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14.9.1898 Erstes Blatt
 
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irr 215 Erstes Blatt.

Mittwoch den 14. September

1808

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Gießener Anzeiger

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Die Mordthat in Genf ereignete sich an dem nördlichen Ufer deS See-, wo der Eluat du Montblanc in den Quai de- Paqui- Übergeht. Da» tzotel »Beau R'vage" liegt noch an dem letzterwähnten Quai und die Landungsbrücke für die Dampfer befindet fich fchräg gegenüber dem Hotel, io welchem die Kaiserin abgestiegen war. In unmittelbar et Nähe befindet fich da- prächtige aber geschmacklose .Denkmal Brunswick", da- die Stadt Genf dem Im Jahre 1873 verstorbenen Herzog Karl II. von Braun« schweig, der fie zur Erbin seine- BermSgeo- eingesetzt hatte, errichtet hat. von dem Quai du Montblanc, an besten öft- Intern Ende da- HotelBeau Rivage" liegt, hat man jene prächtige Aussicht auf die Montblanc Kette, die fast in ihrer ganzen Ausdehnung sichtbar ist und namentlich bet klarer Nbendbeleuchtung einen herrlichen Anblick darbietet. Die Gräfin Sztarah, die Hofdame der Kaiserin, welche Augen- Heugin der schrecklichen That war, gab einem Berichterstatter folgende Darstellung.

Wir waren Freitag Mittag in Genf angelangt und im Hotel Beau Rivage abgestiegen. Die Kaiserin wollte, wie t» vorigen Jahre, Genf bestchtigen, machte Promenaden am See und besuchte auch den Park und die Billa des Baron- Adolf von Rothschild. SarnStag wollten wir mit dem Dampfer Liber Teritet nach Laux zurückkehren. Die Kaiserin zog immer die Fahrt mit dem Dampfer vor, während die Herren de» Gesolge» die Eisenbahn benutzten. Gegen 2 Uhr sollte der Dampfer abgehen. Die Kaiserin war lehr heiter und bet bester Laune und ausgezeichnetem Wohlbefinden. Um 1^/, Uhr fritefeen wir da- Hotel und gingen nach btrn Landungsplatz. Vir schritten ruhig auf dem Trottoir de- Quai Mont Blanc tun See dahin. Da sah ich, wie ein Mann raschen Schrittes seewärts an un- herankam, sich der Kaiserin näherte und rasch einen Baurn, welcher zwischen ihm und der Kaiserin stand, pasfirte. Ganz nahe der Kaiserin schien er zu straucheln, anb machte eine Bewegung mit der Hand, ich meinte, um fich «mfrecht zu halten. Dann lief er weiter. Die Kaiserin hatte eine Bewegung nach rückwärt- gemacht und sank zusammen. Ich fing fie tn meinen Armen auf. »Ist Majestät nicht wohl?" fragte ich. Die Kaiserin antwortete: »Ich weiß oicht I" »Da- ist wohl vom Schrecken", erwiderte ich und fügte hinzu: »Wollen doch Majestät meinen Arm nehmen?" Die Kaiserin meinte: »Danke nein." Ich versuchte doch fie gu stützen, aber es war kaum nörhtg. Wir bestiegen nun Kat Sckiff. Dort angelangt, fragte mich die Kaiserin: *®»n Hb blaß?" »Ja wohl, Majestät. Da- ist die Aufregung." Da sank die Kaiserin neuerlich zusammen und verlor das Be° vußtsetn. Ich und einige Damen auf dem Schiff labten die Lronke. Ich hielt das Unwohlsein für einen vorübergehenden Nervenanfall,- an ein Attentat dachte ich nicht. Der Vorgang naf dem Quaitrottoirpleite fich nämlich sehr rasch ab. Ich s ch keine Waffe in den Händen deS Mörders. AlS wir die Kleider bet Raiferin lösten, um ihr Luft zu schaffen, bemerkten »ht keine Blntspuren. Die Kaiserin kam zu fich, erhob fich iann und sagte mit klarer Stimme: »Was ist denn geschehen?" Da- waren ihre letzten Worte. Daraus sank fie zurück, -eichenbläffe bedeckte ihr Antlitz- der Äthern wurde schwer, Iann ging er in Röcheln über. Da- Schiff war abgedampft. Ich bat den Eapitiin zurückzusahren. Bald langten wir bei dem Hafen wieder an. Die Kaiserin, welche vollkommen bewußtlos war, wurde nach einem Zimmer bei Hotels ge­bracht, wo fie nach wenigen Minuten den Geist aufgab. Sie starb, ohne erfahren zu haben, baß fie bas Opfer eine» Attentats gewesen- auch ich erfuhr es erst, nachdem bte Kaiserin tobt und entkleibet war. Die Kaiserin hatte nur wenig Blut verloren.

