Ausgabe 
12.11.1898 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 266 Erstes Blatt.Samstag den 12. November

1898

uen4

et luin^Wf bf« entagl.

Wf *a«tru«»f»ttcr crWn bre Tnznger Mmthtb »ifttnol

fcnirUgt.

Gießener Anzeiger

yniMvrct |>frtdi*Nt»4 1 »cd to MaU.ch 76 W* ril 8rii*f<T<4*w

I »ad 50 WkrtrliÄrM

fliatlat ln|tij<n zu bet Nachmittag« ftr bm »rw Tag trl^cuunbw Rmaan bti Harm. 10 U>r.

General-Anzeiger

Dt lti|agen>BmaiHltni(«Brlai b«< > n» arbsurn Inftctgra W bru »r|racr la^n

Anrts» und Anzeigeblutt füv den Uveis Gieszen.

Mirtim, Orpcbrtian eeb »cwlmi:

>4*Clr«jt Hk. 1.

Gmtisbeilage: Gießener Familienblätter.

Ibrcffc ftr Depesche«: >a|<lf«r Fernsprecher Rt Kl.

Lord Salisbury und die internationale Lage.

Alljährlich, wenn da» neue Oberhaupt der Eny von London tu fein Amt eingesührt worden Ist, findet in der Suildhall ein glänzende» Bankett statt, auf welchem der je­weilige englische Premierminister eine politische Rede zu halten pflegt. Angesicht» der besonderen Stellung, welche dieser Münster einnimmt, und seine» maßgebenden E ufluffe» aus die britische Politik hat man von jeher in aller W.lt dieser Rede andächtig gelauscht. Mit noch mehr Spannung sah man derselben jetzt entgegen, wo England seit Wochen eine so drohende Sprache führt und derselben durch nwsafiende Rüstungen Nachdruck giebt. Bei de« am Mittwoch stattge­habten Lord-Mohor» Bankett änherte fich Lord Sall»bmh, der leitende englische Staatsmann, sehr ausführlich über dir internationale Lage, und man darf annehmen, daß die ganze politische Welt seinen Worten athemlo» gelauscht hat. Denn Kettg oder Frieden hing an seinen L ppeu. Sehen wir un» die Rede, welche wir an anderer Stelle bereit» «itgethrilt Haden, einmal etwa» näher an.

Die Berettwllligkett England», an den Eonserenzen zur v'käwpsung de» Anarchismus theilzunrhmen, war selbstver­ständlich, ob e» aber einer etwaigen Aufforderung zur Aus­hebung de» Ashlrechl» sür notorische Anarchisten Nachkommen wird, erscheint fraglich, da hierzu da» britische Parlament seine Genehmigung geben «uh, und da» Unterhaus bekanntlich die sog. volk»rechte ängstlich zu hüten sucht.

De« europäischen Loncerte bringt Lord Salisbury keine allzugroße Bewunderung entgegen- aber er vergiht, daß ge­rade England «eist der Störenseied war, an deffeu eigen­nützigen Abstchteu die Solidarität der Großmächte scheiterte. Da» haben wer bet allen Ocientwirren gesehen und noch zu­letzt bet der Eatwickluug dtr Rretafrage.

Wenn «an die auf die Faschodasrage bezüglichen Worte SaltSbmh» liest, fo wüßte «an zu der Anficht gelangen, daß die Fettungen, welche aus beiden Seiten de» LanalS über- schäu«teu von Versicherungen, die die Welt glauben «achten, daß der Krieg vielleicht näher sei, al» «an dächte, daß alio diese Zeitung»stim«en die englische Regierung zu den außerordentlichen Vorbereitungen veranlaßt hätten. Der Ple«ter«tnlster drückt fich überhaupt sehr vorsichtig au». ,f)ie Rothweudlgkeir, ober wenigsten» die unmittelbare Roth- Wendigkeit sür die Vorbereitungen ist vorüber." So erklärte Lord Salisbury- aber noch heute weiß Remaod den wahren Grund sür England» kriegerische Rüstungen. Denn daß hierzu die Faschoda Angelegenheit allein veranlaffung gegeben hätte, glaubt wohl Ntewand.

während bi»her die Rede Salisburys recht friedlich klang, endet fie mir einer Drohung sür alle Diejenigen, welche etwa England» Stellung in Bespien zu ändern wünschen. Klar und deutlich spricht er au», daß England seinen Posten iw Pharaonenlande niemals gutwillig verlaffen, und daß die Anschnetdung der ägyptischen Frage also zu eine« casu» belli wird. Run weiß Frankreich wenigstens, woran es ist, und auch Rußland vermag fich die Folgen zu vergegenwärtigen, wenn eS de« Drängen Frankreichs in dieser Beziehung nach- g den sollte. DaS rst aber auch die einzige Klarheit, welche Lord SattSbmyS Rede geschaffen hat, alles Andere bleibt so dunkel, wie eS früher war, wenn auch der Minister mit der jetzigen politischen Situation ganz zufrieden ist. (xx)

Deutsches Reich.

