Ausgabe 
14.1.1898 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

eilen-Gesuche.

duhbrauche.

P« Ski

M»iUi><re 8. b-l

Stak «. u^ttinee,

J'ä

*- Mtt Mann,

Wt 3tirt bei eine bisintt, eonnenftr, 24,

LB -44 n dir «Mb. H

is* ä:

MM.7

ntrWmJ

Inntrts |au$

a nb Rtbrobcrf jn oetfemfe kr «n- b. 81 [U

'orenu Gefunden.

tia »enatüw kys jeU abjwtta ötbtüttv 18.

einsnachrichten.

mischte Anzeigen.

Section Giesie D Oe. A. V.

Tour III:

tfalbtre - Lo°r 6:ütia{bl6.3iO.^ x:rfd) Ml. bO frü »b Üch-dck

UM*. (,dt,Ä! fit ta ßstttA ketrW

iiitW-ste«

»fiaein 6

M*. 1t Zweites Blatt. Freitag den 14. Januar 1898

3 Gießener Anzeiger

AezugspreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pfg. monatlich 75 Pfg. mit Bringerlohrr.

Bei Postbezug Mark 50 Pfg. ierteljährlich.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Norm. 10 Uhr.

General-Weiger

Alle Anzeigen-VermittlungSstellen de- In« und Auslandes nehmen ?lnzcigcn für den Gießener Anzeiger -ntgegea.

Anrts- unb Zlnzeigebl^tt für desr Ttress Gieszesr.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schnlstraße Ar. 7.

Gratisbeilage: Gießener Familienblätter.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Hieße».

Fernsprecher Nr. 51.

Jlmtlichcr LöeU

Bekanutmachuug.

E« wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, dah tzie «ach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über iic Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Auf­schlags von Fünf vom Hundert pro Monat December 1897 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen: Hafer Mk. 16,70, Heu Mk. 6,40, Stroh Mk. 4,30.

Gießen, den 11. Januar 1898.

Großherzogliches KreiSamt Gießen, v. Gageru.

Bekanntmachung,

ietr.: Die polizeilich technische Revision der Maaße, Gewichte und Waagen.

Wir bringen zur allgemeinen Kenntwß, daß unsere Bekanntmachung vom 5. l. Mts (vgl. Gießener Anzeiger Nr. 5, 6 und 7) sich auch auf die im Gewerbebetrieb zur Benutzung kommenden Waagen bezieht, weshalb den Jn- tereffenten empfohlen wird, neben ihren Maaßen und Gewichten auch ihre Waagen in den bereits veröffent- . lichten Terminen zur Vorprüfung dem Aichmeister einzusenden. \

Gießen, den 12. Januar 1898.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

v. Bechtold.

Das Heerwesen in China und die reorganisatorischen Bestrebungen.

Man macht sich bei uns oft recht verfehlte Vorstellungen ! von dem chinesischen Heer, vor Allem von dem Umfang der * Heeresreform in China. Man hört ost von Ankauf «euer Kriegsschiffe, europäische Offiziere geben als Jnstruc- \ toten nach China, auch besteht eine Kriegsschule in Tientsin, $ hauptsächlich zur Heranbildung tüchtiger Offiziere. Aber was ; wollen alle diese Maßregeln heißen, wenn es sich um die ; Reorganisation einer großen Armee handelt.

Will man sich überhaupt einen einigermaßen klaren Begriff von dem Umfang der reorganisatorischen Bestrebungen machen, so muß man sich zunächst die Zusammensetzung und bintheilung des chinesischen Heeres näher ansehen. Denn das »

muß man bei dieser Heeresreform immer im Auge behalten, daß sie sich nicht nach einem einheitlichen Plane über das ganze chinesische Heer erstreckt. Das chinesische Heer im Kriegs­zustand setzt sich aus drei Beftandtheilen zusammen: der Bannerarmee, dergrünen Flaggen-Miliz" und den nur im Krieg aufgebotenen irregulären Kontingenten der Vasallendistricte, vor allem den Mongolenhorden. Diese drei Bestandtheile stehen sich ganz selbstständig gegenüber, d. h. sie sind nicht Theile eines einheitlichen Ganzen, wie etwa unsere Armeecorps, sondern sie sind ganz selbstständige Heere, die eben nur im Kriegsfall gemeinschaftlich operiren: das chinesische Heer ist eben keine einheitliche Körperschaft.

