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15.10.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 242 Zweites Blatt Samstag den 15. Oktober

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Sitzung der Stadtverordneten

am 13. October 1898.

Anwesend: Herr Oberbürgermeister Gnauth, Herren Bei» geordneten Georgi, Grüoeberg uad Wolff, von Seiten der Stadtverordneten die Herren Brück, Emmelens, Fader, Flett, Grünewald, Dr. Guiflcisch, Habenicht, Haubach, Heichelheim, Helfrich, Jughardt, Keller, Kirch, Löder, Prtre, Schwall, Dr. Schäfer, Scheel, Dr. Thaer und Waller fel«.

Einem Gesuch der Deutschen Landwtrt hs chafts- Gesellschaft uw Beitritt eines Vertreters der Stadt Gießen tritt die Versammlung nach Anhören de- einschlägigen Re« ferats bet.

Das Gesuch des Herrn L. Seuliog am Erlankmiß zur Ausstellung einer Trockenhalle auf seine« Grundstück an der Margaretheohütte wird unter den üblichen Bedingungen besürwortet.

Das Baugrsnch der Firma Mettenheimer & Sdjult» h eis für ein Eowptoirgebäude am Kreuz bedarf der Befür« wortung des DtSpeuir- von den den Flächeninhalt der Hof- räume betreffenden boupoltzetlicheu Bestimmungen. Dir ver» sawmlung spricht fich für Befürwortung aus, sofern Gefach» stelle» den von Kreisdauiuspector und Braudverficheruugs» iusptctor gestellten Bedingungen entspricht.

Ueber den folgenden Gegenstand der Tagesordnung: Anlage einer Abfahrt an der Rodhelmerstraße, wird nicht verhandelt, desgleichen nicht über das Gesuch des Kohlen» Händler! Gg. Schäfer um Entfernung eines Baumes an der L cherstrahe- beide Gegenstände konnten noch nicht in der vaudeputation vorberatben werden.

Beim Umbau der Brücke im Zug der Bismarckstraße ist der Voranschlag u« 127 Mk. überschritten worden infolge Mehraufwand für Maurer« and Steinhauerarbeit. Die auf 8777 Mk. lautende Gesammtrechoong über den Umbau wird genehmigt.

Die Kölner Electrieiiäts-Aetien Gesellschaft hat fich zur Einrichtung desAutomobtl-Droschkeuverkehrs tu der Stadt Gießen aageboten. Sie gedenkt vorerst fünf bis sechs Wagen verbefferter Bauart in Betrieb zu setzen, verspricht die Fahrtlätze den ortsübltcheo avzupoffen und denselben die Toxameierderechnuog zu Grunde zu legen, auch einen Theil des Brutto Erlöses an die Stadt abzuführen. Die Finanz» wmmisflon hat erklärt, grundsätzlich dem Uaternrhmen nichts -in den Weg zu legen, aber auch ein etwa erhofftes Servitut

