Nr. 60 Zweites Blatt. Samstag den l2. März
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Das Ministerium Thun.
Der Vorgänger deS jetz'gen Statthalter» von Böhmen, Graf Thun, welcher sich im Jahre 1896 ins Privatleben zu« rückgezogeu hatte, war schon seit einigen Wochen oll der Mana genannt worden, welchem die Aufgabe zufalleu würde, den Frhrn. v. Gautsch zu ersetzen. Drnn gleich von vornherein war man allgemein der Ansicht, daß das Cabinet Gautsch nur ein UebergangSftadiu« bedeute, nur ein Ver- legenheitS Ministerium, welches bald wieder von der Büdfläche verschwinden würde. Die Beauftragung des Grafen Thua mit der Cabiuetlbtldung erfolgte gleichzeitig mit der Verüb« fchiedung Gautschs, und die Oeffentltchke.it hat inzwischen Gelegenheit gehabt, sich mit der Person deS neuen Mtutster- präfideuten zu beschäftigeu.
Daß man demselben mit vollem Vertrauen entgegen kommt, muß eulschtedrn in Abrede gestellt werden- dazu giebt feine politische Vergangenheit keinen Anlaß. Als er vor etwa zwei Diceunien aus dem Militärdienst schied und in LaS politische Leben eintrat, La war er zunächst ein auf« richtiger Parteigänger der Czechen, mit denen er eS aber schließlich als Statthalter vou Böhmen verdarb. Ueber seine jetzige Parteistellung ist noch nichts Bestimmtes bekannt, doch empfindet mau — wie schon oben gesagt — im Lager beider Ratioualitäteu, welche sich gegenwärtig in Oesterreich so schroff gegenüberstehev, Mißbehagen über seine Ernennung. Am meisten zusrteden können noch die Lzechen sein, da sie an» nehmen müssen, daß er seine Nationalität nicht verleugnen wird, wenn sie freilich auch wieder erwarten dürfen, daß er geeigneten Falls darauf keine Rücksicht nimmt. Denn als im Jahre 1893 die politischen Wogen tu Böhmen besonders hoch gingen, da hat Graf Thun nicht gezögert, die Verhängung des Belagerungszustandes über Prag und Umgebung selbst zu beantragen.
Daß dem Grafen eine ungemein schwierige Aufgabe be» vorsteht, kann nicht geleugnet werden, und eS -wird ihm kaum möglich sein, mit den Parteien zu regieren, wie es sein Vor» gäuger versuchte, aber schließlich all undurchführbar aufgeben mußte. Mau sagt, Graf Thun wolle über die Köpfe der Parteien hinweg regieren, und dal scheint uuS im gegenwärtigen Augenblick daS Richtige zu sein. Man wird ja übrigen» bald über feine Pläne Gewißheit erlangen- denn dazu geben die Spracheoverordnuugen für Böhmen und Mähren, welche Frhr. v. Gautsch als einzige positive „That" hiuterlaffen hat, bald Gelegenheit.
Dem Grafen Thun liegt nun die Durchführung jener Verordnungen ob, und eS wird ihm an Opposition tu Böhmen nicht fehlen. DaS geht unzweideutig av» den Demonstrationen hervor, welche schon jetzt die Herren Czechen verüben, und aus der Sprache ihrer Blätter, die mit der brabsich- tigtrn Neuordnung dmchau» nicht einverstanden sind. Aber man darf wohl erwarten, daß der neue Ministerpräsident nicht allzuviel Umstände machen wird, wenn eS gilt, den Maßnahmen der Regierung Achtung zu verschaffen, umsomehr als die genannten Verordnungen die Angelegenheit vur provisorisch regeln und unter Mitwirkung deS Parlament» er» laffeue Gesetze definitive Zustände in den Sprachenver- HLUttiffen der deutsch-czechischen Provinzen Herstellen sollen.