Die Bannerarmee ist das eigentliche Reichsheer. Sie recrutirt sich aus den auf Lebenszeit kriegsdienstpflichtigen Mitgliedern der Kriegerkaste, größtentheils Mandschuren. Sie ist in 24 Banner eingetheilt, von denen jedes die drei Waffengattungen enthält: Infanterie, Kavallerie und Artillerie. Die Bewaffnung der verschiedenen Banner ist ganz verschieden. In manchen ist die Armbrust die einzige Schußwaffe. In den wohlausgerüsteten Bannern ist man noch nicht über Hinterlader hinausgekommen. Es ist eben noch ein ächt chinesisches nationales Heer. Aus ihm werden die Besatz­ungen Pekings und der übrigen größeren Städte gebildet, wo sie die sog. Tatarenoiertel bewohnen. Uebrigens ist diese Reichsarmee, deren Sollstärke im Kriegsfall 250000 Mann beträgt, zu Friedenszeiten nur zum kleineren Theil im Dienst. Der größere Theil etwa 150000 Mann geht seiner bürgerlichen Beschäftigung nach. Wir bezeichneten dieses Heer mehrcremal als die eigentliche Reichsarmee: d. h. über sie allein hat die Kentralregierung also auch der Kaiser von China unbedingtes Verfügungsrecht.

Diegrüne Flaggen-Miliz" ist ein Söldnerheer. Jeder Vicekönig und Provinzialstatthalter hat nämlich die Pflicht, ein Söldnerheer zu unterhalten, das im Stande ist, sein Gebiet zu vertheidigen. Aus diesen einzelnen Heeren setzt sich dann diegrüne Flaggen-M'liz" zusammen. Man kann bei ihr noch weniger von einer einheitlichen Körperschaft reden, wie bei dem Bannerheer. Dort sind zwar Ausrüstung und Einübung bei den verschiedenen Bannern grundverschieden. Allein es Hal wenigstens ein einziges Oberhaupt das Ver­fügungsrecht über die ganze Armee. Dagegen ist der Namegrüne Flaggen-Miliz" weiter nichts, als der zusammen- fastende Ausdruck für eine Reihe ganz selbstständiger, in sich abgeschlsstener Körperschaften; denn ein directeS Verfügungs­recht über jede Prooinzialarmee hat nur der betreffende Statt­

halter. Er hat sie ja angeworben, er muß sie ausrüste« und besolden. Zwar soll jeder Statthalter im Kriegsfälle sich mit seinem Heer der Centralregierung anschließen; aber, ob er das wirklich thut oder nicht, das hängt doch nur gary von ihm ab und von feiner Macht. Die Stärke der ge- sammten Flaggenmiliz soll 600000 Mann betragen; die irregulären Kontingente der Mongolen eingerechnet, betrüge also die Gesammtstärke des chinesischen Heeres etwa eine Million.

