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13.11.1898 Zweites Blatt
 
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Nr. 267 Zweites Blatt

Sonntag den 13. November,

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Deutsche» Reich.

Schutz der Angestellten de» Handels« Gewerbes. Zu der Meldung, der tm Retchsamt des Jauern vorbereitete Gesetzentwurf, betreffend den Schutz der Angestellten des Handelsgewerbe», werde eine Regelung dieser Materie ohne Bestimmungen über den Ladenschluß nab ohne Festsetzung eines Mox'malardettstage» austrebeu, wird den ^Münchener Neuesten Nachrichten" geschrieben: Die uahzu einstimmige Annahme, welche eine Resolution zu Sausten eines solchen Gesetzentwurf» am 7. April v. I. tm Reichstag gesunden, bewies, daß allseitig die Uederzengung besteht, den aus diesem Gebiet unleugbar vorhandenen Miß­ständen eia Ende zu machen. Mit Ausnahme der Social« demokratea, welche einfach einen möglichst kurzen Maximal« «rbeitstag verlangten, war man weiter darüber einig, daß ein schablonenhaftes Vorgehen sich vou selbst verbiete. Deu gleichen Eindruck hat die Opposition hinterlassen, die sich s. Z. gegen den Vorschlag der Eommtsstou sür Arbriterstatistik ttchtete, den Ladenschluß vou 8 Uhr Abend» bi» 5 Uhr Morgen» obligatorisch zu machen. Bkkanatlich hat fich auch da» preaß'sche Adgeordartenhau» in deu Verhandlungen de» 7. Mai 1896 dieser Opposition nachdrücklich angeschlossen. So wurde auch vom (Sentrum betont, daß eine bloße Ueder« tragung der einschlägigen Bestimmungen der Gewerbeordnung auf da» Handrlsgewerbe unmöglich sei- sür verschiedene dieser Bestimmungen seien die kleinen Betriebe direkt auszuscheideo. Auch dars nicht Übersehen werden, daß bereit» der $. 62 de» neuen Handel» - Gesetz - Buche», der süesorgende B- stiwmungeu über die Geschäftsräume, die sür deu Ge- fchästsbetrtrb bestiwmtru Vorrichtungen und Geräthschaften, so vie die Arbeitszeit enthält, eiuru erheblicheu Fortschritt zu« Schutz der Hrudrlsangestellteu bedeutet, und daß die Haudluugslehrlivgr auf Grund des Paragraphen 82 des neuen Handelsgesetzbuches noch besonder» gegen eine die ,®e» suudheit, Sittlichkeit oder Ausbildung gefährdende^ Behand­lung geschützt stob. Freilich statuirt der § 62 des Handel»- geietzboches nur die Schadenersatzpflicht des Priueipals, sodaß immer noch Rau« sür eine ordnungswidrige Ausdeutung der Angestellten bleibt. Daß diese io vielen Fällen sehr weit geht, haben die Erhebungen der Eommisston sür Arbeiter« statistik und das Gutachten de» Reichsgesundheitsamtes vom 13. October 1894 dargethan. Hier wird demnach namentlich sine sachgemäße Anwendung de» § 120b der Gewerbe Ord­nung, welcher die Anordnung von Einrichtungen zu« Schutze der Gesundheit dtr Arbeiter betrifft, und eine Ausdehnung de» 8 120e der Gewerbe-Ordnung, bezw. der Besugnih de» Buubesraihs, dir Arbeitspausen zu regeln, auf das Handels« gewerbe Platz zu greisen haben. Fügt «an dann noch die AaSdehnnng der Schutzbestimmungen der Gewerbe-Ordnung zu Gunsten der jugendlichen und weiblichen Arbeiter auf das Handrlsgewerbe hinzu, so dürste der Rahmen sktzzirt sein, tu

welche« ffch die io Aussicht gestellten Gesetzesvorfchläge be­wegen werden.