Berlin, 10. November. Nach der Iw RelchSeisenbahnawt aufgestellten Statistik find I« Monat September auf den deutschen Eisenbahnen 217 Betriebsunfälle vor- gekommen, bei denen 67 Personen getödtet und 145 Personen verletzt wurden.

Berlin, 10. November. Ja der heutigen Nachmittags- zirhung der preußischen Klafseu-Lotterie fiel der Hauptgewinn von 500000 Mark auf die Nr. 99 283.

Berlin, 10. November. Die »Rordd. Allg. ßtg/ er­fährt, daß der Reichskanzler fich außer Stande erklärt hat, dem ReichSgerichtSrath Or. Spahn den nach der Wahl in Aachen erbetenen Urlaub für die nächste Landtags- Session zu ertheilen und Herrn Dr. Spahn hiervon 1« Uebrigen unter bereitwilliger Anerkennung feiner verdienst- vollen parlamentarischen Thätigkeit Keantniß gegeben hat. »a den Prästdeuteu des Reichsgericht» von Oehlfchläger, der fich Im Jntereffe des Reichsgericht» gegen die Beurlaubung an»gefprochen hatte, ist gleichzeitig ein allgeweiner Erlaß er­gangen, in welchem der Reichskanzler den Präfidenten von Oehlfchläger ersucht, die gegenwärtigen Mitglieder de» Ge­richtshöfe» und die später eintretenden Richter alsbald bei ihrer Einführung davon verständigen zu wollen, daß er, der

Re chlkanzler nicht in der Lage fein würde, zu der Abwesenheit einzelner Richter behufs ihrer vetheiltgung an landständischen Arbeiten feine Zustimmung zu ertheilen und zwar, weil da» Reichsgericht bekanntermaßen alle feine Kräfte dringend be­dürfe und weil die bevorstehende Umgestaltung de» bürger­lichen Recht» den Gerichtshof mit einer großen Aufgabe neu belaste.

Coloniale», von der preußischen Regierung und den deutschen Bundesstaaten ist bekanntlich eine Wohlfahrts­lotterie zu Zwecken der deutschen Schutzgebiete genehmigt worden, bereu auf mehrere Jahre verthetite Erträge dem Frauenverein für die Krankenpflege in den Kolonien und der Deutschen Eolonialgesellschaft zusallen werden. Man kann daher sicher anuehmen, daß fich die betrübenden Erscheinungen nicht wiederholen werden, welche die Thäligkeit der Afrika­lotterie begleiteten, fonderu daß nunmehr etwas Positive» geleistet werden wird. Die Loncesfion zur Wohlfahrtslotterie ist ferner an die Bedingung gek üpft, daß keine Ausgabe ohne Zustimmung de» Auswärtigen Amts erfolgen darf. Die erste Sitzung des verwaltungSrothe» fand nach der .Deutschen Eolontal Zeitung" am 31. Oktober unter dem Vorsitz de» Wirk!. Geh. Rath» Sachse statt und beschloß, einmal dem Herzog Johann Albrecht, dem Präsidenten der Deutschen Eolonialgesellschaft, 20000 Mark dehusS Unter­stützung der Urberfiedlung deutscher Frauen und Mädchen nach Südwestafrika zur Verfügung zu stellen. Die Deutsche Eolonialgesellschaft hatte zu diesem Zweck bereits früher 5000 Mark zur Verfügung gestellt, doch erwies fich diese Summe als bei Weitem nicht ausreichend. Es werden Übrigens nur Frauen und Braute von Anfiedlern oder Angehörigen der Schutztruppe oder solche weibliche Personen unterstützt, denen durch Vermittlung des Gouvernements eine feste Stellung überwiesen werden kann. Nur unbescholtene, tüchtige und gesunde Mädchen haben Aussicht auf Unterstützung. Ferner beschloß der verwaltungSrath eine Unterstützung de» Tangau- j ka-Dampfer-EomÜeeS, da die Sammlungen nur für den Bau de» Dampfer», aber nicht für den Transport auSgeretcht haben, mit der Maßgabe, daß weitere Beiträge für diesen Zweck von der Lotterie nicht geleistet werden könnten. Zur Zeit befindet fich der Leiter der Expedition, Premierlieutenant Schlolfer, bereit» am Nyaffa-See. Aus anderen Quellen erfährt man, daß der Transport bisher nur Schwierigkeiten in Folge der mangelhaften Organisation der Afriean Lake» Eompany verursachte. Die Hauptschwierigkeit steht aber noch bevor, der Landweg zwischen dem Tanganjika- und Nyaffa- See und c» wird sich dann erst zeigen, ob die Voraus­setzungen deS Transportes die richtiaen waren.

