Nr 61 Zweites Blatt. Sonntag den 13. März
1898
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Bekanntmachung,
-betreffend: Feldbereinigung in der Gemarkung Rüddingshausen.
In der Zeit vom V. März l. I. bis eirrschlietz- lich 15. März l. I. liegen auf dem Amtszimmer der Großherzoglichen Bürgermeisterei Rüddiugshauseu folgende Verzeichnisse zur Einsicht der Betheiligten offen:
1. das Geldausgleichungsverzeichniß über den Zuviel- oder Zuwenig^Empfang an Geländewerth,
2. das Geldausgleichungsverzeichniß über den Zuviel» oder Zuwenig-Empfang an Obstbaumwerth,
3. ein Verzeichniß über zu gewährende Vergütungen.
Einwendungen hiergegen sind bei Meldung de« Ausschlusses innerhalb oben angegebener Frist bei Großherzoglicher Bürgermeisterei Rüddingshaufen schriftlich einzureichen.
Friedberg, den 3. März 1898.
Der Großherzogliche Bereinigung» Commissär:
Dr. Göttelmann, Regierungsrath. 3262
Die Postgefetznovelle.
Da« Wort „Reform" hat einen guten Klang, da man unwillkürlich an dasselbe drn Begriff „Besserung" knüpft, waß freilich in der Praxis nicht überall zutriffr. Und dann dürfen Reformen nicht auf dem Papiere stehen bleiben, sie müssen auch verwirklicht werden. Wohin es führt, wenn Reformen versprochen, aber nicht etngeführt werden, sehen wir an der Türket, die sehr viel zusagt, aber auch sehr wenig hält.
AlS der erste Generalpostmrifter deS neuen deuiscken Reiches gestorben war, da regten sich in der Orffentltchkeit allerlei Wünsche, deren Erfüllung man gerne gesehen hätte, aber von Herrn v. Strphan fortgesetzt verweigert worden war. Wir wollen dem verdienten Mann keinen allzugroßen Borwurf daraus machen, denn er für seine Person wäre viel
leicht geneigt gewesen, manchen berechtigten Wünschen zu entsprechen, aber die Rücksichten auf die Finanzen waren für ihn maßgebend.
Em Reitergeneral, voller Initiative, mit wahrhaft gesunden Anschauungtn ausgestattet, trat an Stephan« Stelle, und sofort hörte man das Wörtchen „Reformen" nennen. Und ob man auch zuerst zweifelte, es bewahrheitete sich that- sächltch, Herr v. PodbtelSki plante Großes, er wollte das Postwesen mehr, als es bisher geschehen war, den Bedürfnissen der Allgemeinheit anpassen. Wer dieser Abficht ungläubig gegenüberstand, wurde bald eine« Besseren belehrt darch die Thatsache, daß Herr v. PodbtelSki mir Vertretern verschiedener BerusSstände tn Verbindung trat und mit ihnen die etwa nothwendtg erscheinenden Reformen besprach.
Unsere ReichSpost ist kein Erwerb-Institut, es soll vielmehr in uneigennütziger Weise dem öffentlichen Interesse fich dienstbar machen. Aber in unserer realistischen Zett wird daS Wörtchen „verdienen" überall groß geschrieben und natürlich auch da, wo Herr v. Miquel, wenn auch nicht btrect, so doch indtrect einen Einfluß auiflbt. Die Reichsregierung ist an die 20 bis 30 Millionen Ueberschuß, welche die Postverwaltung erzielt, schon so gewöhnt, daß fie mit dieser Summe rechnet und nicht viel davon missen möchte. Aber im Volke ist mit einer Reform nicht nur der Begriff einer Verbesserung, sondern auch derjenige einer Verbilligung verknüpft, und nach einer solchen waren die Wünsche besonders dringend. Da war zunächst daS hohe Stadtbriefporto, welches die RrichShanptfiLdtler noch zu zahlen haben, ferner die unverhSltnißmäßige Gebühr für geringe Postanweisungsbeträge, die hohe ZettungSprovifion, die Gewichtsgrenze für einfache Briefe, welche einer Abänderung für bedürftig erachtet wurden.
In der vom Reichstage in erster Lesung beratenen Postgesetznovelle find zunächst die Berliner mit ihrem OrtS- porto berückfichtigt, und außerdem ist den Wünschen auf Erhöhung der einfachen BrtefgewtchtSstufe von 15 Gramm auf 20 Gramm Rechnung getragen worden. ES braucht wohl
Feuilleton.
Auf Lod und Leben.
AuS dem Leben eines LocomotivführerS.
Don F. F. Tamborini.
(Nachdruck verboten.)
KO. Ein furchtbares Schneegestöber herrschte draußen, verbunden mit einer schneidenden Kälte. Im behaglich erwärmten Dienftzimrner einer kleinen rheinischen Station saß und lag da« Zugpersonal, welches den um 9 Uhr 18 Min. Abends nach---bürg fahrenden Cmtrzug zu begleiten
hatte. TheilS standen die Beamten um den großen Ofen, theilS faßen und lagen fie auf den Pritschen.
