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Nr. 60 Erstes Blatt.
Samstag den 12. März
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Erscheint täglich mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener IsarnlkierrvkLtter Verden dem Anzeiger Vvchentlich viermal beigelegt.
Gießener Anzeiger
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General-Anzeiger
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Deutsche* Reichstag.
69. Sitzung vom Donnerstag den 10. März 1898.
Ja Erledigung eines fchlruuigen Antrages Zimmermann beschließt das Haus zunächst einstweilige Einstellung eines gegen den Abgordueten Müll er »Waldeck schwebenden Privatklageverfahrens.
Sodann wird die dritte Lesung deS Gesetzentwurf», be- treffend die Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit^ fortgesetzt and zwar mit der Special- derathung.
Bon den dazu gestellten Anträgen Auer beziehen fich die ersten auf Abgabe von Erklärungen in Bormundschafts- fachen, Einlegung von Beschwerden, Zusammensetzung der BormundschaftSgerichte bet Entscheidungen. Die Anträge werden thetlS nach ganz unerheblicher Debatte abgelehvt, theilS wieder zurückgezogen.
Der vom Adg. Stadthagen (Soc.) empfohlene An« trag, zu den BormuudschaftSgerichten Laten yiozuzuzieheu, veranlaßt eine etwas längere Debatte.
Adg. Rintelen (Ceutr.) stimmt dem Verlangen des Antrages prtucipirll zu. Die Commission sei ganz oberflächlich über diese Sache hinweggegangen. Er beantrage, den Antrag Auer mit einem von ihm gestellten Ameudement an die Commission zurückzuverweisen.
Geh. Rath Struckmaun betont, der Antrag Auer enthalte eine tiefgreifende Neuerung. Ein Brbürfvtß, das ErztehuogSrecht dem Grnzelrichter, dem Amtsrichter, zu entziehen, liege nicht vor. Die entsprechende Brfugaiß des EtuzeirtchterS habe fich durchaus bewährt.
Abg. v. Sun y ist gegen eine nochmalige Verweisung an dir Eommtssiou.
Derselben Ansicht ist Abg. Re mb old (Ltr.)
Die Rückoerweisung, wie der Antrag Auer selbst werden abgelrhnr.
Abg. Stadthagen (Scc.) empfiehlt den wetteren Antrag Auer, dem § 156 als neuen Absatz hivzuzusügeu: »Die laudeSgesetzlichen Vorschriften, welche da- Jnverbinduogtreteu von Vereinen mit politischen Zwecken verbieten, werden auf« gehoben".
Der Antrag wird abgelrhat.
Zur Debatte steht noch der Antrag Auer, die Hinzuziehung eines Dolmetschers zu Beurkundungen vorzuschreiben, wenn ein Bethriltgter erklärt, der deutschen Sprache nicht mächtig zu seio.
Nachdem d«e Abgeordneten Haase (Soc.) und Fürst Radziwill (Pole) den Antrag empfohlen, bittet Justiz- Minister Schönstedt entschieden um Ablehnung defielbeu. Er glaube, daß dir Annahme des Antrages das Zustandekommen dieses Gesetze-, sowie demgemäß das Inkrafttreten deS Bürgerlichen Gesetzbuches in Frage stellen könne. Bon etuer großen Reihe von Richtern sei all-gesprochen worden, auf Grund von Ersahruagen, daß unter dem Einflaß einer poluisch-uatioualcn Agitation sehr Viele fich weigern würden, von der deutschen Sprache Gebrauch zu machen, auch wenn sie thatsächl ch dazu im Stande wären. Redner bittet dringend, Alle, die das Inkrafttreten des großen patriotisch-natioualeu Werkes 1900 wünschen, möchten den Antrag ablehuen.
Abg. Well stein (Ceutr.) bitter das Haus, zu entscheiden, ob es mehr Vertrauen zu einem Richter habe, der schon kraft seine» Amtes pflichtgemäß fich zu entschließen habe, oder zu einem Beliebigen, der einfach erkläre, eine Beur- kuuduag in deutscher Sprache nickt verstehen zu könuen. Q Abg. v. Saß-JaworSki (Pole) tritt warm für den Antrag ein.