Einem Prtvatbriefe, den rin gründlicher Senner der Pariser Brrhältniffe über seinen jüngsten Aufenthalt tu Part» tu der ^Straßburger Post" veröffentlicht hat, entnimmt die ,KSln. Ztg." die nachstehende Mtttheiluug über eine Unter« Haltung mit dem Direktor eine» der ersten Pariser Gast­höfe, in welchem besonder» englische und amerikanische Gäste zu verkehren pflegen. Der Director beklagte den diesjährigen schlechten Fremdenbesuch und suhr fort: ,®ng- länder find gar keine hier, und vou deu Amerikanern fehlen die Familien. Sie gehen jetzt mit Vorliebe nach Berlin, da» immer mehr amerikanische Wintrrcolonie wird. Die ^Affaire" (so wird der Fall Drehsu» jetzt allgemein bezeichnet) lastet sehr schwer aus der ganzen Geschäftswelt. Der Fremdenverkehr leidet außerordentlich, und zahlreiche vornehme Geschäfte hier find ausdrücklich auf die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr angewiesen, sonst köanen fie nicht bestehen. Die großen und kleinen Gasthöfe, die Restaurants ersten Ranges, die Juweliere in der Rue de la Paix und im Palat» Royal, die großen Schneider und Schnrtdertoneu, die kunst­gewerblichen Ateliers, die Maler und Bildhauer, die zahl­losen Antiquare und Kunsthändler, die Läden mit deu ele­ganten Kinkerlitzchen, die Photographien und sonstigen KrimS- kram» unter deu Bogen der Rue Rivoli, der Rue de» Pyra­mide» und so weiter ja, glauben Sie, daß die vou deu Parisern leben können? Nein, die find alle auf die Fremden angewiesen, unb zwar meisten» auf die reichen Ausländer, die hier flott leben und nicht feilschen. Mit der Provinz ist nicht viel zu machen; die Leute au» den Departement» wollen eher in Part» alles billiger haben, al» 6u Hause. Sie haben keine Ahnung davon, wa» die Affaire mit allem, was drum und dran hängt, uns geschadet hat! Sie kostet dem Nationalwohlstande Milliarden'/ Diese »eußerungeo stimmen vollständig üderetu mit den Wahrnehmungen, die der ,K.Z." in der letzten Zett mehrfach au» Berlin, Dre»den, München, Hamburg und anderen größeren deutschen Städten be­richtet worden find. Danach trifft r» allerding» zu, daß ein nicht unerheblicher Thetl wohlhabender Fremder, insbesondere auch von Engländern und Amerikanern, zur Zeit den großen und mächtig emporblüheudeu deutschen Städten eine weit größere Beachtung schenkt, al» dies vor Jahren der Fall war, und eine große Befriedigung wir dem Aufenthalte tu diesen Städten offen ausspricht, vor Allem verfehlt nicht die Reichshavptstadt eine immer stärkere Anziehungskrast auf den Frtmdeustrom auszuüben. Die außrrgtwöhvlichee Rein- lichkett der Straßen, die große Biqaemlichkeit der Verkehrs­mittel, namentlich der Straßenbahnen, dal mächtige Gedeihen von Handel und Gewerbe, die für die Mehrzahl der Fremden fast ungeahnten Schätze io deu Museru uod wiffeuschafilicheu Aufialtro, die große Zahl guter Theater nvd Eoueene frffrlu die Fremden tu immer steigendem Maße. Dazu komme, daß