Bien, 10. November. In dem heute vormittag zwischen den Abgeordneten Gaiewocz nud Wolfs stattgehadren Duell wurde ersterer am Kopfe und eine» Arme leicht verwundet. Wolff blieb unverletzt.

Bien, 10. November. Die Abendblätter constatiren inSgesammt, daß die Rede SaliSburhS im Großen und Ganzen keinen Anlaß zu Beunruhigungen biete. Größere Beachtung verdiene nur der PaffnS, welcher das Uebergretfen Amerikas nach Europa berührt. SS scheine die» ein beab- sichtigter Warnruf zu sein, um die conttnentalen Mächte von der anderen großen Fragen abzulenken.

Budapest, 10. November. Mehrere große Städte, darunter Arad, sowie die GeneralraihS-verfamwlnng deS «lausenburger EomiratS beschloffen energisch gehaltene Resolutionen gegen die Odstruetiou im Parla­ment.

Prag, 10. November.Narodny List!* fordert die tschechischen Abgeordneten aus, wegen der Breslauer Slawen -Ausweisungen die Regierung zu interpellireu.

Rom, 10. November. Im letzten Mintsterrath wurde beschloffen, Saraeeo zum SenatSprästdenteu zu er­nennen und die Eandidatur Giolltti als Präsident des Budget AuSschvffeS, sowie Zauardelli für das Kammer- Präsidium vorzuschlagen.

Rom, 10. November. Demnächst wird eine Vorlage in der Kammer eiugedracht werden, den Bischöfen, welche de« Gesetz ihre Achtung versagen, den Genuß der Tempo- ralität zu entziehen.

tzravkeeich. WaS die Flottenrüstuugen betrifft, so fand am Mittwoch im Martneuttnisterin« unter Lockrotz» vor- fitz ein AdmiralSroth statt. Dabei wurde festgestellt, daß die Küstenvertheidtgung zu Lande durchau» befriedigend sei. Alle Fort» feien ausreichend bestückt und bemannt Uebrigen» fei die sofortige Ausrüstung von SO Sch ffeu, d. h. der ganzen

Flottenreserve erster und »Weber Klaffe, beSch'off n. Salti- bu'tz» Rrde, so meldet indeß die .Voss. ßtg.*, Sn tert viel­leicht diese Anordnung. Sie wirkt la Par,» befriedigend, da man aus Schlimmeres gesoßt war und thatsächl ch die Vrr- kündigong der britischen Schutzlerrschaft über Ä gypten er­wartet hatte. Inzwischen erklärt schon der französische M rhe- Minister die den Blättern auS Toulon zugegangene Nachricht Über Bewegungen de» Mittelmeergeichwader» für falsch.

