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Rr. 137 Erstes Blatt. Mittwoch den 15. Juni
1898
Erscheint tägNch mit Ausnahme des MontagS.
Die Gießener M««itie»ötStter »erden dem Anzeiger wächeutlich viermal beigelegt.
Weßener Anzeiger
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Bekanntmachung.
Wir weifen darauf hin, daß nach § 366, 8 ReichS- irrfgefetzbuch, Art. 292 Polizeiftrafgefetz und dem Local- itfilement für den Kreis Gießen vom 8. October 1856 eS nicht gebattet ist, Bettzeug, Teppiche, Austdeckeu, Tischtücher und dergleichen au Fenstern nach Ltrasteu oder Vorgärten hin auszuklopfeu, ab- zakehreu, auszuschütteln usw.
DaS Ausficht^personal ist angewiesen, Zuwiderhandlungen zur Anzeige zu bringen.
Gießen, den 13. Juni 1898
GrohherzogltcheS Polizeiamt Gießen.
v. Becbtold.
Kaiser Iriedrich III.
f am 15. Juni 1888.
(Nachdruck verboten).
KO. Wenn in deS Jahres Kreise die Blätter vergilbend imfc verdorrend aus der Höhe der Baumkrone zur Erde Mern, um zum Staube zurückzukrhren, aus dem fie ja auf leB Schöpfers Werderuf gesproßt, so durchzieht unser Herz jewtß eine stille Wehmuth. Dennoch beugen wir un»- e- id der Brauch der Natur — eS muß also sein. Wenn der Herbst de- Leben- eines ruhmgekrönten Helden Locke bet» »pert und ihn sachte die Purpurstufen de- Thrones, den er iber ein Bierteljahrhundert innegehabt, herab der Gruft ent- segiuführt, dann feuchtet fich wohl das Auge feines Volkes tnfc heimlich rinnt ihm die heiße Thräue deS Trennung-» Ihruerze-. Doch man beugt fich- eS ist des Himmels Gesetz - e- muß also sein.
Wenn aber eine Eiche mitten im Sommer abwelkt, wenn (in Held in der Fülle seiner Thatkraft dahinstirbt, dann, hmo wird die Webmuth zu Schmerz und der Schmerz zu tiefer, namenloser Trauer.
O! ES ist wahr:
Kach da- Schöne muß sterben, da- Menschen und Götter bezwinget!
Acht die eherne Brust rührt eS des stygischen Zeus!"
Und er war schön! Beim Wodan! Er war schön!
Wer ihn gesehen, wie er in großer General-uniform, He breite Brust vom spiegelnden Küraß umhüllt, mit blitzenden Leben geschmückt, den klirrenden Pallasch an der Seite, den siakelodeu Helm auf dem hohen stolzen Haupte dahertrat ober auf dampfendem Schlachtroß einer Wetterwolke gleich, über die Ebene dahtusauste- wer ihn gesehen, wie er im knapp fließenden Gehrock, der seinen herrlichen hünenhaften Luch- gleichsam neidisch umfing, wie ein Gott im Gewände M Staubes unter uns Sterblichen dahinwandelte, hierhin -mL dorthin grüßend, lächelnd, und mit heroischer Würde nnd bä auch weltmännischer Grazie fich leicht verneigend- wer «tun laugen, durstigen Blick in seine freien, edlen Züge thun, bin sein finniges, sanfte», Huld» und seeleuvolle- Auge auf f- ruhen lassen, oder gar in seiner unmittelbaren Nähe sein, ilt ihm reden, den bezaubernden Wohllaut seiner vollkräf» igrn Bruststimme hören rnb gar den herzwarmen, gleichsam eieririfirenden Druck seiner Hand sühlen durfte, der muß ßgiu, fingen, jauchzen und eS hioauSrufen aus vollem ent» Men Herzen: Er war schön! Schön war er, unser heiß» jtl-iebter, alloerehrter Kaiser und König Friedrich III,!
Er bezwang die Menschen! Jawohl, er bezwang fie! M dem Schwerte auf der Wahlstatt und mit seiner leut» fltgen, Alle umfassenden Liebe bezwang er sie!
Einem Wahnfinntgeu gleich, den schartigen, bei der Spitze «fußten Degen wie eine Keule über seinem pulvergeschwärzteu ilo sen Haupte schwingend, die wogenden Weichen seines blut» verspritzten Araber- mit schon triefenden, halb verbogenen
Sporen zerfleischend, au- glühender staubheiserer Kehle sein „En avant! En avant mes braves!" in den tosenden Gefechts ärm und ringenden mordenden Meuscheuknäuel hinein» krächzend, rast Mac Mahon über die rauchenden Leichenhügel bei Froschweiler und Elsaßhausen! Umsonst! Alle-umsonst ! Die Schlacht ist verloren! Trotz Mttrailleusensalven und Chasi Potschnellfeuer, trotz donnernder Attaque und Kartätschen» Hagel ist die Schlacht verloren? Zurück! sauve qui peut Flieht! Flieht! Die Bayern, die Preußen fiegen, denn der, der fie sührt, unter deffen Augen fir Wunder der Tapferkeit verrichten, ist Ec, der Schöne, der die Menschen, die Völker bezwingt mit dem Schwerte, eS ist unser Fritz!
