1898
Nr. 109 Zweites Blatt. Mittwoch dm 11. Mai
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Gießener Anzeiger
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Amtlicher Theil.
3h. 17 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 6. d. M., enthält:
(Nr. 2466) Allerhöchster Erlaß, betreffend die Erklärung Kiautschous zum Schutzgebiete. Vom 27. April 1898.
(Nr. 2467) Bekanntmachung, betreffend die Festsetzung besonderer Rayon» für die Festung Königstein. Bo« 25. April 1898.
Nr. 18 de» Reichs-Gesetzblatt», ausgegebeu den 6. d. M., enthält:
(Nr. 2468) Verordnung, betreffend die Rechtsverhältnisse in Kiautschou. Vom 27. April 1898.
Gießen, den 9. Mai 1898.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat April 1898 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 Kg betragen: Hafer Mk. 20,00, Heu Mk. 6,80, Stroh Mk. 5,80.
Gießen, den 9. Mai 1898.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend: Die Ausführung der Verordnung über da» Radfahren auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen.
Eß wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die Radfahrkarten und Nummerplatten von heute an bet der unterzeichneten Behörde zur Ausgabe gelangen und abgeholt werden können.
Vom 15. d. MtS. an wüffen alle Radfahrer beim Be
Feuilleton.
Werrathene Lieöe.
Ein SrirmenmgSblatt au» Schillers Lebe«.
Von C. Gerhard.
(Schluß.)
Henriette fühlte fich geschmeichelt durch die Huldigungen bei schon berühmten Dichter», vielleicht auch sprach eine Stimme in ihrem Herzen für ihn. Auch die Mutter schien seiner Bewerbung nicht abgeneigt zu feto; weder verbot fie seine Besuche, noch untersagte fie es ihrer Tochter, Blumen und werthvollere Geschenke von ihm anzuuehmeu, und doch war fie weit davon entfernt, ihn wirklich zum Gemah! Henriettens zu bestimmen.
O nein, fie wollte endlich au» ihren kläglichen verhält- niffen, aus der Misöre ihres nur scheinbar glänzenden Leben» heraus, und dazu mußte ihr die schöne Tochter helfen. Sie sollte eine gute Parthie machen, aber die Bemühungen Schiller», des bekannten Dichters, konnten nur dazu dienen, andere reichere Bewerber anzuziehen.
Schiller ahnte von dem schmachvollen Handel nichts - immer tiefer verstrickte er fich in seine Leidenschaft und befand fich bald in dem Zustande, den er so treffend im Prinzen (Don Carlos) und später im Mortimer gezeichnet hat.
Nachdem er einmal Henriette tu den Armen gedalten, einmal ihre schwellenden Lippen geküßt, war ihm kein Opfer für fie zu groß, zu schwer. Damit die Geliebte fich elegante Toilette kaufen konnte, die fie liebte, sandte er ihr oft einen Thtil seiner geringen Einkünfte, den fie fich nicht entblödete, anzunehmen. Seine Lust, alle ihre Wünsche zu erfüllen, trieb Schiller sogar dazu, Don Carlos in Prosa für die elende Summe von 12 Dnkateu zu verkaufen.
Als der Frühling das Elbegelände mit zauberischen Reizen schmückte, verreisten die ArniwS. Wie öde und leer erschien Schiller jetzt die schöne Stadt! Weder im Umgang «tr Huber, noch in dem sonst ihm so lieben Körner'schen Kreise fand er Ersatz für die mit der Geliebten verlebten Stunden. In der Hoffnung, daß die Natur sein erregte» Gemüth beruhigen werde, zog er nach Tharandt, aber auch
fahren öffentlicher Wege, Straßen und Plätze mit neuen Nummerplatten und zugehörigen Radfahrkarten versehen sein.
Gießen, den 9. Mai 1898.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
___________________I. V.: Roth.__________________
Die landwirthschaftliche Haushaltungsschule zu Lindheim.
ProvinzOberhessen.
Die zu Lindhetm seit neun Jahren bestehende Haus- haltungsschule des landwirthsckaftlichen Vereins für die Provinz Oberheffen steht unter Oberleitung und Verwaltung des landwirthschaftlicheu Bezirksvereins Büdingen und eines Ortscomttös zu Lindhetm und hat die Aufgabe, Mädchen im Alter von etwa 16 bis 20 Jahren die Gelegenheit zur Aneignung derjenigen Keuntuiffe und Fertigkeiten zu geben, welche zur Führung einer wohlgeordneten, einfachen bäuerlich — bürgerlichen Haushaltung erforderlich sind, fie au Reinlichkeit, Pünktlichkeit und Fleiß, Ordnung und Unterordnung, sowie au Sparsamkeit im Haushalt zu gewöhnen, und auch auf Geist und Gemüth bildend einzuwirken.
