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Donnerstag den 14. Juli
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger
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neues Telegramm an den Marschall Blauco -u senden und ihm darin die Nothwendigkeit deS Friedensschluffes auseinander, zusetzen. Bon dessen Antwort hangt die Entscheidung der
Regierung ab.
Die Entwickelung
der Dreyfus-Angelegenheit.
Daß die Affaire de- ExcapitainS DreyfnS fortgesetzt die Sffeutliche Meinung F,aakreich- und darüber hinan- diejenige der gesammtea gebildeten Welt in Äthern erhalten werde, haben wir bereit- früher bet Besprechung der Angelegenheit ausgeführt. Der nun schon mehrere Jahre hinter unS liegende Proceß nahm aber insofern die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch, al- die maßgebenden französischen Persöaltchkeiteu deutlich durchbltckeu ließen, Deutschland sei die Macht, au welche Drryfu- militärische Gehetmntsie verratheu habe. Luch Italien wurde genannt, doch war e- den Franzosen natürlich viel lieber, Dreyfu- zu einem Spion der „PrusfienS" zn stempeln.
Schon damals, al- der Proceß abgeschlosien war, schien t» klar, daß die Gemüther nicht so leicht dernhigr werden würden- dazu war der ganze Verlauf zu sensationell und vor allen Dingen zu geheimn ßvoll gewesen. Hätte die Regierung damal- der Orffentlichkeit reinen Wein eingeschänkt, Niemand würde sich noch heute um den Gefangenen der Teufel-tosel kümmern, der Proceß wäre längst tu Vergeffenhett gerathen. So aber ist derselbe zu einer romantischen Affaire und Dreyfu- immer mehr zu einem Helden gestempelt worden. Man glaube nur nicht, daß der* Anhang deS Dreyfu-. SyndicatS gering ist, wie die chauvinistische Preffe Frankreichs dlr- gar zu eifrig darzufiellrn befl ffen ist. Die Familie Dreyfu- verfügt über große Mittel, sie ist verschwägert mit vielen einflußreichen Persönlichkeiten deS osficiellen Frankreich» uvd da hinzu teilt noch, wie schon vorhin gesagt wurde, da- lSehrtmnißvolle, in den Augen Vieler da- Unaufgeklärte der ganzen Affaire.
An Bersuchev, den Excapitain za retten, hat e- schon gleich nach seiner Berurtheilung nicht gefehlt, sie prallten rder alle an dem festen Entschluß der französischen Regierung rb, die Sache al- abgethan anzusrhen und den Schleier, welcher die Affaire verhüllt, unter keinen Umständen zu lüften. Daß es eine ganze Reihe von Persönlichkeiten gibt, welche felsenfest von der Schuldlofigkeit Dreyfu- überzeugt find, hat der Proceß Zola erwiesen. Alle diese Leute fragen stich, welche Gründe könnten Dreyfu- geleitet haben, den «errath zu begehen? Er verfügte über ein beträchtliche- vermögen, war in glücklicher Ehe verhetrathet und hatte die d-esten Chancen, Carr öre zu machen. Wa- hätten ihm fremde Regierungen bieten können, um ihn zu veranlassen, Alle- ansS Spiel zu setzen?
Psychologisch ist der Fall nicht zu erklären und da- tieibt fortgesetzt eine Anzahl Prrlöalichkeiten, immer wieder d>ie Aufmerksamkeit der öffentlichen Meinung auf die Ua. wahrfcheiultchkrtten zu richten, welche im Proceß Dr.ysnS Lar zu Tage treten. Welche Motive können Zola bewogen haben, die Partei de- Berurtheilten offen zu ergreifen? Durfte der bekannteste Schriftsteller Frankreich» etwa irgend welchen persönlichen Bortheil für sich ans seinem Vorgehen mitstehen sehen? Zola kennt da- französische Publikum wie Situ Anderer- er wußte, die Franzosen wollten einen Schuldigen haben, schon allein auS dem Grunde, Deutschland ein» au-wischen zu können. Der bisherige Verkauf der Zola» Affaire ist noch in frischer Erinnerung, der Proceß findet lekanntlich in etwa acht Tagen seinen Abschluß.
