Geißelhtebe. Nur diese haben ihn bekrh-t. Als nämlich der Landeösürst sein Begnadigungsgesuch abgelehnt hatte, erklärte er eines schönen TageS rund heraus, nicht mehr arbeiten zu wollen. Alle Vorstellungen waren vergeblich, alle Strafen deßgleichen. Kostenrztehung, Kettentragen, Kerker bet Waffer und Brod — es feuchtere nichts btt dem Böiewicht. Er zeigte fich immer verstockter. Da wurden ihm als letzte- Mittel fünfzig Geißelhtebe zu- -rkannt, schon noch fünfundzwanzig versprach er heulend, die Arbeit wieder aufzunehmen, so daß ihm die andere Hälste erlaffen blieb. N chtS Wunderbares! Der Sträfling, sest geschnallt auf dem sogenannten Bock, erhielt die Hiebe mit dem Kantschu einer auS schmalen und geknoteten Riemen geflochtenen Peitsche. Mancher konnte die zugedachte Anzahl nicht aushalten, ohne Schaben an der Gesundheit zu leiden. DaS zu verhüten, war der AnstaltSarzt bet der Vollstreckung zugegen und gebot nölhigen FallcS Einhalt. — An der Drehbank steht ein Sträfling, dessen Thtänen unaufhaltsam fließen. Er hat wohl Grund dazu. Frau und Kinder haben thn heute besucht. Ein gar trauriges Wiedetsehkn! Eben har er fich gewaltsam von den Seinen loSgertffen. Die beiden Kleinen, reizende Mädchen, strecken die Acrmchen vergeblich nach dem V .ter aus, der hinter dem Gitrerihor wieder verschwunden ist
In der Schreibstube, die fich hoch oben unterm Dach b findet, werden die schriftlichen Arbeiten für die Bureaus der Anstalt angefertigt. Hier sitzen an einem mit Schreibereien ganz bedeckten Tisch ein Mörder nnb ein Giftmischer sriedferitg zusammen. Läßt sich au8 dem Wesen des Ersteren auf ein von Reue und Büßfertigkeit erfülltes Herz schließen — er hat einen Gläubiger, der ihn hart bedrängte, in seiner Verzweiflung erstochen — so zeigt der Ausdruck des Letzteren gerade daS Gegcnthetl. Ein lauernder Zug liegt in diesem confiSeirren, von Serlenkämpfen zerstörten Antlitz. Der Verbrecher hat seine kranke Frau durch kleine Dosen Arsenik nach und nach vergiftet. Zu diesem Resultate gelaugte daS Schwurgericht nach einem langwierigen Jndicienbeweis, denn er selbst leugnet die That beharrlich weiter. Der Prozeß, der sich seinerze t In einer kleineren süddeutschen Restdenz abfpielte, erregte daS Jrnereffe der weitesten Kreise
Die eigentliche ArblitSk-afc in dieser Schreibstube ist jedoch ein Sträfl ng, der wegen Wechselfälschung und Be trügereien eine F eiheitSstrafe von zehn Jahren verbüßen soll. Unglückliche Speculationen haben iqn so weit abwärts geführt. Ein intelligenter Mensch, d-.ffrn LooS mlr stet- zu Herzen ging. Mußte er doch als gebildeter Mann durch die in gemeinsamer Hast gebotene gleichmäßige Behandlung eine ungleich härtere Strafe erdulden, wie die metsten der unteren volkiklaffe angehörigen Bewohner dieses Hauses. Er wurde erst nach sechsjähriger Hast begnadigt. Bem BegnadigungS- gesuch an den LandeSsürften war nach Form und Inhalt rin wahre- Meisterstück Eine Abschrift befindet sich rod) heute in meinem Bcfitz, desgleichen seine geistreich: Arbeit üoer Reformen im deutschen Strafwesen.