Der Mörber war, nachdem er den Stoß geführt hatte, bnd) die Rue bei Alpe» geflohen nnb im Begriff, ben weiten Apenplatz zu gewinnen, wo er leicht hätte entkommen können, *1 er von zwei Kutschern festgehaUen wurde, welche am Quai hielten und daS Attentat bemerkt hatten. Sie über­gib en ihren Gefangenen eine« Geusdarrnen.

Die Sunde vom Tode der Kaiserin Elisabeth verbreitete ftch sofort in der Stadt und verursachte Schrecken, Theil- hme und Furcht. Biele Kaufläden wurden geschloffen. Im Kursaal und hn Theater wurden Feste und Vorstellung ab- getagt. Auf dem Stadthause und auf allen Eonsulaten wurden die Flaggen auf Halbmast gehißt. In der Eathe- hole spielte der Organist Barbton auf der Orgel die öster­reichische Volkshymne nnb einen Trauermarsch.

Da» Sefängniß Saint Antoine in der oberen Stadt, fich Lnccheni befindet, wird anfS schärfste bewacht, ver- gichtiges Volk war Sonntag im Umkreise deS Gefängnisse» 1® sehen. Die Polizei glaubt zwar nicht an eine Berichwör-

ung, aber Lnccheni war mittheilsam nnb ruhmredig, daher glaubt man, daß Mitwisser deS Anschläge» in Genf vorhanden find. AlS Eommtffar Aubert die Zelle de» Mörder» betrat, heftete Lnccheni einen haßerfüllten Blick auf den Eintretenden. Lnccheni sagte, als ihm die Feile vorgewiesen wurde: »Da» ist mein Eigenthum, aber ich schenk» es Euch." Der Lorn- rniffar wollte Über die Bergangeoh'it Lnccheni», namentlich über dessen Aufenthalt in Triest 1894 einige» erfahren. Lnccheni beantwortete jede ihm unwillkommene Frage ganz verkehrt, wie ein Idiot, aber die Absicht ist sofort merkbar.

lieber die Person de» Mörder» liegen ferner folgende Meldungen an» Lausanne vor: Am 19. August suchte hier ein Geheimpolizist einen italienischen Anarchisten. Ihm fiel ein Individuum wegen seine» merkwÜrüigen Gesicht» auf, da» tn einer öffentlichen Promenade auf einer Bank saß. Der Agent fragte ihn, was er hier thue, und wer er fei. Hierbei bemerkte der Agent, daß er gedruckte Papiere in der Tasche hatte. »Wa» ist das?" fragte er den Manu und nahm da» Papier. Es waren anarchistische Lieder. Auf den Blättern stand der Name Lnccheni. Die Polizeidirection de» Eanton» Waadt machte den Bundesanwalt in Bern so­fort auf da» gefährliche Individuum aufmerksam. Bon Bern wurden aber keine Befehle an die Polizei in Lausanne ge­geben. Man hätte in diesem Moment Lnccheni tut» der Schweiz al» notorischen und gefährlichen Anarchisten wegweisen können. Da vom Bundesrath aber keine Ordre» hierzu ge­geben wurden, ließ man Luccheui in Lausanne frei laufen.

Am Sonntag Abend wurden in Lausanne mehrere 8er- Haftungen unter den Freunden unv Bekennten LvechenlS t>6> genommen und etwa zehn Individuen verhaftet. Die Unter­suchung wird mit größtem Eifer geführt. E» verlautet, daß die franzöfische Regierung schon vor einigen Wochen von Wien und von anderer Seite unterrichtet worden sei, daß die Anarchisten ein Attentat vorbereiteten. Man wußte aber nicht, gegen wen. Die französische Regierung hat, wie Üblich, den rusfifchen Hof davon verständigt und auch für die Sicher­heit des Präsidenten Faure Borsorge getroffen. Mehrere Anarchisten, welche fich nicht mehr sicher fühlten, sollen Samstag Abend, andere Sonntag früh Pari» verlaffen haben.

