Ausgabe 
13.1.1898 Zweites Blatt
 
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Gr. 10 Zweites Blatt. Donnerstag den 13. Januar

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frfifieint ISgklch mit Ailsnahme des MontagS.

Die Giehener Aamitieuötätter werden dem Anzeiger wöchentlich vtermal beigelegt.

Gießener Anzeiger

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Amtlicher Lheil.

Bekanntmachung.

Freitag de« 21. Januar 1898, Nachmittags /e® Uhr, wird auf Louhs Felseukeller zu Gießen nve General'Bersammluug des landwirthschaft- liche« BezirksvereinS des Kreises Gießen abge- fcltcn werden.

Zu dieser Versammlung werden alle Mitglieder des Vereins und der landwtrthschaftlichen Localvereine, sowie alle Freunde der Bestrebungen auf Hebung der Landwirthschaft hierdurch freundlichst eingeladen. Die Herren Bürgermeister perben ergebenst ersucht, den in ihren -Gemeinden wohnenden Mitgliedern des Vereins von dieser Einladung Kenntniß zu (eben, um auf recht zahlreichm Besuch der Versammlung jiazuwirken.

Tagesordnung:

1) Geschäftliche Mittheilungen.

2) Vortrag des Herrn Secretärs Leithiger zu Alsfeld über die Anwendung von künstlichem Dünger.

4) Vortrag des Herrn Landwirthschaftslehrers Dr. von Peter in Friedberg über die Gründung einer Molkereigenossen­schaft in Gießen.

Gießen, den 10. Januar 1898.

Der Dtrector des landwtrthschaftlichen BezirksvereinS.

C. Jost, ReqierungSrath t. P.

Deutscher Reich.

Berlin, 11. Januar. DaS Herrenhaus wählte Henle i» seiner ersten Sitzung dar bisherige Präfidium (Fürst zu Dted, Freiherr» von Manteuffcl und Oberbürgermeister Secker-Kölo) wieder. Morgen steht auf der Tagesordnung tl« Antrag des Herzog- von Ratibor, die Regierung um an* ttrzügliche Vorlegung des Gesetzentwurf- betr. die Verhütung ton Wafferschäoeu zu ersuchen.

Berlin, 11. Januar. In der letzten Nacht fuhr der Ö-Bug Frankfurt a. M.Berlin bei Brehna auf einen Sülerzug, wobei mehrere Personen leichte Verletzungen da* tmtrugen.

Berlin, 11. Januar. DerNordd. Allg. Ztg.- zufolge be* ßht die Abficht, in Prag ein deutsche- Eonsulat zu errichten.

Prag, 11. Januar. In der heutigen Sitzung de» Landtags brachten die deutsch-nationalen Abgeordneten tuen Antrag ein, der Statthalter sollte der Regierung an* lat Heu, den Landtag zu vertagen und in eine deutsch-böhmische

Stadt zu verlegen, da die deutschen Abgeordneten von den Einwohnern trotz polizeilichen Schutzes auf offener Straße belästigt und bedroht würden. Die Regierung hat den Tschechevclub und den Großgruudbefitz ersucht, dem Landes- intereffe das Entgegenkommen zu zeigen und die deutschen Abgeordneten von dem Auszug zurückzuhalten. Der Tschechen­club erklärte fich mit der von dem Großgrundbesitz auS- gearbeiteten Sprachenverordnung einverstanden, nach welcher das Prvject der dreisprachigen Gliederung Böhmens durch­geführt werden soll.

Belgrad, 11. Januar. Um die serbische Mahl- tndustrte zu erleichtern, wurde der Weizenzoll zeitweilig aufgehoben, ebenso der Zoll auf Mais. Wegen der Maul- und Klauenseuche wurde die Rindvieh-Ausfuhr verboten.

London, 11. Januar.Daily RewS" melden au» Odessa vom gestrigen Tage: Nachrichten auS augenschein­lich glaubwürdiger transkaukasischer Quelle besagen, daß die höchste Staatsgewalt in Persien offenbar rasch dahin­schwinde. Die Lage in Teheran sei derartig, daß ein Staatsstreich jeden Augenblick erwartet werden könne.

London, 10. Januar. Bor de« Centralcriminal* gerichtShof wurde heute das Verfahren gegen die beiden Russen Bartzew und Wtedzbtckt, die augeklagt find, zur Ermordung des Zaren ausgereizt zu haben, bis zum nächsten Gerichtstage vertagt. Die Freilassung gegen Bürg­schaftsleistung wurde abgelehnt.

Athen, 10. Januar. Der Direktor und ein Redacieur des BlattesKairi" erschienen heute vor dem Zuchtpolizei* gerichte unter der Anklage, den Kronprinzen in einem Artikel über se'n Privatleben beleidigt zu haben. Die Sn- geklagten hatten dem Kronprinzen vorgeworseu, daß er den Eharfrettag nicht tnnegehalteu habe, und hatten diesem Umstand den Mißerfolg der griechischen Waffen vor Larissa zugeschrteben. Der Gerichtshof erklärte sich für iucompeteot und sprach sich dahin aus, daß die Angelegenheit vor daS Schwurgericht gehöre.