In dieser Lehranstalt erhalten die Mädchen Unterricht und practische Anleitung im Kochen, indem die Unterweisung hierin abthetlunglweise an zwei Kochherden erfolgt und auf die Erlernung der Zubereitung einer schmackhaften und kräftigen s. g. Hausmannskost gerichtet ist, im Conserviren von Nahrungsmitteln, wie Einmachen von Gemüsen vnd Früchten, Einsalzen von Fleisch, Räuchern von Fleisch und Wurstwaaren und im Backen, ferner im Waschen, in der Behandlung der Wäsche und Kleidung, im Bügeln, Putzen, im Molkereiwesen, und zwar in der Behandlung der aus dem Orte Lindheim bezogenen Milch und Bereitung von Butter und Käse in der tu dem AustaltSgebäude eingerichteten klein- wirthschaftlichen Molkerei, in der Bestellung und Ausnutzung des Gemüsegarten», sowie Unterricht in der Zucht und Pflege des Geflügel». E» werden ferner die Mädchen in der Fertigung weiblicher Handarbeiten gründlich unterwiesen, und zwar im Stricken, Flicken, Stopfen und Weißnähen mit der
der Anblick der grünen Hügel, der blumigen Felder und ragenden Wälder erstickte nicht die Sehnsucht in seinem Herzen, immer wieder beauftragte er Frau Minna und Dora, fich nach den Arnims zu erkundigen.
Sie erfüllten seine Bitten nicht gern, denn fie waren überzeugt, daß eß nie zu einer Verbindung Schiller» mit dem koketten Mädchen kommen werde, aber fie ehrten seinen Wunsch und schonten sein erregtes Gemüth. Zur Stärkung schickten fie ihm gutes Bier in feine selbstgewählte Einsamkeit, in der er fich „tote Robinson auf einer wüsten Insel" vorkam, und das neckische Dorchen fügte für den verliebten Freund den Werther und die Maisons dangereuees hinzu.
Endlich kehrten die Ersehnten nach Dresden zurück und Henriette sandte dem Dichter als Erwiderung seiner glühenden Briefe ihr Stammbuch, damit fie ein Andenken von ihm erhielte. Er schrieb in der Erinnerung an ihre erste Begegnung folgende Verse:
„Ein treffend Blld von diesem Leben, Ein Maskenball, hat Dich zur Freundin mir gegelten, Mein erster Anblick war Betrug.
Doch unser Bund, geschloffen unter Scherzen, Bestätigte die Sympathie der Herzen. Ein Blick war unS genug, Und durch die Larve, die ich trug, LaS diefer Blick in meinem Herzen, Das warm in meinem Busen schlug.
Spät führte das Verhängniß uns zusammen, Doch ewig soll das Bündniß fein, Ich kann Dir nichts als treue Freundschaft geben. Mein Herz allein ist mein Verdienst, Dich zu verdienen, will ich streben, Dein Herz bleibt mir — wenn Du daS «eine kennst!"
Im Mai folgte er der Geliebten nach Dresden und wohnte im Körner'schen Hause in der Nähe deS Japanischen Gartens. Sobald er die Freunde begrüßt, eilte er zu Aruims. Berauschend war die Wonne des Wiedersehens. Immer wieder zog er Henriette in seine Arme und fie erwiderte seine Küffe. Zu seine« höchsten Entzücken schenkte fie ihm ihr Portrait, daS fie im Glanze ihrer Schönheit zeigte. Schiller sandte ihr bald darauf auch sein Bild.
Am liebsten hätte er fie nun vor aller Welt die Seine genannt, aber Henriette wußte ihn zu überzeugen, daß diese»
Hand und der Maschine, und erhalten Anleitung zum Kletder- macheu, wobei fie fich für den eigenen Bedarf und für denjenigen ihrer Familie beschäftigen dürfen. Auch wird in den Fortbildungsfächern, nämlich im Rechnen, in der Abfaffung von Aufsätzen und Briefen und in der Buchführung Unterricht ertheilt, wie auch Unterricht iu den AnfangSgründeu der Gesundheit»- und Krankenpflege erfolgt. Es ist iu der Anstalt für eine geist- und gemüthSbildeude Lectüre gesorgt, und wird der Gesang gepflegt. Ein Clavier ist der unentgeltlichen Benutzung der Mädchen überlaffeu.