Der Genfer Eorrespondevt de» »Journal" meldet, daß nach drei Italienern, welche alsbald nach dem Attentat mit der Bahn abreisten, eifrigst gefahndet wird. Mehrere Kutscher in Genf erzählen, fie hätten tn den letzten Tagen verdächtig auSsehende Individuen in der Nähe drS Hotels Beaurivage gesehen. Freitag seien der Kaiserin drei Männer auf Schritt und Tritt gefolgt.

In der Schweiz hat die SchreckenSthat die schmerz- lichste Bewegung hervorgerufen. Man befürchtet allgemein eine arge Discreditirung des Ansehens der Schweiz im ge­kämmten Ausland. Die schweizerische Preffe verlangt strenge Gerechtigkeit, der einzige aber schwache Trost liege darin, daß der Thäter landfremd und ein Anarchist sei. Seitdem die anarchistische Bewegung besteht, hat niemals ein Anarchist in der Schweiz ein verbrechen gegen da» Leben von Personen begangen. Anarchisten übertraten früher nur die Preßgesetze. Nach Genfer Gesetz kann der Mörder nicht hingerichtet, sondern nur eingekerkert werden.

Tie Propaganda der That.

Die südlichen Länder Europas find im letzten Jahrzehnt häufig genug der Schauplatz schwerer verbrechen gewesen, die ans die Thätigkeit der Anarchisten zurückgesührt wurden. Spanien, Italien und Frankreich haben eine Reihe von Atten­taten zu verzeichnen, welche In den Anarchisten, den Propa­gandisten der That, ihre Urheber hatten. Gerade in Frank- reich, der Republik, trieben die unheimlichen Gesellen eine Zeit lang ihr Wesen, und die Ermordung de» Präfideuteu ttarnot war ein Beweis dafür, daß e» die Anarch stru nicht auf die Throninhaber allein abgesehen haben, daß fie vielmehr Mord und Verbreitung von Schrecken überhaupt auf ihre Fahue schreiben.

Die am SarnStag erfolgte Ermordung der Kaiserin Elisabeth von Oesterreich hat viel Aehnlichkeit mit der an Sarnot verübten That. Auch dieser Präfident der fraozöfischen Republik hatte nicht den geringsten Anlaß gegeben, durch welchen er fich den Haß der Anarchisten hätte zuzieheu können. Und nun gar die Kats ernt von Oesterreich! In beiden Fällen war e» dem Meuchelmörder nur darum zu thuu, irgend ein Opfer au» hochstehenden Kreisen zu finden und durch die Hiumorduog desselben der Welt zu zeigen, daß die anarchistische Partei noch am Leben ist.

Al» Präfident Saruot durch den Italiener Lasetto er­

dolcht worden war, da wurde in Frankreich da» Anarchisten­gesetz erlaffeu nnb in allen Ländern wurde die Frage ventilirt, ob nicht durch internationale Abmachungen dem Anarchisten- nnwesen ein Ende gemacht werden könne. Ob die Angelegen­heit über die ersten vorbereitenden Schritte hinausgekommen und überhaupt zwischen den Regierungen ernstlich erörtert worden ist, läßt fich nicht sagen. Jedenfalls ist e» bei dem guten Willen geblieben, oder aber der AuSsühruug Haden fich unüberwindliche Hinderntffe in den Weg gelegt. Wären alle Mächte einig, so könnte immerhin der versuch gemacht werden, durch internationale Vereinbarungen dem Meuchelmord Ein­halt zu thun, aber auch in dieser Frage find die Staaten nicht unter einen Hut zu bringen. Man sagt, daß besonder» England widerstrebe, welches ben Anarchisten da» Ashlrecht nicht nehmen wolle, au» Furcht, dieselben würden dann da» Land zum Schauplatz ihrer verbrecherischen Thätigkeit machen, während fie e» bisher gleichsam al» Gegenleistung für da» ihnen gewährte Ahl möglichst verschonten. Wte weit diese Annahme berechtigt ist, läßt fich nicht coutoliren- jedenfalls hat die britische Regierung es bisher nicht angezeigt gefunden, die Einschränkung oder Aufhebung de» Ashlrecht» in die Wege zu leiten.