Aus dem städtischen Berwaltungsbericht.

(Schluß.)

WaS die Art der gewährten Unterstützungen betrifft, so wurden verausgabt: MtrthSuyterstützungen tu 207 Fällen 13180.39 Mk., Baargeldunterstützungen in 116 Fällen 7780.76 Mk, Brodunterstützungen (6824 Laibe Brod) in 117 Fällen 2312.21 Mk., Kohlenunterftützungen (1954«/, Str. Steinkohlen) in 148 Fällen 1881.98 Mk, Milchunterstützungeu (13204V, Liter Milch) in 98 Fällen 1863.83 Mk., Mittag­essen (1466 Portionen) in 14 Fällen 475.40 Mk., Kleider und Schuhe (darunter 46 Paar Schuhe, 17 Schuh-Repara­

turen und 15 Kletderbeschaffungen) in 78 Fällen 593.80 Mk., ärztliche Behandlung und Medicamente, sowie freie Klinik»- pflege aller als stadtarm bezeichneten Personen 10000 Mk., Brillen und künstliche Gliedmaßen in 10 Fällen 32.80 Mk., Geburtshilfe durch die Hebammen in 21 Fällen 191.60 Mk. Beerdigungskosten in 84 Fällen 538.34 Mk., Pfleggeld für erwachsene Personen 1116.06,Pfleggeld für Kinder,6778.1 IMk., im Ganzen 46 744.78 Mk. Auf diese Unterstützungen find ersetzt: auf Natural- rc. Unterstützungen: vom Laudarmeu- Berbavd Gießen in 11 Fällen 966.67 Mk., von auswärtigen OrtSarmenverbändeu tu 10 Fällen 921.26 Mk., von privat- rechtlich Verpflichteten in 10 Fällen 280.25 Mk., von den Unterstützten selbst in 22 Fällen 230.24 Mk., von der In- valtditäts- und Altersversicherung in einem Fall 119.40 Mk., von Krankenkassen in 3 Fällen 157.94 Mk.- auf Pfleggeld für erwachsene Personen: vom Landarmen-Berband Gießen in einem Fall 387.75 Mk.- auf Pfleggeld für Kinder: vom Landarmenverbaud Gießen in 15 Fällen 1844 Mk., von aus­wärtigen Landarmenverbändeu in einem Fall 150 Mk., von auswärtigen OrtSarmenverbänden in 10 Fällen 768.11 Mk., von der LandeSwaisenkafle in einem Fall 35 Mk., von privat- rechtlich verpflichteten in 2 Fällen 76.20 Mk., von den Eltern der Unterstützten rc. in 11 Fällen 719.10 Mk, zu­sammen in 97 Fällen 6655.92 Mk.- die Gesammt-AuSgabr beträgt 46 744.78 Mk., sodaß die Armenkasse der Stadt Gießen belasten 40088.86 Mk.

Die neu eingerichtete Statistik ergibt sonach da» Folgende: Der tägliche Durchschnitt sämmtlicher Unterstützung»- und Pflegsälle (sämwtliche zu einem Hausstaude gehörige Personen bilden einen UoterftützungSfall; desgleichen mehrere Kinder desselben Hausstände» einen Pfiegfall) beträgt 228 und auf je 100 Einwohner bei Zugrundelegung einer Eivil- bevölkeruog von rund 21400 1.07. Die durchschnittliche Zahl der sämmtlicheu in der offenen Armenpflege unterstützten Personen (einschließlich der in Pflege gegebenen erwachsenen Personen und Kinder) berechnet sich auf 467 und mithin auf je 100 Einwohner auf 2.18.

2. Geschlossene Armenpflege.

Im städtischen HoSpitale und Siechenhause waren im täglichen Durchschnitte 23 Vg Personen untergebracht. WaS die Kosten de» Hospitals und TiechenhauseS betrifft, so berechnet fich die Mundverpfl-gung eine» HoSpitoliten auf rund 47 Pfg., eines Stechen auf rund 69 Psg. pro Tag und die Grsammtverpfleguug, einschließlich aller General­unkosten, eines HoSpitaliten auf rund 1.30 Mk., eines Siechm auf rund 1.70 Mk. pro Tag.

Jo ErziehungS-, Bewahr-, Heil- und Siechen- an ft alt en befanden fich 11 Personen.

Ferrilleton.

Die Vestalin.

Skizze von S. Hoechstetter.

(Nachdruck verboten.)

I.

KO. Wir waren befreundet. Ich verkehrte etwa seit -hier Jahren im Hause ihrer Elteru, hatte Nina jedoch, da it> gereist war, längere Zeit nicht mehr gesehen. Nun trafen dir uns im LonversationSsaal de» JglerhofeS in JglS bei Ausdruck in einem Concert-

Sie begrüßte mich wie immer: freundlich, liebenswürdig, her mit einer kleinen Nuance zu großer Höflichkeit. Da» Orte mich jedoch nicht weiter, und wir waren bald in an* geregtem Gespräch.