Siehst du Ihn dort, lieber Leser, in der Dorfschule zu Bornstedt, den Gummtball in der Hand, an Stelle deS Lehrers, den Er zum Be^räbniß seiner Mutter beurlaubt, den Jungens die Geheimnisse der Tag» und Nachtgletche er- k ären? Hörst du, wie jener treuherzige Bayer nach der Schlacht bei Wörth zu Ihm spricht: „Königliche Hoheit, hätten'» un- Anno 66 g'sührt, wer hätten die Malkfizproiße alleweil sakrisch verhaue!" und wie herzlich Er fich darüber gefreut und noch in späteren Tagen fich an dieses Lob seiner Feld- herrnthätigkeit huldvoll lächelnd ertnnernt hat? Man könnte ein Büchlein allein über die Beweise seiner herzgewinnenden Freundlichkeit, Ritterlichkeit und Leutseligkeit schreiben und hätte doch nur ein schwaches Bild von Ihm, der die Menschen, die Völker bezwang mit seiner Liebe! Auch daS war unser Fritz! Uns Allen, von den Alpen bis zum Belt, vom Rhein bis zur Memel, gehört er, uns Deutschen, uns, uns! ES war unser Fritz! Dle Welt beneidet Ihn und uu- — er war unser! —
Wehe! Auch da- Schöne, daS die Menschen bezwingt — es muß sterben!
Heimtückisch, hinterlistig, langsam heranschleichend, nahte fich Ihm der Tod, der elende, der gemeine Tod! Zu feige war daS grinsende Knochengespenst dem Schönen, dem Alle Bezwingenden eutgegenzutreten, offen und frei, und Ihn mit kühnem Angriff an- dem Sattel zu heben. Tausende von Kugeln umpfiffrn, Hunderte von Klingen umblitzteu Ihn, aber fie ließen Ihn unversehrt. Sie wagten es nicht, die Helbenbrust tu ehrlicher Feldschlacht zu durchbohren! Nein! Mitten im Frieden, mitten im Glücke, mitten im Sonnenscheine de» Ruhmes und der Vergötterung legte der Sensen» mann dem Ahnungslosen die knochigen Finger um die Kehle, um gleich einem Wegelagerer, Ihm meuchlerisch das Leben abzuringen!
Und er rang mit Ihm fast anderthalb Jahre! Im Januar 1887 überfiel rr Ihn und erst am 15. Juni 1888 hatte er Ihn besiegt. Besiegt? Nein' Nur entschlummert war der Angegriffene, um droben in einem besseren Leben wieder aufzvwachen. Gesiegt, d. h. gebeugt hattest du Ihn nie, o Tod! Gr, der die Menschen bezwang, bezwang auch die Götter, deren schrecklichster du bist! Sein Gewand ließ Er dir! Seine irdische Hülle ließ Er dir! Aber seinen Muth, seine Faffung, sein Pflichtgesühl, ja selbst seine Heiter» feit hattest Du ihm nicht rauben können- nicht einmal sein Bewußtsein.
Als Er am 9. Februar 1888 zur Operation fich in sein Zimmer zurückzog, erinnerte Er die Priuzeffin Victoria daran, seiner Wirthin, der Frau Ormond, für die Ihm auf dem vorgestrigen Balle erwiesene Aufmerksamkeit zu danken. Als Dr. Schrader im Moment der Operation das Herz untersuchen wollte, sagte Er zu ihm: „Nicht aufgeregt sein, Schrader! Ich bin ganz ruhig!"
Noch am 13. Juni Nachts 1 Uhr schrieb Er für den Dr. Hovell: „Wie steht mein Puls? Wie find Sie damit zufrieden?" — Der Priuzeffin Sophie hatte Er an ihrem 18. Geburtstage auf einen Zettel folgende Worte geschrieben: „Bleibe fromm und gut, wie Du e- bisher gewesen. Daist der Wunsch Deines sterbenden Vaters." — Dem Prinzen Wilhelm schrieb er auf: „Lerne leiden, ohne zu klagen." — Mit Bismarck erledigte er bis zuletzt die nothwendigeu StaatSgefchäfte und traf letztwillige Verfügungen über feine Beerdigung.
Hast du Ihn also besiegt, o Tod? Nein! Uabezwungen wie Er gelebt, unbezwungen ist Ec auch dahingeschieden! Ein Held auf dem Schlachtfelde, ein Hero» auf dem Sterbe- kiffen, wie die Welt nur wenige, sehr wenige gesehen hat!
Nicht Deine eherne Brust rührte Er, stygischer Zeus! O! Da» wiffen wir! Hast du doch einen PatrocloS, einen Hector ohne Rührung über den Lethe geschafft! Wie solltest du auch Rührung empfinden, du Galeerensklave der düsteren Nemesis, der unfaßbaren Moira, de» basaltenen Fatum»! Ja wer auch sollte selbst heute deine marmorne Brust, der
der gehärtete Stahlmeißel de» Bildhauer» erst die äußerliche menschliche Form zu geben vermag, mit Seufzern, mit Thränen, mit Gebeten rühren! Niemand! Auch da» Schöne, da» Menschen und Götter bezwinget, e» hat deine eherne Brust nie gerührt.