Ehe wir die Schreibstube verlaffen, wollen wir noch einen Blick auf dos Landschafttbild werfen, da- sich auch durch vergitterte Fenster in seiner ganzen Schönheit vor unS entfaltet und gewiß im Herzen der Gefangenen um so mach tiger die Sehnsucht nach der goldenen Freiheit erwecken mag. Wir sehen über lachende Fluren und wogende Kornfelder, durch die sich ein kleinerer Fluß dahinschlängelt. Ein prächtiges Bild! Doch dringt hier ntchc ganz aus der Nähe der muntere Gesang einet Vogels an unser Ohr? Wir folgen jenem Gesang, der einen so auffallenden Gegensatz zu der traurigen Umgebung bildet. Ec leitet unS zu dem Kerker eines Sträflings, der bereits seit zwölf Jahren in diesem Raume schmachtet. Wegen Diebstahl- zu einer Freiheit--' strafe von wenigen Jahren verur,heilt, hat der Unglückselige infolge einet Wortwechsels auf einen Aufseher der Anstalt einen Mordversuch gewagt und muß diese That deS JähzomS jetzl k-urch eine langjährige Einzelhaft büßen. Der unS begleitende Beamte öffnet und wir betreten nicht ohne eine gewiffe Scheu die kleine Zelle, in welche daS Tageslicht nur durch ein oben angebrachtes kleine- Fenster spärliw etndringt. Nachdem wir uns allmählich an da- Halbdunkel gewöhnt haben, fällt uns zunächst ein merkwürdiges Gestell auf. Wie uns der Z'llenbtwohner felbst erzählt, baut er sich diesen hohen, schwankenden Bitz täglich mit großer Mühe auS seinem geringen Möbelbestand auf, um sein Fenster zu erreichen. Dcrr oben bringt er die längste Zeit det Taget mit Nadel und Faden zu. Seines Zeichens Küfer, lernte er hier in der Einzelhaft daS Schnetderhandwerk. Dort oben finden wir ihn auch heute bei feiner Arbeit und in Gesellschaft de» munteren Sangers, eines gezähmten Distelfinken, der mit dem armen Teufel die Gefangenschaft iheilt, seit er ihn im letzten Winter vom Hungertode errettet hat.
Die Nachbarzelle steht offen. Eine Stätte der Verwüstung. Bettstelle, Tisch und Stühle, Alles ist kurz und klein geschlagen. Sogar der eiserne Ofen zeigt Spuren von Gewalt und ist mitten in den Raum gerückt. Fürwahr ein tolle- Bild! Und ein Toller hat e- auch zzi Stande gebracht. Schon geraume Zeit befand sich der Unglückliche tu jener Zelle zur Beobachtung seine- Getste-zuftande-. In der letzten Nacht hat er in einem Anfall von Tobsucht diese Zerstörung augerichtet. Jetzt tragt der Sträfling die Zwangsjacke und liegt in festen Ketten, damit er kein weitere- Unheil anstiften kann. Seine Ueberführung nach der Irrenanstalt ist angeordnet.