Eine wettere Aufgabe des Grafen Thun wird der Ausgleich mit Ungarn bilden. DaS jetzige Berhältniß zwischen den beiden ReichShälften muß natürlich so bald wie möglich beendet werden, da es Oesterreich in keinem Falle zum Vor- thetl gereicht. Wie wir wtffeu, hat der Ausgleich infolge der Obstructiou der Deutschen Sude v. IS. dir gesetzliche Regelung nicht finden können- da» jetzige Provisorium besteht nur auf Grund kaiserlicher Verordnung, Die Einigung mit Ungarn ist bekanntlich sehr schwer, und gerade diel war ja der Grund, weshalb Gras Badeai bet der Suche nach einer festen Majorität fich den Czchen auf Gnade und Ungnade ergab. Besonders die Quoteufrage, d. h. da» Beitragsoer- haltniß beider Staaten zu den gemeinsamen Ausgaben macht große Schwierigkeiten. "
Was Graf Thun in dieser Beziehung uniernehmen wird, läßt fich noch nicht Überblicken- jedenfalls will er, soweit e» vur irgend möglich ist, den Boden der Berfaffung nicht ver- laffeu und eveutl. da» Parlament auflösen, um Neuwahlen vornehmen zu laffen. Er scheut aber schließlich auch nicht vor einem VerfaffuugSbruch zurück, wa» freilich da» letzte Mittel sein würde. Hoffen wir, daß e» ihm gelingt, ohne solche Gewaltmittel bald wieder geregelte politische Zustände tu dem Nachbarreiche herzustelleu. (xx)
Aus bett Verhandlungen der Zweite« Kammer der hessische« Stünde.
G. Darmstadt, 10. März 1898.
Die Berathungen über da» Budget werden heute Morgen um OVt Uhr fortgesetzt.
Bor Eintritt in die Berathnugen berichtet der Abgeordnete Metz über den Antrag deS Abgeordneten David, die Sitzungen der Kammer von Morgens 10 bis Nachmittag» 4 Uhr abzuhalteu. — Der Ausschuß beantragt, diesen Antrag abzulehnen und e» dem Präsidium zu überlassen, die Sitzungen in früherer Weise auzuberaumen, d. h. von Morgen» 9 Uhr bi» Nachmittag» gegen 2 Uhr. — Der Antrag David wird hierauf gegen eine Stimme abgelehnt und der Antrag de» AuSschuffe» gegen 5 Stimmen angenommen.
Hierauf werden genehmigt für Capitel 92, Bureaukosten für die Gerichte und OrtSgerichte zur Verfügung de» Ministerium», 18000Mk, Cap. 93, sonstige Kosten verschiedener Art, 90 000 Mk., Capitel 94, Kosten der StandeSregisterführung, 3000 Mk.
Bei Cap. 95, Zellenstrafanstalt Butzbach, bemängelt der Abg. Joutz die beantragte Erhöhung des Gehalte» de» ersten Werkmeister» daselbst. — Miuisterialrath Dittmar stellt fest, daß nach der Qualification Le» betreffenden Bemten der eingestellte Betrag eia seinen Leistungen entsprechender sei. Die Forderung wird hierauf mit 206 824 Mk. bewilligt.
Für Lap. 96, LaudeSzuchthauS Martenschloß, werden 111 477 Mk. und al» Staatszuschuß 86 200 Mk. einstimmig genehmigt.
Zv Cop. 97, GefLugniß Darmstadt, werden 57 895 Mk. und al» StaatSzuschuß 46 275 Mk. und zu Cap. 98, Gesängntß zu Mainz, 25 471 Mk., und an sachlichen Ausgaben 37 039 Mk. bewilligt.
