Ausgabe 
15.12.1898 Drittes Blatt
 
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klärt sich in einem Briefe an den ersten Präsidenten des Caffationshofes gegen Zusicherung sicheren Geleites bereit, vor der Criminalkammer zu erscheinen, um allen verhörten oder noch zu verhörenden Zeugen gegenübergeflellt zu werden und über alle ihn selbst betreffenden Punkte auszusagen. Er wolle die Ehre seines Namens und seiner Kinder vertheidigen und auch die Ehre eines Tobten (Henrys), mit welchem eine Schuld zu theilen, die weder für den Gnen, noch für den Anderen bestehe, er nicht geneigt sei. lieber die Antwort auf dieses Anerbieten ist noch nichts bekannt.

Part», 13. Deeember. Die leidige Drehfusfache hat am Montag in der Deputtttenkammer neue lärmende Auftritte veranlaßt, und zwar infolge de- Versuchet von soctaltftischer Seite, die Angelegenheit aus da- internationale Gebiet hinüber zu spielen. ES wird darüber berichtet: Paschal Groufftt (Boetalist) intcrprllirt über durch den Geueralstab in der Dreysu-fache begangene JudiScretiouen «nd verliest mehrere Zeitung-artikel, von denen er angiebt, daß sie vom Generalstab herrühren. (Heftiger Tumult, mehrer? Depntirte erheben einen lebhaften Wortwechsel, auch einige Faustschlage fallen.) »Jutraustgeaut" zum Beispiel br< öffentliche einen Artikel, welcher von einem Brief deS dentjchen Kaiser- und von einer Unterredung de- Grafen Münster mit Lafimir Perier sprach. (Lärm.) Ministerpräsident D^Puy sagt, der Redner fei frei bei seiner Dtkcusston, aber als Chef der Regierung protestire er mit äußerster Energie gegen eine Sprache, deren Tragweite der Redner nicht be- meffen habe. (Lebhafter Brifall.) Dsroulöde schreit:Herab dorr der Tribüne! (Verdoppelter Tumult.) Krieg-M'.nister Frehrinet faßt, wenn er hätte voranssetzen können, wa- dies für eine InterPellatwn wäre, so würde er deren Vertagung um einen Monat verlangt haben. (Beifall.) Al- der Redner wieder den versuch macht, den deutschen Kaiser in die Debatte zu ziehen, erheben sich lebhafte Protestruse. Der Präsident De-chanel ersucht den Redner, auswärtige Souveräne nicht tu die Debatte zu ziehen. (Beifall.) Gronffet verliest eine Note desGaulois", welche auf Frankreich- Verbündeten (Rußland) hinweist. (Erneuter Widerspruch.) Dieselben Blätter haben sich gegen Italien gewandt. Paschal Gronffet erinnert au die kürzliche Note derAgence HavaS", daß der Minister de- Auswärtigen, Delcaffö, genöthigt gewesen wäre, einen Schritt bei dem deutsche« Botschafter zu thun. (Heftige Unterbrechungen- Le Myre de VilerS faßt: Wa- wollen Sie denn, bei solchem Vorgehen ist keine auswärtige Politik möglich.) Gronffet erwidert, er habe da- Recht, auf der Tribüne eine Angelegenheit de- Lande- zu be­handeln und eine Note de- Minister- de- Auswärtigen zu citiren. Mau hätte dann auch Oesterreich-Ungarn in die Angelegenheit hineingezogen. Der Redner fragt, ob die Re­gierung zulaffen wolle, daß da- Centrnm de- WiderstaudeS gegen die Gesetze von dem Krieg-ministerinm auf den Stab de- Gouvernement- von Paris übergehe, ob fie im Interesse der Republik oder im Jntereffe der Jesuiten die Regierung führen wolle. (Beifall auf der äußersten Linken, heftige Unterbrechungen auf den anderen Bänken). Kriegsminister Frehcinet faßt: Die Vaterlandsliebe der Kammer werde es vermeiden, da- Heer in feine Debatte hereinzuziehen. Wer die Armee angreife, der greife ihn, den Minister, selbst an. (Beifall.) Ministerpräsident Dupuy wünfcht al- Be- stätiguug, daß da- Heer nicht in die Erörterung gezogen werden solle, die Annahme der einfachen Tagesordnung. Diese wird hierauf von der Kammer mit 463 gegen 78 Stimmen an­genommen.

