Ausgabe 
12.10.1898 Zweites Blatt
 
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höchst unweiblicher, ungezügelter Eigenschaften mit einer geradezu männlichen Energie und Rücksichtslosigkeit. Sie kennt weder Gesetz noch Sitten; es gibt für sie kein Gebot höherer Moral, noch weniger ein solches der Menschlichkeit. Sie wird nie auch nur eine Secunde vor den gewaltsamsten Mitteln, den Mord nicht ausgeschlossen, zmückschrecken, wo es ihr gilt, ein gewolltes Ziel zu erreichen. Aber es heißt, die Thatsachen entstellen, wenn man diese Frau stets als eine eingefleischte Vertreterin der alten Mandschu-Vorurtheile, der überkommenen Exclusivität und der Feindschaft gegen alle europäische Civilisition hinstellt. Dazu ist sie zu klug und überdies nicht vorurtheilsooll genug. Zu einer Zeit, als z. B. eine Nähmaschine oder ein Piano noch selbst bei höchst­stehenden Mandarinen für Teufelswerkzeug galten, ließ sie eine Anzahl von beiden in ihrem Palaste aufstellen und sich von europäischen Damen auf dem Clavier vorspielen und auf den Nähmaschinen allerhand vorarbeiten. Noch heute lauscht sie gern den Klängen ihres Lieblingsflügels, auf dem man ihr die neuesten Compositionen vorspielen muß. Mehrere ihrer Damen haben die Benutzung der Nähmaschine erlernt, und sie selbst hat wiederholt auf diesen hergestellte Kleidungs­stücke angelegt; etwas Unerhörtes für eine chinesische Fürstin.

Als der vorige Kaiser sich noch nicht entschließen konnte, eine europäische Equipage zu benutzen, bediente sich die Kaiserin- Mutter längst einer solchen, ja es heißt, sie habe einst, neu­gierig die Wirkung eines europäischen Faschings kennen zu lernen, (wohl verstanden ungesehen), einer Art Maskenball zugeschaut, den Damen und Herren ihrer Umgebung veran­stalteten und auf welchem die bekanntesten Kaiser und Könige Europas vom 14. bis 18. Jahrhundert, in besonders aus Europa bestellten Costümen, erschienen.

Ihr Palast wie ihre Sommerresidenz sind mit europäischen Möbeln angefüllt, ja sie hat ein eigeneswissenschaftliches Cabinet" einrichten laffen, in welchem aller Art Uhrwerk, Teleskope, Mikroskope und sonstige wisienschastliche Spielereien aufgestellt sind. Auch gerecht weiß sie zu fein, wo sie es für klug hält. Da stand früher, mit ihren Thürmen weit ihren Lieblingsgarten überragend, eine große katholische Kathedrale dicht an der Umfaffungsmauer der verbotenen Palaststadt. Nichts ärgerte die Kaiserin-Mutter mehr wie dieser Anblick, den sie gleichzeitig für eine Beleidigung ihrer kaiserlichen Majestät und ihres persönlichen Glaubens hielt. Sie gab deßhalb kurzer Hand den Befehl, die Kathedrale dem Erd- bodm gleich zu machen; aber der damit beauftragte Mandarin machte sie aufmerksam, daß man dazu das Recht nicht habe, da diese Kirche unter dem Schutze der französischen Gesandt­schaft stehe.

Diese aber weigerte sich, dem Wunsche der hohen Frau nachzukommen. Die Kaiserin versuchte nicht einen Augenblick, mit dem französischen Gesandten zu unterhandeln, sondern sandte, sofort und direct, eine Abordnung an den Papst, und zwar hinter dem Rücken Frankreichs, und erwarb so gegen eine schwere Geldentschädigung das Recht, die Kirche entfernen zu dürfen. Sie glaubte sich schon am Ziele, als der Probst der Kathedrale seinerseits protestirte und verlangte, daß man mit dem Niederreißen so lange warte, bis mit dem kaiserlichen Gelde eine andere Kathedrale erbaut sei. Aber die Kaiserin war mehr denn ungeduldig geworden und verlangte die Räumung der Kirche innerhalb 24 Stunden, wogegen sie sich bereit erklärte, jede weitere geforderte Summe zu bezahlen. Sie erreichte ihr Ziel. Dann wandte sie sich zu den Franzosen, welche bitter gekränkt thaten, und versöhnte diese durch Er- theilung von Contracten für die Herstellung von Hafenbauten in Port-Arthur. Eine Frau, die so bei kleinen Anlässen handelt, wird, wo die Sicherheit des Thrones, ja der ganzen Dynastie, in Frage kommt, es am allerwenigsten an Entgegen­kommen fehlen lassen und ist viel zu klug, um nicht als noth- wendig erkannte Opfer zu bringen. Sie ist auch durchaus fähig, selbst weitgehende Reformen einzuführen, sobald sie deren Nothwendigkcit erkannt. (M. N. N.)