„Schauderhaftes Wetter!" sagte jetzt einer, als eine kleine Pause in der Unterhaltung eivgetreten war, „Ja," erwiderte ein Zweiter, „'S ist wirklich kein Vergnügen bei solchem Hundewetter aus den glatten Trittbrettern herumzu- kleitern und fein Leben zu wagen für die paar Mark!"
„St!" fiel der Zugführer ein „So etwa« will ich nicht hören!" Dabei trat er an die Thür und schaute hinaus. „Allerdings, bei dem Wetter möchte man keinen Hund au6 dem Hause jagen — aber es ist eben nicht zu ändern. DaS bringt unser Beruf so mit fich."
„Ja," meinte ein Zugsührer einer anderen Gruppe, „'S ist wohl wahr, daß wir ein beschwerliches und gesahr- volles Geschäft haben — aber jedes Ding hat seine Schatten- fette. Mau muß vor allen Dingen Zufriedenheit befitzen, vorsichtig und bedachtsam sein. Ich will Euch, da wir g'rad beim Wetter find, von einem Vorfall berichten, der mir vor etwa siebzehn Jahren auf der Strecke pasfirt ist, welche Ihr nachher Übernehmen sollt."
Man lauschte gern den Worten des im Dienste ergrauten Mannes, und da noch etwa eine halbe Stunde Zeit war, ließ man fich nieder und der Alte begann seinen Bericht.
„ES war so'n Wetter wie heute, am 13. Januar 1879 —■ ich vergesse es in meinem Leben nicht! — da brachte ich den Schnellzug nach — — — bürg. Auf der zweiten Station von hier, wo wir zwei Minuten Aufenthalt hatten, wurde mir vom Locowotivführer Berger gemeldet, daß fein Heizer während der Fahrt plötzlich krank geworden fei und leinen Dienst wohl nicht zu Ende verrichten könne; ich möchte -doch bei der nächsten Elation Ersatz für denselben schaffen
lassen. Ich besorgte das pünktlich. Auf der nächsten Station, wo wir fo gegen 12 Uhr ankamen, wurde der erkrankte Heizer abgelöst. Ein Heizer Namens Piehl, der auf die von mir abgegebene Depesche schnell zum Dienst beordert war, nahm nun dessen Stelle ein.
Al« ich Piehl sah, ahnte ich sofort Unheil. Ich wußte, daß derselbe vor einigen Tagen vom Locomotivführer Berger eines groben dienstlichen Vergehen« wegen angezeigr und von der Behörde in Geldstrafe genommen worden war, zudem wußte ich, daß Piehl, der ein roher rauflustiger und rachsüchtiger Mensch war, zu Anderen geäußert hatte, er werde dem Berger gelegentlich 'mal diesen Streich vergelten. Bei diesen Gedanken kam mir auch die Gewißheit, daß es zu nichts Gutem führen würde, wenn die beiden Menschen zusammen auf der Maschine seien. DaS Beste wäre eS wohl, so sagte ich mir, wir nehmen den Piehl gar nicht mit. Aber daS war leichter gesagt, al« gethan. Einen anderen Heizer zu reqairiren, würde zu lauge gedauert Haden, — und womit sollte ich dies auch begründen? Mit meiner Ahnung? — Also — Piehl trat seinen Posten an. Dem Locomotivführer, dem ich meine Befürchtungen mittheilte, schien eS lächerlich- er meinte, ich sollte nur unbesorgt sein, er werde schon mit Piehl fertig. Ich aber — eß ließ mir keine Ruhe — beschloß, ganz besonders auf dem Posten zu sein.
Der Heizer nahm, ohne ein Wort zu sagen, seinen Stand auf der Maschine ein und unser Zug setzte fich wieder in Bewegung, bald sausten wir wieder in gewöhnlicher Geschwindigkeit dahin. Da wir von hier ab biß zur nächsten Station überall Durchfahrt hatten, so dauerte diese Strecke etwa eine Stunde Fahrzeit.
Halb drei war's geworden und die Hälfte des Wege« schon zurückgelegt, ohne daß fich mir etwas Auffälliges geboten hätte — Führer und Heizer schienen fich also gut zu verstehen. Ich hatte daß Geficht gegen daß Coupvfenster gedrückt und versuchte die Fwsterniß zu durchdringen. Doch --war daß nicht eine Station, welche wir da pasfirten? Oder war eß Täuschung, und hatte ich nut eine Signal- lateme erblickt? — Nein eß mußte Station--— thal
gewesen sein. Wie hatte aber der Zug diese durchfahren können, ohne ein Signal zu geben und ohne langsamer zu fahren? Da war auf der Maschine etwas nicht tu Ordnung! Meine Ahnung, meine Ahnung! Ohne viel weiteres lieber» legen riß ich die Eoupsthür auf, sprang auf« Trittbrett und schritt zur Spitze des Zuge«.