Minister Schönstedt stellt gegenüber dem Vorredner in Abrede, daß tiae Verfügung an die Richter erlassen fei, unter welchen gewissermaßen mechanischen Voraussetzungen die Richter die Keuntuiß der deutschen Sprache al» vorhanden auzusehen hättru.
Abg. Haase (Soc ) weist noch darauf hin, daß eine ähnliche Bestimmung w,e die des Antrages fich schon beim Erbrecht im Bürgerlichen Grsetzbuche vorfinde, bei Verfügungen von Todeswegen.
Geh. Rath Struckmaun bestärigt dies, fügt aber hinzu, daß bei Errichtung von Testamenten häufig Gefahr im Verzüge fei.
Der Antrag Auer wird in einer von dem Antragsteller gleichzeitig beantragten eventuellen Form angenommen. Dafür stimmten Polen und Socialdemokraten, süddeutsche und freisinnige Bolkspartei mit Ausnahme von Lenzmanu, ferner da» Gentium mit Ausnahme von Spahn, Wollstein, Prinz Areuberg. In der so modificirteu Fassung wird schließlich da» ganze Gesetz angenommen.
E» folgt die zweite Beraihuug der Postdampfernovelle.
Die Commission hat eine Bestimmung hinzugefügt über die Miudestfahrgeschwindigkeit auf der australischen Linie (12,2 Knoten pro Stunde, für neu zu erbauende Schiffe 13,5 Knoten.)
Ferner hat die Comwisfiou einen neuen § 4 hinzugefügt betr. Verpflichtung de» Lloyd, die Dampfer nach Ostafien abwechselnd von Bremen bezw. Hamburg abgehen zu lassen.
Schließlich beantragt die Commission Resolutionen 1) betreffend Vereinbarungen mit dem Lloyd behuf» Ermächtigung des Reichskanzlers, landwirthfchaftliche Concurrenzproducte mit Ausnahme von Tabak, Häuten, Fellen und Wolle von der Einfuhr durch die Llohddampfer nach deutschen, belgischen und holländischen Häfen ou-zuschlteßen; 2) betr. farbige Schiff-Mannschaften. Diese sollen auf der australischen Linie in der Regel gar nicht, auf der ostafiatischeu Linie nur in den Maschinen und Kessel, äumen insoweit verwendet werden, als die Verwendung europä scher Mannschaften aus gesundheitlichen Rücksichten uuthuulich ist. Eine dritte Resolution betrifft die Herbeiführung einer Vereinbarung unter den Regierungen, wonach die Erhebung von Schifffahrtsgebühren auf dem Main unterbleiben solle.
Abg. Graf zu Inn« und Knyphauseu (cous.) befürwortet die Vorlage und empfiehlt gleichzeitig noch die Resolutionen, namentlich die erste.
Abg. Frese (Bg.) drückt die Hoffnung aus, daß mau durch Annahme der Vorlage den deutschen Welthandel in den Stand setzen werde, fortzuschreiteu auf dem seit 20 Jahren eingeschlagenen Weg. (Beifall)
Abg. Jebsen (nl.) wünscht die Annahme der Vorlage mit recht großer Majorität.
Abg. Hasse (nl.) befürwortet gleichfalls die Vorlage, worauf sich das Hau» vertagt.
Nächste Sitzung morgen 2 Uhr. Tagesordnung: Fortsetzung Postdampfernovelle- Entschädigung unschuldig Ber- urtheilter; Marineetat.
Schluß 51/4 Ubr.____________________________________
Deutsches ReLch.
Berlin, 9.März. Der Kaiser wohnte der Erinnerungsfeier an Kaiser Wilhelm bet, welche der Verband Berliner Kriegervereine gestern Abend in der Kaiser Wilhelm-Gedächt- nißkirche veranstalteie.
