Rr. »'<) Erstes Blatt. Donnerstag den 12. Mai L8»8
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Die österreichisch-ungarischen Delegationen.
Ja Budapest stad die Delegationen der beiden Reichs« Hälften der Nachbarmanarchie wieder zusammengetreten. Dieselben versammeln fich bekanntlich abwechselnd in Wien und Budapest und bilden fast daS einzige Parlament Oesterreich- Ungarn-, in dem ein ruhiger und sachlicher Ton zu herrschen pflegt, da der Nationalitätenhader hier weniger zum AuS« .druck kommt.
In den Delegationen werden die gemeinsamen Angelegenheiten der vtelsprachischen Monarchie erledigt- hier kommen die Zollverhältntffe, die Etat- der Heeres- und Marineverwaltung, vor Allem aber auch die auswärtige Politik zur Debatte, und besonder- bezüglich der letzteren find in den letzten Jahren auf Anregung au- der Versammlung feiten- de- leitenden Minister- so werthvolle Aufschlüsse gegeben worden, daß diese über die Grenzen de- österreichischungarischen Kaiserstaate- hinaus Aufsehen erregt hatten. Besonder- al- die Orientsrage daS Interesse der ganzen Welt 4n Anspruch nahm, da harrte man mit größter Spannung der Worte des Grafen Goluchowßki, der al- ein gründlicher Kenner der orientalischen Verhältnisse gilt und als Minister desjenigen Staate-, welcher vor den Thoren des Balkans liegt, einen maßgebenden Einfluß auf die Orientfrage auS- zuüben in der Lage ist.
Auch diesmal erwartet man von dem Grafen GoluchowSki wichtige Aufschlüsse, einmal über den Stand der kretenfischen Frage und sodann über den spanisch-amerikanischen Krieg. An dem letzteren hat Oesterreich insofern ein lebhaftes Jn- Leressc, als ja eine Erzherzogin auf dem spanischen KL^g? thron fitzt und für ihren Sohn zu retten sucht, was noch gu retten ist. Schon mehrfach hat man fich gewundert, daß Oesterreich nicht energischer für Spanien eingetreten ist gegenüber dem frivolen Vorgehen der Bereinigten Staaten, und eß waren sogar Meldungen im Umlauf, daß dieserhalb die Stellung des Grafen GoluchowSki sehr stark erschüttert sei. Aber man darf wohl annehmen, daß dies bloße Com- binationen find.
Die Delegationen haben fich am Montag constitnirt, und bei dieser Gelegenheit haben die Präsidenten Ansprachen gehalten, von denen besonders diejenige des Präsidenten der ungarischen Delegation bemerkenSwerth ist, weil sie das Gebiet der auswärtigen Politik streifte und dar unerschütterliche Vertrauen zum Dreibund betonte. Wir wissen ja, daß ge« rade in Ungarn die Anhänger der Dreibundpolitik in überwiegender Mehrzahl find, daß man dort den Segen der Tripelallianz noch mehr zu schätzen weiß, als in der ciSlei- thanischen Reichshälfte, wo unter den Streitigkeiten der Nationen und Nattönchen vielfach die großen Gesichtspunkte ganz verschwunden find, wo man mehr und mehr zu ver- geffm scheint, daß der Staat Oesterreich'Ungarn eine Cultur- mtsfion der ganzen Welt gegenüber zu erfüllen hat. Der Präsident der ungarischen Delegation hat Recht, wenn er das Heil seine» Landes im Festhalten am Dreibund sieht. Denn unter deu heutigen Verhältnissen kann ein Staat allein nicht den erforderlichen Einfluß im Rathe der Völker aus- üben und sich gegen Uebergriffe schützen, wie das Beispiel Spaniens zeigt. Die Bereinigten Staaten hätten sicherlich rücksichtsvoller gehandelt, wenn ihr Gegner einen kräftigen Bundesgenossen zur Seite hatte.