Die unmittelbare Leitung der Anstalt ist einer Vorsteherin (Hausmutter) und einer Affistentiu (Judustrielehreriu) übertragen, welche beide iu dem Anstaltsgebäude wohne«. Außerdem ertheilen in der Anstalt der Großh. Kreisarzt zu Büdingen, ein Landwirthschaftslehrer, ein Volksschullehrer und der Kreisobstbau-Techniker Unterricht.
Es finden jährlich zwei UnterrichtScurse von je fünf Monaten statt, in welchen jede Schülerin für Unterricht, Wäsche und Logis 20 Mk. bei dem Eintritt, und für Kost und Verpflegung pro Tag 1 Mk. in Monatsraten prae- numerando am 1. jeden Monats schuldet und zu entrichten hat. Außerdem find noch etwaige Ausgaben für Arzt und Apotheke zu bestreiten.
Vom Tage des Eintritt» an, also während be» Cursu», dürfen die Mädchen ohne Erlaubniß oder Auftrag der Hausmutter außerhalb der Anstalt nicht verkehren und haben fich der eingeführten Hausordnung unweigerlich zu fügen. Insbesondere ist ihnen auch Ehrerbietung, Gehorsam und Unterordnung gegen daS Auffichts- und Lehrpersonal, Freundlichkeit, Verträglichkeit und liebevoller Verkehr untereinander und endlich Treue, Fleiß und Sorgfalt bei den Arbeiten zur strengsten Pflicht gemacht.
Au Soun- und Feiertagen werden die Mädchen veranlaßt, den Gottesdienst ihrer Coufesfion zu besuchen, wobei die Hausmutter bezw. die Asfisteutin die Begleitung übernimmt. Morgens vor dem Frühstück, vor und nach dem Mittagessen und Abend» vor dem Schlafengehen findet gemeinsames Gebet statt.
Besuche von Eltern und Schwestern sind gestattet, solche
erst möglich wäre, wenn er eine unabhängige Stellung einnähme.
*®a8 heimliche Glück ist so viel süßer," sagte fie mit entzückendem Lächeln. „Komme so oft Du willst- kann ich Dich einmal nicht ungestört sprechen, so stelle ich ein Licht an da» Fenster meines Zimmers."
So geschah», aber mit bitterem Gefühl sah Schiller die Kerze recht oft ihm zur Umkehr leuchten. Die Verwandten nahmen seiner Anficht nach Henriette zu oft in Anspruch. Körners wußten e» besser- nicht Familienangehörige empfing da» Mädchen iu jenen Stunden, sondern ihre reicheren und vornehmeren Anbeter.
Sie unterrichteten Schiller in zarter Weise davon. Er brauste auf und wollte e» nicht glauben - wie konnten der Geliebten Augen lügen? Aber da die Freunde immer energischer in ihn drangen, wurde tr doch endlich argwöhnisch. Und eine» Abend», als wieder da» Licht ihm sagte: „Heute darfst du nicht kommen!" stieg er doch leise die Treppe empor. Da hörte er im Zimmer eine Männerstimme im Tone der Leidenschaft Henrietten» Namen nennen und fie in liebevoller Weise antworten.
Wie gebrochen stürzte er heim. So war er also wirklich betrogen, ein Spiel ihrer Laune gewesen! Er zürnte ihr und konnte sie doch lange nicht vergeffen.
Aber die Enttäuschung ward er le», indem er fich jetzt mit vollem Eifer in die Arbeit versenkte. Das Bild der schönen, „aber abgefeimten Betrügerin" malte er sowohl in seiner Griechin iw „Geisterseher", al- auch in der Fürstin Eboli, später verlieh er einige ihrer Züge der „königlichen Heuchlerin" Elisabeth. So half ihm fein Genius das Liebe»- leid überwinden und ein Jahr darauf fand er in feiner tiefen Neigung zu Charlotte v. Leugefeld ein reine» und volles Glück.
Obgleich Henriette v. Arnim Schiller betrogen und fich zuerst mit einem jungen Grafen von Kunheim und nach dessen Tode mit dessen Onkel gleichen Namens vermählte, war ihr der Dichter nie gleichgiltig. Unter heißen Thräueu nahm fie von ihm Abschied, und oft mag fie in ihrer nicht glücklichen Ehe mit schmerzlicher Wehmuth feiner gedacht haben. Sein Bild hing bi» zu ihre« i« Jahre 1817 in Dresden erfolgten Tode über ihrem Bette.


