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Nr. 241 Zweites Blatt Freitag den 14. October
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Gießener Anzeiger
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Bekanntmachung.
El wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach $ 6 del Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf- schlag- von Fünf vom Hundert, pro Monat September 1898 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen: Hafer Mk. 17,10, Heu Mk. 6,20, Stroh Mk. 4,20.
Gießen, den 12. October 1898.
Großherzogliches KreiSamt Gießen.
v. Bechtold.
Von den Aufgaben der Kriegsflotte.
Io neuerer Zeit ist häufiger, als geraume Zeit vorher, »o die t« AuSlande befindlichen deutschen Kriegsschiffe die Nothwendigkeit der Wahrnehmung deutscher Jutereffeu heran« getreten uod, wie mtt Befriedigung beiout werden wag, ist diese Vertretung stets tu einer zweckentsprechenden, den Um« ständen nach raschen und jedrSmal zum Ziele führenden Weise erfolgt. Die längere Verzögerung, welche die Erledigung der Haiti Angelegenheit erlitt, lag an dem Mangel sofort verwendungSbereiter AnSlandSschiffe, und daß die als Roth« behelf nach Port-au-Prince entsendeten Schulschiffe, die .schwimmenden Gymnafien", dort dennoch der deutschen Flagge Achtung und Genugthuuog verschafften, ist ein persönliches verdienst der Betheiltgten. Diese Erfolge dürfen jedoch nicht zu der Annahme verleiten, daß die Auslandsvertretung mit dem vorhandenen Sch'ffiwaterial unter allen Umständen ge« sichert fei, denn wir schleppen noch, trotz des neuen Flottev- geietzeS, Jahrelang einen Ballast miuderwerthiger Auslands» schiffe mit, ehe Ersatz für dieselben geschaffen werden kann, denn eS war oothwendigrr, in erster Linie auf die dringend gewordene Verstärkung der heimischen Schlachtfloite Bedacht zu nehmen, die ja allein den AuSlaadSfchiffen Rückhalt und ihrem Einzel«Auftrrten Respect zu verleihen vermag. In Oüaflen, wo die Verhältuiffe in dem Anscheine nach immer größerem Umfange io Floß gerathen, hat daS Reich glücklicher Weile seine stärkste maritime Vertretung durch daS auS zwei Divisionen bestehende Kreuzergeschwader, und der beste der dort vorhandenen Kreuzer, die „Kaiserin Augusta", hat ja auch soeben wieder besondere Verwendung gefunden. Um Forderungen, die im Intereffe und zum Schutz der Deutschen
t« AnSlonde erhoben werden, Nachdruck zu verleihen, ist heutzutage das Auftreten moderner KriegSichiffe eine Roth- wendigtett geworden. In früheren Zeiten, als außer« europäische Staaten noch keine eigenen Kriegsflotten hatten, genügte bet solchen Gelegenheiten das einfache Zeigen der Flagge selbst auf älteren Kriegsschiffen, um berechtigte Forderungen erfüllt zu sehen. DaS ist aber ganz anders geworden, seitdem in Ostafien und Amerika moderne Kriegs« flotten mtt Panzerschiffen und geschützten Kreuzern vorhanden find. Deshalb müffeu heutzutage sogar die Stationskreuzer moderne geschützte Schiffe sein, wenn sie nicht den Spott des Auslandes herausfordern und so «ehr schaden wie nützen sollen. Vor Allem muß aber hinter jedem AuSlandSkreuzer eine starke heimische Seemacht stehen, wenn er seinen Zweck erfüllen soll. DaS Ausland muß ihn als Vorposten einer