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13.11.1898 Drittes Blatt
 
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Nr. 267 Drittes Blatt.

Sonntag den 16. Novemoee

1808

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Deutsche» Ueich.

Berit», 10 November. Die Socialdemokratie nb die Wahlen. Sine soeben erschienene Schrift von Reumann Hofer gtebt einen interessanten Ueberblick über ,bie Entwickelung ber Socialbemokratie bei den Reichstagtwahlen^, der um so mehr an Werth gewinnt, al» der Verfasser sich mit größter Mühe ba« von den Wahlcommissaren und den Gemeindeverwaltungen veröffentlichte statistische Material zu verschaffen gewußt hat, sodaß seine Zusammenstellung bi» zur amtlichen Veröffentlichung wohl die zuverlässigste Quelle sein dürste. Nach diesen Angaben betrug die Gesammtzahl der Stimmberechtigten 11 432643, abgegeben wurden 7 758745, darunter 2113,073 socialdemokratische Stimmen, sodaß die Wahlen von 1898 gegen die von 1893 einen Gesummt- stimmenzuwach« von 84 722 ergaben, während die social- demokratischen Stimmen um 332084 zugenommen haben. Hierbei ist zunächst in Betracht zu ziehen, daß einmal die bürgerlichen Parteien nicht, wie die Socialdemokraten in allen Wahlkreisen Candidaten aufgestellt hoben, und daß die Social demokratie alle Mann aufgeboten haben wird, während bet den bürgerlichen Parteien eine im höchsten Grade bedauern»- «erthe Enthaltung de» Wahlrechts festzustellen ist. Denn die socialdemokratische Partei könnte bei einer gewissenhaften Au». Übung de» Wahlrecht» durch alle Wahlberechtigten nur zwei Mandate im ersten Wahlgange gewinnen, nämlich Altona und Leipzig Land, wo sofort über 50pCt. der wahlberechtigten Stimmen sich auf den socialdemokratischen Candidaien ver« einigten; statt dessen find ober 1898 gleich im ersten Wahl- gange in 82 Wahlkreisen über 50pCt. der abgegebenen Stimmen und somit 32 Mandate an die Socialdemokratie gefallen. Zur Stichwahl standen die Socialdemokraten in 98 Wahlkreisen, von d-nen sie, Dank der Zerrissenheit und Uneinigkeit der bürgerlichen Parteien, 24 für sich mit Beschlag belegen konnten. Die Betheiligung ber Socialdemokratie an den Reich»tag»wahlen und somit die Feststellung de» An­wachsen» dieser Partei, die eben nur bei ihr möglich ist, da sie im ersten Wahlgange jede» Zusammengehen mit anderen Parteien ablehnt, ergiebt folgendes Bild: Socialdemokratische Stimmen wurden abgegeben 1871 in 91, 1874 in 162, 1877 in 196, 1878 in 190, 1881 in 173, 1884 in 219, 1887 in 257, 1890 in 343, 1893 in 381 und 1898 in 383 Wahlkreisen. Gewählt wurden hierbei im ersten Wahl« gange 1871: 2, 1874: 8, 1877: 10, 1878: 2, 1881: 0, 1884: 9, 1887: 6, 1890: 20, 1893: 24 und 1898: 32. In den Stichwahlen vermochten die Socialdemokraten erst von 1878 an Erfolge zu erringen. 1878 gewannen fie von 16 Stichwahlen 7, 1881 von 22: 13, 1884 von 24: 13, 1885 von 24: 15, 1887 von 18: 5, 1890 von 57: 15, 1893 von 83: 20 und 1898 von 98 Stichwahlen 24. Die Socialdemokratle hat fast überall Anhänger, in manchen Theilen de» Reiche» einen ganz enormen Procentsatz. Frei find nur noch einige Kreise im polnischen äußersten Osten und im ulttamontanen Westen. Die Vertheilung auf die einzelnen Bundesstaaten liefert ein sehr bunte» Bild. Mit Ausnahme einiger Kleinstaaten weisen die letzten Wahlen für sämmtliche Bundesstaaten ein Anwachsen der socialdemokratischen