Hoffentlich behält die in der ungarischen Delegation zum Ausdruck gebrachte Ueberzeugung von dem Segen des Dreibunds die Oberhand in allen inneren Wirren, denen das Land dieSseit» und jenseits der Leitha gegenwärtig auSge- fetzt ist. ____________________________________(xx)
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Mai. Der CnltuSminister gibt im .Reichs- anzeiger" bekannt, daß das Preisausschreiben auf Hochzeitsmedaillen rege Betheiligung hervorgerufen hat. 87 Entwürfe find eingegangen. Der erste Preis tu Höhe von 2000 Mk. wurde Duerrich Caffel zuerkannt, der zweite in Höhe von 1000 Mk. Wilhelm Giesecke. Acht Preise L 400 Mk. erhielten: A. Winkler und I. Eitzenberger in Hanau, Bruno Kruse in Berlin, C. Maaß in Berlin, Fritz Schneider-Berlin, Paul Fliegner-Hanau, Emil Torff Berlin, Eduard Saempffer in Breslau und Ernst Seger-WilmerSdorf.
AusUnsd.
Rom, 9. Mai. Die „Jtalie" erklärt es für unbegründet, daß die Minister fich schon für eine weitere Vertagung der Kammern entschieden hätten, obgleich gute Gründe für diesen Entschluß vorhanden wären. Die „Opinioue"
berichtet, daß eS heute in Bologna zu unbedeutenden Ruhestörungen durch Arbeiter gekommen sei und daß dort einige Erregung unter den Studenten herrsche. Auch in Padua und Propea seien Ruhestörungen vorgekommen. Der „Esercito" bezeichnet als tröstliche Erscheinung den guten Geist der einberufenen Soldaten, welche ruhig und bereitwillig in größter Ordnung fich gestellt hätten.
Rom, 10. Mai. Die „Opinioue" schreibt, eß sei nunmehr offenkundig, daß eS sich bei den letzten Unruhen in Mailand um einen vorbedachten Plan handelte, der vor dem von den Führern der Umsturzpartei festgesetzten Zeitpunkte zur Ausführung kam. ES scheint in der Thal, fährt daS Blatt fort, daß in Mailand bei einer Frau, die nahe Beziehungen zu einem socialistischen, jetzt verhafteten Führer unterhielt, die Polizei die gelammten darauf bezüglichen Sorte» spondenzen in Beschlag genommen hat.
Mailand, 9. Mai. Während deS Tages ereignete sich ein einziger Zwischenfall. Zwischen der Porta Monforte und der Porta Venezia bildete fich eine Ansammlung. Die Revolte wurde aber alsbald unterdrückt und etwa 200 Ruhestörer, welche in einem Mönchskloster Zuflucht gesucht hatten, wurden verhaftet. Unter den heute Verhafteten befinden fich die socialistischen Deputirten Turaii, Bissolati und Costa.
Lugano, 10. Mai. Nach hier vorliegenden Nachrichten auS Mailand scheint fich dort die Lage kaum gebessert zu haben. Seit gestern Mittag ist der Eisenbahnverkehr zwischen Chiaffo und Mailand unterbrochen. ES verlautet, die Eisenbahnbedtensteten striken und halten den Mailänder Centralbahnhof besetzt. Die Landleute der Prianzola sollen mit Heugabeln bewaffnet zur Unterstützung der Strikenden herbeieilen.