nicht zu gewähren oder die Auiomobtl-Droschken als aus» schließliches Verkehrsmittel auzuerkennen. Die Eowmilfion beantragt, das Gesuch in diese« Stun bet Großh. Polizei» amt zu befürworten. In der Debatte betont Herr Petri das Jntereffe der Stadt am Omnlbus»verkehr. Herr 836c» bemerkt, daß tu Ansrhung de- von de» Stadt an die Omnibus» gelellschaft zu leistenden Zuschusses die Eoncurrevz des neuen verkehrsuuiernehmens nichts zu bedeuten habe, sobald dar» gethan sei, daß das Publikum beffer fahre. Herr Sch m a ll hat Bedenken wegen des angeführten Versuchs tu ausländischen Städten, er möchte Gießen nicht als versuchsobjret hiustrllen, «au solle den ohnehin nicht günstig gestellten Drofchkeubefitzerv nicht noch eine neue Eoncurrrnz bereiten, ebensowenig dem von der Stadt subventiouirteo Omnibusverkehr. Herr Ober­bürgermeister Gnauth vertnuthrt, daß gleiche Anfragen auch au andere Städte gestellt worden find- eine Eoncurrrnz er­wachse dem OmnibnSverkehr jedenfalls nicht, weil die Taxen de» Automodtl'Droichkrn andere seien. Herr Kirch ist für Gewährung des Gesuchs, er könne den Eintritt befferer verkehrSoerhältoiffe nur begrüßeo. Er fragt hierbei an, wie weit die Verhandlungen über die Verbindung zwischen Personen» und Güterbahnhof gediehen, worauf Herr Oder» bürgermeister Gnauth mittheilt, daß er gelegentlich der verbandlungeu über die Einrichtung einer Halte­stelle im Norden der Stadt erfahren habe, daß die Eise« bahn» directiou das Vedürfmß einer kürzeren Verbindung zwischen Personen- und Güterdahahof anerkannt habe und als ge­eignetste Form die Anlage einer Fußgänger-Ueberführuog zwischen dem Eilgüte'dahnhos und dem Stationsgebäude bezeichnet worden sei. Die E.sendahndirecrton erwartet indeß einen Zuschuß bis zur Hälfte der auf ca. 24000 Mk. ver­anschlagten Kosten. Er werde demnächst ausiührltchere Mit» theiluogro über daS Project erhalten. Herr Schmal! spricht fich sür Abwarten bezüglich der Auiomobtldroschken aus, bis man Erfahrungen aus anderen Städieu habe, wo­gegen Herr Dr. Gutfleisch bemerkt, daß jeder Fortschritt ausgeschloffen sei, wenn Jeder auf deu Audereu warten wollte. Der Droschkeuverkehr in Gießen sei unvollkommen, so lange «an nicht zu jeder Zeit eine Droschke erhalten könne. Er wolle den Droschkenbefitzern, die unter den jetzigen ver« hältviffev litten, keinen Borwurf machen. Auiomobtldroschken und Omnibus würden fich keine Eoncurrrnz machen, eS werde fich nur der Verkehr mehr entto dein. Herr Kirch gibt der Hoffnung Ausdruck, daß nächstens in der Stadt auch

Drofchke^halteplätze errichtet »eiben. Nachdem noch Herr Schmal! erwidert, daß die Droschken aus dr« Gronde nicht benutzt würden, weil alle Augenblicke Gelegenheit zur Omnibus- verbioduog geboten sei, wurde der Sutrag der Fmanzdeputation angenommen.

Herr Jakob Möller beabsichtigt die in dem Hause Ltebigstraße 64 bestehende Wirthschaft weiter zu betreiben; die Brdürsnißfrage wird bejaht.

Herr Eberhard Dort will in seinem Laden in der Wallthv'stlaße Liquenrausschank einrichten. Mit Rücksicht auf die in de» Umgebung bereits bestehenden Schankstellen wird die Vedürfntßftage verneint.

Gegen bei Gesuch drS Herrn Wilh. Wagner hat die Versammlung nicht- zu erinnern, tnsosern der Wirtschaft!- betrieb tu dem seitherigen Umfange unterhalten wird, ein Bc dürfntß zum Ausschank von Branuswein vermag die Ver­sammlung mit Rücksicht auf die übrigen in der Nähe befind­lichen Wirthschasten nicht anzuerkeooeu.

Ss folgt eine Debatte über die viehmarktsverhält- nisse, die von Herrn Schmal! mit der Bitte nm Vorlage der Pläne für den neuen Biehmaikt und Schilderung der jetzigen, olS höchst mißlich bezeichneten Zustände auf dem oltin Viehmark platze eingrleitet wurde. Herr Beigeordneter Wolff bemerkt hierzu, daß das Stadtbauamt wegen Ueber- Häufung mit anderen Arbeiten die Pläne noch nicht habe anSarbeiten könne, die Arbeiten würden schwerlich vor Mitte des nächsten SowmerS in Angriff genommen werden können. Herr Petri schlägt vor, eine annähernd große Fläche, wie die an die Bieberthalbahn abgetretene, hinter dem Schlachthause provisorisch einzmichten. Herr Beigeord­neter Wolff hält de« entgegen, daß das Gelände so lange nicht aufgesüllt werden könne, so lange daSfeldc nicht in das Etgenthum der Stadt übergegangen sei, der Uebergong au die Siadt werde durch die exorbitanten Fordcrungeu der Grund­besitzer verzögert. Herr Petri meint, daß «an dann wenigstens das bereits in städtischem Besitz befindlichen Gelände Herrichten könne, das Stadtbauamt möge eine diesbezügliche, jedenfalls nicht viel Arbeit verursachende Vorlage machen. Herr Wallenfels betont die Möglichkeit einer Ueber- schwimmung des jetzigen vlehmarkiplotzes recht» der Rod» hriwerftrüße, worauf Herr Oderbürgermeifttr Gnauth er­klärt, daß für Hefen Fall der Oswaldsgarten in Aussicht genommen werden könne. Herr Beigeordneter Georgi spricht sich ebenfalls für provisorische Auffüllung des Geländes

