Nr. 243
Erstes Blatt
1898
Gießener Anzeiger
mit FungnlH*
General-Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den ICrets Gietzen.
Gratisbeilage: Gießener Familienblätter
ErprdiNon unb Druckerei:
Amtlicher Theil.
rauen »
WM
1
«It Unzeigen.8eruiiNluu,«ßeIni H $n. unb |u<!nM
-ehmrn Snzci-en für den diefcmn tetf^et
Wn*e*Ftru
vierteiiätzklutz
2 «ort 20
■eaelmt »on Anzeigr» zu ber Nachmittags für bat iblgtnbt* lag «schnuendeu Nummer btl Bonn. 10 U#t-
ftf4rhd UgM mu Nusuahm, bes Mantags.
Bei Poftbe,^ 8 Mark 60 Bf» »irrte Ij4br14<.
Die Gieren er ».Miktrußtäiter •erbm brm Anzeiger »scheott.ch viermal beigelegt.
Wwiei lectr. Betrieb.
(Qefunben: 1 Portemonate mit Inhalt, 1 Geldstück, 1 Brochr, 1 Paar Schuhe, 1 Notizbuch, 1 Filzhut, 1 Regen- schirm. 1 dimer, 1 Achtere, 1 Notenblatt.
Gießen, den 16. October 1898. Großherzoglicher Polizeiamt Gießen. Muhl.
«dreffe für Depefchen: Anzeiger Pießs«.
Fernsprecher Nr. 5L
Der „Matin" erfährt, eine Anzahl Politiker habe gestern Abend Brisson vor einem militärischen Complott gewarnt und ihm veweile davon gegeben. Der Gewalistreich sollte heute oder morgen geschehen, in Abwesenheit des Krieg-Minister» Lhaooine, der in- Lager von Chalon» fahren wollte. Da» Ziel wäre nicht die Einsetzung rtoeS Thronsorderer», sondern die Beseitigung de» regierenden Personal» mit Au»nahme Faure», an den nicht gerührt werden sollte. Brisson verglich die beigebrachten Beweise mit denjenigen, welche er schon besaß, dankte seinen Beluchero und versprach, da» Nöthige zu thun. General Chanoine wird infolge besten Pari» nicht verlosten. Die Drehfu-blätter „anrori", „Siecle" und „Radieal" verzeichnen auch Towplottgerüchte nvd er» klären, die Regierung sei gewarnt. Ein General, welcher eine hervorragende Stellung einoehme, solle Telegramme geschtteben und empfangen haben, welche derart seien, daß über seine Absichten kein Zweifel obwalten könne. — Die „Petite Rrpublique" fordert die Republikaner zum äußersten Widerstand auf und sagt, sie sollten jetzt leisten, wa» die Republik von ihnen erwarten dürfe. Die übrigen Zeitungen schweigen noch, obgleich da» Gerücht seit gestern Abend seusationell auftrat und allgemeine Spannung herrscht. Im Ministerrathe am Sonnabend unter Vorsitz Faure», welcher nicht mehr nach Rambouillet zurückkehrt, sondern fortan im Tlysee zu bleiben entschlossen ist, sollen augeblich wichtige Entscheidungen erfolgen. Während der drdarbeiteran»stand am Donuertag mit dem Siege der Au-stäudigen endete, hat der Gewerkvereiu der Tis en bahn le Ute am Dounrr»tag plötzlich die Arbeit eingestellt. Zwar gehören dieser Genossen« schäft kaum zehn Hundertstel aller Etsenbahnlente an, doch ist sie genügend stark, um schwere Betrieb»fiörungeo hcrbei» zuführev. Der leitende Au-schuß richtet an da» PudliknM einen Mauerauschlag, worin e» heißt: „8Bhr find znm Ausstand gezwungen. Wir find jedoch treue vaterland-freunde, and wenn da» Vaterland in Gefahr gerirthe, würden wir sofort die Arbrit wieder aufnehmen." Au den Hauptorten aller Bahnstrecken find militärische Maßregeln getroffen, um die Eisenbahnleute, die Weiterarbeiten, zu schützen. Da» Eisenbahoregiment wird zu voller Stärke einberufev, um nötigenfalls den Dienst zu übernehmen. Doch wird au» Pari» vom Freitag gemeldet: „Da» Au»sehen der Stadt ist am heurigen vormittag da- gewöhnliche. Die Arbeiter lese» die angeschlagenen Plakate, bleiben jrdoch ruhig. Dir Arbeit»- börse ist, wie gewöhnlich, geöffnet. Die Züge verkehren auf den verschiedenen Linien wie gewöhnlich. Die Eisenbahn- Gesellschaften melden kein Ausbleiben ihre» Personal». Zwar fehlt eine Anzahl, doch ist die Mehrzahl derselben krank. In der Provinz find militärische Maßnahmen getroffen worden- ein Fernbleiben von der Arbeit wird jedoch nicht mitgetheilt. UebrigenS hat auch eine Haussuchung bei Guerard, dem Vorstände des einzigen strikelustig gewesene» Eisenbahn« Gewerkoeretv», die Gewißheit ergeben, daß mit verschwindeu- den Ausnahmen alle Bahnarbeiterverbände den allgemeinen Strike widerriethen.