Aber du, Gott im Himmel, der du uu» vom Berge Sinai donnernd zurufst: „Ihr fallt keine anderen Götter haben neben mir!" warum hast du dich nicht rühren laffen? Warum hast du eS zugelaffen, daß der Schöne, der die Menschen, die Völker bezwang, der im Herzen seiner Unter- thanen einst den Ehrenplatz einnahm, so elend, so schrecklich umkommen mußte? Ist deine Brust auch ehern? Wie? Und doch nennt dein Wort dich uns als den Gott der Liebe? — Erst Ihn geboren werden laffen, dann Ihn an»,üsten mit den herrlichsten Gaben de» KöiperS, Geiste» und Gemüthr», mit Lorbeern seine Stirne, mit Sternen seine Brust schmücken, Ihm die Herzen und Hoffnungen einer blühenden Nation zuwenden und dann — dann? — dann Ihn, in der Fülle seiner Schönheit, seine» Geiste», seines Ruhme» in» Grab legen! — Bist du ein Gott der Liebe? —
vergieb, Vater des Eingebornen! Ja! Ja! Du bist etc Gott der Liebe! Du hast Ihn un» genommen, daß wir Deutschen wieder zu dir aufjchauen lernen sollen, wenn wir die höchsten Güter suchen! Du hast Ihn un» genommen, weil Er zu herrlich, zu gut war für diese undankbare Menschen- »eit! Du hast Ihn un» genommen, um Ihn un» einst au jenem großen, letzten, ewigen Bölkerfrühling, dem letzten, großen, ewigen Auferstehungstage in verklärter Herrlichkeit wtederzugeben, unsterblich, unnahbar der Hand des lauernden Tode», der dann, als der letzte Feind, für ewig wird aufgehoben sein!
Und nun leuchte, du verklärter Held, durch alle kommenden Aeonen deinem deutschen Volke voran, al» ein Wahrzeichen deutscher Manne»kraft, deutschen Pflichtgefühl», deutscher Treue und unentwegter Ausdauer! Mit diesen Zeilen legen wir auch unseren thränenbethauten Lorbeerkranz zu den vielen Tausenden nieder, die Deine Ruhestätte schmücken!
Requiescas in pace!
Deutsches Reich.
Berlin, 12. Juni. Wie eine süddeutsche Correspovdenz berichtet, soll der Kaiser irgend welche größere Feierlichkeiten au» Anlaß seine» zehnjährigen Regierungsantrittes mit den Worten abgelehnt haben: „Bis hierher hat un» Gott geholfen und wiro auch noch weiter helfen." Das Programm de» 15. Juni wird sich demnach auf einen Trauer» gotteSdienst zum Gedächtniß de» Kaiser» Friedrich im Mausoleum der Friedenskirche zu Pot»dam beschränken. Den 16. Juni dürfte der Kaiser in Potsdam im Kreise feine» LeibregimentS zubringen, während für den Abend ein (leint» Diner mit den Ministern und StaatSfecretären in An»stcht genommen ist.
Berlin, 13. Juni. Zu der Meldung von neuen Militärforderungen wird au» München geschrieben: Wa» Bayern betrifft, so find wir auf Grund zuverlässiger Nachrichten in der Lage, die Meldung von der Bildung eine» dritten Armeecorp» als auf Erfindung beruhend zu bezeichnen. Im bayerischen Kriegsministerium hat man bis jetzt nicht die geringste Kenntniß von einem solchen Plane. Und dort müßte man es doch zuerst wiffen. Den Stempel der Elfiudnug trägt schon die Nennung des Namen» Nürnberg. Sollte je ein drittes bayerische» Armeecorp» errichtet werden, woran, wie gesagt, zur Zeit noch Niemand denkt, so dürfte an» naheliegenden strategischen Gründen nur die Rheinpfalz all Sitz in Betracht kommen. Die ganze Meldung von „neuen Militärforderungen" dürfte demnach nur al» ein recht ungeschickte» Wahlmanöver zu bezeichnen sein, denn wa» von Bayern bestimmt gesagt werden kann, dürfte auch auf die „beabfichtigten" neuen Armeecorp» in Sachsen und Preußen anzuwenden sein.__
Locales und j-rovinzleUes.
Gießen, 14. Juni 1898.
*♦ Grundsteinlegung bei evangelischen Schwesternhauses. Die kurze Nachricht über die am vorigen Dienstag, den 7. Juni, erfolgte Grundsteinlegung zum Schwestern» Haufe de» Allgemeinen Vereins fürArmen» und Krankenpflege ergänzen wir noch durch folgende Mittheilungen. Eine zahlreiche Versammlung eingeladener Gäste hatte fich auf der Baustätte zusammengrfunden. Außer den in den verschiedenen Arbeitsgebieten des Verein» thätigen Mitgliedern und denen, die durch Geschenke und Darlehen