Sehen wir uns nun in diesem Heer nach Reorgani­sationen um, so ist bei der Bannerarmee von einer solchen noch gar keine Rede. Es ist, wie schon bemerkt, ein ganz chinesisches Heer. Heeresreformen finden wir nur bei den Provinzialarmeeen, d. h. bei einigen von ihnen, während andere selbst noch viel weiter zurück sind, als die Banner- armee. Am weitesten fortgeschritten ist die Reorganisation in dem Heere des Generalgouverneurs von Pe-tschi-li (die Provinz, in der Peking liegt), Li-Hung-Tschang, der ja vor einiger Zeit Europa besuchte. Auch der Gouverneur von Formosa, und zum Theil auch der Vicekönig von Kanton haben ihre Truppen auf eine ziemliche Höhe gebracht. Doch bleiben wir zunächst noch bei der Armee Li - Hung - Tschang». Dieser begann die Reorganisation zunächst auf eigne Faust in seinem Heer 1881. Man machte aber mit seiner Versuchs- abtheilung in dem Feldzug in Tongking so gute Erfahrungen^ daß er in Folge der Unterstützung der chinesischen Kentral­regierung, die aus seinem Heer die Jnstructvren für die Bannerarmee entnehmen wollte schon 1886 diese Versuchs- abtheilung zu einem Korps von 10 000 Mann erweitern konnte. Seitdem hat er es selbstständig so weit gebracht, daß er jetzt über ein Heer von mehr als 40000 Mann verfügt, die nach preußischem Muster ausgebildet sind jedoch zum Theil noch chinesisch ausgerüstet. Die Ad- justirung ist sehr ungeeignet, weil viel zu bauschig: blaue Leinwandblousen und Hosen bei der Infanterie (oft auch noch ein ärmelloser, schwarzer Ueberwurf), als Fußbekleidung hohe chinesische Zeugftiefel, und al» KopfbedeÄng schwarze Turbans. Die Paradeuniform ist unschön: blaue, rothbesetzte Jacken mit je einem weißen Einsatz auf Brust und Rücken, auf letzterem die Bezeichnung des Truppentheils; die Bein­kleider sind roth. Die Schießausbildung ist gut. Die In­fanterie hat österreichisches Mausergewehr, allerdings in ver­schiedenen Modellen. Mit demFelddienst" steht es schlechter, als mit der Schießausblldung, wiewohl die Offiziere und selbst Unteroffiziere von meist preußischen Jnstructoren

Feuilleton.

Die Vestrim.

Sküze von S. Hoechstetter.

(Fortsetzung.)

Mein Freund, der erst erregt aufgefahren war, schwieg ßekränßt.' Er hatte vielleicht einen romantischeren Ausweg ton mir erwartet oder er fühlte selbst eine unklare Der- pflichtuug zur Entsagung und belletristischer Noblesse.

Ich lächelte begütigend.

Wir Beide find; hier in Jgl»,- wir Beide wohnen im Jglerhofe. Es ist zwischen unS ein ganz gleicher Kamps mit ehrlichen Mitteln; und da sie doch nur einen von uuS wird lieben können, machen wir unS keine Eoncurrenz."

Julian nickte verständnißvoll.

Wir plauderten noch ein wenig und Julian gab vor meiner höheren Einficht den Gedanken an die Roth- »endigkett eines Duells und dergleichen Uufinn auf.

III.

Daß wir Beide nun unser Bestes traten, NinaS Liebe zu erringen, ist so selbstverständlich, daß man keine Worte weiter darüber zu verlieren braucht. Ich glaubte mich aller­dings im Bortheil und freute mich auf den Augenblick, wo Sie schönen Augen nicht mehr nach geträumten Idealen, son- lern in die meinen blicken würden und wo dieser stolze Mund nicht mehr von der Liebe zur Kunst, sondern der Liebe zu mir sprechen 'ollre. Sie hatte so etwas Weiches, Weibliche», Hiugebende» in ihrem Gesicht und ich liebte Fe. Ich fühlte es immer deutlicher, wie sehr ich sie liebte. -

Eines Tages, mochten drei Wochen nach jenem toncertabenb sein, kam Julian wieder zu mir. Er trug Frack und Klapphut, die er sich wohl expreß zu dem feier- lichen Acte hierher verschrieben, und sah außergewöhnlich erregt au».