Schlachtflotte anzusehen gezwungen sein. ES muß wtffen, daß je nach Bedarf größere oder kleinere Theile der heimischen Flotte bereit find, zur Unterstützung deS einzelnen Kreuzers herbetznetlen. Eine noch so zahlreiche Kreuzerflotte ohne eine starke Schlachtflottr hinter sich kann unsere Intrreffen im Ausland nicht mehr wirksam schützen, weil sie gegen die Flotten der SuSlanbSstaaten machtlos ist. Bet Veurthetlung der Fälle, in denen die überseeischen Jutereffeu unserer Nation mit Erfolg von unseren AuSlaudSschiffen wahrgenommeu worden find, hat man in Betracht zu ziehen, daß dies nicht eine Folge der Ueberlegenhett und impouirendeu Macht der letzteren gewesen ist, sondern in vielen Fällen der außerordentlichen Geschickltchkett, Umsicht und Thatkraft der Com« Mandanten zu danken, die, gestützt durch daS Ansehen, welches das Deutsche Reich seit mehr als einem Bierteljahrhundert auf dem Erdenrund besitzt, wehr wagen konnten, als in militärischer Hinsicht der Bedeutung der von ihnen gesührten Schiffe entsprach. Daß dies stets glückte, ist persönliches Verdienst und daß diesem in Zukunft nicht die Unterlage der uothwendigeu Machtmittel fehlen soll, dafür sorgt die Entwicklung unserer Marine nach dem gesetzlich festgelegten Programm, deffen Erfüllung unS Schritt für Schritt jenem normalen Zustande eotgegensührt, der Gewähr für die Auf« rechterhaltung der deutschen Jutereffen unter allen Umständen bieten soll. M. R. N.
Deutsches Reich.
Berlin, 12. October. Die „Kreuz-Zeitung" bestätigt die Ausweisung ihres Pariser Correspondentru und bemerkt dazu, die Ausweisung erfolgte nicht wegen seiner Berichte an unS, die dazu sicherlich keinen Avlaß boten, sondern weil er, wie uns von anderer absolut sicherer Seite mitgetheilt wird,
etoige unvorsichtige, auf den jetzigen Ausstand bezüglichen Telegramme an ein Münchener Blatt gerichtet haben soll. Dem „Local-Anzeiger" zufolge hatte der Lorrespondeut der „Münchener Allgemeinen Zeitung" telegrophirt, eS sei in Parts eine Revolution auSgebrochen und ein großes Maaren- Magazin in Braud gesteckt worden.
Berlin, 12. October. Nach den im ReichSeisenbahnawt aufgestellten Nachweisungen sind im Monat August d. I. auf deutschen Eisenbahnen 217 BetrtebSnnsäl le bot# gekommen, bet welchen 64 Personen getödtet und 122 verletzt wurden.
Berlin, 12. October. Der StaatSsecretär des Reich»- Postamtes wird dem Reichstage eine Vorlage unterbreiten, wonach Kunststraßen, SretS-Lhausfeen und Lom- munalwege für Telegraphen-Anlageu zu benutzen find. Der Entwurf hat die Zustimmung der LaudeS Dtrec- toren gefunden.
— DaS KoalitionSrecht. Die halbamtlichen „Berl. Pol. Nacht." vetfichetn heute im Fettdruck: ,DaS KoalitiouS- techt soll und wird den Arbeitern völlig und unversehrt erhalten bleiben, aber jeder einzelne Arbeiter soll auch selbst bestimmen können, ob er zu den alten vedtngungen weiter arbeiten will oder nicht." Biel werthvoller als diese allgemeine Versicherung wäre die Veröffentlichung der Streikoar- läge, die die Regierung an den Reichstag bringen will, aber immer noch in tiefstes Gehetmntß hüllt. Bot Bckanntwetden dieser Vorlage werden die Befürchtungen, die sich au die Oeynhauseuer Kaiserrede knüpfen, nicht verschwinden.