In der letzten Woche Hot die Drrhfus-Angelegenhett wieder in erhöhtem Maße die Orffentlichkeit beschäftigt. In Ser Drputirtenkammer war bekanntlich eine diesbezügliche Interpellation eingebracht worden, auf welche der neue Krieg»- Minister Cavaignac eine sehr schneidige Antwort gab und «. A. drei Schriftstücke vorlegte, welche einen unzweifelhaften veweiS für die Schuld DrkyfaS liefern sollten. Die Schrift- ßücke find zum Theil nicht mehr neu, nur da- dritte, in welchem der Name deS ExcapitainS genannt wird, war noch nicht bekannt- wäre daffelbe echt, so würde die Schuld de» Serurtheilten kaum noch geleugnet werden können. Nun aber erscheint der Oberst Picqaart, welcher im Laufe des ganzen ProcrffeS bereit- eine große Rolle gespielt hat, in der Oeffcnt- S lichkeit und richtet einen Brief an den Ministerpräfidenten, worin er fich erbietet, vor jedem ordentlichen Gerichte den Beweis führen zu wollen, daß die beiden ersten vom Krieg». Minister Cavaignac verlesenen Schriftstücke fich gar nicht auf DrrhfuS beziehen können und daß da» dritte Schriftstück eine Fälfchung fei. Mit diesem Schreiben PtcquartS tritt die Angelegenheit wieder in ein neues Stadium. Daß die Re- aiernng dazu schweigen könnte, erscheint ganz au-geschloffen, und eS ist nur zu wahrscheinlich, daß die Affaire von Neuem wieder aufgewühlt wird. Cavaignac ist insofern in einer
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Locale» und provinzielle».
Siebe«, den 13. Juli 1898.
Wanderausstellung der deutschen LandwirlhschaftS- gesellschast. Die Snsschüffe deS Hessischen Landwtrthschaft»* rathS deichästigen fich bereit» mit der im Juni 1899 in Frankfurt a. M. statifindenden Wanderausstellung der deutschen LandwirthschaftSgesellschast. Die AuSschüffe haben bei dem LandwirthschastSraih beantragt, da ganz ficher bei dieser Ausstellung eine große Betheiligung hessischer Aussteller zu erwarten stehe, fich sofort mit den drei Provinzialvereinen in B-rbindung zu setzen, damit die Bereitstellung der nöthigen Mittel alsbald erfolgen könne- ferner soll eine Beretnbarung mit den Landwirthschast». kümmern für die Regierungsbezirke Wiesbaden und Raffel, den landwirthschaftlichen Behörden von Baden, Württemberg und Bayern, dem landwirthschaftlichen Verein zu Frankfurt und anderen in Betracht kommenden Organen angeregt werden Über die Beschaffung von Mitteln zur Verwehrung der au»- zusetzeuden Preise.
Fahnenflüchtige. Die Großherzoglichru KreiSämter haben an sämwtliche Bürgermeistereien deS Landes bett. Eheaufgebot für Fahnenflüchtige eine Verordnung der heffifchen Ministerien de» Jauern und der Justiz gesandt. Um den- jenigen Deutschen, welche fich der Fahnenflucht oder der Verletzung der Wehrpflicht schuldig machen, den Aufenthalt im AuSlande zu erschweren und sie dadurch zur Rückkehr zu bewegen, ist den Gemeindebehörden die Bekanntmachung be» Aufgebots zum Zwecke der Eheschließung für die bezeichneten Personen für die Folge untersagt worden. Etwaigen Anforderungen wegen B.kanntmachung deS Eheanfgebot» für im AuSlande fich aushaltende Deutsche ist von den Gemeindebehörden nur dann zu entsprechen, wenn der Nachweis ge- liesert wird, daß e» sich um andere als die bezeichneten Personen handelt. Daß die Standesbeamten fich mit dem Aufgebot nur dann zu befassen haben, wenn die The vor ihnen selbst geschloffen werden soll, ist bekannt, daß sie Aufgebot und Eheschlikßung von Militarpersonen de» Frieden»- stände» und von zur DiSpofition der Truppentheile beurlaubten Mannschaften und von in die Heimath beurlaubten Rekruten und Freiwilligen, die fich der Fahnenflucht schuldig machen, nicht vornehmen dürfen, folgt au» der Vorschrift, daß die Genannten zur Berheirathnng der Genehmigung ihrer militärischen Vorgesetzten bedürsen. Eine solche Erlaubniß wird aber niemal» ertheilt, so lange die Deserteure nicht zurückgekehrt find und ihr Vergehen gesühnt haben.