Feuilleton.

Ain Zaßr am Iordpol.

Plauderet von Friede. Thieme.

(Schluß.)

So verfließt der ga^e Sommer, und die stetig ab» nehmende Temperatur verkündet den nahen Winter. Mit Schaudern sehen wir der langen Polarnacht eotoegen uff en gestanden, haben wir oder auch den ewigen Tag satt, La der stete Blick auf die weihe, glitzernde Schneefläche Unsere Augen gewaltig angreift, so daß wir uoS nur durch lat Tragen grüner Brillen vor der sogenannten Schnee« Blindheit zu schützen vermögen. Wenn wir indeffen meinen, len beständigen Tag werde plötzlich eine ebenso beständige Rächt ablöseo, so täuschen wir nnS. Die große Kält: ver» trrlacht eine ungemein starke Strahlenbrechung, welche die Dämmerung verlängert und selbst den Aaschein erweckt, olS verweile die Sonne länger Über dem Horizonte. Die wirk- bche Polarnacht, in der roh uns völl g im Dunklen befinden, währt deßhalb nicht 179 Tage, wie wir angenommen, Ion» lern nur 11 Wochen vom 13. November bis 29. Januar dis dahin herrscht immer noch eine Art Dämmerlicht, und auch während der schrecklichen 11 Wochen fehlt eS durchaus nicht an Beleuchtung. Mond und Sterne strahlen acht nur in der klaren Nacht hell auf uns herab, sondern «ch zauberhafte Polarlichter verbreiten einen fast märchen- haften Glanz. Ihr weißes, manchmal gelbliches Licht leuchtet ms stunden«, ja tagelang zu unseren Arbeiten und Wände» nagen. In Bogen, Bändern, Strahlen und Ltchtsäalen zräsentireu fich uns die räthselhaften, wahrscheinlich mit dem I QagnetiSmns der Erde in Verbindung stehenden Erscheinungen, ost vorschreiteod bis zur höchsten Vollendung, der Bildung der Krone, uuS erfreuend mit ihrer wunderbaren Farbenpracht ueb ihrem milben, ruhigen Glanz.

Die winterliche Temperatur ertragen wir babei nicht W» ohne Beschwerden für unsere Gesnnbheit, sondern finden

die Kälte auch nicht so hochgradig, als wir am Nordpol erwarteten. Die tieffce Temperatur, welche Nansen beob­achtete, waren 62 C.; nun, unser Weingeistthermonnter denn die Quecksilbersäule ist geboten zeigte im kältesten Monat, d « März, noch 2 Grad weniger, also 50°. Wem diese Behauptung wunderbar erscheint, der « sich vergegenwärtigen, daß der Nordpol Überhaupt nicht der kälteste Punkt des Erdballes ist. Der sogenannte Kältepol liegt «euer südlich, bei Werchojansk in Sibirien, wo mau schon Temperaturen von 68 C. mit dem Alkohol» thermomete» gemeffeu bat. Diese Erscheinung erklärt fich dadurch, daß auf dem Pol eine sechsmonatliche unausgesetzte Sonnenausstrahlung stattfindet, so daß vor Allem im Sommer dir Wärme noch viel intensiver sein würde, wenn nicht deren größter Theil zum Schmelzen des Eises verbraucht würde, vielleicht ist sie auch zum Theil der Wirkung des warmen Golfstromes zuzuschreiben, der längs der Westküste von Spitz­bergen in nördlicher und nordöstlicher Richtung fließt und ,fcaan unter das kältere Waffer des Polarmeeres taucht und die Tiefen des Polarbeckens füllt*. Entdeckte doch Nausen unter der kalten Oberfläche des Polarbeckens wärmeres Waffe», mit einer Temperatur manchmal bis zu -ft 1 6 C.