Senf, 10. November. Heute Morgen um 8*/i Uhr wurde Lurchen! unter EScorte von sechs Gen armen ou» der UvtersuchnngSztlle in eine Z lle deS Juftiz-PalastcS ge­bracht, welche durch eine Thür mit de« Schwurgerichtssaale verbunden ist. Im Schwurgerichtssaale fand fich mittlerweile der Gerichtshof ein, welcher sofort die Aus- loosung der Gelchwotenen vornahm. Aus de« GerichtStische lag alS corpus delicti da» Mord Instrument und die rothe Leibbinde, weich: Lucchent am Tage der That getragen hat. Nachdem die Geschworenen ihre Plätze eingenommen, erklärt der vorfitzende die Verhandlungen sür eröffne. Luecheni wurde hereiugeführt. Bei seinem Hereintritt lächelte er und musterte neugierig die 'Geschworenen und da» Publikum. Sodann erfolgte die Verlesung der Anklage. Al» der ®e* richtSschreiber die Stelle Derlei, daß der Angeklagte fich I« ersten verhör geäußert habe, er habe sofort bemerkt, daß die Kaiserin sterben werde, r'ef Luecheni: Bravo, dravo. Nach Verlesung der Anklage begann da» Zeugevverhär. Bei der Aulsage del Zeugen Ehamartln, welcher behauptete, Luecheni habe bei seiner Festnahme geleugnet, der Kaiserin ein Leid zugesügt zu haben, sagt der Angeklagte, da» ist eine Lüge. Er habe sofort gesagt, daß er die österreichische Kaiserin getödtet habe. Al» dem Angeklagten da» Mardinstrumect gezeigt wurde, gibt er zu, daß el seine Feile sei, mit der er die Kaiserin ermordete. E» tritt nun eine kleine Pause ein, in der fich Luecheni lebhaft mit den Wärtern unterhält. Er sagt u. A.: Schade, daß nicht 2000 Kerle wie ich auf der Welt find, dann wäre e» mit den gekrönten Häuptern bald zu Ende. Bei Wiederaufnahme der Verhandlungen erzählt Luecheni, daß er, all er die Feile kaufte, die Acflche hatte, irgend ein gefrönte» Haupt zu ermorden. Ein Freund von Ihm, ein gewiffer Martinelli, habe den Griff zu der Feile gewacht, aber nicht gewußt, zu welchem Zwecke die Feile verwendet werden sollte. Der Peäfident beschließt nunmehr, diesen Martinelli, der al» Mitschuldiger angeklagt war, au» dem Gefängnisse holen zu laffeu. Da» Zeugenverhvr verläuft weiterhin ohne jeden Zwischenfall. Um P/s Uhr Mittag» wurde die Sitzung bi» um 3 Uhr unterbrochen. Der Unheil»- fpluch dürfte noch heute erfolgen.

Rußland. Der bekannte englische Journalist und frühere Rrdacteur der »Pall Mall Gazette", W. T. Stead, welcher auf Reisen gegangen ist, nm al» ,8*ebbaber Diplomat" die europäischen Staatsmänner für den AbrüstungSvorschlag zu erwärmen, gibt von Sedaftopvl aal, wo et gegenwärtig weilt, ein Eharak terbild des jetzigen Ezaren wie folgt: Jemand, der den Ezaren täglich sieht, sagt mir, daß Kaiser Nikolaus körperlich viel gesünder al» fein Vater Ist. Er ist voller Leben, schnell in seinen Bewegungen und ein Freund deS Aufenthalts Im Freien. Sicherlich würde Ihn Niemand, welcher ihn das erste Mal fiep, als schwach bezeichnen. Geistig ist er von äußerster Regsamkeit. Da er zugleich äußerst sym­pathisch ist, ist er im Umgang einer der herrlichsten Menschen, welche man nur treffen kann. Er saßt jeden Punkt 'chnell auf. Er ist fo schnell, wie eine Nähnadel. Dabei besitzt der Ezar eine seltene Bescheidenheit. Wenn er auch nicht alle Eigenschaften eine» großen Herrschers hat, so besitzt er wenigsten» alle, welche einen Menschen bet seinen Mitmenschen beliebt machen. Da» glänzende, klare, blaue Auge, der 'ympathische Wechsel der Züze, da» heitere Lache», dem in einem Augen- blick der Ausdruck de» Ernste» und der Entschlußfähigkeit folgt, die Schnelligkeit und Annmth seiner Belegungen, selbst sein eigemhümliche» Achselzucken, Alle» da» sind Wider­spiegelungen eine» Eharakter», der fich in der Fülle der Macht selten so erhält. Die zarte Liebe de» Kaffer» für seine Mutter ist, selbst wenn fie übertrieben wird, wenigsten» ein Fehler auf Seite der Tugend. Ezar Ntkolau» ist ein glücklicher Ehemann, und in seiner Gemahlin befitzt er den eivfichtigsten und verläßlichsten Rathgeber. .. . Wird Nikolaus ein großer Ezar werden?Wird er bei seinem Frleceulprogramm be­harren?* fragt Stead. Ein russischer M'nister sagte mir: Körperlich ist er klein, sein Muth aber ist groß.* Eiu anderer Minister äußerte fich, daß er den Ezaren in höchst schwierigen Verhältnissen gesehen habe. Der Ezar habe eine so große Willen»kraft entfaltet und auf Durchsetzen seine» Beschlüsse» bestanden, daß er (der Minister) nur die Be-