— Die Eventualitäten, die fich au» der Mission de» Capitän» Marchand in Faschoda ergeben könnten, bilden andauernd den Gegenstand der Erörterung in den politischen Kreisen. Die heiklen Fragen, die diese» Läudrrgebiet betreffen, können ihre Lösung nicht durch den Ttrdar Sitchener und den Capitäu Marchand finden. Jedenfalls hat dir franzöfische Regierung niemals daran gedacht, die aattliche Sendung der Misfiou Marchand» in Abrede zu stellen. Sie war mit wohlerwogener Absicht von der französischen Re« giernng orgauifirt worden und hatte die Aufgabe, in wirksamer Weise den französischen Kolonien am Tango und am oberen Ubangi Schutz zu gewähren und ihnen auch ein An»- gangSthor gegen den Nil, quer durch die Provinzen de» ehemaligen eghptischen Sudan», zu verschaffe, die zuletzt Nie« mandem angehört haben. Die franzöfische Diplomatie ist nun bestrebt, die Verhandlungen, die über diesen Gegenstand zwischen London und Pari» ein geleitet wurden, von diesem GefichtSpunkt au» zu führen. Der Pariser „Politique Coloniale" zufolge sollen die Verhandlungen in der Faschoda- Angelegenheit bereit» im November in Pari» beginnen. Eng« land muß sich thatsächlich auf eine ernsthafte, nicht aber leichte Auseinandersetzung wir den fravzöfischtn Ansprüchen einlaffen.
Aste». Die Regentschaft der Kaiserin-Wittwe von China nimmt, englischen Quellen zufolge, täglich mehr den Character einer Gewaltherrschaft an mit völliger Nichtbeachtung de» Kaisers. Jeden Tag werden Beamte abgesetzt, da die Kaiserin-Wittwe fich fest in den Sattel zu setzeu bemüht ist. Gewiffe Anzeichen weisen darauf hin, daß da»
wilze tz.
mdzor aat utd
Deutsches Reich.
Berlin, 14. October. Zur KaiserreisenachJeru- salem. Hebet den Aufenthalt bei Kaiserpaare» in Venedig wird weiter gemeldet: Auf der ganzen Fahrt unb bei der Ankunft aus dem Markulplatzr wurden die Majestäten von einer großen Volksmenge stürmisch begrüßt. Die Begeisterung erreichte ihren Höhepunkt, al» zuerst die Kaiserin Auguste vtcioria mit der Königin Margherita und sodann die beiden Monarchen auf dem Balkon de» Schlöffe» erschienen. Um 2 Uhr fand die FrühftückStafel statt, um 6 Uhr begab fich da» Kaiserpaar an Bord der „Hohenzollern". Die Stadt ist reich mit deutschen unb italienischen Flaggen unb mit Blumengewinden geschmückt. Kaiser Wilhelm und Kaiserin Auguste Sictoria begaben fich nach der Fiühstückstafel, begleitet von den italienischen Majestäten, an Bord der „Hohenzollern" - die italienischen Majestäten verweilten bi» 4 Uhr 10 Min. an Bord, bi» die „Hohenzollern" abfuhr, während die italienischen Geschütze Salntschüffe abgaben. Nach dem Frühstück im königlichen PalaiS unterhielt fich Kaiser Wilhelm mit dem Ministerpräfidenten Pellorx und dem Minister de» Auswärtigen Caoevaro, während König Humbert den Staats« secretär StaatSmioister v. Bülow in em Gespräch zog. — Der deutsche Botschafter in Konstantinopel Freiherr Marschall Von Bieberstein begiebt fich am Samstag zur Begrüßung der deutschen Majestäten auf de« GtationSschiff „Loreleys nach den Dardanellen. — Da» neugebildete zum Ehrendienst bestimmte leichte Eavallerie-Regiment „Ertogrul" unter dem Befehl des Obersten Said Bey, sowie die dem Kaiser Wtl« Helm zugetheilten Offiziere find auf dem TranSportsch ff 7Mekka und Medina" nach Jaffa abgegangen. — Urber den Festtag in Venedig wird einem Berliner Blatt noch Näheres geschrieben. Gestern und die ganze Nacht hindurch fiel ein fürchterlicher Platzregen. Sturm wühlte die Lagune auf. Man rechnete mit einer verspäteten Abreise bei deutschen Kaiserpaare- unb traf alle Anstalten für ein Galadiner am Abend Indessen hellte fich heme früh das Wetter ans. Die