Erst als ein etwas erstaunter Blick ihres Vaters mich Lias, bemerkte ich plötzlich, daß ich Nina unverwandt an* g>heu hatte. Nun fiel mir auch auf, daß sie verändert *n: ein wenig schmaler und schlanker schien sie geworden. W kleidete sie gut sie war dadurch fast schön- sie hatte ckethaupt in ihrer merkwürdigen Mischung von französischen deutschen Eigenthümlichkeiten immer einen besonderen Reiz «vs mich an-geübt.

®a» hören Sie dem von Ihrer ungarischen Freundin?" *fiagte ich sie.

Wir hatten \o manche» Mal Über diese Dame geplaudert.

Tie sah mich an mit diesen wunderschönen blauen Augen, die da» schwarze Haar noch blauer erscheinen ließen.

ES ist die alte Geschichte," sagte sie und ihre Stimme Aag seltsam vertieft.Man hat fich lieb gewonnen, man Hielt nach dem gleichen Ziel man arbeitet. Dann Plötz- »ih kommt die Wende. Seit einem Jahre variiren ihre

Briefe eine Melodie: die Liebe. Sie hat in diesem Zeit­räume dreimal geliebt und wollte fich dreimal tödten, bi» die Tragvdirneltern fich nun endlich auf ihren Lustspiel­beruf besonnen haben und die Einwilligung zu der dritten Liebe gaben. So ist das Ende aller Frauenarbeit, da» Ende aller Mädchenfrenndschaft."

Ich lächelte unwillkürlich.

ES ist da» natürliche Ende," sagte ich ein wenig trivial.ffia» würde daran», wenn die Damen nicht mehr hetratheu wollten?"

Kein Zug veränderte sich in NinaS Gesicht.

Ich bin doch nicht eine alte Jungfer, die in ihrer Weise darüber urtheilt," sagte sie.

Aber die Ehe ist nicht da» Höchste. Da» Höchste im Leben ist die Kunst. Und beide» vereint fich so schlecht e» ist Überhaupt ein Unding, hier vereinen zn wollen. Eine Frau, die etwa malt und kocht, oder schriftstellert und den Haushalt darüber hernnterkommen läßt, ist mir eine lächer­liche Carricatur. Mau sage doch nicht, es ginge beide» zu vereinen. Wem die Kunst Ernst ist nicht eine Erwerbs­quelle oder ein Zeitvertreib dem ist sie auch daS Erste, Einzige. Und ich finde e» so jämmerlich, daß niemals eine Frau die Kunst höher stellen kann, wie das traditionelle Glück."

Die Wolter wäre ein Gegenbeweis, daß fich Kunst und Ehe vereinigen lasten nach Clara Schumann. Ich will allerdings gestehen, daß fie nur die berühmten Aus* nahmen von der Regel zu sein scheinen. Aber denken Vie doch, e» handelt fich nicht umtraditionelles" Glück. Da» Glück ist für Jeden etwas Individuelle» Persönliche».-

Ich verstehe schon," erwiderte fie,ich meine nur, e» ist so klein, daß der Frau ntemal» ihre Kunst höher stehen kann al» der Mann- daß ihr die Kunst niemals alles ist.

Und dabei sprechen fie so stolz davon, fich selbst zn genügen, selbstherrlich zu sein bis dann der erste Freier kommt, dem sie fich in die Arme werfen. Ich habe noch keine Frau kennen gelernt, der e» Ernst war mit ihrer Kunstbegeisternng, die alle» Glück darin fand."

Sie kennen Niemand al» fich selbst!"

Sie nickte nur. Ihre Augen blickten an mir vorüber hinan» in den dämmernden Juliabend--

Da» Orchester spielte ein Nachtstück von Chopin.

Ich lag an diesem Abend noch lange auf meinem Sopha. Ich dachte immerzu an diese merkwürdig energische Unter- Partie von Nina» Gesicht und an ihren wunderschönen weichen Mund.

Liebte ich fie denn?

II.

Den Teufel ja ich liebte fie. Das wußte ich, al» am anderen vormittag mein Freund Julian, den ein Zufall auch hierher in Sommerfrische gebracht, zu mir kam und, nachdem er drei Cigarretten geraucht hatte, da» Bekenntniß wagte, daß er hoffte, Fräulein Nina Harten» Neigung er­weckt zu haben.

Ich war peinlich berührt aber na ich für meine Person habe gar keine asketischen Ideale oder auch nur Fähigkeiten.

Mein guter Junge," sagte ich daher,ich kann zwar ba»r-Don der Gegenneigung nicht behaupten, aber so viel will ich Dir doch gestehen, daß ich Fräulein Harten liebe und zwar seit gestern Abend. Du bist entschieden im vortheil, weil Du schon Sicherheit haft. Darum schlage ich vor, daß wir unß nun Beide ganz ehrlich um die Künstlerin bemühen und wer da» Glück hat et cetera, et cetera.®

(Fortsetzung folgt.)