Man kann ficher darauf rechnen, daß nach der neuesten Mordthat wiederum in der Presse die Frage besprochen werden wird, ob fich nicht alle Luiturstaaten vereinigen müßten in dem Bestreben, den Propagandisten der That daS Handwerk zu legen und den Anarchismus überhaupt möglichst zu unter­drücken.

Frankreich hat f. Zt. da» Nutzlose bei Auarchistengefetzc» eingesehen und e» Dedo wieder aufgehoben. Auch wir find der Meinung,, daß man wohl bad Ueberhaudgreifeu der anarchistischen Lehre einschränken soll, daß aber kein Gesetz der Welt gegen den Meuchelmord zu schützen vermag, der im Dunkeln sein Werk vollbringt und daS Tageslicht scheut. Aber wo fich die Auswüchse de» Anarchismu» öffentlich zeigen, da sollte man auch keine Schonung kennen und rÜckfichtSlo» einschreiten, um abschreckende Beispiele zu geben. Gegen die Propagandisten der That ist keine Strafe zu hart! _______________________________(xx)

Deutschlands neueste Kolonie

von Eapilän Han» Hensen.

(Nachdruck verboten.) (Schluß.)

Der ziemlich Derbrettete Glaube, baß die Chinefinnen allgemein häßlich seien, ist ein irriger. Die schief geschlitzten Augen machen zwar erst einen etwas befremdlichen Eindruck, aber der fünfte Blick der dunklen Augen nimmt doch für fie ein. Die Hautfarbe ist oft von derjenigen der Südeuropäet- inntn wenig verschieden; die Figur tst meist eine regelmäßige, wenn auch kleine Statur, beionber» im Süden, vorherrscht. Im Umgänge sind die Chinefinnen durchschnittlich von einer schüchternen Zurückhaltung, die wohl in dem Bewußtsein ihren Grund haben mag, daß sie ben Männern gegenüber al» Ge chöpfe untergeordneten Range» gelten. Sie sind fleißig in ihrer Häuslichkeit und verlaffen dieselbe selten, wozu auch die durch ganz China übliche Verkrüppelung der Füße, die ihnen nur einen äußerst unschönen langsamen, tnppdnben unb watschelnben Gang gestattet, das ihrige beitragen mag.

Die Ehen werben bei den Chinesen sehr zeitig geschloffen; e» ist nicht» Seltene», daß ein fünf» ober sechsjährige» Mäbchen mit einem um wenige Iahte älteren Knaben ehelich verbunben wirb. Sie bleibt bann allerding» meist noch eine Reihe von Jahren im Elternhaufe. Die chinesischen Kinder sind häufig recht niedliche Geschöpfe. Ihr Haupt vergnügen, an dem auch die Eltern oft theilnehmen, tst da» Steigenlaffen großer, phantastisch verzierter Papierdra^en. Bt»weilen werden btefelben zum Kampf gegeneinander geführt, indem man in die ben Drachen haltende Schnur dünne Mefferklmgen einknüpft und nun mittelst derselben die Schnur de» geg­nerischen Drachen» zu zerschneiden sucht. Gelingt die», so erhebt fich ein betäubende» Freudengeschrei. Ueberhaupt schreit der Chinese viel, auch bei geringen Meinungsver­schiedenheiten. Zu Tätlichkeiten kommt e» indessen selten; er hält mit Falstaff Vorsicht für ben besseren Th eil bet Tapferkeit unb greift nur an, wenn bte Ueberzahl ihm einen möglichst ungefährlichen Sieg sichert.

Deshalb werden auch die Chinesen trotz aller Mühe, welche sich bie meist bem preußischen Heer entnommenen Jnstructoren mit ihnen gegeben haben, in absehbarer Zeit schwerlich brauchbare Solbaten rverben. Auch un» macht schon einen sonderbaren Eindruck, daß fie saft nie ohne Regen­schirm zu sehen sind, und auch ihre sonstige Tracht, der