Nr. 1.3 Erstes Blatt Samstag den 15. Januar
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Hrscüeint lägslöt mit Ausnahme des Montag-.
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Weßener Anzeiger
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Gratisbeilage: Gießener FamilienbMer.
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Fernsprecher Nr. 51.
Amtlich«» Theil.
Gießen, den 12. Januar 1898.
Setreffend: Die Ausführung des Gesetzes vom 10. September 1871 über den Schutz der in fremde Verpflegung gegebenen Kinder unter 6 Jahren.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Gr. Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche unserer Auflage vom 15. December v. I. (Gießener Anzeiger Nr. 297) noch nicht vcrchgekommen find, werden an deren Erledigung erinnert mit Frist von drei Tagen.
v. Gagern.
Lehrgang für Obstbau an der Grotzherzoglichen Obstbauschule und Landwirthschastlichen Winterschule zu Friedberg 1898.
ill. Ordentlicher Lehrgang. Dauer vom 20. März bis 1. October. Im Juni find Ferien.
Die aufzunehmendeu Schüler müffen ein Alter von mindesten» 16 Jahren haben.
Die Lehrfächer find: 1. Agrtcultur Chemie, Bodenkunde und Düngerlehre. 2. Botanik (Morphologie, Anatomie und Phhfiologie deS Obstbaumes). 3. Zoologie (die thierifcheo Schädlinge und Nlltzlmge de» Obstbaumes). 4. Obstbau und Obstverwerthung 5. WirthschaftSlehre. 6. Buchführung. 7. Deutsche Sprache. 8. Rechnen.
9. Zeichnen. 10. Urbungen im chemischen und botanisch- phhfiologischeu Laboratorium. 11. Hebungen im Obstbau.
Honorar für Heflen 30 Mk., für Ntchthessen 60 Mk.
IL Außerordentlicher Lehrgang.
a. Cursu» für Baum- und Straßenwärter. Beginn am 14. März. Dauer 10 Woche» und zwar fieben Wochen im Frühjahr, zwei Wochen im Sommer, eine Woche im Herbst. Die Theilnehmer müffen ein Alter von mindestens 16 Jahren haben. Theoretischer Unterricht von 10 bi» 12; Hebungen im Obstbau und yraetischen Arbeiten von 7 bi» 10 und 2 bis 6 Hhr täglich.
Honorar 20 Mk. für Private und Nichtheffeu - Schüler au» Heffen, welche sich zu berufsmäßigen Baumwärtern autbilden und von Landwirthschastlichen
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Bezirk-Vereinen, Gemeinden rc. geschickt werden, find honorarfrei.
b. RepetittonScursu» für Baum- und Straßenwärter. Dauer vom 18. bi» 23. April. Für Baum- uud Straßenwärter, welche schon einen Cursu- im Obstbau besucht oder längere Praxi- haben. Zehn Thetluehmer au- Oberheffen erhalten vom Oberhesfischen Obstbauveretn eine Retsevergütung von 10 Mk. und können nach bestandener Schlußprüfuug den Titel ^vereiu-daumwart de- Oberhessischen Obstbauveretn-" erhalten. Für beruf-mäßige Baum- und Straßenwärter ist der Cursu- honorarfrei. Für Private und Nicht- heffen beträgt da- Honorar 10 Mk.
45. Obstbaucursu- für Geistliche, Lehrer und sonstige Freunde de- Obstbaues. Dauer 14 Tage. Erster Theil vom 25. bi- 80. April. Zweiter Theil im Sommer nach Hebereinkunft mit den Theiluehmeru. Honorar für Heffen 10 Mk., für Nicht- heffen 15 Mk.
d. Curfu- für die Candidaten de- Prediger- Seminars und Freunde de- Obstbaues aus Friedberg und Hmgebung. Dauer vom 13. Mai bi- Ende August. Borträge Freitag von 5 bis 7 Hhr Abend-- Hebungen im Obstbau Sam-tag Vormittag und Montag Nachmittag. Honorar für Heffen 10 Mk., für Ntchtheffen 15 Mk.
e. Obstverwerthung-curfu- für Frauen. Vom 12. bi- 15. September. Honorar 10 Mk. für Theil- uehmeriuven au- Heffen, sonst 15 Mk.
f, Obstv erwerth ng-cursus für Männer. Vom 19. bis 22. September. Honorar für Hessen 10 Mk., für Ntchthessen 15 Mk.
Der Hnterricht-plau und die näheren Bestimmungen Seb durch die Direktion der Anstalt zu erhalten.
Großherzogliche Direction der Obftbauschule und Laudwirthschaftltcheu Winterschule: Dr. v. Peter.
Der preußische Etat.