Schlitz, 10. Juni. Zum 1. October d. I. ist dem hiesigen Posthalter die Omnibu»fahrt zwischen hier und Salzschlirf gekündigt worden, weil an diesem Tage die Eröffnung der neuen Eisenbahnstrecke Salzschlirf-Schlitz in Aussicht genommen ist. Die Poft HerSfeld-Schlitz bleibt bestehen. Der Unterkörper für die 10 5 Kilometer lange Kleinbahn in da» Schlitzet Land ist in solidet Ausführung bis zur Schienenlegung fertig- an den Hochbauten (StatiouS- gebauten in Niederstoll, Wärterhäuschen) wird fleißig geschafft und gehen dieselben rechtzeitig ihrer Vollendung entgegen. Der Bahnhof in Schlitz ist ein stattliche» Gebäude mit schönen Wartesälen und einem comfortablen Fürstenziwmer. Die Bahn sührt durch einen idyllischen Wiefengruud und wird nicht nur dem Personenverkehr, sondern auch der bedeutenden Leiueniodustrie und der schwunghaften Viehzucht im Schlitzet Land seht zu statten kommen.
Fauerbach v.d.tz., 12.Juli. Ein Fund von seltener Art wurde unlängst in hiesiger Gemarkung gemacht. In einer Sandgrube, an der Straße von hier nach Langenhain gelegen, fanden Arbeiter ca. 17 Fuß tief unter der Erdoberfläche einige Knochenreste, anscheinend von einem starken Vierfüßler herrührevd. Daß diese Knochen nicht durch mensch- liche» Zathun an ihre Fundstelle gelangt find, beweist der Umstand, daß die Über dem Fundort befindlichen Sand- und KieSschichten fich noch in ursprünglicher Lage befinden. Ob genannte Knochenreste von fossiler Art oder späteren Ursprungs find, dürfte nur von sachkundiger Seite richtig be» urtheilt werden Der Fund ist von dem Mitbesitzer der Grube, Georg Werner in Verwahrung genommen.
△ Mainz, 12. Juli. DaS amtliche „Mainzer Tage- blatt" meldet al» Gerücht, daß Ministerialrath Krug von Nidda zum Provinzialdtrectsr von Rheiuheffen ernannt
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Montags.
Die Gießener Damllieuv kälter »erden dem Anzeiger Wöchentlich viermal beigelegi.
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der Vorstand.
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mißlichen Lage, als die Fälschung deS dritten Schriftstück», auf welches et fich bezog, ziemlich offenkundig ist. In demselben soll der frühere deutsche Militärattachv den Capitäu DrthfuS ausdrücklich genannt haben; demgegenüber steht aber die vom StaatSstceetär v. Bülow an öffentlicher Stelle abgegebene unzweideutige Erklärung, daß kein Vertreter der deutschen Regierung jemal» mit Driyfu» Unterhandlungen gepflogen habe. Ob die maßgebenden Kreise Frankreichs auf die Dauer fich der Nothwendigkeit werden entziehen können, volle Klarheit in die Affaire Dreyfu» zu bringen?
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Deutscher Reich.
Berlin. 12. Juli. Der Kaiser ist heute früh 6^Uhr auf der „Hohenzollera" in Molde eingetroffen.
Berlin, 12. Juli- Der „ReichSanzeiger" veröffentlicht die Verleihung de» Grohkreuze» de» Rothen Adlerordeu» mit Eichenlaub an den General der Infanterie Freiherrn v. Wilczck, Gouverneur von Köln, ferner die Verleihung de» Stern» der Comihure de» königlichen Hau»orden» von Hohenzollern an den Chef de» Marine Cabinet» Contre- Admiral Freiherrn v. Send en-Bi brau.
