Ausgabe 
17.4.1898 Drittes Blatt
 
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Sonntag den 17. April

Drittes Blatt.

Zlints- und Anzeigeblatt für den 'Kreis Gieren

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Feuilleton.

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Alle Anzeigen-Vermittlungsstellen des In. und Auslandes nehmen Anzeigen für den Gießener Anzeiger entgegen.

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Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schulstraße Nr. 7.

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i. Wiener Zormev,

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NB

Holzmann L Co. für ca. 100 000 Mk. erbaute neue Tribüne ist fertig gestellt. Diese Tribüne ist einzig in ihrer Art und in gleicher Ausführung auf keinem anderen deutschen oder ausländischen Rennplatz vorhanden. Die Tribüne hat zwei Etagen, auf welchen ca. 2000 Personen Platz finden, ferner haben ca. 1000 Personen auf dem Dache Platz, von welchem man eine herrliche Fernsicht aus den Taunus, den Wald und die Stadt hat. Die Tribüne ent- hält in ihrem unteren Theil ausgedehnte Räume für den technischen Betrieb und sind die Ankleidezimmer auf» com- fortabelste eingerichtet. Im westlichen Flügel befindet sich sodann noch eine große Restauration, die Garderobe, das Krankenzimmer und die Räume für die Preffe, Post und Telegraphie. Außer dem Tribünen-Neubau wurden noch um- fastende Berbesterungen vorgenommen: Die Holzbarrtere, welche die Rennbahn nach der ersten Tribüne abschloß, ist durch ein schöne» eisernes Gitter ersetzt worden. Die Bar­riere zum Totalisatorraum ist ganz sortgefallen und der Zu­tritt zu den Schaltern laut ministerieller Genehmigung frei! Für die Richter ist ein neues eisernes Hau» gebaut worden. Der Hauptetngang ist jetzt mehr nach dem ForsthauS zu ver­legt und der Platz hinter der neuen Tribüne ist planirt und zum Aufstellen von RrstaurationStifchen und Stühlen bestimmt. Sodann wurde der Promenadeplatz vor der neuen Tribüne fest gemacht, um stets eine gute Berfasiung zu ficheru. Hinter der neuen Tribüne wurde vom Totalisator bis zum Sattel­platz eine neue Lindenallee angelegt. Für die zweite und dritte Tribüne, den Stehplatz und den Kutscherhalteplatz wurden Restaurationsbuden aufgestellt.

Berlin, 14. April. Das in den 40er Jahren stehende Ehepaar Hauke, das in der Kleinen Frankfurterstraße einen Juwelierladen inne hatte, hat Selbstmord durch Ver­giften begangen. Zerrüttete BermögenSvrrhältnifle find der Grund zu der verzweifelten That.

j »D. Leipzig, 15. April. Zur Ostermeffe wird die dauernde Gewerbeausstellung zu Leipzig wieder be-

K.

Der Erlaß

des preußischen Staatsministeriums.

Während der letzten Tagungsperioden des deutschen Reichstag» und de» preußischen Abgeordnetenhäuser ist viel von der Polenpolttik der Regierung die Rede gewesen, und e» hat an den heftigsten Angriffen nicht gefehlt. Sowohl der Reichskanzler, wie auch der Minister de» Innern und des Unterricht» haben wiederholt ihrer festen Wtllen»metnung Ausdruck gegeben, die Bestrebungen des GroßpolenthumS mit allen gesetzlichen Mitteln zu unterdrücken. Aber e- fehlte bisher immer noch ein abgerundetes Programm hierfür, die Maßnahmen, das Deutschthum in den polnischen Provinzen und tu den LandeStheilrn mit gemischtsprachiger Bevölkerung überhaupt vor maßlosen Angriffen zu schützen. In dieser Beziehung wirkt der vor einigen Tagen tm Rrichsanzeiger veröffentlichte Erlaß des preußischen Gesammtministertums ergänzend- er bildet ein weiteres Glied in den Maßnahmen zur Förderung deS DrutschthumS in den polnischen Gebieten, nachdem die Verstärkung des Dispositionsfonds für An- fiedlungSzwecke vorangegangen war. Auch diese letztere Maßregel hatte keine aggressive Tendenz, umsoweniger, als schon in den letzten Jahren mehr deutsche, als polnische Besitzungen erworben worden waren und der AnfiedelungSsonds in der Folge mehr als bisher zur Erhaltung de» deutschen bäuer­lichen Besitzes Verwendung findet.