spieler ließen so ziemlich Alles zu wünschen übrig, fie mußten erst allmählich zu denkenden Künstlern herangebildet werden. Ihre Jotrigussn, ihr Unverständniß verleideten dem großen Mann bald genug den schwierigen Poften, erst Schillers lebendige Theitnahme erweckte wieder seine Begeisterung, und bei Verfassers derRäuber" gewaltige Schöpferkraft bot idm das Material, nach dem er fo sehnlich verlangte. Schillers Wallenstein brachte dem Unternehmen einen hohen theatrali­schen und künstlerischen Erfolg und lenkte dasselbe in neue Bahnen.

Die erste Aufführung vonWallensteins Lager" sand am 12. October 1798 statt, daher darf man wohl diesen Tag als einen Wendepunkt in der Geschichte de» Wetmarischen Theater» bezeichnen. Diese Aufführung leitet die große, glänzende Zeit de» Weimartschen Theater» ein, die Weimarische Schule" erfüllte ganz Deutschland mit ihrem Ruhm:Die Schauspielkunst sollte", wie Juliu» Hart dir Bedeutung de» Vorgang» in wenigen treffenden Worten zusammenfaßt,von hier aus verbessert werden und einen reuen Stil erlernen, der den germanischen NaturaliSmu», wie ihn die Hamburg-Schröder'sche Richtung festhielt, durch da» Wesen de» klasfictstisch-hellenistischen Idealismus ver­drängen wollte. Sie nahm in der Weimarer Schule eine hohe und edle Bildung an und lernte tiefste», geistige» Leben zum Ausdruck bringen, Schwung und Adel der Gefühle; aber fie kehrte auch wieder zur Declamatiou und zur Pofe, zu dem äußerlichen Theaterspiel der alten französtschen Bühne zurück."

Der Versuch Goethes und Schiller», ein deutsche» Theater zu schaffen, scheiterte an der idealen Gesinnung der beiden Männer, die in ihrem hohen Streben, die Bühne al» ein Mittel für die Kunstbiidnug der Nation zu behandeln, ge­dachten. Voll gelungen ist ihnen dagegen die Ausbildung des für die Entwickelung der deutschen Schauspielkunst wichtigen idealen BortragSstil». Wa» aber die Erreichung diese» Zieles dem Dichter und Theaterleiter für unendliche Mühe gekostet,

Ctcale» unb provinzielles.

x Avendorf a. d. Lda., 10. October. Am letzten Sonn­tag Nachmittag wurde ein Kleinkinderschulfest dahier noch im Freien abgehalten, welche» sich recht schön gestaltete. Die Kinderschwester führte unter Begleitung de» Vorstande» der Kleinkinderschule die mit Helmen, Schärpen und Kränzchen prächtig geschmückten Schüler auf den von zahlreichen Zu­schauern umstandenen Festplatz. Der erste Theil der Feier trug ganz den Charakter eine» Gottesdienste». Neben zwei Lobliedern de» Kirchenchore» wußten besonders die kleinen Schüler religiöse Gesänge und Declamationeu vorsühren, und man staunte, wie fest die verhältnißmäßig schwierigen und langen Texte im Gedächtniß der Kleinen hafteten. In einer Ansprache führte Herr Pfarrer Eckstein au», daß nach halb' jährigem Bestehen unserer Kleinkinderschule zum ersten Male öffentlich die Art der Wirksamkeit vor Augen geführt werde, und daß die Anstalt, wie in Industriestädten, zwar auch vor allerlei Schäden bewahren, aber vor Allem zu Jesu führen solle. Nach munterem Spielen und Liedern sowie Beschenkung der Kleinen mit Gebäck schloß die Feier mit einer Colleete zum Besten der ganz auf Mildthätigkeit angewiesenen Kttin- kinderschule. Mittwoch den 12. October findet dahier Mission»fest statt. In den zwei Gottesdiensten Vor­mittags um 1/210 Uhr und Nachmittag» um 2 Uhr werden ein Misfionar und zwei weitere auswärtige Geistliche predigen.