Adresse für Depeschen: Anzeiger Fernsprecher Nr. 51.
kaum erwähnt zu werden, daß sich hiergegen im Reichstage keine einzige Stimme erhob und daß die Postgefetznovelle mit Einstimmigkeit angenommen worden wäre, wenn nicht auch Herr v. Podbielßki von der Krankheit des FiScaliSmuS ergriffen worden wäre und dem Gesetze einen zweiten Paragraphen gegeben hätte, welcher einen Vorstoß gegen die PrivatbeförderungSanstalten in einer Reihe großer Städte in fich schließt. Den durch Verbilligung der Taxen entstehenden Ausfall will die Poftverwaltung ausgleichen durch eine Ausdehnung ihres Monopols, durch die Einbeziehung der verschlossenen OrtSbriefe in dos Postregal, wodurch die 78 ia Deutschland bestehenden Privatunternehmungen theilS in ihrer Existenz gefährdet, theilS schwer geschädigt werden mürben. Die allgemeinen Sympathien find auf Seiten dieser Anstalten, und der weitaus größte Theil der öffentlichen Meinung ist der Ansicht, daß mindestens eine EntschädigungSpfl cht de« Reiche- vorliege. In der zweitägigen Debatte im Reichstage find die verschiedenen Anschauungen zu Tage getreten.
Die Regierung beharrt auf ihrem Standpunkte, daß irgend welche Pflicht, die Privatunternehmungen zu entschädigen, nicht vorliege, und nm diese Frage drehte fich die ganze Debatte. Die größte Schwierigkeit besteht darin, daß vorerst Niemand weiß, wie entschädigt werden soll, ob die Gesellschaften, welche eine Einbuße an Einnahme erleiden, oder die Beamten, welche vielleicht brckdloß werden.
ES ist kaum anzunehmen, daß die Postverwaltung ans ihrem rundweg ablehnenden Standpunkt verharrt; baß ging ja auch zur Genüge daraus hervor, daß Staatssecretär von Podbielßki die Möglichkeit der Uebernahme von Beamten der Privatanstalteu nicht ganz von fich wies und eine milde Handhabung der Bestimmungen über daß Dienstalter bet solchen zu übernehmenden Personen in Aussicht stellte.
Die Vorlage ist bekanntlich einer besonderen Commission überwiesen worden, welche hoffentlich über den streitigen Punkt eine Einigung zu Stande bringt. (xx)
Das war ein schwer Stück Arbeit. Der Wind heult mit um die Ohren, daß eß mir Mühe kostete, mich festzu- halten und nur langsam kam ich vorwärtß, dazu trieben mir solche Schneemaffen inß Geficht, daß ich kaum die Äugte offen zu halten verwoch e.
Endlich hatte ich den ersten Wagen erreicht und stand, an eine Stange angeklammert, hinter dem Tender,- hier hielt ich einen Augenblick an um zu horchen. Kein Laut war vernehmbar — todtenstill Alle«! Nur baß Heulen und Aechzen der mit aller Kraft arbeitenden Maschine und baß Brausen beß Sturmes hallte durch die Nacht. Auf die Locomotive selbst konnte ich nicht sehen, da mir die Tenderwände jede Aussicht versperrten. WaS thuu? Wat ich doch im Jrrthum? Während ich noch überlegte, sah ich, jetzt aber ganz deutlich, daß wir eine Station durchfuhren. Nun war kein Irren mehr möglich. Berger hatte wieder kein Signal gegeben und auch den Zug nicht langsamer fahren lassen. Auf der Maschine war zweifellos etwa« vorgefallen! Der eigenen Gefahr vergessend, sprang ich aafß Trittbrett de- Tender- und lief auf demselben weiter.
Maß für ein Anblick bot fich mir auf der Maschine. Von Berger und Piehl sah ich nicht«. Zu Tode erschreckt, schwang ich wich auf. Hier, eS war kein Zweifel, hatte ein Kampf stattgefunden — ein Stück lag hier, daß Andere dort. Ich begriff sofort alles — zunächst mußte ich jedoch für den Zug sorgen. Schnell schloß ich den Regulator und brachte den Zug nach Kurzem auf der Strecke zum Stillstände. Nun konnte ich nach dem Verbleib beß Personals Umschau halten.
Berger lag blutend auf den Kohlen im Tender, — von Piehl war nicht- zu sehen. Nachdem der Locomotivführer, der eine Stichwunde in der Brust hatte, tn ein Coupä gebracht worden war, leitete ich den Zug bi- zur nächste« Station. — Seine Verwundung war schwer aber nicht tödt- lieb; er genaß nach einigen Monaten. Den Heizer Piehl fand man beß anberen Tage«, schrecklich verstümmelt, auf ber Strecke; er war unter bie Räder beß Zuge- gerathen und eine Strecke weit mitgeschleppt worben.
Der Locomotivführer Berger hat mir später ben Hergatz jener grausigen Fahrt erzählt:
Er hatte Piehl einen Auftrag gegeben, welchen bieser aber nicht zu hören schien ober absichtlich überhörte. Auf einen abermaligen Befehl, ben er aber wieder nicht außführte, sagte ihm Berger: „Wenn Sie nicht thuu, waß ich Ihnen