Nom, 13. October. Italienische Staatsschuld. AuS dem amtlichen Bericht der öffentlichen Staatsschuld Italien» für da» Rechnungsjahr 1896/97 geht hervor, daß die Ansprüche deS ehemaligen Kirchenstaates, die nach Einverleibung desselben in das Königreich gesetzlich festgelegt wurden, in der Zeit vom 1. Januar 1871 bis 30. Jnni 1897 einschließlich der aufgelausenen Zinsen auf 69,887,500 Lire angrwachseu waren, die, da nicht abgehoben, Seitens der Verwaltung der öffentlichen Staatsschuld zur Verfügung de» Staatsschatzes gehalten werden. Gleichzeitig war der heilige Stuhl am 30. Juni 1897 Gläubiger in der Höhe von 16,125,000 Lire, Über welche er jederzeit verfügen kann, wa» er aber bisher aus bekannten Gründen stets verweigert hat. Letzterer Betrag ändert fich niemals, denn er wird regelmäßig mit Rückficht auf die verfallenen Zinsen, stets von Neuem um die gleiche Summe erhöht. Bemerkenswerth bleibt aus dem in Rede stehenden Bericht noch die Thatsache, daß seit Gründung deS Königreichs im Jahre 1861 bis zum 30. Juni 1897 nicht weniger als 17,229,030 Lire aus nicht zur Einlösung eiogereichten ZiuSscheinen oder verloosten Schuldverschreibungen zu Gunsten deS Fiskus verfallen waren.
Patt», 14. October. Die aus der DrehfuSsache und dem Ausstande entspringende Spannung tu Paris wird ge« nährt durch Gerüchte über den Plan eine- militärischen Staatsstreiche» gegen da» Sabinet Brisson. — von ihrem Pariser Mitarbeiter, der ja schon wiederholt auf die Unsicherheit der politischen Lage in der Hauptstadt ein« dringlich aufmerksam gemacht bat, erhält die „Tägl. Rundsch." folgenben eigenen Drahtbericht vom Freitag vormittag:
en
Uflferkleidong
9670
Inlerkleidnng
halbwollenen
und Hosen-
SS angefertigt-
Socken etc.
Zum Erntedankfest.
„Der alte Gott lebt noch": da» erfahren wir mit dankbarer Freude insonderheit am Erntedankfest. Der Landmann zunächst, dem nach viel Mühe und Arbeit, Sorgen und Grämen, nun der Ertrag seine» Felde» gesammelt ist in seine Scheunen. Aber auch der betriebsame Handwerker, der Beamte und Gelehrte, Handel und Industrie merken e» gar wohl, ob Fülle oder Mißwach». Gedeihen oder Mangel draußen in der Schöpfung gewesen ist. Hat der Bauer kein Brot, so leidet auch der Städter Roth, und überall im Lande empfindet man dann: ,,E» ist böse Zeit". — Freilich wer danken will und die segnende Hand de» treuen Gotte» erkennen, der muß ein genügsamer und zufriedener Mensch fein, der auch beim bescheidenen Theil getrost und kindlich seinem himmlischen Vater vertraut und ihn sorgen läßt, in Demuth und Glauben. Daß doch der gute Geist solcher Gesinnung aller Herzen belebte in einer Zeit, da Unzufriedenheit unb Undankbarkeit so viele Menschen um den Segen der göttlichen Güte bringen! Ihm aber müsse sich gesellen der Geist herzlicher brüderlicher Liebe, die da gedenkt der Armen und Nothleidenden unb willig ist, wohlzuthun unb mitzutheilcn nach dem Grundsatz: „Wa« mein ist, ist Dein!" — Wer ist hierzu tüchtig? Wer sein irdische» Tagewerk thut mit himmlischem Sinn, wer da weiß, daß da» irdische Leben ein Au»säen auf Hoffnung ist, ein Saatfeld für die Ernte am Tage de» Gericht». Wa» hülfe e» dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele! — Vergessen wir aber auch nicht da» Gebet, al» Opfer de» Danke» gegen Gott und als Kraft de» Wirken» für un» selbst! Wa» beschließt doch Luther» Erklärung der vierten Bitte alle» unter da» tägliche Brot, um da» wir bitten dürfen, für da» wir danken sollen! Da» Erntedankfest sei vor Allem ein Tag inniger Fürbitte für Volk unb Vater« lanb, um Frieben draußen unb um Einigkeit drinnen, daß wir genießen dürfen in Gottseligkeit und Ehrlichkeit, wa» de» himmlischen Gebers freundliche Hand un» bescheert hat! —
tlicki3 de8 Kurses ngg
in J , fr*lh. |lct «in 1.1“
I «tlht, t fr lH J
flbSSy schien. °° UriJf »frl $en, ^brik nnd / ,
'Handlung,
‘«Mer für ' (/lrd'nal.
