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9ir. 39 Kweites Blatt. Mittwoch dm 16. Februar
1898
Gießener Anzeiger
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Der bisherige Verlauf des Zola-Prozesses.
Vielleicht ist in dem Augenblick, in welchem wir mit diesen Zeilen vor unsere Leser treten, da» Urtheil in dem Prozesse gegen Emile Zola bereit» gesprochen worden. Auch sprechen die Thatsachen dasür, daß da» noch nicht der Fall sein, daß vielmehr di« Angelegenheit noch länger als ursprünglich vorgesehen war, die Gewüther beschäftigen wird. Wersen wir aus den bisherigen Verlauf deS Prozeffes einen Rückblick, so ist zunächst zu constatiren, daß trotz der Versuche de» Präfidenten de» Gerichtshofes, die Verhandlungen auf die Ssterhazh-Affaire zu beschränken, immer tiefer in da» Gebeimniß der Berurtheilung de» Eapitän» Dreysu» ein- gedrungen wird, daß alle Vergewaltigungen, welche der Gerichtshof gegen Zeugen und Brrthrioiger auSübte, nicht verhindern können, daß mit immer größerer Bestimmtheit ein im DrrhfuS Prozesse stattgehabtes ungesetzliche» Verfahren zu Tage tritt. Auch wir neigen der schon von verschiedenen ernsten Blättern ausgesprochenen Auffasiung hin, daß nicht anzunehmen ist, ein au» angesehenen hohen Offizieren zusammengesetzte» Gericht solle einen Kameraden de« ChauviniS- mu» geopfert haben, ihn und seine Familie lebenslänglicher Betrübniß und Qual überlaffend. Der Gedanke mühte weit fortgrwiesen werden, da er zu absurd erscheint und keinem fühlenden und denkenden Wesen zugetraut werden darf. Aber, so fragen die Zweifler mit Recht, wrßhalb denn diese Geheim- nißkrämerei der Regierung? Sollte diese nicht unter allen Umständen den Muth haben, offen und ehrlich Farbe zu bekennen? Ihr Ansehen wird in den Koth gezogen, wem, auch heute noch so viele Franzosen auSrufen: „Nieder mit Zola, in» Waffer mit ihm!" Oder sollten doch jene Stimmen Recht haben, welche da wiffeu wollen, der Auftraggeber de» Excapltän» Dreyfu» sei der Alliirte Frankreich»? Dann wäre daS Verhalten der Regierung vielleicht zu verstehen, wenn auch nicht zu entschuldigen- dann müßte freilich Dreyfu», wenn er wirklich der Verräther war, unschädlich gemacht weide?, damit der Welt nicht bekannt wurde, der Verbündete hab?: unlautere Mittel gebraucht, um über die Kriegsbereitschaft Frankreich» fich zu unterrichten. Denn doch nur darum konnte e» fich für Rußland handeln, da» für absehbare Zeit kaum in einen directen Confliet mit Frankreich kommen und dem drßhalb wenig daran gelegen sein konnte, die franzöfischen Mobilmachungspläne auf Umwegen zu erfahren. In diesen Tagen hat hierüber ein ungarisches Blatt Enthüllungen gebracht, dir wir aber in daS Reich der Märchen verweisen möchten, da fie ans den oben angeführten Gründen jeder Unterlage entbehren.
Und wenn der Fall, daß eS fich bei der Berrärherei Dreyfu» um Rußland handelte, wirklich vorlag, fo durfte die französische Regierung eine Ungesetzlichkeit des Kriegsgericht» doch niemals zuloffen. Angeklagter und Vertheidiger haben unter allen Umständen einen gesetzlichen Anspruch darauf, daß ihnen jede» Beweisstück, auf Grund deffen die Berurtheilung
erfolgt, zugänglich gemacht wird. Auch der Vertheidiger hat ebenso wie die am Kriegsgericht betheiligten Offiziere unbedingte» Stillschweigen zu beobachten, aber er muß in alle Actenstücke, die seinen Clienten betreffen, Einficht nehmen können. Daran, daß ein derartige» geheimes Aktenstück Vorgelegen hat, herrscht wohl kaum noch ein Zweifel, da» wird bewiesen durch da» fatale Schweigen der militärischen Zeugen im Prozeß Zola, wenn ihnen eine derartige Frage vor- gelegt wird.