Pari», 10. Mai. ES stehen nur noch vier Wahl- resultate auS. Gewählt sind 398 Deputirte. 179 Stichwahlen haben stattzufinden- an diesen find beteiligt 60 Republikaner, 51 Radicale, 24 Socialisten, 5 Conservative, 8 Boulangisten. Die Gouvernementalen gewannen bisher zwanzig Mandate. Unter den Stichwahlen entfallen 28 auf das Departement der Seine, wo die Socialisten in 16 Kreisen gute Aussicht haben. In der „ßanterne" conftatirt Millerand, daß die socialistischen Stimmen seit 1893 um nahezu eine halbe Million zugenommen haben. Die BertrauenSmänner der socialistischen Partei berathen heute über da» Angebot neuer Wahlkreise an JauröS und GueSde - aus Paris, Marseille und Lyon liegen solche Angebote vor. Bor der „Libre Parole", die auch gestern wieder ihre Locale bengalisch beleuchtete und in riesigen Lettern „A bas les Juifs“ ungeschrieben hatte, fanden antisemitische Demonstrationen statt. In Algier wurde gestern der Sieg DrumontS durch ein all« gemeine» Volksfest gefeiert. „Jutranfigeant" und „Echo de Paris" sind überzeugt, daß in der neuen Kammer keine für die Revision des ProceffeS DrtyfuS günstige Stimmung auskommen werde. Frkf. Ztg.
Madrid, 9. Mai. Die Lösung der KrisiS ist unabsehbar, weil unter den Politikern die größte Verwirrung herrscht. Einerseits wollen einige der jetzigen Minister ihr Amt verlaffen, aber nirgends findet fich Ersatz für fie. Heute wurde im Congreß die politische Debatte geschloffen und die DiScusfion der Finanzvorlage begann, was darauf hinzudeuten scheint, daß der Ausbruch der KrifiS nahe bevorsteht, da Sagasta immer zu verstehen gegeben hat, die In- dernnitätS-Vill und die Finanz«Projecte würden in jedem Falle vor dem politischen Wechsel erledigt werden. Wenn Sagasta keine neuen angesehenen Männer ausfindig macht, giebt eß eine militärische Dictatur. Die Unruhen dauern fort. Heute gab eß wieder lobte und Verwundete. Der Belagerungszustand ist Über ganz Gatalonien verhängt worden. Heute sank daS Goldagio um ganze zehn Procent, wahrscheinlich infolge deS Verbots der Getreideausfuhr. Catalonifche Abgeordnete stellten heute in den Cortes den Zusatzantrag, den Notenumlauf der Bank einzuschränken und sämmtliche Staats- papiece und Einkommen mit 20 Procent zu besteuern.
Madrid, 9. Mai. Die Lage auf den Philippinen wird hier nicht als verzweifelt angesehen und Spanien ist noch im Stande, die Amerikaner von dort zu vertreiben.
Washington, 10. Mai. Wie verlautet, ist Mac Kinley entschlossen, die Philippinen definitiv zu annectireu. Der amerikanische Sonsnl in Hongkong ist beauftragt, mit Deweh eine Provisorische Regierung zu organifiren. Für den Gouverneur-Posten werden bereits mehrere Candidaten genannt. An der Ausrüstung des BesetzungS-Sorp» für die Philippinen wird fieberhaft gearbeitet. Für Mittwoch wird ein Zusammenstoß der Flotte SampsonS mit der spanischen Flotte erwartet. Die officiöse Meldung von der unmittelbar bevorstehenden
Absendung des JnvasionSheereS nach Cuba ist unrichtig, da die Ausrüstung bisher fast gar keine Fortschritte gemacht hat.
Rew'Vork, 10. Mai. Die Blätter veröffentlichen Telegramme au» Haiti, wonach eine große Seeschlacht an der nordöstlichen Küste von Portorico stattgefunden hat. Die Amerikaner sollen bedeutende Havarie erlitten haben, die Spanier aber dennoch geschlagen sein.
Havanna, 9. Mai. Die cubanische Kammer hat an den Colonialminister eine Adresse abgesandt, in welcher fie gegen den Angriff Seitens der Vereinigten Staaten Widerspruch erhebt und den Entschluß mitiheilt, die Souveränität de» Mutterlande» nachdrücklich zu vertheidigen.
Wahlbewegrrng.