Bet Eap. 98, Eriminalkasse Starkenburg, beantragt der Ausschuß unter Abstrich von 700 Mk für Zulagen 227 435 Mk. und al» StaatSzuschuß 220 910 Mk. zu bewilligen, die Gehalte für die beiden Crtminalschutzmänner jedoch nur noch für die Inhaber zu genehmigen. — Mtntste- rtalrath Dittmar hebt die Unentbehrllchkeit dieser beiden Beamten für den Justtzdienst hervor. Für die Staatsanwaltschaft seien diese Beamten unbedingt nöthig. Die Berichte der Staatsanwaltschaft zu Gießen und Mainz bestätigten die Nützlichkeit dieser beiden Beamten. Er hoffe, die Kammer werde den Fortbestand dieser für den Justtzdienst vorzüglichen Einrichtung beschließen. — Abg. Weidner hält das Institut der Crimtnalschutzleute für unbedingt nöthtg und empfiehlt auch, für die übrigen zwei Provinzen Crimiual- schutzleute anzustellen. Die Gendarmerie könne nicht da» leisten, wa» die Ertminalschutzleute für den Justizdienst leisten. Ein dringende» Bedürfntß für tüchtige Criminaltsten sei in unserer heutigen Zett. — Abg. Köhl er-Darmstadt tritt ebenfalls für den Fortbestand de» Institut» der Crimtnal- poltzei ein. Ebenso der Abg. Schmeel, der die crimi- nalisttschen Verdienste der beiden Beamten hervorhebt. Er ist von der Nützlichkeit diese» Institut» vollständig überzeugt. — Abg. v. Köth bittet, den Ausschußantrag abzulehnen und die RegierungSforderuug anzunehmen. — Abg. Haas- Offenbach hält den Ausschußantrag angesichts der tu Aussicht stehenden Aenderuug der Organisation der Polizei in den Städten und auf dem Laude für zeitgemäß. Er wünscht, daß die Triminalbeamten direcl der Polizeiverwaltnvg und nicht der Staatsanwaltschaft unterstellt werden. Er hält eS eS für da» einzig Richtige, wenn man an eine andere Organisation de» gesammten PoltzeiwesenS in Heffcn herantrete. Erst damit werde den jetzigen Bedürfniffen in richtigem Maße Rechnung getragen. — Mintstertalrakh Dittmar tritt nochmal» für die Regierungsvorlage ein und hebt die Nützlichkeit diese» Criminal Institut» in eingehender Weise hervor. — Abg. Freuay wird für die Regierungsforderung und gegen die Aufhebung des Instituts eintreten. Auch er wünscht eine Ausdehnung deS CriminalJnstttutS auf andere Provinzen. — Abg. HaaS-Haiustadt wird ebenfalls gegen die Aufhebung deS Instituts stimmen.
Die RegterungSforderung und damit auch daS Institut der Ertminalschutzleute wird hierauf mit großer Majorität genehmigt. Ebenso wird Capitel 100, Eriminalkasse Oberhesfen, mit 138610 Mk., Capitel 101, Criminal- kaffe Rheinhessen, 149160 Mk., und Capitel 102, Sterbe- quartale an Hinterbliebene von aktiven Beamten im Reffort de» Ministerium» der Justiz mit 7700 Mk. einstimmig ge- nehmigt. Damit wird die Sitzung um 1 Uhr abgebrochen. Fortsetzung der Berathungen Freitag Morgen 9 Uhr.
De«tsche» Reich»
Berlin, 10. März. Der Kaiser empfing heute de« auf der Durchreise befindlichen schwedischen Gesandten in Madrid, Kammerherrn Gude. Derselbe war früher längere Zeit erster Sekretär der hiesigen schwedischen Gesandtschaft.
Berlin, 10. März. Der „Post" zufolge ist über den Zeitpunkt für die Vornahme der Wahlen zum Reichstage und Abgeordnetenhause ein Beschluß noch nicht gefaßt worden.
Berlin, 10. März. Im Abgeordnetenhaus wurde heute die UeberschwemmungS Vorlage nach Streichung de» Zusatzes zu § 1, wonach der zur Verfügung gestellte Betrag von 5 Millionen im Bedürfvißfslle bis zu 10 Millionen erhöht werden kann, endgültig angenommen. Hierauf gelangte die AnfiedelungSnovelle in dritter Lesung zur Annahme. Alsdann folgte Fortsetzung der Berathung des Eultu» EiaiS. Der Titel Prüfungskommissionen wurde erledigt und dann die Weiterberathung auf morgen vertagt.