Der berühmte Schriftsteller ist angeklagt, die Mitglieder des Kriegsgericht», welche im Prozeß Esterhazy mtheilten, dadurch beleidigt zu haben, daß er ihnen vorwarf, fie hätten, um eine Revifion des DreysuS-Prozeffe» zu hintertreiben, die Untersuchung gegen Esterhazy oberflächlich und parteiisch betrieben. Um die» zu beweisen, muß selbstverständlich auf den Gang der krieg»gerichtlichen Verhandlungen gegen DrehfuS zurückgegriffen werden, denn sonst fehlt Zola jedes Mittel, um die Gründe darzulegen, wrlche den Efterhazy-GerichtShof zu seiner Handlungsweise geleitet haben könnten. Aber der Präfideut und seine Beisitzer im Zola-Prozeß haben es anders beschloffen, und e» muß stark befremden, daß der Gerichtshof eines modernen Staatswesens fich dazu hergiebt, da» Seinige dazu beizutragen, daß in eine da» Interesse der ganzen gebildeten Welt bewegende Angelegenheit kein Licht gebracht wird, daß der Schleier über der DrryfuS-Affaire noch ferner verbleiben soll.
Die intrreffanten Einzelheiten deS Zola Prozesses haben wir in ausführlichen Telegrammen gebracht, und au» diesen geht unwiderleglich hervor, daß, mag auch Zola verurtheitt werden, der Gerichtete doch immer Frankreich sein wird. Die Republik hat schon so viele Scandalaffairen zu Tage gefördert, daß man fich freilich nicht verwundern kann, wenn von Zeit zu Zeit eine neue hinzutritt. Aber derjenige Staat, deffen Jnftizpflege nicht mehr al» intact angesehen werden kann, ist morsch in seinem Innersten.____________________(xx)
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Vietze«, den 15. Februar
»in AnSschreibm bei Staat,feeretärl del Reichlpost- ernt! v. Podbieltti an die Handel!- und Gewerbekammern führt aus, daß der Verkehr an den Packetannahme- stellen der Postanstalten in den Abendstunden in außerordentlichem Maße fich zu steigern pflege. In der Stunde vor Schalterschluß würden häufig mehr Packete als während des ganzen übrigen Tage» angenommen. Die» sei darauf zurückzuführen, daß die Versandtgeschäfte gewohnheitsmäßig die gesummte Einlieferung ihrer Packete in diese letzte Stunde zusammendi äugten. Die Reichspostverwaltung biete Alles auf, um dem gesteigerten Verkehr in d-u Abendstunden gerecht zu werden, aber trotz der größtmöglichsten Verstärkung de» Annahmepersonals sei die glatte Abwickelung de» An- nahmeverkehr» unter dem Drucke der erwähnten Berhältnifle
oft undurchführbar. Da» Reich-Postamt ersucht deshalb die Handel»- und Gewerbekammern, ihren Einfluß auf die kaufmännischen Kreise zur Beseitigung der geschilderten Mißstände in der Richtung geltend zu machen, daß die Packrteinlieferuug während des Tages mehrfach und nicht in der letzten Stunde so maffenhsft erfolge.
•• AufichtSpostkarlen und Sonntaglruhe Bekanntlich wird z. Zt. ein recht flottes Geschäft mit den sogenannten Ansichtskarten gemacht. Fast jede Wirthichaft, und wäre fie noch so unbedeutend, hat heute ihre Ansichtskarte. Da» Hauptgeschäft in solchen Karten wird Sonntag» gemacht, wo in einzelnen frequenten Wirthschaften Hunderte solcher Karren zum Verkauf kommen, zum Vortheil der Wirthe und der Post. Der Verkauf in besuchten Wirthschaften ist sogar derart, daß fich die Wirthe besondere Verkäufer für dm Verschleiß der Karten in ihren Lokalitäten engagiren rc. Wie der Anz." au» Mainz berichtet, soll nun dort auf eine Anordnung b » Polizeiamte» für dir Folge der Verkauf solcher Ansichtskarten des Sonntag» in den Wirthschaften eine wesentliche Einschränkung erfahren.