Brüssel, 13. Deeember. Die Socialdemokraten haben gestern zwei große Versammlungen abgrhalten, in welchen sie da- von den Liberalen vorgeschlagene Bündniß gegen die reactionäre elerteale Majorität aunahmen. Diesem Beschluß wird in hiesigen politischen Kreisen große Bedeutung zugewefftu, zumal er auch in der Provinz wahrscheinlich an-

»Entschuldigen Sie, Herr Baron, daß ich anderer An­sicht bin. Ehre und Pflicht geboten wir, denselben herbei- zusühren. Herr Baron Richard von Saffeu, der Gras Arthur von Halffeu gibt sich die Ehre, Sie hiermit um die Hand Ihrer Fräulein Tochter Adele zu bitten."

»Herr Graf von Halffrn, ich weiß die Ehre, die Sie mir und meinem Hause erweisen, voll und ganz zu schätzen, aber Umstande zwingen mich, Ihren Antrag abznlehnen."

»Nur wegen de- Stifte- Saffenhei« ?"

Nur deßwegen! Ehre und Pflicht gebieten e- mir, daß ich meinen Nachkommen die Rente an- dem Familiensttft erhalte! Schon oft war fie der RtttungSauker meiner Familie tn schweren Zeiten. Ich bitte also, Herr Graf, laffen wir da- Thema ruhen.-

»Im Gegentheil! Ich habe Ihrer Fräulein Tochter geschworen, sie zu httrathen!"

»Gegen meinen Willen?"

Mit Ihrem Willen."

»Unmöglich! Ich sehe keinen Weg."

»Aber ich ! Ich grflnbe ein neue- Stift Saffenheim, aber ohne jenen unaugenehmen Paragraphen." « * *??ein verstehe keinen Scherz in dieser

Sache r

Ld,(,ic nhttI ®le vergessen die Höhe meines vermögen?.

Tie wollten wirklich

»Selbstverständlich! Also einverstanden?"

»Eluverstanden! Ganz gewiß dieser Paragraph war mtt oft efa Dorn im Fittiche! Sie gefielen mir gleich beim erften Anblick, lieber Graf, und mein Herz blutete bei meiner Ablehnung.

»Ich danke Ihnen, Herr Baron! Doch jetzt, bitte, »u dm Damen, die angstvoll der Entscheidung harren "

Einiße Minuten später waren die Familien versammelt Md der Baron verkündete zum höchsten Erstaunen und zur größten Freude die Verlobung de- jungen Paares.

Wöchentliche Ueberficht der Todesfälle in Gießen.

50. Woche. Vom 4. December bis 10. Deeember 1898. (Eimoohnerzahl: angenommen zu 24100 (tncl. 1600 Mann Militär). SterblichkettSziffer: 19,41, nach Abzug der Ortsfremden 10,79 «/oo-

Kinder

Summa: 9 (4) 7 (2) 2 (2)

Es starben an: Zusammen:

Erwachsene:

im

vom

1. Lebensjahr: 2.

-15. Jahr:

Altersschwäche

1

1

'

Verunglückung

1

1

Diphtheritis

1 (1)

1 (1)

Lungenschwindsucht

1

1

Gehirnschlagfluß

1

1

Lungenentzündung

1 (1)

1 (1)

Lungen erwetterung

1 (1)

1 (1)

Herzleiden

1

1

Darmetnklemmung

1 (1)

1 (1)

Sam. Die t« Klammern gesetzten Ziffern geb« en, wie viele der Todesfälle in der betreffend« Krankheit auf von au-wärt- nach Gieß« gebrachte Kranke komme«.

genommen werden wird. Bei den kommenden Wahlen würde i dann die klerikale Partei einer sicheren Niederlage entgegen- gehen.

Großbtttrnuien. Ein merkwürdiger wirthfchaftlicher Gesundung-plan für Britisch-Weftmdien wird bekannt. Lpton, der Theemillionär, Spender de- 25,000 Pfund-Check- beim Jubiläum der Königin, dann Sir, war in Gefahr, über Kitchener vergessen zu werden. Dem Manne kann geholfen werden, dachte der Colonialminister Chamberlain, und neiftel aus den Plan, der bankdrüchigen Colonie Westtndien, deren Rohrzucker, wie man weiß, dem Wettbewerb de- Rübenzucker­erlegen ist, mit den Theemrlltouen Str Thoma- Lipton- anS- zuhelfen. Auf Jamaica nämlich hat eine brttengegnerische Bewegung, die au- wtrthschaftlichen Gründen nach der Ber­einigung mit Nordamerika strebt, bereit- gefährlichen Umfang anzunehmen begonnen, und da Chamberlain (denn die Liebe zu Amerika hat ihre Grenzen) an Jamaica nicht etwa Aehn- licheS erleben möchte, wie an Cuba Spanien, so entschloß er sich zu einem durchgreifenden Mittel. Sir Thoma- Lipton hat sich bereit erklärt, eine runde Million Pfund Sterling auf die Nrufchöpfung, fei e- der Zucker- oder anderer Ge­werbe, im britischen Westindien zu verwenden, fall- die beiden Sachverständigen, die er hinau-schickt, den Gedanken nicht für aussichtslos erklären. Bon der Regierung will er freilich eine Bürgschaft gegen ganzen Capital-verlnst- da- aber würde seinen Verdienst nicht schmälern. Unwillkürlich rechnet man: wenn auf einen Check von 25,000 Pfund für den Armeuspeisefond- der Prinzessin von Wale- der Ritterschlag gefolgt ist, wa- wird auf den Check von einer Millwn Pfund Sterling folgen, der dem Reiche eine ganze Colonie er­halten ioll. Tägl. Rundschau.