I tu Berltu, wie überhaupt tu unseru deutschen Großstädten, das GasthosSgewerbe tu deu lrtztru Jahrzehnten tu jeder Hinfichr große Fortschritte gemacht hat. Die weitesten «u- forderuugeu au deu modernen Lomsort und an die hygienische» Bedürfntffe werden j'tzt befriedigt, und durchweg hört man rühmen, daß selbst in deu teuersten deutschen Gasthöfen die Preise durchweg fich noch in maßvollen verhältniffeo bewegen und an die Wucher preise der ersten Gasthöfe in Paris und London bei weitem nicht heranragen, vom deutschen Stand- puukte au» können wir e» nur mit Freude begrüßen, daß der Fremdeustrom fich immer wehr deu deutschen Städten zuwendet, denn die Thatsache wird wesentlich dazu beitragen, daß die politischen Kreise de» Auslände» unsere Anschauungen und unsere Politik bester verstehen und würdigen, als die» vielfach bisher der Fall gewesen ist. Zu wünschen bliebe nur, daß jene zweifelhafte Gesellschaft, die zwar über reichen Mammon verfügt, aber ausschließlich tm Tretben der Halb« weit Genuß uod Lebensfreude sucht, deu deutschen Bodeu meiden möchte. Sie werden hier bet uo» utemals einen Er­satz finden für die liebenswürdige Aufnahme, die ihnen da» leichtlebige Pari» jeder Zett evtgegerzvbrtogeu geneigt ist.

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Belgrad. 11. November. Die ehemaligen Regenten Ristie und Belimarkowitsch erbaten vom Könige eine Audienz, um ihn zu verfichern, daß fie unb th, Anhang In der liberalen Partei fich bet gegenwärtigen Opposition nicht anschliehen.

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Ein neuer Verein, derVerein der Rechtsgeher", hat fich tu München gebildet. Ec bezwtcke die Reform de» Fußgängerverkehr», indem er procttsche Propaganda für da» Recht»zeben auf der Straße wacht. Die Mitglieder ver­pflichten fich, nach den «M. N N/, nur recht» zu gehen und nach recht» au»zuwetchen unb alle Entgegenkommenden, die gegen diese Grundregeln eine» geordneten großstädtischen Straßenverkehr» verstoßen,mit nachdrücklicher Energie" hierauf aufmerksam zu machen. Gegenüber solchen Personen, die über rtve vielversprechende Haodschuhnumwer verfügen, darf an Stelle der nachdrücklichen Energie die sanfte Gewalt der Utberredung treten.

Helft den neuen SchnelldampferDeutschland" der Hamburg Amerika Linie, der auf der Werft de» ,8ulcan* tu Bredow erbaut wird, schreibt man dem ,4>omb. Torr/ au» Stettin: Ein schwimmender Palast tm wahren Sinne de» Wortes wird die ,Deutschlaad" fein, die als größtes und schnellste» Schiff der Welt auf der vulcau Werst für die Hamburg Amerika Lmie auf S'apel liegt. Wa» fich an (Somfon unb Sicherheit für die Passagiere einrichten läßt, wirb der Dampfer .Deutschland" in fich vereinigen. Da»

Feuilleton.

Zm Musch.

Novellette von Gerhard Walter.

(Nachdruck verboten.)

Die Sonne schien hell vom blauen, wolkenlosen Herbst­himmel hernieder und schien durch das vom Morgenwind leicht bewegte Blattwerk der großen Rüster in da» Schlaf- zimmer de» jungen Herrn Günther, der gerade sehr erstaunt die Augen austhat und in da» blendende Licht hineinblinzelte. 6c pflegte sonst vor Sonnenaufgang munter zu fein, wie fich da» für einen Oekonomie-Inspektor gehört. Wie kam da» denn eigentlich, daß er heute noch im Bett lag? War er krank? 6» war ihm allerdings gar nicht so recht wohl, und Im Kops war» ihm eigenthümlich verworren. Nein doch krank war er nicht lächerlich! Aber gestern war ja Hoch­zeit bei Oberamtmanns gewesen. Ja, nun fiel» ihm wieder ein. Es war sehr lustig da hergegangen; er hatte viel ge« trunken; ja, da» hatten sie alle gethan. Und er hatte riefig getanzt, besonders mit der reizenden kleinen Inge Bargun mb dann hatte er fie nach Hause gefahren unb er fuhr fich mit beiden Händen nach dem Kopfe und da, da hatte er fich ja wohl mit ihr verlobt--