* Au» dem Wahlkreise Marburg. Die „Dtsch. Tage»- ztg." erklärt e» für unrichtig, daß der „Bund der Land« wirthe" im Wahlkreise Marburg-Frankenberg-Kirchhain durch Dr. Röficke angewiesen worden sei, die Candidatur von Dr. Böckel aufzuftellen. Die Candidatur Böckel sei lediglich aus dem Wahlkreise selbst heran» veranlaßt.
_ LssstO» «nd ptwhjkikf.
Gießen, 11. Mai 1898.
♦♦ Die geehrten Leser unsere» Blatte» erlauben vir un» auf die am Schluffe dieser Rümmer befindliche Anzeige, die Redaetton de» „Gießener Anzeiger»" betreffend, ergebmst ans« merksam zu machen.
** Erste Ständerammer. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht, am 7. Mai den Geheimen StaatSrath i. P. Wirklichen Geheimerath Ludwig HallwachS in Darmstadt, sowie den Rechtsanwalt Justizrath Dr. Hermann Weber in Offenbach zu Mitglieder« der Ersten Kammer des Großherzogthum» auf LebenSzett zu berufen.
*• Herr Zustizrath Batst beging gestern sein 50jährige» Jubiläum al» Rechtsanwalt. Au» diesem Anlaß wurden dem Jubilar mannigfache Ehrungen zu Theil, deren vornehmste wohl die durch Dekret Sr. Kgl. Hoheit des Großherzog» erfolgte Ernennung zum Geheimen Justizrath ist. Dem Jubilar wurde bereit» am Morgen durch die RegimentS- mufik ein Ständchen gebracht. Von den zahlreichen theil» schriftlich, theilS persönlich dem Jubilar übermittelten Gratu- (ationen führen wir hier nur diejenige de» Herrn Landge- richtspräfidenten Fehr, von Ricou an, der in Begleitung der beiden Herren Landgerichtsdirector Wien er und J öcke l erschien und in trefflichen Worten der langjährigen Thätig- keit de» Herrn JubllarS gedachte. — Zu denjenigen Herren, welche persönlich ihre Glückwünsche übermittelten, gehörte ferner Herr Justizrath Dr. Reatz, der folgende Worte au den Jubilar richtete:
Lieber Freund, College und Jubilar!
Ein halbes Jahrhundert ist berfloffen, feit Du in den Dienst der hesfischen Rechtspflege eingetreten bist. Mit wirklicher aufrichtiger Genugthuung kannst Du auf diesen langen, langen Zeitraum ehrenhafter Berufs- außÜbung, standhafter Bertheidigung des Rechts und mannhafter Verfolgung des Unrechts, auf ein geben voll Arbeit und Fleiß zurücksehen. Die Anerkennung der rechtssnchenden Klientel, die Anerkennung Deiner (Sollegen in Heffen, namentlich in Oberheffeu und Gießen, die Anerkennung des Richterstandes und der Justizverwaltung ist Dir reichlich zu Theil geworden. Was Du durch Collegialität geleistet, wird in aller unserer Herzen unauslöschlich stehen. Du trittst in einen neuen Abschnitt Deines Leben- ein. Möge e» Dir vergönnt sein, mit ungeschwächter Gesundheit und geistiger Kraft in ihm weiter zu wirken, und wie in der Vergangenheit, so in noch langer Zukunft unS ein leuchtendes Beispiel advocatorischer Tugenden zn sein. Herr Ministerialdirector Dr. Dittmar hatte dem von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog unterzeichneten Dekret folgendes Schreiben beigefügt:
Darmstadt, den 9. Mai 1898. Hochgeehrter Herr Geheimer Justizrath!
Mit dem morgigen Tage find fünfzig Jahre berhoffen seit Beginn Ihrer Thätigkeit in der hesfischen Justiz. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben die Gnade gehabt, Ihnen auS diesem Anlaß den Charakter alS „Geheimer Justizrath" zu verleihen. Indem ich Ihnen in der Anlage das hierüber «>»-