Stimmen auf. Für Württemberg ergiebt fich der sehr bedeutende Zuwachs von fast 50 pCt., für Bayern ist da­gegen die Zunahme weniger bideutend und fast nur auf da» Conto der indusiriellen Rhein Pfalz zu setzen. Eine geringere Zunahme ergiebt fich für die drei fränkischen Regierung», bezirke, während Ober-und Niederbayern, sowie Ober­pfalz und Schwaben zum Theil recht empfindliche Rück­schläge für die Socialbemokratie zu verzeichn»n haben. Neu- mann Hofer schreibt einen erheblichen Antheil hieran dem Wirken und Vordrängen de» Baurrnbunde» zu. Der procentuale Durchschnitt der socialdemokratischen Stimmen im Verhältniß zu allen abgegebenen Stimmen ist gegen die vorige Wahl um 4,02 pCt. gestiegen, sodaß er sich jetzt auf 27,23 pCt. beläuft Von den bayerischen Regierungsbezirken übersteigt Mittelftanken (mit Nürnberg) den Reichsdurchschnitt ziemlich erheblich, während Oberbayern (mit München), da­bei der vorigen Wahl bedeutende Fortschritte gemacht hatte, wieder unter den Durchschnitt gesunken ist. Es folgen zu­nächst Obersranken und mit einem lOprocentigen Fortschritt die Rheinpfalz, dann mit weitem Abstande Unterfranken und endlich mit geringen Procentzahlen Schwaben, Oberpfalz, Niederbayern. Ganz Bayern bleibt mit 18,08 pCt. nicht unerheblich gegen den Durchschnitt zurück.

A«sUr«d.

Pari», 8. November. Die soeialistische »Peilte Rvpu- bllqie* verbürgt folgende Mitthellunsen: »Au dem Tage, da der Miatsteermh die Versetzung de» Oberstlteutenaot» Dupaty de Elam tu Nichtactioität beschloß, verla» der damalige KriegSmwister, General ßnlinben, seinen Collegen einen Bericht über die Thatsrchro, die eine derartige Maßrgel erhetlchten. Dieser Bericht muß heute dem CaffationShofe übermittelt worden sein. Er enthält sehr wichtige Dinge, wie man fich auS Folgendem überzeugen kann. Man findet da beispielsweise eine Stelle: e§ erscheioe üderau» wahricheia ltch, daß der Oberstlieuteuaat Dupa y de Slam der Urbeber der gefälschten Telegramme ist, dir au den Oberst lieMenant Picquart abgrsandt und ,Blanche* und ,Sperauza* unterzeichnet worden waren. AuS der Feder de» Generals Zurlinden ist ein derartige» Geftäaduiß werthvoll. Man weiß übrigens, daß der Richter vertulu» über dieselben Thatsacheu eine Untersuchung eiugeleitet und Strafanträge gestellt hat. Der in Rede stehet dr Bericht sagt überdies, Oderstlteuteuant Henry, der die DreyfuS-Acteu interessanter machen wollte offenbar weil fie gegen den unglück­lichen Brrurlheiltrv von 1894 kein belastendes Ele­ment enthielten habe seinen unmittelbaren vorgesehen den Vorschlag gemacht, m t deren Zustimmung, ja mit deren Mitarbeiterschaft, andere Dokumente, namentlich anonyme, DreyfuS anschuldigevde Briefe hrrzustillen.Nach &66txa* so hieß e» wörtlich in dem Bericht »lehnten die Vor­gesetzten Henrys ob/ Der Pariser Abgeordnete Paßchal Grouffet, der eigentliche Schöpfer deS.perltchrn Unterrichts in den französischen Mittelschulen, hat an den Uaterricht». Minister ein Schreiben gerichtet, in dem er ihm seinen Rück- tritt au» der außerparlamentarischen Eommtsfioo de» physischen