Eine Helle Glocke, welche soeben ertönt, erinnert un- baran, daß die Mirtag-stunbe da ist. In der Ac.stalt-küche herrscht jetzt lebhafte Bewegung und die Köchinnen, lauter weibliche Strafgefangene, Haden alle Hände voll zu thun. Die AuStheiluug der Speisen für 250 Personen hat begonnen. Keine geringe Arbeit, da die Rationen in ebenso viele kleine Kessel eingesüllt werden müffen, die alSbald von den Außen- arbettetn in großen hölzernen Tragkästen nach den verschiedenen Sälen verbracht werden. Kartoffeln mit brauner Sauce bilden heute die Mittag-kost der Sträflinge. Wir nehmen die freundliche Einladung der Kächenvorstehertn an und versuchen die Kost, sie ist schmackhaft zubereitet. Von ihrer Güie überzeugt si L auch der Anstalt-director jeden Tag. Au- den verschiedenen Kochbehältern werden ihm Proben
vorgesetzt. Für den Abend weist der Küchenzettel eine gebrannte Mehlsuppe auf. Doch morgen erhalten die Sträflinge Fleisch. Sorben trifft eine ungeheure Lieferung ein. Sie schließen wohl daraus auf die Fleischtöpfe Egypten-, gnädige Frau. Weit gefehlt! Nur einmal in der Woche verirrt sich eine solche Sendung hierher. Nur Sonntag- wtrd den Sträflingen dieser Genuß zu Theil. In der übrigen Zeit ist ihnen reichlich Gelegenheit geboten, sich zu Anhängern der Pflanzenuohlung auszubilden. Gerade wollen wir die Anstalt-küche verlaffen, als unS eine Frau mit grauem Scheitel ein Sträußchen duftender Reseden darbietet, die im nahen Vorgärtchen ptächtig gedeihen. Sie trägt auch da- SträflingSgewand. Ihr sanfte» Wesen berührt unS so angenehm, daß wir mir Theilnahme nach ihrem Geschick forschen. Wir vernehmen mit Schaudern, daß diese Frau zu lebens- länglicher Zuch'hauSstrase verurtheilt ist. Durch sortgesetzi-S Zureden hat fie einfältige Bauersleute, eine Mutter m-t ihrem Sohne, dahin gebracht, eine alte Verwandte, ihre- kleinen Vermögen» wegen, um ihr Leben zu bringen. Mutter und Sohn wurden hingerichtet. Die Anstifterin des verbrechens muß den verhangnißvollen Rath bereits seit zwanzig Jahren im Zuchthaus abdüßen.
Wir nehmen Abschied von der Vorsteherin deS Küchen- reffortS, die soeben abgerusen wird. ES ist SamStag nnb wie in jtbem bürgerlichen Haushalt auch hier an bleiern Tage mehr Arbeit wie sonst. Bo entflieht schnell bee Nachmittag unb wenn bie Glocke die siebente Stunde verkündet, wirb bte Abendkost vertheilt. Feierabend ist da. DaS Tagewerk ruht. Eine halbe Stunde später beziehen die Sträslinge die Schlassäle. Die Lichter erlöschen im HauS und bald herrscht überall tiefe Stille, nur durch da- gegenseitige Anrufen ter Wachtposten zeitweise unterbrochen. Im Hause selbst, auf den matterleuchteien Gangen, wandeln die Aufseher, welche den Nachtdienst haben, mit scharfgeladener Büchse im Arm, lautlos, fast gespenstig auf und ab, denn sie tragen Filzschuhe, damit die Schläfer nicht gestört werden. Hin unb wieder unterbrechen fie ihren Gang unb überblicken bie Schlafsäle durch kleine, in der Wand angebrachte Guckfenster. Alles liegt anscheinend in tiefem Schlaf, allein mancher mag, von Gewiffen-diffen gefoltert, die Nacht auf seinem Lager ruhelo» zubringen.
Doch ich sehe, gnädige Frau, Sir haben Reite.lüft genug geathmet und sehnen fich hinaus aus den kahlen Wänden dieses Hauses nnb so wollen wir unsere Wanderung beschließen. —
Jahre find verflossen. Die Welt ist fortgeschritten, leider auch daS Berbrecherthuw, denn jene Strasanstalt beherbergt heute fast bie doppelte Anzahl von Sträflingen. Unb boch — führt mich ber Schtenenstrang hin und wieder durch diese Gegend, so beschleicht mich stet- ein Gefühl des M Neids, sehe ich in der Ferne die weißen Mauern jenes Hause» in Hellem Sonnenschein erglänzen unb ber Gcbanke verfolgt mich, baß bie schweren Gefängnißthore hinter Manchem zufallen, ber unseres Mitgefühls nicht unwerth ist.
Möchte biese Skizze auch in Ihnen, gnädige Frau, solche Empfindungen erwecken. Mitleib zu üben ist ja das Recht der Frauen.