Ec fuhr mit einem Ruck in die Höhe: Himmeldonner­wetter noch einmal! Er saß auf dem Rande der Bettstelle uub hatte da» Gesicht aufgestützt mb dachte nach. Ja! Kein Zweifel! Nun dämmerte ihm Alle» auf. Da unten

im Erlenbruch, da hatte er fie umfaßt, und fie hatte in seinem Arm gelegen wie hatte fie doch gesagt? Ach ja: Begehen Sie doch keine Thorheit!" ober so ähnlich; und dann hatte er fie an fich gerissen und geküßt im Rausch stürmender Leidenschaft er hatte fie ja so lange geliebt fie war ja so unendlich lieblich aber wie war sie eigent­lich auf seinen Wagen gekommen? Nun fiel e» ihm ein: Sie war verschwunden vom Fest. Der Onkel hatte chr den Wagen nicht wieder geschickt. Da hatte sie fich heimlich fort- gestohlen und war zu Fuß der stürmenden Feier entschlüpft. Der Diener hatte e» ihm verrathen, als er nach chr suchte und er hatte seinen Einspänner angespannt und war ihr nachgefahren; und da unten beim Hellerbach in den Tannen, da hatte er ihr weiße» Kleid schimmern sehen- und fie stand am Wege und hielt mit der einen Hand das Kleid zusammen- gerafft, und die andere hatte sie aufs Herz gedrückt. So stand sie im ersten Morgengrauen da, eine holdselige Er­scheinung, und hatte flehend zu chm aufgeblickt: ,9itte, bitte, lassen Sie mich doch!"

Und was kam nun? Er war ja wohl vom Wagen ge­sprungen und hatte fie hinaucheben wollen, ja, und da war sie zurückgewichen und zu Fall gekommen, und in seinen Armen hatte er fie aufgefangen. Sie hatte die kleinen Hände gegen seine Brust gestemmt und die weißen Zähne zusammen- gebissen:Inge, Inge! Ich schlag mich um Dich mit der Welt? Sag, daß Du mein fein willst!* Da war fie ihm matt an« Herz gesunken und hatte das Wort von der Thorheit gesagt und er hatte fie auf den Wagen gehoben, und fie hatte zwar vor fich hingeblickt mb hatte müde an

seiner Schulter gelehnt und es geduldet, daß er fie küßte. Und das Blut hämmerte chm in den Schläfen. Am Raiu hatte er fie herabgehoben und in feinen Armen fast erstickt und ihr hundert Eide geschworen.Hast Du mich denn gar nicht lieb!" hatte er in ihr Ohr geraunt, und da hatte fie die Hand um seinen Nacken gelegt und leise gesagt: ,3a, Oscar, schon lange. Aber es geht ja doch nimmermehr" und war in den grauen Morgen hinausgeflohen und er hatte auf da» Pferd gepeitscht und war nach Hause gejagt; mb nun.Was nun?" fragte er laut.

Inge Bargun war ein reizenbe» Mädchen unb ein Schmuck für jebes Haus. Aber fie war eine blutarme Pfarrerstochter, bie der Onkel aus Mitleib in fein Haus aufgenommen hatte. Und Günther» Vater war Amtsrach unb reich. Unb al» Zehrpfennig hatte er ihm feiner Zett bas Wort mit auf den Weg gegeben:Mein Junge, ver­plempere Dich nicht!" Unb nun hatte er sich gründlich ver- plempert. Ihm war miserabel zu Muth. Seufzend stand er auf und zog fich an und steckte den heißen Kopf tief in« kalte Brunnenwasser.

Der Wirchschafter klopfte an.Ich hab nach Ihre» Anordnungen mit acht Gespannen pflügen lassen, und vier Gespanne find zur Stadt mtt Roggen. Unb hier biefet Brief wurde eben für Sie abgegeben."

Günther griff hastig darnach. Es war eine kraftvoll und doch elegante Damenhandschrift. Er kannte fie. Der Brief war von Inge. Das Blut stieg ihm heiß zu Kopf. Er wußte, was darin stand. Und jetzt lohte die Liebe erst in ihm auf, wie er den Brief auftiß.