Berlin, 10. März. Dem „Berl. Tagebl." wird an« Peking telegraphirt: In Gemäßheit der Bedingungen de» Vertrage», welcher zwischen dem Deutschen Reich und China abgeschlossen ist, werden die deutschen Truppen nunmehr die Städte Kiaotschau und Tfimo räumen.
Berlin, 10. März. Die Budget-Commission de« Reichstage» hat heute nach unerheblicher Debatte die Berathung de» Marine Etat» beendet. Die Weiterberathung de« Flottengesetzes soll erfolgen, sobald Seiten» der Reichs- regterung die Mittheilung erfolgt, daß eine (Sitar ang über die Deckungsfrage gemacht werden soll. Staatssekretär Ttrpitz bemerkte, daß diese Erklärung in den nächsten Tagen abgegeben werde. Man nimmt an, daß der BundeSrarh heute Beschluß in dieser Angelegenheit faffen wird.
An-lsnrd.
Wien, 10. März. Heute findet eine Conferenz de« Exrcuttv ComitsS der Parteien der Rechten über da» Aktionsprogramm für die kommende RetchStagSsesfion statt, sowie um ihre Haltung gegenüber dem Cabinet Thun festzustellen.
Prag. 10. März. Ja den letzten Tagen haben in Komo große Demonstrationen stattgefunden, weil der Kaplan in der dortigen Kathedrale Predigten in tschechischer Sprache abgehalten hatte. Die Gemeindevertretung beantragte beim Oberkirchenrath kategorisch die Abberufung de» Kaplan». Mehr al» 100 Personen traten zum Protestantismus über.
Salzburg, 10. März. Dem „Salzburger Tageblatt" zufolge erstattete der Abgeordnete Schönerer bei dem Wiener Landgericht gegen den Grafen Badeni, Abrahamouicz und Dr. Kramarz Anzeige wegen Verbrechens öffentlicher Gewaltthätigkeit und Mißbrauch» der Amtsgewalt. Die Anzeige bizieht fich auf die bekannten Vorgänge im Abgeordneten- hause.
Budapest, 10. März. Im Siebenbürger Comitat wüthete ein furchtbarer Orkan, welcher coloffaleu Schaden anrichtete.
Rom, 10. März. Der hiesige akademische Senat beab- fichtigt den deutschen Studenten, die Mitte diese« Monats hier eintreffen und gestern von Genua zu Schiff nach Neapel gefahren find, in der Univerfität am Tage der Ankunft eine Empfangsfeier zu bereiten.
«ulwerpeu, 10. März. Zwischen dem deutschen Dampfer Hamburg und einem Rhetnschiff fand auf der Schelde bei Doll ein Zusammenstoß statt, wobei der Dampfer Ham- bürg einen beträchtlichen Schaden erlitt und die Fahrt unterbrechen mußte.
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Gieße», den 11. März
Eine neue Industrie. Eine ganz eigenartige Industrie hat fich auf dem Westerwalde aufgethan, nämlich ein flotter Versandt von Schnee an die Bierbrauer in Herborn und Wetzlar, ja sogar nach Gießen soll derselbe gehen. Die Hauptschneelteferanten find die Gemeinden Roth und Breit- scheid. Der Ceutuer Schnee wird nach Herborn für 25 Pfg. geliefert. Wie wir erfahren, ist vorgestern ein Fuhrpark vo« 16 Gespannen von Wetzlar nach Greifenstein auSgerückt, um für Herrn Bierbrauereibesitzer Waldschwidt — „Zum Riesen" — Schnee einzufahren. Täglich werden an der Station z« Herborn mehrere Waggon» mit Schnee verladen — rin ganz ungewohnter Anblick.