Heidelbach (Kreis Alsfeld), H.jFebrnar. Schon längere Zeit hielt fich in unseren Wäldern ein Wildschwein auf, da», aus den Spuren schließend, von enormem Gewicht sein mußte. Am Donnerstag ist es nun Herrn Forftwsrt Schmidt von hier gelungen, auf einer von ihm mit verschiedene« Collegen gemeinsam veranstalteten Jagd daffelbe zu erlegen. E» war ein Keiler im Gewicht von 230 Pfund mit besonders stark ausgebildeten Hauern. Gewiß etwas Seltene» für htefige Gegend. D. Tgl. Anz.
4- Nidda, 14. Februar. Bei der hier stattgehabten Ersatzwahl eines Borstands-Mitgliedes der israelitischen Gemeinde ereignete fich die merkwürdige Thatsache, daß nur vier Wahlberechtigte von ihrer Befugniß Gebrauch machten und Jeder einen anderen Candidaten nomiuirte. Wie daS Großh. KreiSamt Büdingen über diese einstimmige Wahl befinden wird, darüber ist man begreiflicherweise sehr gespannt. — Am 27. l. MtS. hält der hiesige Turnverein wieder einen carnevalistischen WohlthätigkeitSabend, deffen Reinertrag zur Hälfte öem Verein „Krankenpflege" zugewendet werden wird.
n Bon der Ridda, 14. Februar. Die Bo drnp reise find in der letzten Zeit bei unS bedeutend in die Höhe gegangen. ES mag da» mit dem finkenden Zinsfuß zusammenhängkn, der es möglich macht, daß bei den jetzigen Fruch'preisen da» in Grund und Boden angelegte Capital eine höhere Verzinsung bringt, al» da» tn einer Sparkasse oder in Werthpapieren angelegte. Bor etwa zwölf Jahren wurde beispielsweise in Stadea ein größere» Gut verkauft, bet dem al» Höchstpreis 400 Mark für den Morgen gelöst wurden- dem eine halbe Stunde von da entfernten Stammheim wu-den bei gleicher Gelegenheit vor etwa fünf Jahren 1200 Mark für die gleiche
Feuilleton.
Frankfurter Brief.
(Originalbericht für den .Gießener Anzeiger".)
(Nachdruck verboten.)
Die Srstaufführnvg del Sudermann scheu „Johannes". — Die Stuck-Aulstellnug bei Schneider. — Vortrag der Baronefse v. Bistram im FrauenbildungSverein.
Dr. M. Bevor da- jüngste Werk Sudermann» noch die Bühne erreichte, ist so unmenschlich diel über dasselbe geschrieben und debatrirt worden, daß der Eindruck, den dann sein wirkliche» Erscheinen im Theater hervorrief, in gar keinem Brrhältniß steht zu den vielseitigen Erwartungen, die im Vorau» durch dasselbe erregt waren. ES ist niemals gut und gereicht einer dramatischen Dichtung fast immer zum Schaden, wenn fich schon alle möglichen vorzeitigen günstigen wie ungünstigen Urtheile über fie ansammeln können.
Die Buchausgabe trägt bereit- dir Bemerkung 12. Auflage auf der Titelsei An Lesern ist also kein Mangel und an solchen, die Queue bilden, um noch rechtzeitig einen guten Platz zur Aufführung de» „Johanne»" zu erlangen auch nicht. Es fällt unS nicht ein, tu diesem Brief die Maffe der EffayS über -en neuesten Sudermann zu vermehren. Wir beschränken un» auf die Bemerkung, daß da» Drama, trotz unleugbarer Schwächen, kein gewöhnliche- Theaterstück ist, sondern Stellen von hoher, dichterischer Kraft birgt, die denn auch in Frankfurt von Hauptdetheiligten mit Schwung und Klarheit herau-gearbeitet wurden. Uneingeschränkte» Lob
verdienen die Leistungen der Damen Frank und Landori als „HerodiaS" und „Salome" und die Herren Barthel und Hermann als „Johanne-" und „HerodeS."