— Beisetzung der Prinzessin Albrecht. AuS Kamenz wird gemeldet: Von 9 Uhr ab erfolgte Glocken- geläute vom Thurme der evangelischen Kirche, in der die Leiche der Prtnzefliv Albrecht aufgebahrt war. Nach 10 Uhr sammelten sich in der Kirche die zur Theilnahme an der Feier erschienenen deutschen Fürsten und Abgesandten, die Spitzen der Provtnztalbehörden und viele Mitglieder deS schlesischen Adels. Kurz nach 10 Uhr betrat Ihre Majestät die Kaiserin am Arm Gr. Kgl. Hoheit des Prinzen Albrecht daS Gotteshaus. Se. Majestät der Kaiser folgte allein und legte einen prachtvollen Kranz am Sarge nieder. Hierauf stimmte der Kirchenchor die Motette „Sei getreu bis in den Tod" an, worauf die Gemeinde „Jesu» meine Zuverficht" sang. Alsdann hielt Oberhofprediger Generalfuperintevdent D. Dlhander die Trauerrede. Nach dem Ehorgesang „Wenn ich einmal soll scheiden" sprach dann der Kamenzer Pfarrer v. TreSkow daS Gebet und erthetlte den Segen. Der Gemeiaegesaug „JesnS er mein Heiland lebt" sowie Orgelspiel beschloß die ergreifende Feier, vor verlaffeu der Kirche knieten die
Fettilleton.
Hin Jahr am Aordpol. *)
Plauderei von Friedr. Thieme.
(Nachdruck verboten.)
Der Nordpol ist seit Jahrhunderten da» geheimnisvolle Z el der Forschet und Reisenden. Obwohl der magnetische Nordpol ca. 20 Grade von ihm entfernt liegt (Roß hat denselben 1831 in 701 5' uördl. Br. und 960 45' westl. L. auf der Halbinsel Boothia Felix aufgefunden), so übt er doch eine magnetische Krast auf die Menschen au» und Hunderte haben seiner Entdeckung bereit» ihr Leben zum Opfer ge« bracht. Bor Allem in den letzten zehn Jahren hat fich eine geradezu fieberhafte Nordpolwuth der Welt bemächtigt, aber auch Nansen ist nur bi» Über den 86 Breitegrad gelangt und von Andrse, der im Luftballon den Pol zu erreichen aedachte, hat man nicht» wteoer gehört. Die Frage: „Btt sieht e» eigentlich am Nordpol an»?" ist daher immer noch eine offene, und wenn wir partout eine Antwort darauf Haden wollen, so müffen wir un» schon selbst der Mühe unterziehen, die Reise zu machen. Zu Schiff geht e» nicht, ß»s hat un» Nansen» Beispiel bewiesen, ebenso wenig vermögen Schlitten und Schneeschuhe un» dahin zu tragen. Wozu aber auch zu so anstrengenden Mitteln greifen, wevn man eS im Luftballon so bequem haben kann?
In 50 Jahren wird der Ballon da» HavptbesörderungS« mittel der Reisenden sein — nun wohl, greifen wir, wie Audrse, der Zeit vor, reisen wir im Ballon, mit allen erforderlichen ^Kleinigkeiten" versehen, nach dem Nordpol. Werden wir allzu besondere Wunder schauen? Hüten wir
e) Mit Bewilligung bet .Pricttschm Wegweiser«*, Würzburg, obgedruckt. Diese vielseitige Familien-Zeitschrist sei Jedermann empfohlen. (30 Pfg. vierteljährlich bei allen Poftanstatten.)