Stadt zeigte einen äußerst belebten Anblick, sämmtliche Hotel» sind von Fremden überfüllt. Der kaiserliche Zug hielt in Udine, wo Bahnbeawte anfstiegen. Da» italienische König», paar war bereit» um 8 Uhr früh hier angelangt, der Köaig in langem, grauen Civilmaotel, die Königin in violettrm Kleide mit kurzem Mantel. Der Caoale Grande war auf» Herrlichste beflaggt, die Schiffe in großer Sala. Um 9 Uhr herrschte bereit» glänzender Sonnenschein. Um Mittag verließ da» KöntgSpaar bin Palast auf einer Hofgalagondel, begleitet von den prächtig geschmückten Booten der Stadt und einer unzählbaren Flottille von Privatbooten. Der Köllig war in kleiner General»nniform. Die Königin trug ein violette» Kleid mit lila Eapote und Paletot. Um 12 U?r 45 Minuten lief der kaiserliche Zug in den Bahnhof ein. Kaiser und König, sowie Kaiserin und Königin umarmten und küßten sich auf- Herzlichste. — Nach verlassen deS Bahnhofs nahmen die Kaiserin und die Königin in der ersten Gondel, der Kaiser und der König in der zweiten Gondel Platz und fuhren unter den brausenden Hochrufen der ungeheuren an den Kai» und den Booten versammelten Menge, unter den Klängen der kaiserhhmne und dem Donner der SchlffsgeschÜtze durch den Canal Grande. Nach zehn Minuten langten die Herrscherpaare am Maikiplatz an. Unter erneuten Evvivarufen betraten sie die Reggia und zeigten fich sofort der jubelnden Menge vom Balkon. Um 2 Uhr fand tin Frühstück mit 50 Gedecken statt. Die Herrschtrpaare saßen mit den Ministern und den Botschaftern an einer besonderen Tafel, in einem besonderen Saale da» Gefolge. Ls wurde keine Tafelrebe gehalten. Um 37a Uhr verließ das Kaiserpaar San Marco unb empfing sofort ben Gegenbesuch bei KöoigSpaare» an Bord der „Hohenzollem". Nach 4 Uhr lichtete die Kaiseryacht die Anker unter dem Geschützdonner de» italienischen Panzers „Ruggiero di Lanria" und de» englischen Krepzer» „Vulkan". In Konstautincpel find die Vorbereitungen zum Empfang de» Kaiserpaare» nahezu vollendet. Da» Kassemattschiff „Assari- tewfik", die Corvette „Jdschlalije", die Macht „Sultani", der Totpedojäger „Peleukiderja", der Kreuzer „Izmir" unb fünf Torpedoboote haben Befehl erhalten, morgen zur Begrüßung der Majestäten nach den Dardanellen abzugehen. In Konstantinopel find bereite Über 200 deutsche Touristen angekommen- auch in Jerusalem nimmt die Zahl der eintreffenden Touristen täglich zu, e» herrscht dort bereit» Mangel an Wohnungen. Die Arbeiten an dem für die deutschen Majestäten neu erbauten Kiosk find beendet, der Ktosk macht einen prachtvollen Eindruck. Die von einer Berliner Firma eingerichtete electrische Beleuchtung arbeitete bei einer gestern vorgenommenen Generalprobe vorzüglich. Die Arbeiten bei den Erweiterungen unb Pflasterungen ber städtischen Straßen werden auch Nachts fortgesetzt. Außer drei von der deutschen Kolonie gecharterten Schiffen fährt auch ein türkische» Schiff den deutschen Majestäten entgegen.
s „ «Ai
& Co.
atnialinchMng.
den Bahnhöfen 40.
te/ billige mtd bauen
Daare prompt ourMn.
lelbaite Reklame ai lassen
isputz
brikat
nrother Farbe