Die Finanzen de» größten deutschen Bundesstaate» wirken in so hervorragender Weise auf den Reich-etat ein, daß eine Besprechung derselben auch außerhalb Preußen» von Interesse sein muß. Auf den günstigen Stand der finanziellen Verhältnisse in Preußen haben wir schon gelegentlich der Erörterung der Thronrede hingewtesen, und da» Expose, welche» Herr v. Miquel am Mittwoch im preußischen Abgeordnetenhause gab, war nur eine Wiederholung der bezüglichen Darlegungen der Thronrede. Der preußische Fioaozminister ist ein weitaus schauender, vorfichtiger Herr. ES kann ihm nicht verdacht werden, daß er mit einem gewissen Stolze auf die jetzige finanzielle Situation blickt, denn zu einem größeren Thetle ist die Schaffung der uenen bestehenden festen Grundlage unserer Finanzen sein Werk. Nur wenige Jahre find ve,floffen seit dem Zeitpunkte, wo der preußische Etat an einem chronischen Deficit litt, und e- bedurfte aller Finaozkunst Miquel-, um diesem Zustande ein Ende zu machen. Aber e» steht durchaus nicht fest, daß nach den fetten Jahren wieder einmal recht magere kommen, und au- diesen Gründen hat Herr v. Miquel noch niemals die Lage rofig geschildert, ohne gleichzeitig eine Warnung hinzu- zusügeu vor allzugroßem Optimi-muS. ES mag die- auch au- anderen Erwägungen geschehen, da ein Finanzmtuister bekanntlich auf der einen Sette geben, auf der anderen Seite versagen muß- um eine Regierungsforderung zu unterstützen, muß er die günstige Finanzlage des Staate- hervorheben, um Forderungen aus der Volksvertretung abweiseu zu können, muß er auf die den Finanzen drohende Gefahr Hinweisen. Aber bei aller Freude über unsere vollen Staatskassen find auch wir dafür, daß niemals der Ausblick in die Zukunft versäumt, daß ein Umschlag der Verhältnisse mit in Erwägung gezogen wird.
Herr v. Miquel glaubte besonder» betonen zu müssen, daß die gewaltige Steigerung des Etats dem Anwachsen der Betriebsüberschüsse der Staatsverwaltungen zuzuschretbeu sei. Wie weit er Recht hat, dies als einen günstigen Hmstand hiuzustellen, wollen wir nicht weiter untersuchen, aber wir möchten doch darauf verweisen, daß die Ergebnisse der Be- tricbsverwaltungen großen Schwankungen unterworfen find, und daß es immerhin mit einiger Gefahr verbunden ist, da- rauf die StaatSfinanzen aufzubauen und fie von jenen schwankenden Ergebnissen allzusehr abhängig zu machen. Die vorsichtig erwägende Natur MtquelS ist auch erkennbar in dem von ihm zur Durchführung gebrachten System der Staat-- schuldentilgung. Wenn auch die Schulden Preußen» und des Reich» noch keinen gefahrdrohenden Hmfang angenommen hatten, so ist doch leicht verständlich, daß der Credtt und da» Ansehen eines Staates wächst, welcher planmäßig die Tilgung seiner Verbindlichkeiten betreibt. Darin liegt auch eine gewisse Gewähr für die künftige Leistungsfähigkeit de» Staate», wenn Reserven geschaffen werden für Zetten, die ,an8 nicht gefallen."
Nicht ganz ohne Hnrccht hat man der preußischen Regierung den Borwurf gemacht, daß fie für Culturzwecke zu geringe Mittel au-werfe. Da» scheint sich Herr v. Miquel jetzt ad notam genommen zu haben, denn der neue Etat zeigt gegenüber dem vorjährigen erfreuliche Steigerungen auf den verschiedenen Gebieten, und e» läßt sich eine wachsende Fürsorge des Staat» für Kunst, Wissenschaft und dem öffentlichen Hnterricht nicht verkennen. Daß die Gehälter der Geistlichen beider Confesfion geregelt und erhöht werden sollen, haben wir bereit» erwähnt.
Wenn wir vorhin sagten, die Betriebsverwaltungen arbeiteten mit einem immer steigenden Heberschuffe, so müffen wir die Domänenverwaltung ausnehmen. Ob freilich dieser Hmstand ausschließlich auf den Rückgang der Landwtrthschaft zurückzuführen ist, möchten wir denn doch bezweifeln- der Minister gab übrigens selbst ganz glaubwürdige Gründe für die verminderten Einnahmen der Domänenverwaltung an, die wir unS zu eigen machen wollen, so lange nicht da- Gegen- theil erwiesen ist. DaS können wir jedenfalls mit Genug- thuung constatiren, daß unser Handel und Wandel einen erfreulichen Aufschwung zeigt, der auch in den so außerordentlich günstigen Ziffern de» preußischen Etats zum Ausdruck kommt- die Zunahme de» Wohlstandes ist unverkennbar. Das ging insbesondere aus dem Rückblick hervor, den Minister v. Miquel auf die Berhältuiffe in früheren Jahren warf und au» den Vergleichen, die er bet dieser Gelegenheit anftellte. Hoffentlich rechtfertigt sich in jeder Weise die Befriedigung, welche au» der Rede de» Finanz- Minister» durchklaug und hoffentlich bleibt Preußen und da»
Reich noch lange vor dem Zeitpunkt bewahrt, in welche« beide auf die angesamwelten Reserven znrückgreifen müsse».