Wäre Sudermanns „Johannes" etwa in die Epoche de- „jungen Deutschland", in die Tage der Laube, Mundt und Gutzkow gefallen, des Jubels ob solcher markigen, prägnanten Sprache, die mit wenigen Sätzen oft wunderbar tiefe Vor- stellungSreihrn tn der Seele des Hörer- auszulöftn weiß, wäre kein Ende gewesen. Durch Ibsens Dramatik und ZolaS Epik haben wir jedoch mittlerweile einen Maßstab tn die Hand bekommen, an dem gemeffen, Biele» fchon al» klein erscheint, wa» es an und für fich noch nicht ist. Wir find recht anspruchsvoll geworden und begehren eine Kraft, die unsere Nerven aufwühlt und den Kopf zugleich beschäftigt. DaS thut jedenfalls die Kunst Franz Stucks, die eine ganz bestimmte Note zum ästhetischen Gesamrntempfinden unserer Tage stellt. Dem Kopf und den Nerven gibt fie zu thun, — daS Herz freilich läßt sie kalt. Wenigstens geht es mir jo. Trotz redlichen Willen» kann ich in kein innere» Berhältniß zu diesen Bridern kommen, obwohl fie die dämonische Schöpferkraft ihre» Meisters fast alle, mit wenigen Ausnahmen, verrathen. Die Frauen köpfe mit ihrer geradezu satanischen Psyche, in denen freilich Stuck einen ganz bestimmten Typus des modernen oder, richtiger gesagt, des decadenten Weibes verewigen will, wirken am unerfreulichsten - fie fördern den Pesfimtsmu». Zu einem Leben, in welchem solche Wesen herrschen sollten, etwa an Stelle der idealen Frauengestalten eine» Anselm Feuerbach, kann man nicht freudig Ja und Amen sagen!
In den religiösen Bildern Stucks liegt ohne Zweifel ein bedeutender Gehalt- aber nur von Seiten der Reflexion scheint sich der Künstler dieser Stoffe bemächtigt zu haben. Wer einmal die Compofition „Da» verlorene Paradies" gesehen, vergißt sie so leicht nicht wieder. Dieser Cherub mit den schweren, mächtigen, den Boden streifenden Fittichen, die Versinnbildlichung de» unerbittlichen SchickfalSspruchS, und daS erste Menschenpaar, da» eben mit verhülltem Antlitz ben Garten Eden verläßt und nur von der Rückenseite au» zu sehen ist, aber in der ganzen Haltung die schwere Last zeigt, die eS mit foxtnimmt 1 Auf dem Adam wuchtet schon da» ganze Erdenleid der kommenden Geschlechter. Läßt fich diese Vorwegnahme psychologisch rechtfertigen? Eigentlich nicht. Der Adam dürfte in diesem Augenblick noch nicht so mitgenommen von harter Frohn ausschauen.
Die kleinen plastischen Arbeiten „Athlet" und „Der verwundete Centaur" veranschaulichen unS Stucks Vorliebe für starke» Muskelspiel.
Großen Beifall fand am Montag der Vortrag der Baronesse von Bistram (Wiesbaden), die, vom Frauen- bildungSvereiu aufgefordert, über da» Thema sprach: „Erweiterte Frauenbildung und wa» wir von ihr erwarten". Die Dame, welche auf ihren Reisen in vier Welttheilen reiche Erfahrungen über Sitten und Cultur verschiedener Nationen gesammelt hat und solche höchst belehrend zu verwerthen weiß, ist eine warme und eifrige Propagandistin für da» erste deutsche Mädchengymnafium zu Karlsruhe.