un» vor zu kühnen Erwartungen. Noch immer hat die Reise den Reiz der Neuheit, und betreten wir den Pol, so gebührt uv» da» Verdienst der ersten Entdeckung — aber die großen wiffenschaftlichen Hoffnungen, die man früher mit den Nord» polexpedtttoren verknüpft, hegt man nicht mehr. Wa» verlegten unsere Altvordern nicht alle» an diesen Punkt de» Erdbälle»! Im Slterthum dachte man fich dort den Garten der HeSperiden. Im Mittelalter versetzte man die Thürmchen auf die Pole, auf denen die Erde ruhte und fich umdtehte. Noch in neuerer Zeit wurde behauptet, e» befände fich an den Polen eine ungeheure Orffaung, welche in» Innere der Erde führe und wo sich da» Licht der Nordlichter entwickele. Jetzt wtffen wir, daß der Nordpol nicht viel ander» anssrhen wird al» die bisher erforschten Gegenden der äußersten Polarzone. Al» Nausen am 8 April 1895, an welchem Tage er den nördlichsten Punkt seiner Schltttrnreise erreichte, von einem EiShügel an» den Blick nach Norden richtete, erblickte et ein wahtrS Ehao» von Eisblöcken, da» fich bi» an den Hotizout auSdehnte — auf Gtund seiner und der Wahrnehmung anderer Forscher vermögen wir un» ein ungefähre» Bild vom Nordpol zu gestalten, da» vermuthlich nur in Einzelheiten berichtigt werden wird.
Natürlich haben wir zu unserer Reise den Monat gewählt, in de« eS im Norden am wärmsten ist, den Juli. Au einem schönen Julitage laffen wir unseren Ballon an Ort und Stelle niedergehen, In der Abficht, ttn» am Pol ein ganze» Jahr laug auszuhalten, denn so lauge müffen wir wenigsten» bleiben, wenn wir alle Sigenthümlichkeiten der Gegend, wie sie sich im Kreislauf des Jahres Herausstellen, beobachten wollen. Wer kann die Empfindung schildern, die uns beseelt? Wir stehen aus de« Drehpunkt des Erdballes! Wißbegierig schweifen unsere Blicke rund umher. Die Forscher haben recht, wir befinden unS in einem offenen Polarmeer, dem Meere „Polhnia", wie mau eS genannt hat. Offen
insofern, al» die Kraft der unausgesetzten Sonnenbestrahlung Theile deffelben von ihrer E-Sdecke befielt hat, während andere mtt einer solchen bedeckt find und wieder andere von gigantischen EtSbogen durchzogen werden. Wie Nansen bewiesen Hai, nimmt ja da» Treibet» seinen regelmäßigen Weg von bet einen Seite de» Polatbeckens, nördlich von der Beringstraße und der Küste von Sibirien, quer über die Regionen um den Pol nach de« Atlantischen Ozean. E» gibt auch Inseln in dem Meere — warum sollte e» nicht der Fall sein? Inseln mit Bergen, deren Gipse! mit ewigem Ei», beten nutete Abhänge dagegen mit einer Vegetation bedeckt find, die man für diesen Thetl der Welt wohl üppig n ernten datf.
Der Boden ist stellenweise mtt Erdflechten und Torfmoosen bedeckt, sogar niedere Kräuter wachsen auf schneefreien Abhängen. Der Sommer ist wohl kurz, aber nicht unfruchtbar. Kein Wunder, da wir ja ewigen Mittag haben. Für nn» wandert ja die Sonne nicht täglich über da» Firmament, Morgens tnt Osten emportauchend und Abend» im Westen verschwindend. Für un» exlsttrt ja an diesem einzig festen, unverrückbaren Punkte der Erde die Rotation derselben nicht, welche die Ursache der Täuschung ist, al» ob da» Himmelsgewölbe täglich eine Umdrehung um unseren Planeten beschreibe,- die Sonne steht für un» fest am Himmel und ändert nur mtt bet fortschreitenden Jahreszeit ihren Standpunkt. Wenn wir im Winter, wenn un» die Polarnacht etuhüllt, nach den Sternen blicken, so nehmen wir nicht» von der gewöhnlichen Kreisbewegung wahr: jetzt erblicken wir keine Sterne, denn wir haben Tag, einen Tag, der nicht weniger als 186 gewöhnliche Tage (oder eigentlich, wie wir später sehen werden, noch länger) dauert.
Von der Abplattung der Erde an den Polen sehen und spüren wir nichts- möglich, daß unser Gewicht fich etwa» vermindert hat, aber beträchtlich kann der Unterschied nicht