(xx)
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom Donnerstag, den 13. Januar 1898.
DaS Hau» ist schwach besetzt.
Auf der Tagesordnung steht die erste Lesung de» Anträge» Arenberg und Genossen betreffend Aendernng deS Strafgesetzbuche» (sog. lex Heintze).
Abg. Spahn (Ctr.) begründet den Antrag und weist auf die Vermehrung der Ehescheidungen, die Zahl der unehelichen Kinder, sowie der Sittlichkeitsverbrechen hin. Redner bespricht alsdann die einzelnen Theile der Vorlage, verweist tnSgesondere auf die verschärfenden Bestimmungen gegen die Schmutzliteratur und schließt mit den Worten: „Biel werth- voller al» gesunde Finanzen ist die sittliche Gesundheit deS Volkes."
Abg. Schall (cons.) führt au», die Conservativen feien mit dem Inhalt und der Faffung de» Gesetzentwürfe» einverstanden und wendet sich alsdann gegen die Ansichten Bebel» über die Prostitution, die dieser in seinem Buche „®te Frau" und an anderen Stellen geäußert hat. Redner kommt auf die Einschleppung der Hnfittlichkeit au» den großen Städten auf da» Land zu sprechen und schiebt der Soctaldemokratie durch die Untergrabung der Religiosität die Schuld für da» Anwachsen der Hnfittlichkeit zu.
Abg. Pieschel (nat.-lib.) ersucht den Antragsteller, den Gesetzentwurf so einzurtchten, daß über die einzelnen Materien desselben gesondert abgestimmt werden könnte, da e- bedauerlich wäre, wenn der Gesetzentwurf dadurch, daß eine Mehrheit über einzelne Bestimmungen nicht zu erzielen sei, scheiterte. Einzelne Bestimmungen des Gesetzentwurfes seien empsehlenswerth, andere wieder gäben zu Bedenken Anlaß. Redner beantragt schließlich Commifftonsberathung.
Abg. Bebel (Soc.) erklärt, seine Partei stimme einer Anzahl Bestimmungen de» Entwürfe» zu. Derselbe gehe aber theilweise zu weit, theilweise nicht weit genug. Nicht der Mangel an Religiofität sei Schuld an der Zunahme der Unzucht. Die Zunahme der Ehescheidungen entspringe weniger moralische«, al» öconomtscheu Ursachen. Redner ist dafür, den Arbeiterinnen den Normalarbeit-tag und größeren Schutz zu gewähren, bann würden weniger der Prostitution in die Arme getrieben werden. Bebel tritt besonder» für die Strafbarkeit des Mißbrauches de» Dienstverhältuifles feiten- des Arbeitgebers ein und erklärt fich schließlich mit der Com- miffionSberathung einverstanden.
Abg. Fürst Radziwill (Pole) bemerkt, in den Ausführungen Bebels fei viel Richtiges gewesen. Seine Partei sei für den Entwurf, event. mit einigen Zusätzen und Ber- befferungen.
Darauf vertagt fich daS HauS auf Freitag 1 Uhr. — Tagesordnung: Juftiznovelle und Anträge v. Salisch, Rintelen, Lenzmann betr. den Strasproceß.
Schluß gegen 6 Uhr. _____
Deutsches Reich.
Berlin,! 13. Januar. Den Stadtverordneten ist nachfolgendes Dankschreiben Sr. Majestät deS Kaiser» zu- gegangen: „Ich spreche den Stadtverordneten für die Glückwünsche, welche Sie mir im Namen der Bürgerschaft meiner Haupt- und Residenzstadt Berlin beim Jahreswechsel zum Ausdruck gebracht haben, meinen Dank an». Mit Befriedigung bin ich in der Adreffe der pietätvollen Erinnerung an meinen in Gott ruhenden Herrn Vater und meinen hoch- seligen Herrn Großvater begegnet und habe dabei gern der erhebenden Begeisterung gedacht, mit welcher im vorigen Jahre der 100. Geburt-tag de- großen Kaiser- in Berlin begangen worden ist. Wie sein Standbild, so — hoffe ich — wird auch bald dasjenige seine» edlen Sohnes und Nachfolgers an der Krone die Hauptstadt schmücken. Und wenn, wie die Stadtverordneten versichern, die Berliner Bürger» schäft eifrig bemüht ist, an ihrem Theile die nationale Wohlfahrt zu fördern, so wird ihr die» um so erfolgreicher gelingen, je ernster die Bürgerschaft und ihre Vertretung dir dankbare Erinnerung an jene beiden Helden und die große Zeit, welche Gott der Herr durch fie unserem Volke geschenkt hat, in könig»treuer Gesinnung bewahrt und betätigt."
Berlin, 13. Januar. In der Budget-Commisfion de» Reichstage» wurde heute nach längerer Berathung die Forderung von 100,000 Mk. zur weiteren Ausschmückung de» Reich-tagSgebäudeS einstimmig angenommen. Der Etat