Ich gehe zu Harten» ich ertrage die Ungewißheit nicht länger. DaS wollte ich Dir doch erst sagen. Du, Albrecht, sag mir, hast Du Hoffnungen?"

Ich mußte fast ein wenig lächeln Über diese Offenheit.

Hoffnungen! Ja, Gründe dazu keine. Aber mein Junge, wenn Du Dich nur nicht ein bischen verfrühst. Ich würde an Deiner Stelle nicht im Frack kommen. Der Frack ist so etwas Entscheidendes. Eine Abweisung in ge­wöhnlichererKluft" nimmt man nicht halv so tragisch."

Julian fügte sich wiederum. Er kehrte aufs Zimmrr zurück, wählte einen Jackettanzug und ging zu Harten». Sie wohnten im Gasthaus zum Altwirth.

E» war der 10. August', ein Falb'scher Tag zweiter Ordnung. Kurz nachdem mich Julian verlassen hatte, kam ein ungewöhnlich heftiges Gewitter, da» mehrere Stunden währte.

Ich blieb in meiner Stube und versuchte zu arbeiten. Aber da» geht nicht gut, wenn mau weiß, daß die Geliebte eben einen Antrag von einem Andern bekommt und daß dieser Andere ein guter Junge und Freund ist.

So warf ich meinen Lodenmantel um und ging hinunter nach der Richtung von Bill. Ich durchschritt da» Dorf und wanderte auf der Chaussee weiter bi» dorthin, wo man die Sill herunterfiflßen ficht.

Da» Wasser, in welche» die schweren, dichten Regen- tropfen fielen, rauschte so merkwürdig und über mir rollte noch verhallender Donner in gebrochenen, uachklingenden Tönen.

Ich ging ein wenig vom Wege ab und plötzlich stolperte mein Fuß über ein Hinderniß einen Baum­stamm, dachte ich im ersten Augenblicke. Aber ich sah sofort, daß e» kein Baumstamm war, sondern ein Mensch und kein fremder Mensch, sondern mein Freund Julian.

Ich beugte mich herunter zu ihm. Seine Kleider waren feucht naß und roch so seltsam da. Ich

I griff ihn an der Schulter er regte sich nicht ich blickte in sein Gesicht, baß ein wenig seitlich lag, und da sah ich, daß er tobt war.

Ein lähmende» Entsetzen kroch über mein Herz. Hatte er sich erschossen, der arme Junge, weil er ein Nein bekommen?

Da oben an den Schläfen da war eine kleine blaue Wunde. Aber von hier lief ein breiter, brauner Streifen herab, der den Kragen versengt hatte und die Kleider ungebrannt und der noch unten in der Schuhspitze ein kleine» Loch hinterlassen.

Freund Julian war vom Blitz erschlagen. Auf dem Kirchhof von Bill hat man ihn begraben.

Nina stand mit ihren Eltern an seinem Grabe.

ist meiner Tochter so schmerzlich, daß fie ihm kurz vor seinem Tode eine Bitte ablehnen mußte," hatte mir Herr Harten gesagt.

Ich wollte am Abend noch einmal allein zu dem armen Julian.

Wie ich in den Friedhof kam, hörte ich auß der geöff­neten Kirchenthür weiche Orgeltöne dringen.

Ich trat ein und ging leise auf die Orgel. Da oben saß fie schlank und schön mit einem Zug unirdischen Schmerze» um den entzückenden Mund. Ihr bräunlich-blasses Gesicht war ein wenig bleicher, als gewöhnlich, aber sonst schien sie unverändert.

Sie spielte auß der MatthäuSpassion. Ich fühlte plötz­lich, daß ich nicht dahin gehörte.

So ging ich zu Julian zurück.

Die Musik, diese schweren, erhabenen Töae Hangen ge­mindert und leise heraus.

Der Wind trug sie über die Gräber und im Klang erschauerten die sommerlichen Blumen:

Sieg bee Kunst über ba» Leben!

(Schluß folgt.)