Berlin, 12. Juli. Wie bet „Localanzeiger" meldet, ist e» den Crtminalcommlffaren Weiß und Braun gelungen, den muthmaßlichen Mörder der Bertha Singer, den wegen seiner Rohhett tnZuhälterkceisen sehr gesürchteien srüheren Schneider- gestllen Hugo Guth mann zu verhaften.
Berlin, 12. Juli. Im Pferdeeisenbahn-Depot zu Rix- dorf ist heute Mittag ein großes Feuer ausgebrochen. Sämwtliche Pferde wurden gerettet und zwar mit größter Mühe. Der ganze Dachstuhl, lotete große Heu- und Stroh- Borräthe find ein Raub der Flammen geworden.
Berlin, 12. Juli. Steuerentlastung des Kleingewerbes. In Bezug auf die Umgestaltung der Gewerbesteuer hat der Finanzminister Dr. M qurl bei Empfang einer Abordnung de» Bunde» der Handel- und Gewerbetreibenden feiner Zett iede Unterstützung der Regierung in Au»ficht gefüllt und versichert, daß die Regierung allen bezüglichen An- trägen der Gemeinden ihre Zustimmung ertheilea würde. Zunächst hat der Minister aber auch die Hoffnung au»- arfprochen, daß die von ihm demnächst zu berufende Con- frrenz bet Oberbürgermeister, zu welcher auch gewerbliche Sachverständige zugezogen werden sollen, die Gemeinden bei* anlaffea werden, der Frage der Steuerentlastnng de» Kleingewerbe» erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden.
Stettin, 12. Juli. Das hiesige Oberlande»gericht sprach heute den Verleger der „Cö»liner Zeitung", der wegen Beleidigung de» früheren LandtagSpräfidenten v. Köller verurtheUt war, frei.__
Ausland.
Wien, 12. Juli. Einer Blättermeldung zufolge will Graf Thun den Reich»rath auch in dem Falle, daß eine Einigung mit den Deutschen nicht gelingt, im August ein- berufen und da» Sprachengesetz vorlegen, damit die parlamentarischen Verhandlungen Über den Ausgleich mit Ungarn eingeleitet werden können. Im keinem Falle beabsichtigt Graf Thun, da» Sprachengesetz ohne Zustimmung der Deutschen auf Grund de» § 14 zu decretiren.
Pari», 12. Juli. Der Minisietrath hat beschlofien, daß der KriegSminister gegen den Obersten Picquart eine Klage auftrengen soll, weil dieser einer nicht autorisirten Persönlichkeit Docuwente betreffend die Sicherheit deS Staate» mitgetheilt habe. Gleichzeitig erfolgt auch die Anklage gegen den Advocaten LebloiS, al» Complicen Picquart». Der Beschluß greift auf die im Zolaproceß von Colonel Henry gegen Picqaart erhobenen Beschuldigungen zurück.
London, 12. Juli. Der Commandant von Santiago soll einem Gerücht zufolge die Capitulation an- geboten haben. „ , M „
London, 12. Juli. Wie der ^Standard" über Berlin erfährt, soll die Königin-Regentin von Spanien gewillt sein, FriedenSunterhandlungen mit den Der- einigten Staaten ohne Vermittlung der Mächte anzuknüpsen, vorausgesetzt, daß die Bedingungen nicht zu harte seien. Da» äußerste Zugeständniß sei die Gewährung der völligen Un* abhängigkeit Cubas. , , .
Madrid, 12. Juli. Der spanische Botschafter beim Batican hatte eine lange Conferenz mit Rarnpolla. Nach derselben sandte Rawpolla Namen» de» Papste» ein lange» chiffrirte» Telegramm an die Königin-Regentin. Der Papst hat angeblich Spanien den Rath ertheilt, ohne Verzögerung Frieden zu schließen. Die Regierung beschloß, ein
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