§ Ober-Ohmen, 10. Oktober. Von Zeit zu Zeit wandert eine Schaar Zigeuner durch unseren Ort und die Um­gegend. Sie hält ihren Lagerplatz in der Nähr des Orte» oder auch am Burgwald bei der Station Mücke. Al» dieser Tage ein solcher Trupp der Gemeinde seinen Besuch abgestattet, vermißte der Jagdbefitzer K. seinen Jagdhund, den er erst kurz vorher erhalten. Da der Hund seit dem Wegzug der Zigeuner verschwunden, nimmt man an, daß dieselben den Hund mitgenommen. Die ringeleitete Untersuchung wird wohl ergeben, ob diese Annahme richtig ist.

f Bidda, 11. October. Unter dem Verdacht der Ver­leitung zum Falsch eid wurde gestern ein Mann au» Kohden gefänglich eingezogen, während der Complice fich freiwillig dem Gericht gestellt hat und ebenfalls inhaftirt ward. Die Handlungsweise der Beiden ist um so bedauerlicher, als hier­durch eine Frau von Ober-WidderSheirn vor einigen Wochen mehrere Tage in Untersuchungshaft kam, da ihre eidliche Aus­sage in einer Strafsache mit dem Zeugniß der Obengenannten fich widersprach.

Vermocht«-.

* Da» finanzielle Ergebuiß des 9, deutschen Turnfeste» in Hamburg. Wie zuverlässig verlautet, hat der Finanzausschuß des 9. deutschen Turnfestes seine Rechnung abgeschlossen. Das 9. deutsche Turnfest schließt mit einem Defizit von 64000 Mark ab. Der Garantiefonds hatte bekanntlich eine Höhe von 200000 Mark erreicht. Zu dieser Summe waren 30 000 Mark aus Staatsmitteln beigesteuert worden, während der größte Theil des Restbetrages aus Turnerkretfen geflossen war. Unrettbar verloren ist der Staatsbeitrag, da diese 30000 Mark zuerst in Anspruch genommen werden, bevor die Garanten zur Deckung des Defizits heranzuziehen sind. Der Finanzausschuß hat beschlossen, von den nach Abzug des Staatsbeitrages verbleibenden 17 000 Mark des Garantie­fonds 20 pCt. des gezeichneten Beitrages zu erheben. Diese 20 pCt. ergeben den Betrag von 34000 Mark. Hierzu den Beitrag der Stadt Hamburg in Höhe von 30000 Mark, macht zusammen 64 000 Mark, welche der Finanzausschuß zu den Einnahmen des Festes zugeben muß, um die Ausgaben mit den Einnahmen balanciren zu lassen.

* Tec Arbeitsmarkt im September zeigte wiederum das günstige Gepräge, welches nur durch den jetzt beendigten spanisch-amerikanischen Krieg zeitweise unterbrochen war. Die allgemeine wirthschastliche Lage der Industrie, wie sie im

davon vermögen wir vnS jetzt, wo man selbst an der mäßigsten Bühne Verse mit einer gewissen Virtuosität behandelt, gar keinen Begriff mehr zu machen. Alle Schule fehlte den damaligen Künstlern, und die Aussprache war höchst mangel­haft. Mit der Zeit rückte Goethe jedoch dem angestrebten Ziele näher, sodaß die Weimarische Bühne vorzüglich in der Tragödie ein sonst nirgends erreichtes Zusammenspiel gewann. Auf der höchsten Höhe, sowohl was ihre dramatischen Dar­bietungen wie ihre schauspielerischen Leistungen anlangt, stand sie in den Jahren 1798 bis 1805. Goethe behielt die Leitung bis zum Jahre 1817, wo er durch denHund de» Aubry" von dem ein Vierteljahrhundert innegehabten Posten verdrängt wurde. Die Affatre ist zu bekannt, als daß wir fie hier zu wiederholen brauchten. Während seiner Theater- führung ließ der Dichter, wie Burkhardt mittheilt, sechs­hundert Stücke aufführen und zwar 77 Trauerspiele, 104 Opern, 123 Schauspiele, 249 Lustspiele, 17 Poffen und 31 Singspiele. Am meisten gegeben wurden die Zauber- flöte, Don Juan, die Entführung an» dem Serail und Don Carlo» (die ersten zwei 82 und 68, die beiden letzten 49 und 47 mal. Von Kotzebue allein erschienen 87 Stücke auf dem Repertoire, von Schiller 18, von Goethe 19. Schiller» Stücke wurden 867, die Goethe'schen nur 238mal gegeben. Goethe selbst sprach fich gegen Eckermann Über seine Thätig- kett dahin auö, daß ihm jede» Genre recht gewesen sei, wenn nur etwa» am Stück war. Er habe nicht auf prächtige Dekorationen und glänzende Garderobe, sondern auf gute Stücke gesehen.