-Lchweden und Norwegen. Die unlängst erörterte nor­wegische Flaggen frage, deren Entwickelung bekanntlich auch für das Unionsverhältniß der beiden Länder bedeutsam ist, tritt jetzt in ihren entscheidenden Abschnitt ein. In ihrem jüngsten Ministerrathe haben die norwegischen Minister ver­langt, daß der König nicht nur einen Erlaß unterschreibe, durch den der Beschluß des StorthingS, betreffend die Ein- sührung der reinen norwegischen Flagge, als Gesetz veröffent- licht, sondern auch, daß das Gesetz durch den Minister des Auswärtigen an die Consuln mitgethttlt würde. Falls der König das Verlangen nicht erfülle, würden die norwegischen Minister ihre Portefeuilles dem Könige zur Verfügung stellen. Nun hat aber inzwischen der König erklärt, den StorthingS- beschluß nicht zu genehmigen. Gleichwohl muß der Beschluß infolge des Artikels 79 der Verfassung als Gesetz veröffent­licht werden, wonach das Einspruchsrecht des Königs gegen­über einem drttmaligen Beschlüsse des StorthingS hinfällig wird, und die Bekanntmachung des Gesetzes ist auch schon ausgesertigt. Die wetteren Folgerungen bleiben nun abzu­warten.

Kanea, 13. Deeember. Die gestrige Proclamation der vier Admirale an dir Kretenser erklärt die neue autonome Organisation. Prinz Georg ist hiernach al» Commiffar auf drei Jahre unter Anerkennung der Suzeräuität de- Sultans gewählt.

Amerika. Eine große Rührigkeit entfaltet die Anti- Imperialistische Liga ia den Bereinigten Staaten. Die New England Republikaner versehen die Liga meisten- mit Geldmitteln und mit Führern. Die Senatoren Hoar und Haie brachten im Senate von Bürgern der Staaten Massachusetts und Maine angenommene Resolutionen ein, die gegen die Aus­dehnung der Suveränetät der Bereinigten Staaten auf die Philippinen, sowie gegen die Erwerbung fremden Landgebiete» ohne die Zustimmung der dortigen Bevölkerung Einspruch erheben. Wenn indeß au- Madrid gemeldet wird, Sagasta werde sich nicht beeilen, den Frieden-vertrag den Corte- vor- -alegeu, weil e» möglich fei, daß der amerikanische Senat oen Vertrag ablehne, so erscheinen diese Hoffaungeu winde- sten- verfrüht, von der öffentlichen Meinung in Nordamerika find die südlichen, mittleren und westlichen Staaten fast du- mütbfa für die Politik de» Präfidenten.

Georg LoruiettiuS. Man schrttbt der »Franks. Zeitg." au» Hanau: Der am 9. d. hier verstorbene Maler Georg Corniceliu» war am 28. August 1825 in Hanau geboren nnb besuchte schon in früher Jugend die zu damaliger Zett unter Peliffier'S Leitung stehende Zeichenakrdrmie. Nach Absolvirnng der Hanauer Kunstschule ging er Ende der vier. Kiger Jahre nach Antwerpen, wo er in die von Wapper» geleitete Akademie eintrat. Bon Antwerpen, woselbst er einen guten Grund zu seiner Maltechuik gelegt hatte, kehrte er wieder auf kurze Z it in feine Bäte stadt zurück und be- gab sich alSdann zu Anfang der 50er Jahre nach Pari-, Dresden, Münch«, Venedig und Florenz, um vorzugsweise die großen italienischen Meister zu studiren. Niemals ist er aber auf den Pfaden der von ihm studirten Schulen gebllebtn. Es war ein tiefer Grundzug seines Wesens, daß er Allem an- dem Wege ging, was ihn in der Entfaltung seiner In­dividualität störte. Er hat sich eigentlich keinem Meister unserer Z-it angeschloffen, dagegen fiubirte er unablässig die Natur, sowie die bedeutenden Erscheinungen der bildenden Kunst. In seine Vaterstadt Hanau dauernd zurückgekehrt, schuf er 1853 sein große- Gemälde,Maria Stuart auf dem Gchoffott",- in der Folge entstanden:Zigeuverkiudcr," Lautenspielerin,"Christus mit der Dornenkrone,"Zigeuner« Mädchen aus sonniger Haide, mit einer E dechse spielend." Einer späteren Zeit gehören an:Aschenbrödel," »König Euzio," Mignon,"S-ändchen," »Christus unddrrversucher,"Fahren­de» Volk,"Mufizirende Mönche,"Rothkäppchen im Waide," DaS dogeschlkfeoe Modell,"Der Berroth de» Juda»" usw. Wie in Bezug auf seine Kunst, so war CocntceliuS auch ali Portraitift h'.nfichttich seiner LebkvSgewohnhetten höchst be­scheiden. Wer den Mann in grauer Lodenjoppe und Loden- Hut, mtt derben Schuhen an den Füßen, tu feinem einfachen, zu ückhaltenden Wesen vor sich sah, der ahnte gewiß nicht, daß er einen echten und bedeutenden Künstler vor sich habe.