Unterrichts der Jugend auzeigt, da P. Dido», der in Gegen­wart bei Generalissimus Jamout einen Aufruf zum Religion»- krieg erlassen, gleichfalls Mitglied jener Comm ffion ist. Wen» P. Didon als Dominikaner die E.morduog der Juden und Heretiker al» heiligste Pst cht anfehe, so sei die» Sache seine» Gewissens; daß dieser Mönch einer verbotenen Eongregatio» aber an der Sp'tze einer Schule geduldet werde, aus der die zukünftigen Offiziere hervorgehro, fei schon weniger zu­lässig. Aber völlig uabegrr fl ch erscheint e» Grouffet, daß P. Didon völlig unangetastet bleibe, indeß der Dekan Stapffer in Bordeaux wegen einer maßvollen Rede am Grade eine» Freundes für sechs Monate snspendirt wurde. Mit einer Beharrlichkeit, die einer beffereo Sache würdig wäre, setzt der ,@anloii* seine Enthüllungen über den DrehsuShavdel fort, die allem Anscheine nach von dem hi London zur Erholung weilenden Exmojor Esterhazy herrühreu dürften. Heute erzählt da» monarchistisch vatiova istische Blatt die Vorgeschichte des ,petit bleu®, selbstverständlich auf eine ganz eigenartige Weise. Darnach wäre Picquart, der ehe­malige Prosrffor DreyfuS' in der Kriegsschule, von diefe» mit seinem verzweifelten Handel betraut worden und habe, als er an der Sp tze des AutkunfSbureauS des Generalsstab» gestellt wurde, nur daß Eine im Auge gehabt, Drryfo» zu entlasten. Nachdem er nach einander mehrere andere Offiziere verdächtigt hatte, verfiel er endlich auf da» Unschuldslämmchen Esterhazy, da» er nun nicht mehr loSließ. Dabei verfügtt Picquare über fehr bedeutende Geldmittel, die sowohl au» den Gehetmfood» al» au» minder bekannten Quellen flösse». Aa» den Geheimfonds verauSgob e Picquart nicht weniger al» 100,000 Francs. Daß er die Rohrpostkarte gefälscht hat, unterliegt nach dem ^Gaulots" gar keinem Zweifel. All' daS klingt so gehässig, daß nur Esterhazy der anonyme Ur­heber dieser Enthüllungen sein kann. Monsieur Labori, der Advokat P'cquartS, erk ärte gestern im Justizpalast, er wtffe noch nichts Bestimmtes über die baldige Freilassung feines Elieoten, fei aber davon überzeugt, daß sich die Thore bet Mil'tärgeiänan'ssei bald vor 'hm aufthuo werden.

Ctcoles nnd provinzielles.

Stadecken, 8. Novcmder. Ein hiesiger, in den 60er Jahreu stehender E.uwohner war beschuldigt, in der Nacht im Berg Traubeu gestohlen zu haben. Wohl tu Augst vor der Untersuchung hatte fich der verdächtige von seiner Wohnung entfernt und am Morgen fand man die Leiche in der Selz, der BedaueruSwerthe hatte fich ertränkt. Um den noch rüstigen Ernährer trauern sechs kleine Kinder.

§ Grebenhain, 10. November. Heute vormittag 10 Uhr fand hier die Wahl eine» KceirtagSabgeordueteu für den 6. Wahlbezirk statt, bestehend au» Vertretern der Orte Grebenhain, Eraiofeld, Bermuthshain, Bannerod, Vaitshain und JlbeSyaufeu, wobei der seitherige KreiStagSabgeorduete, Bürgermeister Schmalbach tu Eratufeld, mit 12 Stimmen w'edera-mädlt wurde.

vermischtes.

Folgende Geschichte erzählt rin belgisches Blatt von Joseph, demHochberühmten" Küchenchef de» Savoyhotel

Feuilleton.

Zur Mnweihungsfeier nach Jerusalem, ix

Jerusalem, 29. Oktober 1898.

Die vielgepriesene Farbenpracht deS Orient», heute hat fie fich tu vollster Herrlichkeit vor unseren stauvendeo Blickcn enthüllt. Roch flimmert e» mir vor den Augen in bumtm Durcheinander nr.b nur langsam lösen sich dir etvzeluen Ein­drücke wieder von dem grand olrn Gesarnmtbilde lo».