Dabei eine fast immer gleichmäßige Temperatur. Im Sommer hatten wir einige Male Wind, im Winter fehlt er ganz, wie wir auch von den lästigen Nebeln nicht behelligt werden. Trotzdem läßt die Klarheit de» Luft häufig zu wünschen übrig, denn sie scheint wie von feine« Diamant» staub erfüllt, aus winzigen Eiserhstalleu bestehend, die zu Millionen in der Luft schweben. Wolken bemerken wir gar nicht, auch fällt fast niemals Schnee, da die Luft In diesen Gegenden sehr arm au Wafferdamps ist. Nn» dann fürchten wir uns zu erkälten, wenn wir unser Hau! verlassen, um in die Wiaterkälte hinauszutreten, da wir uuS in diesem Falle einer plötzlichen Temperatnroeränderuug von einigen 60° C. aussetzen unseren Begriffen nach « das eine tödtliche Erkältung zur Folge haben. Aber seltsamer Weise bleibt jede nachthetlige Folge aus, w r Hüben gesund wie der Fisch tin Waffe». Rar schläfrig werden wir während i

der enblolen Nacht, schläfrig und schwermü-htg, bis zuletzt die Schläfrigkeit einer noch peinigeuderen Schlaflosigkeit weicht, aber da raff-n wir uns gewaltsam auf und bekräftigen Geist und Körper in Io ausreichendem Maße, daß unsere Munter­keit und Energ-e -urückkehrt und der Geist des Trübsinns, m.t ihm aber auch die Gefahr drS Sco.buts von uni weicht.

Das Spazierengehen am Pol zeitigt natürlich auch manche Unannehmlichkeit, indem uns die Lider zusammen­kleben oder daS Rinn vermittelst des Bartes an die Rmnlabe aafriert oder gar die Zunge, wenn sie eine, von uns un­vorsichtig herausstreckt, von der Eiskruste bei Schnurrbarts nicht wieder los will. Trotzdem und obwohl wir regelmäßig in eine Decke von Reis gehüllt find, schwitzen wir oftmals von der körperlichen Anstrengung, und nur, wenn wir dem W.ude eutgegengehen sofern einmal bewegte Lust herrscht durchdringt unS eine Eiseskälte, so daß die eisernen Mrffer in unseren Taschen so heiß wie Feuer werden. Den Tag, dlffen wir erst überdrüssig gewesen, ersehnen wir nun mit Schmerzen zurück. W e jubeln wir auf, als der DämmerungSbogen die zurückkehrende Sonne verkündet, und als fie, etliche Wochen später, schließlich selbst wieder am Himmel erscheint, begleitet von allerhand interessanten astro­nomischen Phänomen, Höhen, Ringen und Nebensonnen! ES ist ein zauberhafter Anblick, das Gefühl des Frühlings erwacht in nnS, bald kehrt er nun zurück, da- Schmelzen des Eises beginnt, die Spuren der sommerlichen Vegetation kehren wieder. Damit endet auch das Jahr, daS hier zu durchleben w r beschloffeu, wir kehren also zurück in die Heimath mit der Empfindung, daß es um No dpol bei Weitem nicht so schlimm ist, als der Laie fich gewöhnlich vorstellt, den schon eine Sansehaur bei dem bloßen Gedanken daran überläuft, daß trau aber doch zu Hause bequeme» uud gemüth- lichee lebt.

So, wie wir ihn gesunden, stellt fich der Nordpol etwa vom Stande bei heutigen Wiffevl aal dar wenn Andere zurückkommt, wird er eS uul ja fagen können, ob fich die Sache so verhält oder nicht.