* Ein interessanter Bauer. Der Röntg von Württem­berg hat dem Bauer und Steinbrvchbefitzer An ton Pharion in Steinheim bei Httdenheim die Verdienstmedaille des Kronen» Orden» verliehen. Diese selten anSgethttlte Auszeichnung hat ihren Grund darin, daß Pharion mit außerordentlichem Geschick die Ausgrabung und Bewahrung der tn feinem Steinbruch gefundenen Versteinerungen leitet. Seit Jahren besitzt dieser unter den wissenschaftlichen Sammlern wegen feiner prächtigen und riesigen Exemplare berühmte Steinbruch einen Weltruf, und fein EtgemhÜmer, der einfache Bauer Pharion, der die ersten Versteinerungen darin entdeckte, hat sich im Umgang mit Gelehrten und Forschern selbst ein nicht zu verachtendes mineralogische- Wissen gesammelt und sich zu einem an-- gezeichneten Couservator ausgebildet. Man darf anuehrnen, daß die ihm zu Theil gewordene Auszeichnung auf die Uni­versität Tübingen und auf Stuttgarter Gelehrtenkreise zurück- zusühren ist, da Pharion trotz auswärtigen höheren Angeboten oft seltene Stücke deutschen und württembergischen Samm­lungen überlassen hat.

Osvinischtes.

* Der Winter in den «lpen. In Grindelwald kommt nach einem Bericht desLuzerner Tageblatts" die Winiersaison nach und nach in Gang. Der Schnee hat bereits eine Höhe von 75 Zentimeter. Es macht sich nun Alles bereit, die Winterkurgäste zu empfangen und ihren Aufenthalt angenehm zu machen. Die bewen HotelsBär" undEiger" fäubern ihre Eisbahnen; die große Schlittbahn von der sogenanntenKanzel" bis hinab in den Grund wird auch in Angriff genommen. Die beiden Ski-Lieferanten haben ihreLadl" wieder zur Verfügung. Bald wird sich ein reges Leben auf der Straße gegen dieRotenegg" ent­wickeln, wobei Jung und Alt, Engländer und Einheimische mit einem lautenHue"-Ruf auf ihren Gemmeln dahersausen. Im Engadin hat der Schneefall bei Einheimischen und Fremden erfrischend und belebend auf das Gemüth gewirkt, schreibt dieEngadiner Post". Vorläufig vergnügen sich die Sportsleute mit Ski-Fahren; in wenigen Tagen werden die Sem genügend starke Eisflächen bieten, um das Eisläufen zu gestatten. Am Nordfuß des Juli er bei Acla ist eine große Lawine niedergegangen. Mehrere Gebäude würben stark beschädigt und eine kleine Schafheerde erdrückt. Die Züricher Post" schreibt:Für Diejenigen, die sich in der nächsten Zett nach der italienischen Riviera zu begeben gedenken, ist die Reise schr mühsam und schwierig. Die Linie von Mailand über Genua kann nicht eingeschlagen werden, nur diejenige von Alessandria nach Savona ist zu benützen. Die Strecke Genua-San Remo, die sich mancher­orts hart dem Sttand entlang zieht, ist an einigen Stellen seit den letzten Stürmen unterbrochen. Mächtige Sturzwellen zerstörten die Bahnanlage, so zwischen Genua und Savona und Diano Marina und Oneglia. Züricher, die letzte Woche nach San Remo reisten, kamen dort nach verschiedenen Kreuz- und Querfahrten statt Abends halb 5 erst Morgens 2 Uhr an. Das Wetter sei dort gegenwärtig wundervoll."

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