Auch der Staatsministerialerlaß vom 12. d. Mt». ver­meidet es sorgfältig, eine Spitze gegen daS Poleurhum zu bieten, wie denn überhaupt von dem letzteren fpeciell in dem E^laffe gar keine Rede ist. Den Beamten wird hauptsächlich di: größte Unparteilichkeit zur Pflrcht gemacht, d. h. gleich- mäßige Behandlung aller Staatsbürger.

Daß der Erlaß von vielen Seiten einer heftigen Kr.tik unterzogen wird, thut seinem Werthe keinen Abbruch - vor allen Dingen haben die Vorwürfe, welche man der Regierung macht, daß sie nämlich in unberechtigter Weise auf ihre Be­

amten etnwirke, nichts auf sich. Der Beamte steht tm Dienste de» Staate» und er hat deffeu Jntereffe wahrzunehmen mit allen Kräften- und im Jntereffe des Staate» liegt e», daß alle Angriffe gegen da» Deutschthum abgewehrt, daß den Nationalitäten'Hrtzereien rin Ende gemacht wird. Der Staat muß von seinen Beamten verlangen, daß seine Beamten nicht Tendenzen vertreten, die seine eigene Sicherheit gesährden. Und der Erlaß fordert wahrlich nicht zu viel, er will nur in den Provinzen mit gemischtsprachiger Bevölkerung da» Nationalbewußtseiu gestärkt und gefördert wiffen, und die Erstrebung dieses Ziele» ist die Pflicht der Regierung.

Die Regierung hat bet ihrem Erlaffe lediglich die Wirth- schaftliche und kulturelle Hebung nicht allein der deutschen, sondern der gesammten Bevölkerung im Auge gehabt, wenn­gleich jetzt noch nicht erkennen läßt, was im Einzelnen ge­plant worden ist. Aber man darf wohl annehmen, daß es fich um eine Reihe von Etnzelmaßuahmen handele, deren Grundzüge von dem Ministerium von vornherein festgesetzt worden find. Bet der versöhnlichen Tendenz, welche der Erlaß athmet, dürfte auch der fremdsprachigen Bevölke­rung nicht schwer werden, seinen Segen zu erkennen, aber wir wiffen ja au» langer Erfahrung, daß Nationalitätenhaß blind macht und undankbar. Und so wird denn auch dir ministerielle Kundgebung wohl kaum an den Stellen, für die fie erlaffen isO richtig gewürdigt, sondern al» einEingriff in nationale Rechte betrachtet werden.

Hoffen wir, daß da» Vertrauen, welches die Regierung in ihre Beamten setzt, fich rechtfertigt und daß die in dem Erlaß angeordneten Maßnahmen dazu beitragen mögen, daß die Zeit immer näher rückt, wo alle innerhalb der deutschen Grenzen lebenden Völker fich al» eine etnztgrNation sühleu.

(XX)

Betäubender Lärm au» der Schlosserwerkftätte empfängt un». Unermüdlich find Hammer und Ambos in Bewegung. Auch tm Nachbarraum geht es nicht stiller zu. Hier ist die Küferet und unter tactgemäßen Schlägen werden eben die letzten Reifen an einige Fäffer angetrieben, die in ihrer ge­diegenen Ausführung gewiß der Ewigkeit Trotz bieten. In der Strohflechterci herrscht schon mehr Ruhe. In dieser ver­arbeiten Sträflinge wahre Berge von Stroh zu Matten, Schuhen rc. Besonders leistungsfähig ist die gegenüberliegende wohlringertchtere Schretnerwerkstätte, welche solide und gute Möbelstücke liefert. Dicht dabei find die Arbeitsräume für Bildschnitzer, Dreher und Lacktrer. Eine Treppe höher schlägt unfl ein scharfer Geruch entgegen, der fast den Äthem benimmt. Hier ist die Zündhölzerfabrik. Wir eilen weiter. In einem großen Hellen Gemach wickeln fleißige Hände Cigarren. ES ist erstaunlich, zu welcher Fertigkeit fich einzelne Sträflinge ausgebildet haben. Was fie über die vorgeschriebene Leistung arbeiten, wird besonder» vergütet. Volle Beachtung verdient noch die Weberei. In großen Sälen klappern die Wrbstühlc, surren die Spulen, drehen sich die Haspeln und werden Geschirre gestrickt. Da fast alle Gewerbe vertreten sind, befinden fich -aürlich auch eine Schneider-und Schuhmacher­werkstätte tm Hause, die Jahr aus Jahr ein den Bedarf an Kleidern und Sckwhwerk für die Sträflinge liefern. Ebenso wird in der Abteilung der weiblichen Strafgefangenen haupt­sächlich für die Anstalt gearbeitet.