Heute vormittag cm 10'/, Uhr verkündigten Salut­schüsse, die von den Zinnen der David»burg über die Stadt dahindonnertev, daß tie Kaiserliche Rriterschaar, von Betreu kommend, dem Wetchbilde von Jerusalem sich rähere, und bald darauf hatten die Majestäten und da» Gefolge da» Zeltlager erreicht, schon auf dem Wege durch die Jaffa­vorstadt von einer unübrrsehbareu bunten Menscheumasse begrüßt. Nun wußte man, daß in wenigen Stunden der Uivzug de» deutschen Saiserpaare» erfolgen werde, and nun wurden tu aller Eile die letzten votbereitungen zetroffeu. Vie waren noch viel umfangreicher, a!» fich nach btm Anblick von gestern Abend erwarten ließ, und da» Bild war noch um vitle» schöner, al» man selbst bei hoch­

geschraubten Erwartungen hatte erwarten können. Aller- ding», wie leicht hat e» diese Siadt, fich zn schmücken. Da brauchen fich nur dir Dächer und Straßen mit Bewohnern zu fülltn und der originellste, farbenreichste Schmuck ist da. Stundenlang konnte man diese Z.schaue rrv affen, die schon am Morgen jede» besetzbare Plätzchen eingenommen hatten und bi» zum Abend nicht von ihrem Platze wichen, beobachten und studiren, und immer entdeckte man noch neue prächtige Erscheinungen, prächtig selbst in Lumpen.

Dort eine Reihe von Frauen, weiße Schleier über den bunten Uuiergewänkern. Wie Sittiche kauern fie am Rande dr» Dache». Daneben glnthäugige Beduinen, farbige Tücher malerisch um Kopf und Schulter geklungen. Hier eine Gruppe von Juden tu knallblauru Sarnrntschaudeu über den gelb und roth gestreiften Kaftanen, pelzvrrbrämte Kappen ans den verschmitzten Köpfen, an deren Schläfen frischgekräusrlte Locken utederwallen. Weiterhin jüdische Frauen, an besonder« schreieodru Farbeu in ihren tm llebr-geu nach modernem Schnitt gearbeiteten Kleidern erkennbar. Ans den Straßen an den Mauern hocken dunkelbraune Fellachen, die kupfer­farbene Brust halb entblößt. Neidisch blicke» fie zu den wohlhabenden Türken hinüber, die nebenan vor dem Reffte» House in reichen Prunkgewänderu fitzen und in GemüthSruhe ihre Nargileh genießen.

Jetzt kommen Kawosse in goldgestickten Albanesenkleidern daher. Sie schaffen Platz sür einen Pascha, der noch einmal nach dem Rechten sehen will und einige Anordnungen für die Absperrung er fft. Türkische Jvfauterie folgt ihm und stellt fich vor den Einmündungen der Seitenstraßen aus, um den Verkehr von der Feststraße feruzuhalteu. Eine Abtheiluug der Garde-Reiter, die dem Kaiser bei der Reise von Haifa her da» Geleite gegeben haben, sprengt vorüber, verwegene Gestalten, Roß und Reiter mit Stand überdeckt. Sie ver­schwinden in die Kaserne, die unserem, am David-Thmm legenden Hotel gegenüber den Platz nach Westen zu ab- schließt, von dem au» die Fußwanderung zur Grabe»kircht durch die Treppenstraßen angrtreten werden muß.

Auch in diesen engen Gaffen, in denen man die recht» und link» fich aneinander schließenden Läden der Handwerker, Bäcker, Fleischer und Krämer offeugrlaffeu hatte, um den Eindruck dieser belebten Bazare nicht ganz zu verwischen, gaben dem Beobachter Stoff in Hülle und Fülle. Wie aller­liebst hatte ein Bäcker nicht ferne auSgelegte Waare ge­schmückt: Immer ein Blümlein zwischen zwei bleiche» Wecken und über den vrodbergen grüne Kränze. Selbst der sonst tm Orirvt wenig appetitliche Anblick der Fleischerläden war nach Möglichkeit verschönt, und da» sür unser Ange Un­erquickliche mit Blumengewinden bedeckt. Der Boden war