Berlin, 10. März. Der Kaiser besuchte heute früh anläßlich des Geburtrtage» der verstorbenen Königin Luise da- mit frischen Blumen geschmückte Denkmal derselben im Thiergarten und hörte, nach dem Schlöffe zurückgekehrt, die Vorträge de» KrlegSmiwsterS v. Goßler und des Chefs des MilitärcabinetS v. Hahnke. Um 11 Uhr begab fich der Kaiser nach Potsdam, um der Besichtigung des Offizier- Reitens der Potsdamer Cavallerie-Regtrnenter betzuwohnen.
Berlin, 10. Marz. Der Prinzessin Karl Anton von H 0 h e n z 0 l l e r n ist der Luisen 0 rden mit der Jahreszahl 1813/14 verliehen worden.
Berlin, 10. März. Bon der Blättermeldung, daß die Uebernahme der Neu-Guinea-Compagnie durch da» Reich nicht stattfinden werde, weil die Verhandlungen fich gestern endgültig zerschlagen hätten, ist der „National-Ztg." zufolge on zuständiger Stelle nichts bekannt.
Köln, 10. März. Die „Köln. VolkSztg." warnt heute nochmal» die Regierung, die Deckung »frage nicht zu leicht zu nehmen. Wenn die Regierung eine Verständigung wolle, müsse fie wahrscheinlich weiter entgegenkommen, al» nach der letzten CommisfionS-Sitzung dies scheinen konnte. Es sei absolut nicht unmöglich, daß da» ganze Gesetz an der DeckangS- frage scheitere. Die „Köln. Ztg.- meldet indessen, e» verlaute, daß der Adg. Lieber bereit» die Mehrheit der CevtrumS- fraction für die Vorlage gewonnen habe. Ob indessen vor Ostern die Entscheidung falle, erscheine zweifelhaft.
Mannheim, 10. März. Der Buchhalter Vincenz Jung von der Zellstoff Fabrik Waldhof unterschlug 50000 Mark. Jung wurde verhaftet.
Arr»lau-.
Newyork, 10. März. Einer Depesche deS „Newyork Herald" aus Rio de Janeiro zufolge bestreiten die dortigen Regierungsorgane, daß Brasilien irgend ein Kriegsschiff an die Vereinigten Staaten von Amerika verkauft habe. Die Deprsche verfichert aber, au» guter Quelle zu wissen, daß Brasilien an die Bereinigten Staaten ein oder mehrere Kriegsschiffe verkauft habe, die fich im Auslande im Bau befinden. Dieser Nachricht wird indeß hier wenig
Glauben beigemeffen. — Dieselbe Depesche meldet ferner daS Gerücht, daß eine Anzahl Engländer von Britisch-Buahana her in ein nördlich de» Rio Bravco gelegene» brasilianisches Territorium eingefallen seien.
CtcaUs ttttö provinzielle#.
Gießen, den 11. März 1898.
Unseren verehrten Lesern theilen wir hierdurch tiefbetrnbt mit, daß gestern Abend 12 Uhr unser Redakteur, Herr A. Scheyda, von seinem schweren Leiden durch einen sanfte« Tod erlöst wurde. Herr Scheyda stand der Redaction des „Gießener Anzeiger" seit nahezu 30 Jahren vor. Er war, trotz öfter fich ihm entgegenstellenden, keinem Vertreter der Preffe erspart bleibenden Schwierigkeiten, mit Erfolg bemüht, den aus dem großen Leserkreife verlautenden Wünschen nach Möglichkeit entgegenzukommen und dem „Gießener Anzeiger" die Zuneigung des Publikums zu erhalten. Wir bitten unsere verehr!. Leser, des Dahingeschiedenen auch ferner zu gedenken.
Hochachtungsvoll
Verlag des „Gießener Anzeiger".
** Zusti-Personalien. Durch Entschließung Großherzogi. Ministeriums der Justiz wurde der Großh. GerichtSaffeffor Rau in Mainz, unter Zurücknahme des dem Großh. GerichtSaffeffor Heinrich Schneider ertheilten Auftrag», mit Wahrnehmung der Dienstverrichtungen eines Amtsrichters bei bejn Amtsgericht Mainz, ferner die GerichtSaffefforen Rö m- held in Gießen und Schumacher in Darmstadt mit Wahrnehmung der Dienftverrichtungen eines HllfSgerichtSschreiberS bei dem Landgericht der Provinz Rheinhessen beauftragt.