Doch sehen wir un» nun Einzelne aus dieser Gesellschaft \ näher an. Da fällt un« gleich in der Schreineret ein alter i Mann mit freundlichem Gesicht auf, da« von spärlichem weißen Haar umrahmt ist. Er sitzt wegen eines Raubmorde» schon viele Jahre hinter Schloß und Riegel. Um seiner geringen Barschaft willen hat er einen armen Jungen im Wolde erschlagen. Der That überführt wurde er zum Tode verurtheilt, doch die Gnade deS Landesfürsten wandelte dieses Urtheil in eine lebenslängliche Zuchthausstrafe um. Während seiner langen Hast hat er sich musterhaft betragen und seiner Begnadigung steht nicht» im Wege als sein eigener Wille. Er fürchtet sich vor der Freiheit. Ihm ist die Welt fremd geworden. Und so beschloß er sein Leben auch tm Zuchthau». Eines Tage- fand man ihn entseelt auf seiner Lagerstätte. Ein Herzschlag hatte ihn grtödtet. Noch am selben Abend führte ein Leiterwagen die sterbliche Hülle im armseligen Bretterkasten nach der Anatomie der nahe gelegenen Uni­versitätsstadt. Einem alten Herkommen gemäß dienen die Leichen aus dem Zuchthaus anatomischen Studien.

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Ein andererLebenslänglicher" begegnet un» in der Cigarrenfabrik. Auch ihn hat Habsucht zum Verbrecher ge­stempelt. Einst bewegte er sich auf dem Parquetboden der SalonS, wenn auch nur in dienender Stellung. Dort wurde er zum Mörder an feiner eigenen Herrin, die er erwürgt und beraubt hat. Als verkohlte Leiche wurde die Unglückliche aufgefunden, denn der Ruchlose hatte sein Opfer verbrennen wollen und deshalb einen Zimmrrbrand inscenirt. Trotzdem er hartnäckig leugnete, lautete da« einstimmige Verdict der Geschworenen am 11. April 1850:Der Angeklagte ist schuldig, da» Verbrechen mit allen in der Frage angegebenen Umständen begangen zu haben." Da die Todesstrafe zu jener Zeit abgeschafft war, verurthetlte ihn der Asfisenhos zu lebenslänglichem Zuchthaus. Hier legte er zwar nach einiger Zeit rin umfasirnde» Geständn'ß ad, widerrief eS aber kurz darauf, weil er nicht begnadigt wurde. Mittlerweile hat er sich in diesem Hause immer mehr der Frömmigkeit zugewandt. Ob fie eine raste war, wer wollte eS ergründen? ES gibt noch keine Kunst, der Seele Bildung im Gesicht zu lesen! An einzelnen hohen kirchlichen Festtagen de» JahreS hielt dieser sonderbare Heilige sogar Ansprachen an seine Mit­gefangenen, auf die er veredelnd einwirken wollte. Auch ich hatte Gelegenheit einer solchenErbauungsstunde einmal beizuwohnen. Vielleicht begehe ich ein Unrecht an dem Manne, aber ich kann mir nicht helfen, auf mich wachie sein einschmeichelndes Wesen stet« den Eindruck d-S Heuchler«. Seine Führung in der Anstalt war übrigens tadellos. In der langen, langen Zeit seiner Gefangenschaft hatte er fich niemals da« kleinste Vergehen zu Schulden kommen laffen. Er wurde denn auch schließlich zur Auswanderung nach Amerika begnadigt.