Goethe» Nachfolger war Graf Edling, ihm folgten die Intendanten v. Vitzthum, Oberhofmarschall von Spiegel (von Karl August» Tode bi» 1847). Von den späteren Bühnenleitern find vor Allem zu nennen Dingelstedt, Freiherr von Soen und Beaulieu-Marconnay. Auch au» der nach- goethtschen Zeit find der wichtigen und bedeutungsvollen Momente viel zu erwähnen. So war es da» Theater von Weimar, auf welchem die historischen Dramen Shakespeare»

Bank- und Börsenverkehr zum Ausdruck kommt, wird noch immer Überwiegend günstig angesehen, ist aber nicht frei von Vorgängen, die einander widersprechen. Rach den Ergeb- niffen der Arbeitsnachweis-Verwaltungen, wie sie in bcr Berliner MonatsschriftDer Arbeitsmarkt" veröffentlicht sind, bewarben sich um 100 offene Stellm im September 101,0 gegen 104,2 im September des Vorjahres. Der Andrang hat an 33 (4- 2 ausländischen) Orten abgenommen und nur an 19 (4- 2 ausländischen) Orten zugenommen. Abnahme: Posen, Frankfurt a. O/Berlin, R.xdorf, Kiel, Halle a. S., Gera, Hannover, Osnabrück, Bielefeld, Münster, Essen, Elberfeld, Düsseldorf, Köln, Aachen, Trier, Wiesbaden, Frankfurt a. M., Darmstadt, Straßburg i. E., Heidelberg, Freiburg i. B., Schopfheim, Mannheim, Stuttgart, Canstatt, Ludwigsburg, Eßlingen, Reutlingen, Göppingen, Heilbronn, Augsburg. (Graz, Winterthur.) Zunahme: Breslau, Flensburg, Erfurt, Dortmund, M.-Gladbach, Kreuznach, Mainz, Worms, Kaiserslautern, Lahr, Lörrach, Offenburg, Konstanz, Pforzheim, Schw. Hall, Würzburg, Fürth, Nürn­berg, München. (Brünn, Bern.)

* Zbfen nab der Weltfrieteu. Ein Mitarbeiter bc» Chrissiania Verdens Gang" sprach jüngst mit Ibsen über das Manifest des Zaren. »Mit einem solchen Vorschläge muß man ja durchaus sympathisiren", sagte der Dichter. Der Gedanke ist schön und gut; aber die Sache hat ja so viele Seiten. Wenn der Krieg abgeschafft würbe, müßte eine andere Form des Schröpfens erfunden werden."Des Schröpfens?"Ja, Schröpfen. Ich glaube, daß die Menschen auf ihrer jetzigen Stufe etwas Derartiges brauchen, sonst würden sie zu dickblütig werden."Glauben Sie denn nicht, daß das Militärwesen die Entwickelung hemmt?" Das ist eine zweifelhafte Sache. Sollte jetzt der Militär- dienst aufhören, würde es vielleicht eher einen Rückschritt der menschlichen Entwickelung bedeuten. Glauben Sie mir, diese Soldatenkasernen bedeuten eine ausgezeichnete Schule. Ich habe Leute durch das Kasernenleben aus Thieren in Menschen verwandelt gesehen. Ich erinnere mich einiger Weber aus Sachsen (?); Sie machen sich kaum eine Vorstellung von ihrem Aussehen und Benehmen vor dem Militärdienste, aber nach ein paar Jahren Kasernenleben, wie waren sie bann anders geworden, wohlerzogene, kecke, beinahe stilvolle Menschen."