♦♦J.F. Die Einrichtung einer öffentlichen Lesehalle i« Gießen girbt zu mancherlei Erwägungen über Bücher an fich, den Werth und die Auswahl der Lecrüre Veranlassung. da dürfte eS angezeigt erscheinen, die Meinung eine» Mannes, wie John Milton, der Verfasser deS „verlorenen Paradiese»", zu vernehmen, der fich mit unserm Gegenstand in der Schrift Areopagitica beschäftigt, lieber die vermeinten Gefahren, welche au» der Bekanntschaft mit der bunten Fülle der Literatur fich ergeben, äußert er fich folgendermaßen: „Dem Reinen ist Alle» rein, hat der heilige Paulus gesagt, mcht nur Essen und Trinken, sondern jegliche Kunde von Gutem und Bösem- weder Erkenntniß noch Bücher können schaden, e» sei denn Wille und Gewissen verderbt. Gesunde Speisen unterscheiden fich kaum von schädlichen für einen kranken Magen nnb die besten Bücher könne« von einem schlimmen Geiste gemißbraucht werden, aber schlechte Bücher dienen immer noch dem einsichtigen Leser, damit er entdecke, bestreite, verwarne und erläutere. Gute» und UebleS wachsen untereinander im Gefilde dieser Welt, welche Weisheit kann man noch gewinnen ohne Kenntniß der Thorheit? Wenn die bewußte Abkehr vom Laster nothwendig ist, um menschliche Tugend zu bauen, ein Körnchen Jrrthum, um die Wahrheit zu bestätigen, wie können wir sicherer, wie gefahrloser eindringen in alle Erkenntniß, als indem wir alle Arte« von Abhandlungen lesen, und alle Arten von Meinungen vernehmen?" ES mögen noch die Sätze hier Platz finden, 1« welchen Milton die Würde und die Bedeutung eines guten Buches preist. „Bücher sind nicht leblose Dinge, fie enthalte« vielmehr eine Lebensfähigkeit, die so wirksam zu werden vermag, wie jene Seele, der fie entstammen- ja, im Glase gleichsam fUtxtrt, bewahren fie den reinen Auszug des Geistes, der fie erzeugte, lebendig find fie und von mächtiger Fruchtbarkeit, wie die Zähne des fabelhaften Drachen- hin und wieder auSgesäet, mögen gewappnete Männer au» ihnen her- vorsprießeu. Ein gute- Buch zu vernichten, gilt gleichviel wie einen Menschen zu töoteu, wer einen Menschen tödtet, der tödtet ein vernünftige- Wesen, Gottes Ebenbild, doch wer ein gutes Buch zerstört, der tödtet die Vernunft selber, tödtet Gottes Abbild in feiner Offenbarung. Ein gutes Buch ist das kostbare LebenSblut eine- Geisteshelden, aufgespart und sorgsam gehütet für ein Leben über daS Dasein hinaus."
** Sladttheaker. ES ist nunmehr definitiv festgesetzt, daß als erste VolkSvorftellung zu ermäßigten Preisen im hiesigen Stadttheater am kommenden Sonntag, Nachmittags 31/« Uhr, P. A. Wolff» vieractige» romantisches Schauspiel „Preciosa" mit Weder» herrlicher Musik zur Aufführung gelangen soll, nachdem auch das Theater- orchester (Capelle de» Regiments „Kaiser W.ihelm") sich zur Mitwirkung an der Aufführung bereit erklärt hat. Daß auch Mitglieder de» Bauer'scheu Gesangvereins ihre Betheiligung wieder in liebenswürdigster Weise zugesagt haben, wurde von uns bereits früher an dieser Stelle erwähnt. Sollte dieser erste Versuch einer BolkSaufführung zu billigen