In der Schlofferwrrkstätte ist es ein junger schöne Mann im Sträflingsgewand, deffen Schicksal un« mit Theil- nähme erfüllt. AuS Eifersucht hat er seine Geliebte erstochen und muß nun jener schweren Schuld wegen ein Viertel- jahrhundert an diesem traurigen Orte zubringen, während zu Hause brave Eitern um den einzigen Sohn in Kummer und Sorge tiefgebeugt ihr Leben fristen. Von einem in seine Arbeit ganz vertieften Bildschnitzer, der im Augenblick die letzte Hand an ein meisterhaft auSgefÜhrte« Crucifix legt für die Kirche eines NochbardorfeS, erzählt unS der Gefangen­wärter, daß gerade dieser Mann, der hier mit voller Hin­gebung für die Kirche arbeitet, wegen Kirchenraubes eine schwere langjährige Zuchthausstrafe verbüßen muß. Soeben blickt er auf. Wir sehen ein Geficht, daS zu den sogenannten

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Gießener Anzeiger

General-Anzeiger

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vermischtes.

TC. Frankfurt a. M., 12. April. Die von Herrn Architecr Adolf Hänle für die Rennen hier entworfene von

Im Zuchthaus.

Von Hermann Heldenberg.

(Schluß.)

Ein anderes Original, gleichfalls zur Gattung der Lang­finger gehörend, stelle ich Ihnen vor in dem Facrotum de» Bureau», einem kleinen beweglichen Burschen mit bartlosem Geficht. So zeigen sich übrigens alle Strafgefangenen, da nach der Hausordnung jeder bebartete Ankömmling, noch vor seiner Einkleidung in die Sträflingsjacke, dieser Manneszierde beraubt wird. Da» Gesicht diese» Burschen verrieth einen ungemein verschmitzten Zug. Tr verrichtete seine Dienste immer heiter, umsomehr als seine FreiheitSstunde in Sicht war. Nur einmal, erinnere ich mich, wirkte seine Heiterkeit, verbunden mit einer bedenklichen Schwankung des Körper«, doch befremdend und verdachterregrnd. Es unterlag gar keinem Zweifel, der Spitzbube hatte einen Spitz, und offenbar irgendwo ein beseligende« Getränke entrückt und alsbald auS- geschlürst. Allein der Galgenvogel leugnete beharrlich und da« Verhör sührte zu keinem Resultat. Erst einige Monate fpättt er hatte Sie Anstalt bereit« verlassen sand fich des RäthselS Lösung tief im Grunde eines großen Holz- behälter«. Hier ruhten schwesterlich vereint zwei geleerte Flaschen Rüdesheimer. Der verschmitzte Gauner hatte fie beim Oeffnen einer Weinktfte gewandt in seine Taschen ver- schwinden laffen, in der nächsten unbewachten Viertelstunde gierig auSgetrunken und >a« corpus delicti eiligst bei Sette geschafft. Gleich dem Gärtner geböte auch er zu den Außen­arbeitern oderWeißkappen", wie fie auch genannt werden wegen ihrer Kopfbedeckung, die aus grauweißem Filz besteht, zur Unterscheidung von den übrigen Sträflingen, die schwarze FtlzmÜtzen »ragen nnd daher dieSchwarzkrppen" hrtßen. Zu den Außenarbeitern werden nur solche Individuen versetzt, die ihre Strafzeit bald verbüßt haben. Sie arbeiten meist im Freien U"d leisten der Anstalt alle möglichen Hand- langerdienfte. v _fl,

Sie haben nun zwei Sträflinge au» der Abteilung der Außenarbeitcr kennen gelernt und betreten jetzt einigermaßen vorbereitet die Anstalt selbst. Diese ist eine Stätte der mannigfaltigsten Thätigkeit. Die verschiedensten Gewerbe sind eingeführt, damit die Sträflinge auch ihrer Befähigung gemäß beschäftigt werden können.

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Nr. 89

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Aamilienötätter werden dem Anzeiger wöchentlich viermal beigclegt.