* MenschlicheAscheureste im Seldschrauk. Anton Seidl, der verstorbene New-Uorker Dirigent, hat seiner Gattin 100000 Doll, hinterlassen. Sehr merkwürdig erscheint aber die nach derMagdeb. Ztg." verbürgte und veröffentlichte Thatsache, daß weder Seidl» Wittwe, noch irgend ein anderes Menschenkind Kinder hat er nicht hinterlassen sich um die Asche des berühmten Mannes gekümmert hat. Nach de« Reglement der BerbreunungSgesellschast muß die Asche der Verbrannten entweder schleunigst abgeholt oder auf Kosten der Angehörigen in der Urnen-Nische de» CrematoriumS bei­gesetzt wrrden. Da keine Seele fich um Seidl» Asche kümmerte, fo war die CrematoriuwSgesellschaft genöthigt, fie in ihrer New Uorker Office unterzuvringen, und zwar in ihrem Geld­spin de,- denn e» wäre nicht baß erste Mal, baß bie lieber» bleibsel eine» reichen unb berühmten Mannes bet Habgier geriebener Verbrecher zur Beute wurden.

* Ans dem Curriculum vitae japanischer Minister. Anforderungen, wie man fie in Europa an ba» curriculum vitae eine» Ministers zu stellen pflegt, erhebt man in Japan nicht- denn von den in das Cabinett neu eintretenden fünf Ministern haben drei bereits längere oder kürzere Zett im Gefängniß gesessen. Der LandwirthschaftSrninister Masami Oishi wurde, wie wir der MonatsschriftOft Asten" ent­nehmen, bereits zweimal wegen allzu lebhafter Agitation al» Blusenredner in Haft genommen. Sein Leiden»gefährte ist dec Finanzminister Musachisa Matsuda, der gleichfalls wegen seiner liberalen Forderungen inß Gefängniß wanderte. Der BertchrSminifter Hayafht wurde sogar 1876 wegen einer

durch Dingelstedt in bühnengerechter Bearbeitung zürn ersten Male zur Aufführung gebracht wurden, und wttder Weimar war, von dem au» Wagner durch feinen Freund LiSzt erst der deutschen Bühne gewonnen wurde. Ja, zu LiSzt» Zeit erlebte da» Theater der kleinen S.adt an der Ilm eine zweite Blütheperiode, diesmal auf dem Gebiete der deutschen Oper, deffen Wiege man da» kleine Weimar über­haupt nennen kann. Denn Niemand ander» al» die Herzogin Amalia war e», welche Wieland veranlaßte, sein mustkalische» DramaAtteste" zu schreiben, ba» am 23. Mai 1773, von Schweitzer componirt, auf der Bühne im Schloß aufgeführt wurde. LiSzt'» Bemühungen dankte man die Aufführungen des Tannhäuser (1849) und Lohengrin (1850); letztere, die erste Vorstellung de- Werke» überhaupt, entfachte den lang­jährigen Kampf für und gegen die neue Richtung in der Musik, die von Weimar au» ihren fiegreichen Zug durch Deutschland begann. Sogar der Sitz de» Bühnenfestspiel- Hause», da» später in Bayreuth errichtet wurde, sollte Weimar eine Zeitlang werden, der Plan zerschlug fich jedoch und die Weimarische Bühne blieb der Pflege ihrer traditionellen Auf­gaben erhalten.

Un» mangelt der Raum, an dieser Stelle aller bedeu­tenden Ereignisse zu gedenken, welche während der verflossenen hundert Jahre hier stattgehabt, oder aller bedeutenden Künstler, die hier gewirkt, und aller gottbegnadeten Dichter, die hier zuerst zum Wort gekommen. Erwähnen wollen wir hier nur die wahren Festspielen gleichkommenden Faustaufführ- ungen, die zuerst am 6. und 7. Mai 1876 stattfauden und noch jetzt, wenn fie, wa» alle zwei oder drei Jahre geschieht, angesetzt werden, Tausende von Kunstfreunden nach Weimar hinziehen.

Noch jetzt gehört bie Weimarische Bühne zu ben besten DeutschlanbS, mag auch die Pracht der großen Theater unsere» Hauptstädte fie äußerlich überstrahlen, ihr innerer Werth blieb ihr trotz alledem unb noch immer ist fie eine Hochburg be» edelsten Idealismus.